Podcast: Flurfunk Geschichte
Erschienen: 21.05.2026
Dauer: 01:29:45
Er tötete seinen Vater, heiratete seine Mutter und gab einem der bekanntesten psychoanalytischen Konzepte seinen Namen. In unserer Folge wird Ödipus vor allem als das vorgestellt, was er in den antiken Quellen wirklich ist: ein Mann, der dem Willen der Götter trotzt. Und dafür einen hohen Preis zahlt. Außerdem spricht Solveig über die Labdakiden, die Familie des Ödipus, die weitere Tragödien erlebt. Diesen sind daher auch eigene Stücke gewidmet, wie Antigone und die Sieben gegen Theben.Die griechische TragödieBevor wir in die Geschichte einsteigen, schauen wir uns an, wie griechische Tragödien überhaupt funktionieren und warum das Theater im antiken Athen mehr war als Unterhaltung. Entstanden im 5. Jahrhundert v. Chr., geprägt von drei Autoren — Aischylos, Sophokles und Euripides — war das Theater eine Form kultischen Handelns, fast ein Gottesdienst. Der Chor dabei ist mehr als Dekoration: Er spiegelt, wie die Gesellschaft auf das Handeln der Figuren reagiert und ist damit eine Art kollektives Gewissen auf der Bühne.König ÖdipusDie Geschichte beginnt nicht mit einer Liebesgeschichte, sondern mit einer Seuche. Theben leidet, und der Seher Teiresias (unter dem Schutz Athenas stehend, nicht wie üblich Apollons) soll Aufklärung bringen. Was er dann sagt, will Ödipus zunächst nicht hören. Wie Ödipus nach Theben kam, wer ihm dabei begegnete und warum sein Name „Schwellfuß" bedeutet, das entfaltet sich schrittweise, ganz so wie es Sophokles angelegt hat: nicht als vorwärts erzählte Handlung, sondern als schrittweise Enthüllung einer längst vergangenen Geschichte. Zur Sphinx, die den Weg nach Theben bewacht, gibt es zudem einen kleinen Exkurs: Wie dieses Wesen aus dem alten Ägypten zu einem Monster in der griechischen Mythologie wurde, ist ein schönes Beispiel für den Kulturtransfer im antiken Mittelmeerraum.Die Sieben gegen ThebenDer Titel klingt nach Hollywood, aber Sieben gegen Theben von Aischylos ist deutlich weniger spannend umgesetzt, als der Stoff es verdient hätte. Die Kriegsdarstellungen verstellen den Blick auf das Drama, dass sich zwischen den Kindern des Ödipus entfaltet: Hat Polyneikes ein Recht auf die Herrschaft, die ihm versprochen wurde? Hat Eteokles eine Pflicht, die Stadt zu verteidigen, auch wenn er den Deal des Tausches gebrochen hat? Und verliert man sein Anrecht, wenn man die eigene Heimatstadt angreift?AntigoneDas stärkste Stück dieser Folge ist Antigone. Kreon, der neue Herrscher Thebens, verbietet die Bestattung des gefallenen Polyneikes. Antigone widersetzt sich — nicht aus Trotz, sondern weil sie das göttliche Gesetz über das menschliche stellt. Solveig macht deutlich, dass Kreons Frauenfeindlichkeit dabei keine Nebensache ist, sondern ein entscheidender Fehler. Erst als Teiresias ihn ein zweites Mal warnt, lenkt Kreon ein. Zu spät.Der menschliche HochmutDer Kern der Erzählungen ist nicht Begehren, nicht Schicksal als blinde Kraft, sondern Hybris: der Hochmut des Menschen, es besser zu wissen als die Götter. Solveig zeigt, dass diese Idee nicht auf die Antike beschränkt ist. Die christliche Superbia, die schlimmste der Todsünden, beschreibt dasselbe unter anderem Namen. Und auch die mittelalterliche Ketzerverfolgung folgt einer ähnlichen Logik: nicht falscher Glaube wird bestraft, sondern der Ungehorsam.Antiker FeminismusAm Ende weitet sich der Blick: Die Labdakiden-Tragödien spiegeln eine Gesellschaft im Wandel. Wo in der archaischen Zeit Herakles mit Körperkraft als Ideal stand, siegt Ödipus durch Verstand und ist körperlich behindert. Damit steht er für einen Wandel in den Vorstellungen von Männlichkeit und Heldentum.Und dann ist da noch Euripides, der in dieser Folge eine besondere Würdigung bekommt: Er hat die mythologischen Frauenfiguren — Medea, Hekabe, Andromache — mit Zorn, Handlungsmacht und Leid ausgestattet, lange bevor das als Errungenschaft verbucht wurde. Verwandte FolgenIn dieser Folge verweist Solveig auf unsere frühere Episode zu Achilles und Patroklos, in der das Thema der griechischen Bestattungsrituale und die Bedeutung des unbegrabenen Todes bereits eine Rolle spielte. Wer den Ödipus-Komplex aus psychoanalytischer Sicht kennenlernen möchte, findet das Thema im Nachklapp zu dieser Folge — exklusiv für Steady-Unterstützer*innen.Kontakt und UnterstützungDir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir.Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichteOder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichteFür deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram, twitter und threads.Hintergrundmusik der Zitate ist: Seikilos Epitaph with the Lyre of Apollo by Lina Palera (Lyre 2.0 Project player) is licensed under a Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 International License.Kontakt und UnterstützungDir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichteOder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichteFür deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram, twitter und threads. Weiterer PodcastWillst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm
Weitere Informationen und umfangreichere Shownotes gibt es ggf. auf der Podcast-Website.
Podcast-Website: Episode "FG069 - Ödipus und der Wille der Götter"