Podcast "Das Neue Berlin"

Wen kümmert's, wer spricht?

"Wir diskutieren über das, was uns interessiert: Wie funktioniert Gesellschaft? Was heißt es heute, politisch zu sein? Welches Wissen ordnet unsere Welt? „Feuilleton von unten“ nennen wir das. Das heißt für uns nicht Kulturrundschau und Rezension – Feuilleton verstehen wir als ein öffentliches Nachdenken über Gesellschaft im weitesten Sinne. Dabei versuchen wir, Perspektiven aus den Geistes- und Sozialwissenschaften zeitdiagnostisch produktiv zu machen."

Kategorien

Gesellschaft
Geisteswissenschaft
Politik

Webseite

dasneue.berlin

Social Media

Twitter: @DasNeueBerlin

Panoptikum.io: Podcast "Das Neue Berlin"

Episoden: Neueste Episoden


Alles nur geklaut

Wie geht Wissenschaft ohne Plagiate?

Es hat sich herumgesprochen: Nicht alle wissenschaftlichen Arbeiten sind einwandfrei. Die Jagd auf Plagiatoren läuft seit Jahren und hat inzwischen manche Karriere beendet. Zuletzt beschäftigte die Soziologie die Diskussion um Cornelia Koppetsch. Anlass für uns, das Plagiieren nicht als moralische Verfehlung Einzelner zu geißeln, sondern über seinen sozialen Sinn zu spekulieren. Welches Problem löst das Plagiat, und geht es auch ohne? Wir nähern uns dem Problem step by step an, sprechen über Skandale und über Gründe für das Plagiieren. Das wissenschaftliche Zitat, so stellen wir fest, hat viele Funktionen. Neben dem, was beim Plagiat fehlt, nämlich dem Quellenverweis, kann es auch mehr sein. Eine Einladung zum Weiterlesen. Leider sind Texte oft eher Produkte auf akademischen Wissensmärkten. Und als solche müssen sie vor unlauterem Wettbewerb, vor Zitationskartellen und eben Plagiaten geschützt werden. Auch im Fall Koppetsch geht es um den Markenschutz von Gesellschaftsdiagnosen, nicht um deren Erkenntnisgehalt. Dank Hinweisen von Peter Fuchs stellen wir fest: Digitalisierung vermehrt nicht nur Wissen, sondern auch Anomie auf Wissensmärkten (siehe auch Episode 5). Plagiieren ist in diesem Sinne eine Innovation; wer sich dabei erwischen lässt, ist einfach nicht innovativ genug. Fortschritt ließe sich dadurch erzielen, Plagiatssoftware einfach in die wissenschaftliche Methodenlehre zu übernehmen. Ist ein Plagiat, das man auf Vorschlag der Software bis zur objektiven Unerkennbarkeit abändert, überhaupt noch eines?

Erschienen: 10.01.2020
Dauer: 01:54:15

Podcast-Webseite: Episode "Alles nur geklaut"


Realistisch bleiben?

Mit Victor Kempf über Menschenrechte und radikale Demokratie

Rechtspopulismus bedeutet landläufig: Autoritäre Politik, die sich gleichermaßen von Menschenrechten und Demokratie verabschiedet. Unserem Gast Victor Kempf ist das zu einfach. In einem Beitrag für den Leviathan hat er zuletzt darauf hingewiesen, dass im rechten Diskurs durchaus eine Vorstellung von Demokratie entwickelt wird: ein Kommunitarismus, der Menschenrechte akzeptiert, diese aber der Souveränität des Volkes unterordnet. Dem Rechtspopulismus ist also zunächst keine antidemokratische Haltung, sondern ein zweifelhaftes Verständnis von Demokratie vorzuwerfen. Gleiches gilt für das, was man neuerdings „linken Realismus“ nennt. Im Anschluss an Jacques Rancière und Étienne Balibar plädiert Kempf dafür, Demokratie stattdessen als eine Praxis zu verstehen, in der die politisch Entrechteten ihre Stimme erheben. Der ohnmächtige Anspruch der Menschenrechte zum Schutz der Geflüchteten würde ersetzt durch deren eigene Forderung, als Gleiche im politischen Gemeinwesens teilzuhaben. „Das Volk“ ist eben nicht schon da, sondern stellt sich immer wieder neu her. So konnten in den letzten Jahrhunderten auch "Pöbel", Frauen oder Migranten Teil des Demos werden. Wo aber ist das politische Potential für eine solche „radikale Demokratie“ zu suchen, die ihren Fluchtpunkt jenseits des Nationalen hat? Kann das demokratische Aufbegehren tatsächlich von den Ausgeschlossenen ausgehen oder entlastet uns das als „Privilegierte“ nicht einfach von politischer Verantwortung? Warum haben sich linke Parteien – von der Burgfriedenspolitik bis hin zur Agenda 2010 – immer wieder vom Nationalismus breitschlagen lassen?

