Podcast "Auf den Tag genau"

Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte.
Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Im Büro der Tscheka

26. September 1922

Ein Wesenszug von modernen totalitären Systemen besteht in der Verbreitung von Angst, die sich aus einer nur nach außen hin auf Gesetzen basierenden Gewalt speist, welche vielmehr willkürlich ist und jederzeit und überall jeden treffen kann. Auf ein neues und grausiges Niveau hob diesen Unterdrückungsmechanismus das junge bolschewistische Russland. Im Dezember 1917 wurde eine Geheimpolizei mit großen Vollmachten unter dem Kürzel Tscheka gegründet, ausgeschrieben und übersetzt lautete der Name: Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage. Von ihnen Zuhause, auf der Straße oder auf dem Arbeitsplatz zu einem Gespräch abgeholte Personen tendierten dazu, nie mehr wieder aufzutauchen. Von diesem Alltagsterror berichtet für die Vossische Zeitung vom 26. September 1922 die 1880 geborene Archäologin Tatiana Warscher, die später Russland verließ und sich Ausgrabungen in Pompeji widmete. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 26.09.2022
Dauer: 00:10:03

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Die historische Stunde: (U)SPD

25. September 1922

Die Geschichte der Arbeiterparteien ist gefüllt von Abspaltungen, Wiedervereinigungen, und oftmals erbitterter Feindschaft. Aus einer Abspaltung des eher linkeren Flügels der SPD, der damit gegen eine Unterstützung des Kriegskurses der Reichsregierung protestierte, entstand im Jahre 1917 die USPD, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, deren publizistisches Organ, die „Freiheit“, diesem Podcast immer wieder Futter geliefert hat. Die USPD lavierte mehrere Jahre zwischen den Positionen der SPD und denen der Kommunistischen Partei, durchlief aber auch schwere Krisen, etwa in der Entfremdung des Gründungsmitgliedes Karl Kautsky von der Partei. Am 24. September 1922 kehrte der nun eher rechtere Flügel der USPD und mit ihm etwa zwei Drittel der Mitglieder in den Schoß der Mehrheits-Sozialdemokratie zurück. Zahlreiche andere Mitglieder wiederum traten der KPD bei, so dass nur noch eine kleine Splitterpartei zurückblieb. Die Freiheit vom 25. September feiert diese historische Wiedervereinigung – und mit ihr Paula Leu.

Erschienen: 25.09.2022
Dauer: 00:06:17

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Graesers Komische Weltreise

24. September 1922

Dass der heute für seine gern im Dialekt gehaltenen Berlinromane bekannte Erdmann Gräser in der Vossischen Zeitung vom 24.9.1922 mit einem Reisebericht in Erscheinung tritt, ist an sich schon eine Überraschung. Dass diese Reise auch noch eine Weltreise mit erstem Ziel Konstantinopel sein soll, lässt einen staunen. Und doch nimmt Gräser seine Leser mit auf eine Fahrt gen Osten, mit wenig Gepäck, aber Unmengen nützlichem Kram in den Taschen. In Trampke muss der Zug gewechselt werden, In Jakobshagen wird Mokka aus gebrannter Gerste zubereitet und endlich am Ziel angekommen läuft einem gleich am Stadtrand der letzte noch verbliebene Hund von Konstantinopel in die Beine. Eine Komische Weltreise. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 24.09.2022
Dauer: 00:12:25

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Die Aster

23. September 1922

Die Aster war zweifellos so etwas wie die Lieblingsblume der expressionistischen Lyrik. Kein Wunder also, dass sich Kurt Pinthus, seines Zeichens Herausgeber der berühmten Anthologie ‘Menschheitsdämmerung‘ und nebenbei regelmäßiger Autor beim 8-Uhr-Abendblatt, am 23. September 1922 ihrer in einem kleinen Feuilleton annahm. Hierin erinnert er auch prompt an Gottfried Benn und dessen berühmtes Gedicht über die ‘Kleine Aster‘. Im Weiteren folgt er jedoch weniger dessen oder Georg Trakls symbolischen Fährten zum Vanitas-Motiv, sondern setzt sehr eigene Akzente, die ihn bei einer durchaus hoffnungsfrohen Bestimmung des Menschen als homo aestheticus landen lassen. Für uns begleitet ihn dabei Frank Riede.

Erschienen: 23.09.2022
Dauer: 00:05:20

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Die Vorküche des Speisewagens

22. September 1922

Der stetig wachsende Zugverkehr in Europa mit schnelleren Verbindungen und mehr Passagieren hatte auch seine Auswirkungen auf die Bordrestaurants. Waren das ursprünglich gut ausgestattete Küchen, in denen die Gerichte vollständig aus mitgenommenen Zutaten zubereitet wurden, ging man nun gezwungener maßen dazu über, Vorgekochtes, Konfektioniertes an Bord zu nehmen, das eine schnelle Verarbeitung zu genussfertigen Tellergerichten ermöglichte. Wie diese Revolution der Speisewagen funktionierte, erklären uns das Berliner Tageblatt vom 22. September 1922 und Paula Leu.

