Podcast "Das Neue Berlin"

Feuilleton von unten

Wir diskutieren über das, was uns interessiert: Wie funktioniert Gesellschaft? Was heißt es heute, politisch zu sein? Welches Wissen ordnet unsere Welt? „Feuilleton von unten“ nennen wir das. Das heißt für uns nicht Kulturrundschau und Rezension – Feuilleton verstehen wir als ein öffentliches Nachdenken über Gesellschaft im weitesten Sinne. Dabei versuchen wir, Perspektiven aus den Geistes- und Sozialwissenschaften zeitdiagnostisch produktiv zu machen.

Episoden: Neueste Episoden


Mit Johann August Schülein über die Wissenschaftstheorie der Psychoanalyse

Die Psychoanalyse ist eine der einflussreichsten Theorien des 20. Jahrhunderts. Sie prägte das moderne Verständnis dessen, was es heißt, ein Subjekt zu sein. In den letzten Jahrzehnten hat sie jedoch an Bedeutung verloren und ist in der akademischen Psychologie weitgehend marginalisiert. Sie gilt als unwissenschaftlich, manchmal sogar als esoterisch. Aktuell kämpft eine Petition für den Erhalt einer der letzten psychoanalytischen Lehrstühle in Deutschland.

Erschienen: 16.07.2021
Dauer: 01:26:11

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Ökonomisierung im Krankenhaus – Mit Robin Mohan und Kaspar Molzberger

Wie so viele gesellschaftliche Bereiche wurde auch das Krankenhaus in den letzten Jahrzehnten nach neuen Prinzipien organisiert. Mit gedeckelten Budgets und Fallkostenpauschalen sollte das vermeintlich überteuerte Gesundheitssystem auf Effizienz getrimmt werden. Kliniken sollten zu Konkurrentinnen werden, die Marktbereinigung unwirtschaftliche Häuser aussortieren. Eine tiefgreifende Ökonomisierung hat die Arbeitsweise im Krankenhaus grundsätzlich verändert. Kaspar Molzberger und Robin Mohan haben beide zu diesem Thema promoviert und die Ökonomisierung des Krankenhauses intensiv erforscht. In Interviews mit Pflegern, Ärzten und Management sind sie der Frage nachgegangen, wie sich Ökonomisierung in der konkreten Praxis der Klinik zeigt. Im Zentrum steht dabei das Klassifikationssystem der DRGs, mit dem Krankheitsbilder zusammengefasst und mit durchschnittlichen Behandlungszeiten und -kosten versehen werden. Wer über dem Durchschnitt liegt, macht Minus, wer besser ist, kann Gewinne erwirtschaften – was viele privatgeführte Krankenhäuser rentabel tun. Im Gespräch mit unseren beiden Gästen rekonstruieren wir die historischen Entwicklungslinien des modernen Krankenhauses. Ebenso sprechen wir über dessen traditionelle Arbeitsteilung und wie unterschiedlich sich die Ökonomisierung beim ärztlichen und dem Pflegepersonal auswirkt. Während bestimmte ärztliche Prozeduren hochrentabel sein können, wird die Pflege zum Kostenfaktor. Personalabbau und Arbeitsverdichtung sind die Folge. Andererseits kommt auch das ärztliche Professionsethos immer wieder in Konflikt mit ökonomischen Zielsetzungen. Zuletzt diskutieren wir, wie sich Ökonomisierung theoretisch fassen lässt. Unsere Gäste sind uneins: Robin Mohan plädiert dafür, die Ökonomisierung der Organisation ins gesellschaftstheoretische Verhältnis zu setzen und den Begriff in Zusammenhang mit der Warenlogik des Kapitalismus zu bestimmen. Kaspar Molzberger verortet die Ökonomisierung in einer historisch spezifischen Praxis der Kalkulation, die nur in der Organisation selbst wirklich rekonstruierbar ist.

