Podcast: BAdW-Cast
Erschienen: 16.12.2020
Dauer: 01:33:18
Der Botaniker und Forschungsreisende Carl Friedrich Philipp Martius bereiste zwischen 1817 und 1820 gemeinsam mit dem Zoologen Johann Baptist Spix Brasilien. Über diese Reise und die gesammelten Berichte ist im November 2020 ein neues Buch von Dr. Markus Wesche erschienen. Ein Gespräch über Martius' Leistungen für die Wissenschaft bis heute, aber auch seine Haltung zum Kolonialismus und Sklavenhandel sowie seinen Rassismus, entlang des Martius-Denkmals im botanischen Garten München-Nymphenburg, in unserer Reihe "Erinnerungskultur". Zum Inhalt Im Jahre 1817 unternahmen der Zoologe Spix und der Botaniker Martius im Auftrag von König Maximilian I. von Bayern eine Forschungsreise nach Brasilien. Die Sammlungen und Ergebnisse dieser Reise spielen bis heute eine wichtige Rolle in der Botanik und Zoologie, da manche Spezies heute nicht mehr existieren. Für ihre Verdienste wurden die beiden 1820, nach ihrer Rückkehr nach München, geadelt und zu Mitgliedern der Akademie ernannt. > Zum Akademie-Profil von Martius> Zum Akademie-Profil von Spix Im Botanischen Garten in München-Nymphenburg findet sich heute ein Denkmal für Martius, den großen Botaniker und ehemaligen Direktor des Alten Botanischen Gartens. Doch wenn man die ganze Geschichte zu seiner Reise hört, entspricht sie nicht mehr ganz dem Bild des ruhmreichen Forschers. Von Spix' Aufzeichnungen zur Reise ist heute wenig erhalten. Durch Martius' unzählige Briefe, die seine Eindrücke unterwegs unmittelbar beschreiben, insbesondere die Berichte an den König, haben wir heute aber nicht nur ein genaues Zeugnis der Umstände der Reise, es lässt sich auch Einiges über den Menschen Martius ablesen - seine Haltung zum Kolonialismus und Sklavenhandel in Brasilien, seinen offenen Rassismus oder seine Vorstellungen von "roher Natürlichkeit" indigener Menschen in Abgrenzung zur (europäischen) Zivilisation. Der Podcast orientiert sich dabei an Markus Wesches Buch "Zwei Bayern in Brasilien. Johann Baptist Spix und Carl Friedrich Philipp Martius auf Forschungsreise 1817 bis 1820", das im November 2020 erschienen ist. Die Briefe werden in diesem erstmals vollständig herausgegeben. Auch die Einflüsse auf Martius' Denken, wie die Theorien des Botanikers Carl von Linné oder des berühmten Philosophen und Akademiemitglieds Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling sind bei einer Annäherung an die Frage "Wer war Martius?" interessant. Auch in der Akademie gingen die Ansichten auseinander, erkennbar etwa an der Arbeit des Anatomen Samuel Thomas von Soemmerring und, dem entgegen, der Haltung von Johann Wolfgang von Goethe. Martius' Leistungen für die Wissenschaft sind unbestreitbar: "Die Ausbeute der Reise", so die Deutsche Biographie, "kam vollständig und unversehrt in München an und umfaßte, von Mineralien, Gesteinsproben und ethnographischen Gegenständen abgesehen, 85 Arten Säugetiere, 350 Arten Vögel, 130 Amphibien. 2700 Insekten, 50 Arachniden, 50 Crustaceen und 6500 Pflanzenarten. Die Pflanzensammlung war so reichhaltig, daß neben der in München verbliebenen Hauptsammlung noch Dupla an die Herbarien in Berlin, Wien, Petersburg, London (Brit. Museum), Leiden, Genf und Leipzig abgegeben werden konnten." Auch darunter waren jedoch zwei indigene Kinder: "Von insgesamt acht Kindern aus unterschiedlichen Völkern kamen letztlich nur zwei, Miranha und Juri, in München an [...] Die Kinder Juri und Miranha wurden auf die katholischen Namen Johannes und Isabella getauft und sollten nach