Podcast: Flurfunk Geschichte
Erschienen: 08.10.2026
Dauer: 02:19:22
Am 1. Juli 2026 weihte die Piusbruderschaft in Écône vier neue Bischöfe – gegen den ausdrücklichen Wunsch von Papst Leo XIV. Einen Tag später erklärte der Vatikan alle Geistlichen der Bruderschaft für exkommuniziert. Für uns der Anlass zu fragen: Wer war eigentlich der Mann, dessen Name diese Gemeinschaft bis heute trägt, und wieso hält eine Gruppe von Katholiken es für ihre Pflicht, sich gegen den eigenen Papst zu stellen? Wir schauen uns an, was ein Schisma im Kirchenrecht überhaupt bedeutet, blicken zurück auf frühere Kirchenspaltungen von Chalcedon bis Avignon – und erzählen die Geschichte von Marcel Lefebvre, der als angesehener Konzilsvater begann und als Anführer der wohl bekanntesten traditionalistischen Abspaltung der katholischen Kirche endete. Geht es dabei wirklich nur um die lateinische Messe? Und was verbindet die Ereignisse von 1988 mit dem, was gerade erst wieder passiert ist?Was ist ein Schisma? Von Chalcedon bis AvignonBevor es um Lefebvre geht, klären wir den Begriff: Ein Schisma (griech. „Spaltung") tritt automatisch ein, sobald jemand ohne päpstliche Erlaubnis Bischöfe weiht – die sogenannte Tatstrafe (ipso facto) der Exkommunikation, die das kanonische Recht vorsieht. Wir blicken zurück auf frühere große Spaltungen: das Konzil von Chalcedon (451), das morgenländische Schisma von 1054 zwischen Rom und Konstantinopel (formal erst 1965 durch Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. beigelegt, eine gemeinsame Eucharistiefeier gibt es bis heute nicht) sowie das abendländische Schisma (1378–1417) mit zeitweise drei rivalisierenden Päpsten in Rom, Avignon und Pisa, beendet durch das Konzil von Konstanz. Die Reformation selbst nennt man aus katholischer Sicht meist nicht „Schisma", sondern spricht von Konfessionalisierung – Antwort darauf ist das Konzil von Trient, das nicht nur die protestantische Lehre verurteilt, sondern 1570 unter Pius V. auch den einheitlichen römischen Messritus festlegt, der später zum Zankapfel wird.Kulturkampf, Laizismus und die Wurzeln des katholischen TraditionalismusDie Französische Revolution und die Säkularisierung prägen im 19. Jahrhundert eine katholische „Selbstvergewisserungsphase" – Marien-Dogmen, Kulturkampf, Prozessionen, das Verhältnis Pius' IX. zum italienischen Risorgimento. In Frankreich verschärft sich der Konflikt: Die Dreyfus-Affäre (1894) entzweit das Land, 1905 wird mit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat die Trennung von Kirche und Staat radikal vollzogen – Kirchenbesitz wird enteignet, Orden aufgelöst, Religionsunterricht verboten. Pius X. verurteilt das in seiner Enzyklika Vehementer Nos. In diesem Klima entsteht die Action Française um den agnostischen Schriftsteller Charles Maurras: eine monarchistische, integralistische und explizit antisemitische Bewegung, die die gesamte Gesellschaft der kirchlichen Autorität unterstellen will.Marcel Lefebvre: Herkunft und früher WerdegangMarcel Lefebvre wird am 29. November 1905 in Tourcoing geboren, als eines von acht Kindern einer frommen, großbürgerlichen Textilfabrikantenfamilie. Sein Vater René engagiert sich im Zweiten Weltkrieg in der Résistance, verhilft Juden zur Flucht, wird 1941 verhaftet und stirbt 1944 im KZ Sonnenburg – in seinem letzten Brief bekennt er sich als „französischer Katholik und Monarchist", der nur in christlichen Monarchien Frieden für möglich hält. Lefebvre selbst studiert 1923–1930 am französischen Priesterseminar in Rom, geprägt von einem Rektor aus der antiliberalen, antimodernistischen und antikommunistischen Tradition der Action Française. Er tritt den Spiritanern (Kongregation vom Heiligen Geist) bei, ist Missionar in Gabun, wird Erzbischof von Dakar (1955–1962) und schließlich Generaloberer der Spiritaner (1962–1968).Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965)Nach dem Tod Pius' XII. 1958 wählt das Konklave den greisen Patriarchen von Venedig, Angelo Giuseppe Roncalli, als vermeintlichen Übergangspapst Johannes XXIII. – Namensgeber des Zirkus Roncalli. Überraschend kündigt er ein Konzil an; in seiner Eröffnungsrede Gaudet Mater Ecclesia setzt er auf das „Heilmittel der Barmherzigkeit" statt auf Verurteilung. Lefebvre sitzt in der Vorbereitungskommission und erwartet ein zügiges Abnicken der vorbereiteten Texte – doch gleich am ersten Sitzungstag durchkreuzen Kardinal Achille Liénart (Lille) und Kardinal Josef Frings (Köln, mit seinem jungen theologischen Berater Josef Ratzinger) diesen Plan, indem sie mehr Bedenkzeit bei der Kommissionsbesetzung verlangen. Für Lefebvre ist das eine „bestürzende Verschwörung". Zentrale Streitpunkte werden später die Kollegialität der Bischöfe in Lumen Gentium und vor allem Nostra Aetate, das den Dialog mit Judentum und Islam sucht und die ältere Formel extra ecclesiam nulla salus relativiert. Trotz aller Kritik unterschreibt Lefebvre am Ende sämtliche Konzilsdokumente.Bruch mit Rom: Das Schisma von 19881968 verlässt Lefebvre die Spiritaner, die die Konzilsreformen umsetzen wollen, und geht in die Schweiz nach Fribourg. 1970 gründet er dort mit bischöflicher Erlaubnis die Priesterbruderschaft St. Pius X., das Seminar zieht bald ins größere Écône im Wallis um (später kommen weitere Standorte hinzu, darunter Zaitzkofen in Bayern). 1974 veröffentlicht Lefebvre eine „Erklärung", in der er sich zum „ewigen Rom" bekennt, die nachkonziliaren Reformen aber als „vergiftet" und „häretisch" verwirft. Rom reagiert: 1975 wird ihm die Anerkennung entzogen, 1976 wird er suspendiert. Kardinal Ratzinger sucht als Präfekt der Glaubenskongregation die Versöhnung, 1987 findet eine Apostolische Visitation in Écône statt. Ein Protokoll vom 5. Mai 1988 soll die Rückkehr regeln – Lefebvre zieht seine Zustimmung aber zurück. Am 30. Juni 1988 weiht er ohne päpstliche Erlaubnis vier Bischöfe: Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Alfonso de Galarreta und Richard Williamson. Johannes Paul II. bestätigt die automatische Exkommunikation im Motu proprio Ecclesia Dei – mit dem zugleich die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei für versöhnungswillige Traditionalisten entsteht. Solche sammeln sich in der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP).Benedikt XVI. und der Fall WilliamsonAls Papst Benedikt XVI. sucht Ratzinger 2007 mit Summorum Pontificum einen Ausgleich: Der alte Ritus wird als „außerordentliche Form" desselben römischen Ritus neben dem Novus Ordo wieder erlaubt. Daran entzündet sich eine Debatte um die Karfreitagsfürbitte für die Juden. 