Erschienen: 17.06.2021
Dauer: 01:58:27

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Mit Ellen von den Driesch über die Demographie des Suizids in der DDR

Sich selbst das Leben nehmen – es gibt nur wenige derart existenzielle Entscheidungen. So individuell der Suizid im Einzelnen sein mag, so zeigt seine statistische Häufung doch Regelmäßigkeiten, haben unterschiedliche Regionen oder Ländern ihre eigenen Muster. Im Kalten Krieg sind diese zum Medium der Systemkonkurrenz geworden. Die chronisch hohen Suizidzahlen in der DDR, geheimgehalten von der politischen Führung, galten als Beweis für die drückenden Lebensbedingungen im Sozialismus. Doch was ist dran an dieser Erzählung? Ellen von den Driesch gibt in ihrem Buch Unter Verschluss erstmals belastbare Antworten, indem sie die in der Wendezeit verloren gegangenen Statistiken aufgespürt und umfassend ausgewertet hat. Wir sprechen mit ihr zunächst über die Grundlagen der demographischen Suizidforschung, den Suizid in der DDR und schließlich die Ergebnisse ihrer Studie. Dabei diskutieren wir, was am Wort "Selbstmord" problematisch ist, was die Soziologie seit Durkheim dazugelernt hat und welchen Erklärungswert soziale Makrophänomene wie Modernisierung haben können. Bei all dem bleibt die Vorsicht: Keine Korrelation berechtigt zur Erklärung eines einzelnen individuellen Suizids. Diese Beschränkung soziologischer Erklärungskraft muss bei jeder Interpretation präsent bleiben.

Erschienen: 14.05.2021
Dauer: 01:38:42

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Mit Jochen Kibel über kollektive Identitäten durch Museumsbauten

In den letzten Jahrzehnten hat es eine Reihe architektonischer Rekonstruktionen in Deutschland gegeben. Ob am Frankfurter Markt, der Frauenkirche oder dem Berliner Schloss. In den Debatten um solche prestigereichen Bauprojekte geht es selten um rein funktionale Fragen. Gelesen werden die Gebäude stattdessen als Verräumlichung kollektiver Identität. Und das wird schnell zum Politikum: Will man eine detailgetreue Wiederherstellung eines historischen Ideals oder die Sichtbarkeit geschichtlichen Wandels? Unserem Gast Jochen Kibel geht es weniger um ein politisches Urteil als um die spezifischen zeitlichen und räumlichen Logiken in den konkurrierenden Erinnerungsdiskursen. In seiner Dissertation hat er die Debatten um die Rekonstruktion des Neuen Museums in Berlin und den Umbau des Militärhistorischen Museums in Dresden analysiert. Welche Beziehung zur Vergangenheit wird im Bau konstruiert? Wir sprechen mit ihm über aggressive Geschichtsrhetorik, unübersichtliche Planungsprozesse und die Mehrdeutigkeit historischer Authentizität.

Erschienen: 13.04.2021
Dauer: 02:30:22

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Ökologie in der soziologischen Theorie – Mit Katharina Block, Andreas Folkers und Katharina Hoppe

Die drohende ökologische Katastrophe wird sich nicht allein technisch abwenden lassen. Sie verlangt radikales Umdenken, neue Konzepte und komplexe Erklärungen. Kurz: Theorie. Doch auch die Theorie muss sich dabei selbst in Frage stellen. Sie muss Inventur machen, welche ihrer Werkzeuge noch für die veränderte Wirklichkeit taugen. Ende Januar 2021 hat eine Tagung mit dem Titel Die ökologische Frage danach gefragt, was die soziologische Theorie zum Verständnis der ökologischen Krise leisten kann und inwieweit sie selbst von dieser herausgefordert wird. Wir sprechen in der Folge mit den VeranstalterInnen Katharina Block, Andreas Folkers und Katharina Hoppe. In einer Mischung aus Tagungsrückblick und freier Diskussion versuchen wir, Kernfragen einer problembezogenen Sozial- und Gesellschaftstheorie herauszuarbeiten. Wir diskutieren, wie sich das Soziale in seiner konstitutiven Verwobenheit mit der nichtmenschlichen Welt am besten auf den Begriff bringen lässt. Wie kann man den anthropozentrischen und ethnozentrischen Bias der Soziologie überwinden? Muss sie dafür eine neue Wissenschaft werden? Und in welcher Beziehung steht sie dann zu den "echten" Naturwissenschaften? Zentraler Bezugspunkt in der Diskussion bleibt dabei die Moderne in ihren immanenten Logiken, Zwängen, aber auch Mehrdeutigkeiten.