hiesigen Vorstellungen erzogen werden. Sie blieben ihrer neuen Umgebung gegenüber aber teilnahmslos, wurden bald krank und starben im Alter von jeweils etwa 14 Jahren kurz nacheinander. Für die auf dem Alten Südfriedhof gelegene Grabstätte schuf Johann Baptist Stiglmaier (1791-1844) im Auftrag von Königin Karoline (1776-1841) ein Reliefbild, das die Kinder zeigt, denen der kalte Nordwind 'Borea' die Lebensgeister ausbläst." Vgl. Markus Riederer. "Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868). Ein bayerischer Tropenforscher des 19. Jahrhunderts." In: Dieter Willoweit (Hrsg.) Denker, Forscher und Entdecker. Eine Geschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in historischen Porträts. C.H. Beck, München 2009, S. 77. Das Grabrelief der beiden verstorbenen Kinder findet sich heute im Münchner Stadtmuseum. Das Martius-Denkmal steht weiterhin im botanischen Garten in München-Nymphenburg. Dessen langjährige Direktorin Prof. Dr. Susanne S. Renner gibt im Podcast Auskunft über das Denkmal und den Umgang mit diesem im Sinne der Erinnerungskultur. Wie erfasst einen Menschen wie Martius? Wie soll man sich an ihn erinnern? Wer spricht: Dr. Markus Wesche ist Historiker und Philologe. Nach dem Studium (Geschichte, Mittellatein und Germanistik) in Bonn und München arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Dort betrieb er die Digitalisierung der Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters. Prof. Dr. Susanne S. Renner, Professorin für Systematische Botanik und Mykologie an der LMU München und Direktorin des Botanischen Gartens München-Nymphenburg, seit Kurzem im Ruhestand, ist ordentliches Mitglied der BAdW und Vizepräsidentin. Der kurze Wortbeitrag des Historikers und Afrikawissenschaftlers Prof. Dr. Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg, entstammt unserer Online-Veranstaltung "In Stein gemeißelt? Erinnerungskultur im öffentlichen Raum" vom 2.12.2020, die Sie ebenfalls (als Video) in unserer Mediathek finden. Podcast-Einführung und Interview: Dr. Laura Räuber, Referentin für Digitale Kommunikation an der BAdW, Foto: Martius-Denkmal im Botanischen Garten München-Nymphenburg. Mehr zum Thema Markus Wesche. In den Palmen wirst du auferstehen. Beitrag über die Brasilienreise in unserer Zeitschrift "Akademie Aktuell" (1/2019) Dietmar Willoweit (Hrsg.) unter Mitarbeit von Ellen Latzin: Denker, Forscher und Entdecker. Eine Geschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in historischen Porträts. C.H. Beck, München 2009, Open Access - Der Beitrag zu Martius, von Markus Riederer, findet sich auf S. 69-86. Dietmar Willoweit (Hrsg.) unter Mitarbeit von Tobias Schönauer: Wissenswelten. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften und die wissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Ausstellungen zum 250-jährigen Jubiläum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Katalog. München 2009. Tobias Schönauer. Faszinierende Wissenswelten. Beitrag in unserer Zeitschrift "Akademie Aktuell" (1/2009) Das Denken dekolonisieren. Rassismus bei Immanuel Kant. Deutschlandfunk Kultur vom 13.09.2020. Prof. Dr. Jürgen Zimmerer: „Humboldt, und was nun? Humboldt Forum, koloniale Amnesie und aktuelle Identitätsdebatten“ - Video zur Ringvorlesung, Universität Hamburg, vom 4.11.2019 Jürgen Zimmerer. Expansion und Herrschaft: Geschichte des europäischen und deutschen Kolonialismus. Bundeszentrale für politische Bildung. 23.12.2012.
Weitere Informationen und umfangreichere Shownotes gibt es ggf. auf der Podcast-Website.