Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Von Riga nach Reval

22. November 1922

Zu den nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstandenen neuen Staaten zählen auch die drei flächenmäßig kleinen Länder des Baltikums: Estland, Lettland und Litauen. Im Zweiten Weltkrieg verloren sie wieder ihre Unabhängigkeit, um sie Anfang der 90er in einer Loslösung von der Sowjetunion wiederzuerlangen. Aktuell ist das Baltikum angesichts der revisionistischen Kriegspolitik Russlands wieder besonders im Fokus. 1922 bereiste im Auftrag der Vossischen Zeitung deren Korrespondent in Polen Max Theodor Behrmann Lettland und Estland. In der Ausgabe vom 22. November berichtet er von seiner Überfahrt von Riga nach Reval, das heutige und auch schon damalige Tallinn. Und schon die Weigerung, diese Bezeichnung der Stadt zu benutzen, zeugt von der unverhohlenen Ablehnung des Autors gegenüber den baltischen Staatengebilden, die sich durch den Text zieht. In seinem beständigen Zweifel an deren Überlebensfähigkeit und der wiederkeherenden Polemik gegen den angeblich unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand manifestiert sich eine nicht nur überhebliche, sondern klar deutschnationale Perspektive, die für die liberale Vossische Zeitung eigentlich eher unüblich ist. Für uns reist an den Finnischen Meerbusen Paula Leu.

Erschienen: 22.11.2022
Dauer: 00:14:04

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Lernt der Mensch aus Naturkatastrophen?

21. November 1922

Große Naturkatastrophen neigen gelegentlich dazu, den Menschen zumindest kurzfristig zur Besinnung kommen zu lassen; ihn aus dem Kleinklein der alltäglichen Konflikte herauszureißen und bisweilen sogar für einen kurzen Moment seine Sinne für die Absurdität der von Mensch an Mensch beständig verübten Grausamkeiten zu schärfen. Die Erfahrung lehrt freilich auch, dass dieser Moment meist nicht von allzu langer Dauer ist. Bruno Manuels in der Berliner Volks-Zeitung vom 21. November 1922 veröffentlichte Reflexionen über die Konsequenzen aus dem verheerenden chilenischen Erdbeben, über das wir vor einigen Tagen berichteten, sind entsprechend denn auch nicht besonders optimistisch gestimmt. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 21.11.2022
Dauer: 00:08:36

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Die Wirren am Wiener Burgtheater

20. November 1922

Berlin ist ohne Wien wahrscheinlich genauso wenig zu ertragen wie umgekehrt, weshalb die Presse an der Spree auch in Zeiten mangelnder Valuta es sich nie nehmen ließ, ausgiebig aus der Donaumetropole zu berichten. Damals wie heute war es nicht zuletzt das Kultur-, will damals wie heute vornehmlich heißen: das Theaterleben, das man mit besonderem Interesse beobachtete, auf wie hinter der Bühne. Für beides ist das Burgtheater, damals wie heute, berühmt wie kaum eine zweite Bühne im deutschsprachigen Raum, und entsprechend schauen alle theaterkritischen Augen, damals wie heute, nirgendwohin so gerne wie nach Wien. So am 20. November 1922 auch die Vossische Zeitung – und für uns Frank Riede.

Erschienen: 20.11.2022
Dauer: 00:09:04

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Die Renaissance des Ofens

19. November 1922

Der Winter 2022/23 naht, das Gas ist knapp, was tun, wenn die Zentralheizung ausfällt? Soll man sich mit Brennholz ausstatten? Auch der Herbst 1922/23 war geprägt von der bangen Frage, wie man sich im nahenden Winter zu Zeiten von allgemeinem Kohlenmangel warmhalten sollte. In diesem Kontext beschwört im Berliner Lokal-Anzeiger vom 19. November ein Autor die Renaissance des Ofens, der scheinbar vor dem Weltkrieg ausgestorben, nun wieder seine Dienste tun könnte. Paula Leu singt für uns diese Ode an den Ofen.