Erschienen: 01.03.2021
Dauer: 01:27:00

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Mit Stefan Hirschauer über soziologische Mehrsprachigkeit

Dass die Soziologie eine „multiparadigmatische” Disziplin ist, ist beinahe schon ein Klischee. Mehr als in den meisten anderen Sozialwissenschaften herrscht ein Pluralismus der Theorien und der Methoden. Das bringt auch Probleme mit sich. Oft begegnen sich die verschiedenen Schulrichtungen der Soziologie mit Unverständnis, manchmal sogar mit Sektiererei und radikaler Abgrenzung. Mit unserem Gast Stefan Hirschauer diskutieren wir über die umkämpfte Identität des Faches. Laut Hirschauer sind die Vorstellungen eines Einheitsmodells der Wissenschaften durch Jahrzehnte der Wissenschaftsforschung widerlegt. Gleiches gilt für die sterile Trennnung von Theorie und Empirie, wie sie immer noch im Anschluss an Karl Popper gelehrt wird. Für Hirschauer kann eine allgemeine Methode nicht die strenge Richterin der Forschungspraxis sein. Orientieren müsse sich die Forschung vielmehr an einer (richtig verstandenen) Gegenstandsangemessenheit und dem kritischen Dialog in der Forschungsgemeinschaft. Stefan Hirschauer plädiert dafür, den Streit zu kultivieren und als Stärke des Faches anzusehen. Dies setzt aber auch voraus, dass die soziologische Mehrsprachigkeit bereits im Studium ausreichend angelegt wird und dass sich die verschiedenen Schulrichtungen auf gemeinsamen Tagungen und in gemeinsamen Zeitschriften überhaupt noch begegnen.

Erschienen: 29.01.2021
Dauer: 01:18:19

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Mit Johannes und Paul Simon über Trumps Amerika

Donald Trump ist abgewählt. Die amerikanische und internationale Politik kehrt zur Normalität zurück, so der Tenor. Doch wie "normal" waren die Vereinigten Staaten in den Jahrzehnten vor Trumps Präsidentschaft? Und welche Entwicklungen wirken weiter, die ihn erst ins Amt brachten? Solchen langfristigen Perspektiven haben Johannes Simon und Paul Simon ihr Buch „Eine Welt voller Wut“ gewidmet. In der Sendung sprechen wir mit ihnen über die Entstehung des modernen amerikanischen Konservatismus in der Nachkriegszeit, als die Republikanische Partei erst zur Ihrer heutigen Identität fand. Wir diskutieren die Rolle der radikalen Rechten, darunter Evangelikale, die Politik und Religion auf einzigartige Weise verbinden. Und wir sprechen über die wirtschaftlichen Entwicklungen, Neoliberalismus und Deindustrialisierung, die seit Reagan die Politik prägten. Schließlich fragen wir nach der amerikanischen Hegemonie, der liberalen Weltordnung also, die durch Freihandel und militärische Interventionspolitik geprägt war und die mit Trump endgültig an ihr Ende gelangt ist. Es bleibt ein tief zerrüttetes Land in einer multipolaren Welt – und Pessimismus, wie viel der neue Präsident daran ändern wird.