Erschienen: 29.12.2019
Dauer: 02:18:40

Podcast-Webseite: Episode "Realistisch bleiben?"


Ums Ganze

Mit Alexander Struwe über gesellschaftliche Totalität

„Wir leben in einer Gesellschaft“, darauf weist derzeit ein Meme hin. Ironisch und doch ernst ist der Hinweis, galt doch in den letzten Jahrzehnten nicht nur politisch, sondern auch sozialwissenschaftlich oft genug das Diktum Margaret Thatchers: „There is no such thing as society.“ Von gesellschaftlicher Totalität gar, mit der Intellektuelle wie Louis Althusser oder Theodor W. Adorno über Jahrzehnte gerungen hatten, ganz zu schweigen. Unser Gast Alexander Struwe plädiert in seinem Beitrag in der Solidaritäts!?-Debatte im Theorieblog, die Frage nach der gesellschaftlichen Totalität wissenschaftlich zu rehabilitieren. Mit der Moderne, so Struwe, stehen die Menschen erstmals vor der Möglichkeit und Aufgabe, die Verhältnisse ihren eigenen Ansprüchen gemäß zu gestalten. Sie wissen, dass sie in einer Gesellschaft leben, die auch anders sein kann – was aber nicht heißt, dass sie dem eigenen Willen unterworfen ist. Aufklärung setzt also voraus, die Unhintergehbarkeit von Gesellschaft zu verstehen, die gesellschaftliche Determiniertheit des eigenen Denkens mitdenken zu können. Wir diskutieren darüber, welche Aussichten ein solcher Erkenntnisanspruch heute hat. Kann man Gesellschaft noch auf den Begriff bringen? Was soll gesellschaftliche Bestimmung des Denkens überhaupt konkret bedeuten? Und wie lassen sich der weltanschauliche Dogmatismus und die entpolitisierte Altklugheit des Betonmarxismus vermeiden? Für Struwe steht fest: wer Totalität nicht zum Problem macht, kann dem Hamsterrad der Theorie nicht entkommen.

Erschienen: 13.12.2019
Dauer: 01:53:19

Podcast-Webseite: Episode "Ums Ganze"


Für andere sprechen

Mit Marina Martinez Mateo über politische Repräsentation

Der demokratische Staat repräsentiert die Allgemeinheit, sagt die Theorie. Aber wer darf im Namen anderer sprechen? Wer darf für sich beanspruchen, die Interessen aller zu vertreten. Diese Frage wird in den letzten Jahrzehnten zunehmend politisiert. Sollte ein Parlament nicht mehr der tatsächlichen Struktur der Gesellschaft entsprechen, anstatt immer noch überwiegend aus weißen Männern zu bestehen? Oder bedeutet dieser Anspruch gleich, den Universalismus der liberalen Tradition aufzugeben und partikulare Gruppeninteressen gegeneinander auszuspielen. Unser Gast Marina Martinez Mateo fragt in einem Aufsatz im Leviathan danach, was unter Repräsentation eigentlich genau zu verstehen ist. Was wird eigentlich "repräsentiert"? Identitäten, Interessen, Individuen? Können sie eins zu eins abgebildet werden? Und wenn nicht, was sind dann Gütekritierien für demokratische Repräsentation? Für Martinez Mateo liegt die demokratische Freiheit darin, dass Repräsentation Identitäten produzieren kann, die vorher noch nicht da waren. Der Staat wird die Gesellschaft niemals abbilden, sondern bleibt immer in einer unabgeschlossenen und produktiven Spannung mit ihr. So entsteht eine neue Perspektive auf politische Repräsentation. Paritätsnormen und Geschlechterquoten sind dann keine Spiegelung statistischer Verhältnisse. Wenn per Verfahren Männer und Frauen gleichgestellt werden, zeigt sich viel mehr die Freiheit des repräsentativen Systems. Es bildet Gesellschaft nicht ab, wie sie ist. Sondern zeichnet ein Bild, wie sie sein könnte.

