Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Luftbahnhof Tempelhofer Feld eröffnet

8. Oktober 1923

Das heute so beliebte riesige und unbebaute Gelände mitten in Berlin waren im Mittelalter die Ländereien des Templerordens, später war es ein militärisches Exerziergelände und eine Pferderennbahn. Mit der Weimarer Republik und der Eingemeindung des Geländes nach Groß-Berlin 1920 stellte sich die Frage, was mit dem Gelände anzufangen sei. Wir haben hier im Podcast die Fragen nach einer möglichen Bebauung und der Nutzung als Parkanlage dokumentiert. Das Gelände besaß aber dank diverser Flugshows seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch eine Tradition als Ort der Aviatik. Die Notwendigkeit, die Wege der Luftpost zu beschleunigen und den sprunghaft wachsenden Passagier-Luftverkehr zu bedienen, machten das Feld zu einem idealen Ort für einen Flugbahnhof, wie es damals in der Presse hieß. Nach längeren Verhandlungen war es dann am 8. Oktober 1923 so weit: der Flughafen wurde feierlich eröffnet. Doch selbst die Maschinen hoben nicht so schnell ab, wie der inflationsbedingten Zeitungspreise. Die Vossische, die am Tag der Eröffnung in ihrer Abendausgabe über diese berichtete, kostete bereits 4 Millionen Mark. Während aktuell auf dem Tempelhofer Feld die Feierlichkeiten zum hundertsten Jubiläum des Flughafens laufen, war Paula Rosa Leu für uns vor 100 Jahren dabei.

Erschienen: 08.10.2023
Dauer: 00:06:34

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In der Nussschale über den Atlantik

7. Oktober 1923

Wer vor einhundert Jahren von Europa nach Amerika wollte, dem stand im Grunde nach wie vor nur ein Verkehrsmittel zur Verfügung: das Schiff. Der Luftverkehr über den Atlantik befand sich noch in der Experimentierphase, umso dichter war das Netz der Passagierdampfer, die zwischen „alter“ und „neuer“ Welt verkehrten. Wer das nötige Kleingeld besaß, konnte mit immer größeren und luxuriöseren Ozeanriesen beispielsweise von Hamburg nach New York reisen – oder aber in einer selbstgezimmerten Nussschale mit 3+14 Metern einfach darauf los segeln. Dass die vier Männer der Crew, von denen hier konkret die Rede ist, nicht von der Küste, sondern vom fernen Bodensee kamen und keinerlei Hochseeerfahrung mitbrachten, machte das Unterfangen noch kurioser. Wer erfahren wollte, ob es gutging, musste am 7. Oktober 1923 für 6 Millionen Mark die Berliner Volks-Zeitung erwerben. Oder auf Aufklärung durch Frank Riede warten.

Erschienen: 07.10.2023
Dauer: 00:06:59

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Der Putsch im Westentaschenformat - Fridericus Rex V. Teil?

6. Oktober 1923

Vor drei Tagen berichteten wir an dieser Stelle vom sehr kurzlebigen und erfolglosen Putsch in Küstrin. „Zeit für eine Analyse dessen, was vorgefallen war, und der Berichterstattung darüber“, dachte sich die Berliner Volks-Zeitung am 6. Oktober 1923 und zeigte sich irritiert darüber, dass die Putschenden von offizieller Seite als „Nationalkommunisten“ bezeichnet wurden. Um die Urheber deutlich zu verorten, spielt der Artikel mit der von nationalistischem und militaristischem Pathos durchwehten Filmreihe zum Leben Friedrich des Großen, „Fridericus Rex“. Die Reihe bestand aus vier Teilen, und so erklärte die BVZ den Putsch zur Fortsetzung der Filmreihe in der Realität. Dies bot sich zusätzlich dadurch an, dass Friedrich ja in der Küstriner Festung festgehalten wurde und dort der Hinrichtung seines Freundes Katte beigewohnt haben soll. Diese Analyse sollte zu einem zweitägigen Verbot der BVZ führen, wovon wir aber erst in vier Tagen berichten werden. Nun liest zunächst einmal aus der Morgenausgabe, im Wert von 4 Millionen Mark, Paula Rosa Leu.