2009 hebt Benedikt die Exkommunikation der vier 1988 geweihten Bischöfe auf – zeitgleich wird ein Interview publik, in dem Richard Williamson den Holocaust leugnet. Williamson eckt auch innerhalb der Piusbruderschaft an, wird 2012 wegen Ungehorsams ausgeschlossen und gründet eine eigene, noch radikalere Abspaltung. Ein neues SchismaUnd dann wiederholt sich die Geschichte: Am 1. Juli 2026 weiht die Piusbruderschaft erneut ohne Mandat vier Bischöfe in Écône – trotz eines persönlichen Appells von Papst Leo XIV. Am 2. Juli erklärt das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre unter Kardinal Víctor Manuel Fernández alle Kleriker der Bruderschaft für exkommuniziert, diesmal ausdrücklich auch Laien, die sich formell der Gemeinschaft zugehörig fühlen – eine Verschärfung gegenüber 1988. Marcel Lefebvre | Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X., zentrale Figur der FolgeCharles Maurras / Action Française | Ideelle Prägung Lefebvres: monarchistisch-integralistische BewegungJohannes XXIII. | Einberufer des Zweiten Vatikanischen KonzilsJosef Ratzinger / Benedikt XVI. | Konzilsberater, später Glaubenspräfekt, sucht Versöhnung mit der PiusbruderschaftJohannes Paul II. | Bestätigt 1988 die Exkommunikation Lefebvres (Ecclesia Dei)Franz Schmidberger | Lefebvres Nachfolger als Generaloberer, Autor der „Zeitbomben des Konzils"Richard Williamson | 1988 mitgeweihter Bischof, später wegen Holocaustleugnung und Ungehorsams im Zentrum weiterer Skandale/SpaltungenDavide Pagliarani | Aktueller Generaloberer der PiusbruderschaftPriesterbruderschaft St. Pius X. (SSPX) | Von Lefebvre 1970 gegründete traditionalistische GemeinschaftPriesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) | 1988 gegründete Abspaltung, die in Gemeinschaft mit Rom bliebÉcône | Priesterseminar der Piusbruderschaft im WallisZweites Vatikanisches Konzil | Zentraler Streitpunkt der gesamten FolgeNostra Aetate | Konzilserklärung zum Verhältnis zu anderen ReligionenSummorum Pontificum | Benedikts XVI. Motu proprio zur Zulassung des alten Ritus (2007)Verwandte FolgenFG014 – Inquisition | Ketzer sind Vegetarier! und FG015 – Inquisition | Sie meinen es doch gut!: Referenzpunkt für den Vergleich, wie die Kirche früher „wahren Glauben" geprüft hat.FG037 – Der Nonnen-Fähnrich: Hintergrund zu Papst Urban VIII., der in dieser Folge kurz aufgegriffen wird.FG052 – Konklave – Machtkampf und Heiliger Geist: Für alle, die nach dieser Folge verstehen wollen, wie eigentlich ein Papst gewählt wird.FG062 – Kulturkampf um den Heiligen Rock: Der frühe Kulturkampf des 19. Jahrhunderts als Vorgeschichte des katholischen Selbstverständnisses, das später bei Lefebvre eine Rolle spielt.FG068 – Von Gottes Gnaden: Friedrich Wilhelm IV.: Die religiöse Romantik-Bewegung und der Kölner Dom.LiteraturZweites Vatikanisches Konzil: Lumen Gentium, Nostra Aetate (Konzilsdokumente, 1964/1965)Johannes XXIII.: Eröffnungsansprache Gaudet Mater Ecclesia (11. Oktober 1962)Marcel Lefebvre: Erklärung vom 21. November 1974 (Glaubensbekenntnis/„Declaration")Marcel Lefebvre: Ich klage das Konzil an (frz. J'accuse le Concile, 1976)Marcel Lefebvre: Offener Brief an die ratlosen Katholiken (frz. Lettre ouverte aux catholiques perplexes; dt. Ausgabe Mediatrix-Verlag, Wien 1986)Franz Schmidberger: Vortrag „Die Zeitbomben des Konzils" (1989)Alois Schifferle: Die Pius-Bruderschaft (Butzon & Bercker)Jan-Heiner Tück: Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte (Herder)Kontakt und UnterstützungDir gefällt Flurfunk Geschichte? 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Podcast-Website: Episode "FG075 - Katholischer als der Papst? Marcel Lefebvre und die Piusbrüder"