Erschienen: 29.11.2019
Dauer: 01:49:30

Podcast-Webseite: Episode "Für andere sprechen"


Besser talken

Mit Oliver Weber über die deutschen Polit-Talkshows

Die deutschen Talkshows haben keinen guten Ruf. Oberflächlich, krawallsüchtig, populistisch. Ja sogar die AfD sollen sie mit groß gemacht haben. All das stimmt, sagt Oliver Weber, aber das festzustellen, hilft nicht mehr weiter. In seinem Buch Talkshows hassen macht er deswegen den Versuch, etwas Intelligenz in die Diskussion über die deutsche Talkshow zu bringen – mit der Aussicht, dass sie als Format politischer Selbstverständigung vielleicht noch zu retten ist. Während die repräsentative Demokratie in ihrer Bevölkerung und in ihren Institutionen diverser, europäischer und globaler geworden ist, verharrt die Talkshow nach Weber im Kokon des Nationalstaats und verkleinert die Weltkarte auf wenige Länder. Inhaltlich und personell drehen sich die Sendungen im Kreis, verbeißen sich in Dauerthemen, beschwören wöchentlich die Krise und lassen die immer gleichen Diskutanten aneinander vorbeireden. Am Beispiel der AfD besprechen wir, wie schief es gehen kann, wenn Talkshows kein eigenes thematisches Sendungsbewusstsein haben und behaupten, sie würden den öffentlichen Diskurs nur abbilden: Sie bleiben auf Stammtischniveau und damit dem Populismus artverwandt. Für die Zukunft gibt es so kaum fertige Rezepte. Es braucht ein neues publizistisches Selbstverständnis.

Erschienen: 11.11.2019
Dauer: 01:34:08

Podcast-Webseite: Episode "Besser talken"


Weltkatastrophen

Mit Martin Repohl über Materialität und Weltbeziehung

Im Anthropozän lässt sich die Natur nicht mehr länger nur als "Umwelt" behandeln. Sie erscheint nicht mehr als Außenstehende der Moderne, als reiner Ressourcenpool, als Externalität. Sie wird unkalkulierbar, unstet, bedrohlich und verändert damit das Beziehungsgefüge, das zwischen Menschen und ihrer Lebenswelt besteht. Unser Gast Martin Repohl versucht dieses Spannungsfeld auf den soziologischen Begriff zu bringen. Im Anschluss an Hartmut Rosas Soziologie der Weltbeziehungen analysiert er die paradigmatische Umweltkatastrophe des letzten Jahrhunderts: Tschernobyl. Dabei fragt er nach der Rolle der Materialität für die Weltbeziehung der Bevölkerung in den verstrahlten Regionen im Umfeld des Kraftwerks. Die Radioaktivität ist unsichtbar, verteilt sich, verbindet sich mit Pflanzen, Tieren und Menschen. Sie bleibt ewig, zerstört unwiederbringlich die Normalität des Alltags. Tschernobyl wird so zu einer Katastrophe der Lebenswelt – zu einer Weltkatastrophe. Für Repohl ist die stoffliche Lebenswelt nicht vollständig deutungsoffen. Die Beziehung, die wir zur Welt entwickeln, ist also keine bloße soziale Konstruktion, sondern abhängig von Materialität. Wir fragen uns im Anschluss: Lässt sich das auch auf den Klimawandel übertragen? Geht uns auch hier die Normalität unserer Welt verloren? Kann man den Blumen auf dem Balkon noch trauen?

Erschienen: 30.10.2019
Dauer: 01:34:49

Podcast-Webseite: Episode "Weltkatastrophen"


Das halbe Leben

Mit Lisa Herzog über die Zukunft der Lohnarbeit

Sobald werden uns die Algorithmen die Jobs nicht wegnehmen. Die Lohnarbeit bleibt für die meisten Grundlage des Brotewerbs, der gesellschaftlichen Teilhabe und der eigenen Identität. Wie die Zukunft der Lohnarbeit aussieht, hängt aber nicht so sehr von genialen Unternehmern oder technischem Fortschritt ab, sondern von politischem Gestaltungswillen. Das ist das Plädoyer unseres Gastes Lisa Herzog in ihrem Buch »Die Rettung der Arbeit«. Bei der Lohnarbeit gehe es nicht nur ums Geldverdienen. Anerkennung, persönliches Wachstum, Gemeinschaft und Sinn als Aspekte gelingenden Lebens sollten nicht auf die Freizeit beschränkt sein, sondern sich graduell auch in der Lohnarbeit verwirklichen lassen. Wir sprechen mit Herzog darüber, was gute Arbeit ausmacht und diskutieren über sinnvolle Arbeitszeiten, Eigentumsverhältnisse und die Bedeutung kollektiver Interessenvertretung. Dabei empfiehlt Herzog ein altes Projekt neu zu beleben: die Demokratisierung der Arbeitswelt.