Erschienen: 22.09.2022
Dauer: 00:06:58

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Sven Hedin über Tibet

21. September 1922

Der schwedische Entdeckungsreisende, Geograph, Reiseschriftsteller und Fotograf Sven Hedin war mit seinen Reisen durch Asien und den dort gemachten Entdeckungen berühmt geworden. So zweifelsfrei diese beachtenswert waren, so streitbar war seine politische Haltung. Er war begeisterter Monarchist, verehrte Kaiser Wilhelm II. und hatte nicht viel übrig für Demokratie und Republik. Später sollte seine Begeisterung für Adolf Hitler sein Lebenswerk zusätzlich trüben. 1922 tourte er mit einem Vortag über Tibet und machte auch auf einer Naturforschertagung in Leipzig halt. Von dieser berichtet am 21. September das Berliner Tageblatt. Und es zeigt sich, wie populär Hedin war, da für seinen Vortrag eine polizeiliche Absperrung wegen der nachdrängenden Massen nötig wurde. Frank Riede ist doch noch irgendwie reingekommen.

Erschienen: 21.09.2022
Dauer: 00:06:46

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Nekrolog auf Schwabing

20. September 1922

Oskar Maria Graf, Ricarda Huch, Hugo Ball, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Ernst Toller oder Karl Valentin – nur ein Bruchteil der Künstlerscharen, die zumindest Zeitweise in München-Schwabing gelebt haben und damit am Image des Stadtviertels als Kristallisationspunkt der Künstler-Bohème mitgewirkt haben. Das frühere Dorf Schwabing, urkundlich bereits 782 erwähnt, also älter als München selbst, wurde, längst zum Stadtteil Münchens geworden, nach der Neugründung der Kunstakademie im Jahre 1885, zum Künstlerviertel. Ob der Künstlerglanz auch 1922 noch strahlte, beurteilte das 8Uhr-Abendblatt am 20. September. Paula Leu war für uns vor Ort.

Erschienen: 20.09.2022
Dauer: 00:07:51

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Der akustische Film

19. September 1922

Aus heutiger Rückschau erscheint uns die Entwicklung vom Stummfilm zum Tonfilm als ein logischer und zwangsläufiger Schritt. Daher gilt es unseren Blick auf den Stummfilm davon zu befreien, ihn nur als Tonfilm minus Ton, als Vorstufe zu betrachten. Während es in den Zwanziger Jahren begeisterte Unterstützer der Tonfilmexperimente gab, erhoben sich auch zahlreiche Stimmen, die den Stummfilm als Kunstform gegen die Hinzufügung des Tons verteidigten. Am 17.9.1922 präsentierten die drei Erfinder Hans Vogt, Jo Engl und Joseph Massolle im Berliner Kino Alhambra vor etwa 1000 Gästen das Triergon-Verfahren, ein Lichtton-Verfahren, bei dem eine Tonspur direkt auf das Filmmaterial aufgetragen wird, die mit entsprechendem Projektor synchron zum Bild wiedergegeben werden kann. Diese Aufführung sorgte für viel Aufsehen, wurde begeistert aufgenommen, fand aber auch das Unverständnis derer, die für den Stummfilm keinen Ton brauchten. Welche Position Herbert Ihering im Berliner Börsen-Courier vom 19. September vertrat, weiß Frank Riede.

Erschienen: 19.09.2022
Dauer: 00:06:23

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Der Wirtschafts-Liberalismus

18. September 1922

Nicht nur aktuell ringt der Liberalismus in Deutschland um seine Ausrichtung. Nach Jahrzehnten, in denen der wirtschaftliche Neoliberalismus in den Vordergrund trat und andere klassische Themenfelder, wie den Kampf für das Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit gegenüber dem Staat in den Hintergrund drängte, stellt sich die Frage, ob diese Fokussierung auf eine sich selbst regulierende Wirtschaft noch zeitgerecht ist. Vor 100 Jahren suchten die liberal gesinnten Kräfte in der Deutschen Demokratischen Partei auf ihrer Eisenacher Tagung nach einem wirtschaftspolitischen Konzept. Der Mitbegründer dieser Partei Carl Wilhelm Petersen hielt eine viel beachtete programmatische Rede, über die im Berliner Börsen-Courier vom 18. September ausführlich berichtet wurde. Frank Riede klärt uns darüber aus, wem man das Schiff der deutschen Wirtschaft anvertrauen sollte.

Erschienen: 18.09.2022
Dauer: 00:08:27

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Nach dem Verbot der D.A.Z.

17. September 1922

Dass in den ersten Septembertagen in diesem Podcast keine Texte aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung zur Anhörung kamen, war ausnahmsweise einmal keine Frage unserer redaktionellen Auswahl. Die D.A.Z. war auf Basis des nach dem Rathenau-Attentat beschlossenen Republikschutzgesetzes wegen „Herabwürdigung von Mitgliedern der Reichsregierung“ kurzzeitig verboten worden. Eine durchaus umstrittene Maßnahme, nicht nur bei ihren Kollegen von der rechtskonservativen Presse, die teils heftig gegen diese Anwendung protestierte. Dass sich die D.A.Z. selbst nach Wiederzulassung dem anschloss, nimmt wenig Wunder. In einem Rundumschlag attackierte sie ein paar Tage später, am 17. September 1922, einmal mehr Regierung und Gerichte, die Sozialdemokratie und das westliche Ausland. Konkret war dies in diesem Fall die englische Presse, mit der die D.A.Z., wie dem Artikel zu entnehmen, bereits wieder in neue Händel verstrickt war. Es liest Paula Leu.

Erschienen: 17.09.2022
Dauer: 00:05:59

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