Erschienen: 06.10.2023
Dauer: 00:09:33

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Heinrich XLV. Reuß über Else Lasker-Schüler

5. Oktober 1923

Das Fürstengeschlecht Reuß mit seinem Gewirr aus jüngerer und älterer Linie, Geraer, Schleizer, Köstritzer und sonstigen Zweigen dürfte bis vor einem knappen Jahr selbst Stammlesern des Goldenen Blattes kaum mehr wirklich vertraut gewesen sein – bis ein etwas ungepflegt wirkender älterer Herr, der auf den Namen Prinz Heinrich XIII. hörte, es im Dezember 2022 plötzlich auf die große Bühne der Tagesschau schaffte, weil er als mutmaßlicher Kopf einer rechtsterroristischen Vereinigung festgenommen wurde. Die Medienpräsenz seines Großvaters bzw. des Adoptivvaters seines leiblichen Vaters, den die reichlich sonderbare Reuß’sche Familienzählung als Heinrich XLV. ausweist, war da von etwas vornehmerer Art. Am 5. Oktober 1923 widmete er im renommierten Berliner Tageblatt einem Gedichtband von Else Lasker-Schüler eine knappe, aber von Sympathie für die Autorin zeugende Besprechung. Seine allgemein musische Neigung, die sich auch in seinem lebhaften Engagement für das Reuß’sche Theater in Gera äußerte, hinderte auch Heinrich XLV. freilich nicht daran, später ein linientreuer Nationalsozialist zu werden. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 05.10.2023
Dauer: 00:05:08

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Autos für den “kleinen Mann”

4. Oktober 1923

Der Deutsche und sein Kraftfahrzeug – das ist eine lange symbiotische Geschichte. Anfangs ein Privileg weniger Betuchter, kamen bereits in den 1920er Jahren Bestrebungen auf, auch ein „Auto für den kleinen Mann“ zu ermöglichen. An die „kleine“ Frau haben damals vermutlich weder die produzierende Industrie, noch die Vossische Zeitung gedacht, als sie am 4. Oktober 1923 unter eben diesem geschlechtsspezifizierten Titel von einem Rundgang über die gerade in Berlin stattfindende Internationale Automobil-Ausstellung berichtete. Die Volkswagen AG gab es seinerzeit bekanntlich noch nicht. Am Konzept „Volkswagen“, entnehmen wir dem Artikel, haben aber bereits etliche, heute großteils nicht mehr so schrecklich bekannte Hersteller getüftelt. Wieviel konkret man für ein Lindcar, eine Sphinx oder ein Omicron damals hinblättern musste, verrät der Text nicht; die Morgenausgabe der Vossischen Zeitung, in der dieser heute vor einhundert Jahren abgedruckt war, kostete auf jeden Fall 5 Millionen Mark. Unsere Automobilexpertin ist eine Frau: Paula Rosa Leu.

Erschienen: 04.10.2023
Dauer: 00:08:07

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Der Putsch von Küstrin

3. Oktober 1923

Am 1. Oktober 1923 geschah, was viele befürchtet hatten. Die Beendigung des Ruhrkampfes durch die Regierung Stresemann stachelte die legalen und illegalen rechten Verbände dazu an Sturm zu laufen. Und tatsächlich kam es im 80 Kilometer von Berlin entfernten damals zu Preußen, heute zu Polen, gehörigen Küstrin zu einem Putschversuch. Der Kommandant der illegalen Schwarzen Reichswehr Bruno Ernst Buchrucker, dessen Verhaftung wohl unmittelbar bevor stand, versuchte mit seinen Truppen Küstrin zu besetzen. Dabei zählte er auf ein zeitgleiches Losschlagen in anderen Städten. Der großflächige Putsch blieb aus – lediglich in Spandau übernahmen Putschisten für kurze Zeit die Zitadelle. Der Putsch wurde in Spandau und in Küstrin rasch von regulären Truppen der Reichswehr niedergeschlagen. Was genau geschah, schildert die Berliner Morgenpost in ihrer Ausgabe vom 3. Oktober, die mittlerweile 5 Millionen Mark kostete. Frank Riede liest.

Erschienen: 03.10.2023
Dauer: 00:07:34

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Die Republik Türkei

2. Oktober 1923

Jahrhundertelang galt das alte Osmanische Reich als „kranker Mann am Bosporus“, dem nur deshalb nicht die Totenglocke läutete, weil sich die europäischen Großmächte nicht über die Verteilung des Erbes einigen konnten. Ihre letzten europäischen Besitzungen verloren die Türken fast alle im Ersten Balkankrieg 1912/13, und auch im Ersten Weltkrieg setzten sie mit den Mittelmächten auf das falsche Pferd. Dass nur fünf Jahre nach dessen Ende die eigentlich beschlossene Zerschlagung der Türkei null und nichtig und stattdessen deren Wiedergeburt als moderne Republik zu vermelden war, grenzt da tatsächlich an ein politisches Wunder. Zwar war der militärische Weg dorthin äußerst blutig und an einigen Fronten auch von schlimmen Gräueltaten begleitet. Dennoch blickt das 8-Uhr-Abendblatt vom 2. Oktober 1923 mit einigem Respekt in die neue Hauptstadt Angora, das heutige Ankara, und auf den uns als Atatürk bekannten Staatsgründer Mustafa Kemal Pascha. Wie weit man in Deutschland von einem vergleichbaren Aufbruch entfernt war, wie tief man, im Gegenteil, in der politischen und ökonomischen Dauerkrise steckte, verrät einmal mehr der Preis, den man aufwenden musste, um des Abends in der S-Bahn oder Stammkneipe von den Entwicklungen in der fernen Türkei zu lesen: 4 Millionen Mark. Das Wort hat Paula Rosa Leu.