Erschienen: 19.11.2022
Dauer: 00:05:48

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Wilhelm Cuno im Zug ins Kanzleramt

18. November 1922

Die bereits im Jahr 1855 gegründete Berliner Börsen-Zeitung zählte zu den ältesten Berliner Tageszeitungen und ist nicht mit dem Berliner Börsen-Courier zu verwechseln, der sich 1868 von ihr abspaltete. Während der Courier in der Folge ein eher linksliberales Profil ausprägte (und vor allem für sein ambitioniertes Feuilleton berühmt war), blieb die Berliner Börsen-Zeitung ein deutlich konservativer ausgerichtetes Handelsblatt. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, wie positiv das Blatt dem wirtschaftsliberalen Geschäftsmann Wilhelm Cuno als designiertem neuen Reichskanzler und dem von ihm avisierten sogenannten ‘Kabinett der Wirtschaft‘ gegenüberstand. Die Vorfreude auf Cunos Amtsantritt ging hier so weit, dass man dem sich im Zug von Hamburg nach Berlin begebenden Quereinsteiger nach Wittenberge entgegenreiste und auf der letzten Teilstrecke seiner ‘Fahrt ins Kanzleramt‘ in seinem Kupee platznahm, um ein, nun ja, exklusives Interview über seine Pläne für die Regierungsübernahme zu führen. Im Ergebnis stand in der Ausgabe vom 18. November 1922 eine seltene Genre-Kreuzung aus Eisenbahnartikel und politischem Porträt, die für uns Frank Riede besichtigt.

Erschienen: 18.11.2022
Dauer: 00:09:18

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Ein Pariser Brief

17. November 1922

Ein schillernder Verbrecher im Frankreich des Jahres 1922 war der sich zum adeligen Baron Reith de Baillencourt, einem im Wohlstand lebenden Bänker, hochstapelnde Dieb und Betrüger, der offensichtlich beträchtliche Summen anhäufen konnte. Überführt wurde er, als Ermittler die Spur eines gestohlenen Automobils verfolgten und dieses auf dem Gelände seines Anwesens fanden. Offensichtlich war er der Kopf einer verzweigten Diebesbande. Um an diese Informationen zu gelangen war ein Abstecher in die französische Presse des Jahres 1922 notwendig, genauer in das „Le Petit Journal“ vom 22. September. Dieser Exkurs klärt diese Personalie in unserem heutigen Artikel vom 17. November, in dem die Berliner Börsen-Zeitung einen Brief aus Paris erhält - mit den notwendigen Ereignissen und Vorgängen, die eine Pariser Gesellschafts-Saison ausmachen. Ein Verbrecher, wie der falsche Baron Reith, muss jedes Mal mit von der Partie sein. Der spöttische und satirische Artikel verwendet, wenn es über die ebenfalls stets präsenten Wohltätigkeitsveranstaltungen geht, heute wohlweißlich nicht mehr benutztes rassistisches Vokabular. Für uns präsentiert die Ingredienzen der Pariser Saison Paula Leu.

Erschienen: 17.11.2022
Dauer: 00:09:58

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Der Kettenbrief

16. November 1922

Heute verbreiten sie sich in Windeseile über soziale Netzwerke, früher kamen Sie gemächlich im Rhythmus des Postdienstes: Kettenbriefe. Wer das Schneeballprinzip durch vermehrtes Versenden befeuert, dem lächelt angeblich das Glück entgegen, wer hingegen die Kette unterbricht, den wird, so die Drohung, ein Unglück ereilen. Nachweisbar sind solche Briefe, die unerwartet im Briefkasten landen, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im angelsächsischen Raum. Im November 1922 erreichten sie einen Autor in Berlin-Steglitz, der für das dortige Lokalblatt schrieb, das schon die mit 80.000 Einwohnern größte Landgemeinde Preußens mit Nachrichten versorgte, bevor diese 1920 zum Stadtteil Berlins wurde. Sein Plädoyer für eine aufgeklärte Haltung gegenüber Kettenbriefen liest Paula Leu. Ob ihn allerdings in den Folgewochen ein Unglück ereilte, verrät uns das Archiv des Steglitzer Anzeigers nicht.