Erschienen: 15.10.2019
Dauer: 00:55:49

Podcast-Webseite: Episode "Das halbe Leben"


Denken in Faltungen

Mit Robert Seyfert über transvitalistische Lebenssoziologie

Die Soziologie hat einen aktivistischen Bias, sagt unser Gast Robert Seyfert. Immer müsse etwas gemacht werden, damit Gesellschaft entstehe. Wer oder was da aktiv ist, das wird einfach vorausgesetzt: Individuum, Handlung oder Kommunikation. Unbeachtet bleibt das Werden, die Hybridität, die Unabgeschlossenheit des Sozialen. So hat Seyfert das Programm einer transvitalistischen Lebenssoziologie formuliert, die wir uns in dieser Folge ausführlich erklären lassen. Schon mit den Grundbegriffen tun wir uns schwer: vom „Leben“ über die „Suspension“ bis zur „Immanenz“. Wir versuchen, das Programm zu verorten: soziologisch, ideengeschichtlich, metaphysisch. Wir lernen ein Denken in Strömen, Relationen, Faltungen kennen – jenseits der hartnäckigen Differenzen von Subjekt und Objekt, System und Umwelt, Individuum und Gesellschaft. Schließlich fragen wir auch nach dem politischen Charakter des Projektes. Was geht verloren, wenn die bürgerlichen Begriffe des Subjektes, des Individuums und seiner Freiheit nicht mehr im Zentrum soziologischen Denkens stehen? Hilft die Lebenssoziologie dabei, eine Gesellschaft zu denken, die sich wieder auf die Welt einlässt?

Erschienen: 01.10.2019
Dauer: 01:27:59

Podcast-Webseite: Episode "Denken in Faltungen"


Rechte Rebellen

Mit Maurits Heumann über den neuen Autoritarismus

Prekarisierung, Identitätsverlust, Repräsentationslücke - es scheint die eine Erklärung für den Rechtspopulismus nicht zu geben. Wenn die strukturelle Großtheorie nicht gelingen mag, lohnt sich der Blick in die Tiefe und an die hybriden Ränder der politischen Großregionen. Unser Gast Maurits Heumann hat zusammen mit Oliver Nachtwey eine explorative Studie zum neuen Autoritarismus vorgelegt. In 16 Interviews befragte das Forscherteam AfD-Sympathisanten die sich zugleich auf der linken Plattform Campact engagierten. Sie sprachen mit ihnen über ihre beruflichen und politischen Biographien, über die "Flüchtlingskrise", über "Bürgerkrieg" und den starken Staat. In den Gesprächen ließen sich zwei Typen erkennen: der autoritäre Innovator und der regressive Rebell. Der eine sieht die Ordnung der BRD durch Flüchtlinge in Gefahr und wählt strategisch AfD, der andere will das ganze System brennen sehen. Gemeinsam ist ihnen ein Blick auf die Politik, in der alles auf die Migrationsfrage verweist sowie das Ideal der Souveränität: für den einen die staatliche, für den anderen die individuelle.

Erschienen: 17.09.2019
Dauer: 01:41:06

Podcast-Webseite: Episode "Rechte Rebellen"


Muster einer neuen Gesellschaft

Mit Silke Helfrich über die Philosophie der Commons

Ob in der Wikipedia, kollektiven Produktionsgemeinschaften oder sogar in den oft so gescholtenen sozialen Medien: Überall sprießen derzeit neue kollektive Formen. Wie sie zu verstehen sind und wie aus ihnen eine neue Gesellschaft wachsen kann, ist derzeit ein höchst interessantes intellektuelles Projekt. Eine der Ansätze wird unter dem Begriff der Commons diskutiert. Unser Gast Silke Helfrich hat zusammen mit David Bollier zuletzt einen ambitionierten gesellschaftlichen Entwurf zum Thema vorgelegt. Wir versuchen zu verstehen, was die Commons ausmacht. Zunächst müssen wir unser Denken umstellen. Commons zu sehen bedeutet, so Helfrich, Muster zu identifizieren, nicht Prinzipien. Dabei geht es ihr nicht um eine geschlossene Gesellschaftstheorie, sondern um Formen gelingender Praxis. Commoning ist gemeinsames Handeln, das sich an Bezogenheit, Bedürfnisbefriedigung und gleichheitlicher Selbstbestimmung orientiert. Indem die Qualität der sozialen Beziehungen ins Zentrum gerückt wird, erscheinen liebgewonnene Einrichtungen in kritischem Licht: Lohnarbeit, Privateigentum, Warenkonsum, staatliche Repräsentation. Dabei bemühen wir uns, die Leistungen der funktional differenzierten und technisierten Moderne nicht zu unterschlagen. Können Technologie und Organisationen, die wir zum Leben brauchen, überhaupt in Commons reintegriert werden? Einen „one best way“, das lernen wir dabei nachhaltig, wird es nicht geben. Commons ist Stückwerk, das sich auf gesellschaftliche Komplexität einlässt, anstatt sie zu negieren.

Erschienen: 02.09.2019
Dauer: 01:06:29

Podcast-Webseite: Episode "Muster einer neuen Gesellschaft"


Podcast "Das Neue Berlin"
Merken
QR-Code