Erschienen: 02.10.2023
Dauer: 00:06:56

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Aida - Erich Kleibers Antritt an der Staatsoper

1. Oktober 1923

Wenn in Musikerkreisen nach den bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts gefragt wird, fällt der Name Kleiber meistens gleich zweimal. Obwohl sein Repertoire so begrenzt und seine Auftritte so selten waren, wird Sohn Carlos (Jahrgang 1930) von hochrangigen Kollegen regelmäßig zum "greatest conductor of all time" gewählt. Aber auch schon Vater Erich (Jahrgang 1890) galt zu Lebzeiten als großer Pultstar. Prägend waren dabei vor allem seine zwölf Jahre an der Berliner Staatsoper, zu deren Musikalischem Leiter er 1923, erst 33jährig, als Nachfolger von Leo Blech berufen wurde. Neben seinen Interpretationen des großen romantischen Opernrepertoires avancierten insbesondere Uraufführungen wie die von Alban Bergs Wozzeck zu Höhepunkten des Weimarer Musiktheaters. Aber auch um das italienische Fach machte sich der hochpolitische Internationalist und Antifaschist Erich Kleiber verdient, unter anderem gleich zu Beginn seiner Ära um Giuseppe Verdis Aida. Was die Deutsche Allgemeine Zeitung, deren Preis am 1. Oktober 1923 auf 3 Millionen Mark geklettert war, davon hielt, weiß Frank Riede.

Erschienen: 01.10.2023
Dauer: 00:06:43

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Wiedersehen mit Eleonora Duse

30. September 1923

Eleonora Duse zählte fraglos zu den größten Theaterschauspielerinnen ihrer Zeit. Einer Zeit, die sich vor einhundert Jahren bereits dem Ende zuneigte, denn „die Duse“ zählte damals bereits 65 Jahre und hatte sich, bedingt durch den Weltkrieg, einen Autounfall und gesundheitliche Probleme, bereits seit einigen Jahren auf der Bühne rar gemacht. Umso größer war allenthalben die Freud , dass eines ihrer seltenen Gastspiele sie im September 1923 noch einmal nach Wien führte, wo sie auf den Robert-Bühnen in der Wasagasse in Tommaso Gallarati Scottis heute zumindest hierzulande vergessenem Volksstück Cosí sia – So sei es – zu erleben war. Die Erinnerungen, die ihr Spiel beim Theaterkritiker Oskar Maurus Fontana weckte, klingen retrospektiv beinahe schon wie ein vorweggenommener Nachruf, denn nur ein gutes halbes Jahr nach diesen letzten Auftritten auf dem europäischen Kontinent starb die Duse am 21. April 1924 auf einer USA-Tournee in Pittsburgh/Pennsylvania. Der Berliner Börsen-Courier vom 30. September 1923 (dessen Morgenausgabe am Kiosk 3 Millionen Mark kostete) und Paula Rosa Leu flechten dieser großen Mimin einen wohlverdienten Kranz.

Erschienen: 30.09.2023
Dauer: 00:12:15

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Werner Bergengruen: Wirklichkeit

29. September 1923

Viele betrachten die Literatur als Spiegel ihrer Entstehungszeit. So lernen wir beim großen Realisten Honoré de Balsac und in seinem 88 Titel umfassenden Zyklus „La comédie humaine“ die französische Gesellschaft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennen. Natürlich erkennen wir Lesenden auch stets Parallelen zu unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Seltener stellen wir uns aber die Frage, welchen Verlauf die in früheren Zeiten verfassten Geschichten eigentlich heutzutage nehmen würden. In der BZ am Mittag vom 29. September 1923 tut genau dies der deutsch-baltische Schriftsteller Werner Bergengruen, der seit 1922 in Berlin journalistisch tätig war. Er nimmt die berühmte Erzählung von Balsac „Das Chagrinleder“ und passt die Story der seinigen Welt an. Es liest für uns Frank Riede.

Erschienen: 29.09.2023
Dauer: 00:08:16

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