Erschienen: 16.11.2022
Dauer: 00:07:09

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Löbe, Adenauer oder Stresemann - Wer wird neuer Kanzler?

15. November 1922

Und neuerlich sah sich im Herbst 1922 eine Reichsregierung zur Aufgabe gezwungen. Das Kabinett Wirth II, immerhin bereits das siebente seiner Art in gerade einmal vier Jahren Republik und mit knapp über einem Jahr Laufzeit sogar das bis dato am längsten amtierende, hatte im November 1922 seine parlamentarische Mehrheit verloren, und nicht nur die Partei- und Fraktionsvorsitzenden der verschiedenen Lager, sondern auch die Vertreter der Hauptstadtpresse sondierten mal wieder mögliche neue Konstellationen und Kandidaten. Die Berliner Volks-Zeitung spekuliert in ihrer Ausgabe vom 15. November dabei interessanterweise über drei Namen, von denen zwei später, teilweise deutlich später tatsächlich noch zu Kanzlerehren kommen sollten. Der richtige Name des unmittelbaren Wirth-Nachfolgers Wilhelm Cuno hingegen wird in dem Text nicht genannt, wohl aber das Modell des von Cuno schließlich angeführten, mehr oder weniger überparteilichen Expertenkabinetts bereits als Möglichkeit in Erwägung gezogen. In die Wirren der Weimarer Parteiendemokratie blickt für uns Frank Riede.

Erschienen: 15.11.2022
Dauer: 00:08:16

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Das Erdbeben von Chile

14. November 1922

Chile liegt im sogenannten Pazifischen Feuerring, einer sich rund um den Pazifischen Ozean erstreckenden Zone hoher seismischer und vulkanischer Aktivität, weshalb das Land immer wieder von schweren Erdbeben heimgesucht wird. Am 11. November 1922 hatte ein solches vor allem die Wüstenregion Atacama getroffen. Schreckensberichte über Zerstörungen und vermeintlich vierstellige Opferzahlen machten bald auch am anderen Ende der Welt die Runde, wo die Berliner Presse sich um verlässliche Informationen und eine seriöse Einschätzung der Lage bemühte. Dabei baute die Vossische Zeitung auf die Expertise des in Berlin ansässigen Reiseschriftstellers Colin Roß, der sich erst unlängst länger in Chile aufgehalten und von dort – auch in diesem Podcast – berichtet hatte. Seinen Hintergrundartikel zu den Umständen der Katastrophe aus der Ausgabe vom 14. November 1922 liest für uns Paula Leu.

Erschienen: 14.11.2022
Dauer: 00:08:20

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Über Traditionen am Martinstag

13. November 1922

Der Sankt-Martins-Tag am 11.11. gehört zu den ganz wenigen Daten des Kirchenjahres, die auch heute noch fest in der Alltagskultur verankert sind. Der uns so vertraute Brauch des Laternelaufens ist indes erst im Laufe des 20. Jahrhunderts vom Rheinland ausgehend wirklich populär geworden. Ein im Folgenden von Frank Riede verlesener Bericht aus der Germania vom 13. November 1922 über damalige Feierlichkeiten an Martini nennt Umzüge mit Lampions dann auch nur ganz am Rande. Im Zentrum der Betrachtung steht hier vielmehr die Tradition deutlich größerer, offener Martinsfeuer, die seinerzeit offenbar sehr lebendig war und die hier – durchaus überraschend für eine so katholische Zeitung wie die Germania – in eindeutige Kontinuität zu heidnischen Ritualen gestellt wird.

Erschienen: 13.11.2022
Dauer: 00:08:53

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