Erschienen: 28.12.2020
Dauer: 02:09:59

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Mit Jenni Brichzin über politische Praxis in Parlamenten

Erschienen: 08.12.2020
Dauer: 01:48:21

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Mit Patrick Eiden-Offe über die Poesie der Klasse

Vielleicht erklärt sich die anhaltende Schwäche linker Politik in den letzten Jahrzehnten nicht nur durch die Dominanz neoliberaler Deutungsmuster oder das Scheitern sozialistischer Projekte im 20. Jahrhundert. Der starke Arm des Fabrikarbeiters hat nicht nur politisch an Kraft verloren; auch seine Symbolik ist verblasst oder gar von Rechts vereinnahmt. Doch ist eine linke Perspektive zwangsläufig mit der Ästhetik der Industriegesellschaft verbunden? Patrick Eiden-Offe hat in seiner Studie Poesie der Klasse antikapitalistische Literatur aus der Zeit vor der Schließung linker Theorie und Ästhetik untersucht. Anders, als es der Marxismus später behauptete, lassen sich die linken Autoren des Vormärz und der Romantik nicht als Träumer und Chaoten abtun. Die Texte sind als authentische Versuche zu verstehen, eine politische Position in der noch neuen kapitalistischen Gesellschaft zu artikulieren. Die Begriffe, mit denen gearbeitet wird, sind dabei so fluide und widersprüchlich wie die Sozialstruktur: Das Proletariat musste erst erfunden werden. Literatur, Theorie und Statistik rangen Hand in Hand um eine Deutung der Wirklichkeit. Man diskutierte die Frauenfrage, den Kolonialismus und über ein "Wir", das noch nicht gefunden war. Was lässt sich von der politästhetischen Experimentierfreude dieser Zeit lernen?

Erschienen: 08.11.2020
Dauer: 01:52:14

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Mit Anja Weiß über die Soziologie globaler Ungleichheiten

Wir leben in einer ungleichen Welt, und wissen das auf mehr oder weniger diffuse Art und Weise. Doch welcher Maßstab ist anzulegen, wenn man ein genaueres Bild haben möchte? Die globale Verteilung von Einkommen und Vermögen kann zwar ein grobes Bild insbesondere absoluter Armut geben. Doch viele andere Fälle sind schwieriger zu bewerten. So hat die globale Mittelschicht zwar oft weniger Geld zur Verfügung als ein Hartz-IV-Empfänger in Deutschland. Die Mobilitätschancen sind für letztere jedoch oft deutlich schlechter. Anja Weiß widmet sich diesem Problem konzeptionell und hat dafür eine Theorie globaler Ungleichheiten vorgelegt. Im Zentrum steht die These, dass Ressourcen nicht als solche, sondern nur in Kontexten umsetzbar sind. Viel Geld in der falschen Währung ist ebenso unbrauchbar wie ein Bildungsabschluss, der nicht anerkannt wird. Eine gute lokale Infrastruktur ist für einen geflüchteten Menschen oder eine junge Familie wichtiger als für die mobile Börsenmaklerin. Die Soziologie neigt laut Weiß dazu, solche Kontexte mit Nationalstaaten gleichzusetzen. Ein verhängnisvoller Bias, der weder die prekäre Staatlichkeit in zahlreichen Ländern der Welt veranschlagt noch die Möglichkeiten des Einzelnen, zwischen Kontexten zu wechseln. Diese sozial-räumliche Autonomie ist für Weiß ein zentraler Faktor, der die Lebensbedingungen der Menschen bestimmt. Wir diskutieren mit ihr über ihre Typologie der Ungleichheitskontexte, aber auch über den Jahrzehnte alten Dauerzwist zwischen ökonomischen und kulturalistischen Ungleichheitstheorien – und was man ausgerechnet von Niklas Luhmann darüber lernen kann.

Erschienen: 01.10.2020
Dauer: 02:00:45

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