Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Das Komplott der Deutschvölkischen

22. März 1923

Die bekanntlich in Bayern entstandene NSDAP war in Norddeutschland vielerorts verboten, so auch in Preußen seit dem 11. November 1922. In der Folge bemühten sich völkische Kreise, einen norddeutschen Arm der Partei zu begründen, unter anderem Namen und offiziell von München unabhängig. Darin tat sich besonders der Freikorpsführer Gerhard Roßbach hervor, der zunächst die Großdeutsche Arbeiterpartei gründete, deren Parteiprogramm von der NASDAP zu weiten Teilen abgeschrieben war und die auch die Hakenkreuzarmbinden führte. Nachdem diese Partei als Tarnorganisation enttarnt worden und ebenfalls verboten war, wanderten Roßbach und die anderen Mitbegründer zur im Dezember 1922 als Abspaltung der DNVP entstandenen Deutschvölkischen Freiheitspartei über, die im März 1923 insgeheim mit der NSDAP eine Gebietsaufteilung absprach, die sie auch zu einer NSDAP Nord- und Mitteldeutschlands machte. Roßbach, der wegen der Organisation von militärischen Banden immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, wurde am 17. März 1923 verhaftet. Ihm wurden Putschpläne und die Planung von Gewaltakten im Ruhrgebiet angelastet. Damit gerieten die Deutschvölkische Freiheitspartei und ihre Reichstagsabgeordneten ins Visier. Auch diese Partei wurde anschließend vom Preußischen Innenminister Carl Severing verboten - doch davon in zwei Tagen mehr. Den Bericht über die Verhaftung Roßbachs aus dem 8Uhr-Abendblatt vom 22. März liest für uns Frank Riede.

Erschienen: 22.03.2023
Dauer: 00:06:58

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Herbert Ihering contra Alfred Kerr

21. März 1923

Dass die beiden Dioskuren der Berliner Theaterkritik in den 1920er Jahren, Alfred Kerr und Herbert Ihering, nicht nur in inhaltlichen Fragen weit auseinanderlagen, sondern einander auch in ausgeprägter persönlicher Abneigung verbunden waren, ist ein offenes Geheimnis. Das teilen sie gewiss mit Kritikerkonkurrenten früherer und späterer Generationen. Dass die beiden im Frühjahr 1923 begannen, ihre Abneigungen in direkten Anschuldigungen und nicht mehr im Umweg über unterschiedliche Beurteilungen in ihren Theaterkritiken auszutragen, erscheint dennoch bemerkenswert. Alfred Kerr hatte Herbert Ihering wegen einer Preisverleihung offenbar der Kumpanei bezichtigt. Dieser wollte das nicht auf sich beruhen lassen, sondern grätschte in einer im Berliner Börsen-Courier vom 21. März veröffentlichten Erklärung offensiv zurück. Dessen Chefredakteur Emil Faktor wollte das seinem wichtigen Autor nicht verwehren, gibt in einer kurzen Vorrede aber sein Befremden über Art und Ton der Auseinandersetzung zu Protokoll. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 21.03.2023
Dauer: 00:06:28

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Die Flucht ins Irrenhaus

20. März 1923

Während sich in dem berühmten Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey und der nicht minder berühmten Verfilmung von Miloš Forman ein Kleinkrimineller in eine Psychiatrischen Klinik vor der Strafverfolgung flüchtet, indem er vorgibt psychisch krank zu sein, flüchtet der österreichische Journalist Leo Lederer ins „Irrenhaus“, um der noch verrückteren Welt da draußen zu entgehen. In der Wiener Klink Steinhof sucht er Abstand von den Nachrichten rund um die Ruhrbesetzung, Börsenspekulationen und der Inflation. Was für Erfahrungen er für das Berliner Tageblatt vom 20. März 1923 festgehalten hat, ob ihm seine Flucht ins “Irrenhaus” gelungen ist und ob die „Irren“ wirklich die „Normalen“ sind, weiß Paula Leu.

Erschienen: 20.03.2023
Dauer: 00:09:33

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Heimaturlaub in Wien

19. März 1923

Der linke österreichische Schriftsteller Stefan Großmann war noch vor dem Ersten Weltkrieg mit seiner Familie nach Berlin übergesiedelt, wo er vielfach publizistisch tätig war und unter anderem seit 1920 gemeinsam mit dem Verleger Ernst Rowohlt die unabhängige, radikaldemokratische Wochenschrift Das Tage-Buch herausgab. Von Zeit zu Zeit überkam ihn aber, scheint’s, doch das Heimweh nach Wien, weshalb ihn keine Reisestrapazen und Grenzerschikanen im Frühjahr 1923 an einem Heimaturlaub hinderten, von dem er im 8-Uhr-Abendblatt vom 19. März Kunde gibt. Der Text enthält an einer Stelle heute ungebräuchliches, da rassistisch konnotiertes Vokabular, ansonsten aber sehr viel Ur-Wiener Kolorit und Schmäh. Paula Leu ist für uns an die Donau gereist.

Erschienen: 19.03.2023
Dauer: 00:11:36

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1848-1923: 75 Jahre Märzrevolution

18. März 1923

Wenn man einmal von den Freien Städten mit ihren mitunter langen Traditionen bürgerlicher Selbstverwaltung absieht, wird der Beginn einer wirklichen deutschen Demokratiegeschichte zumeist erst, sehr spät, auf das Jahr 1848 und die sich mit diesem verbindende sogenannte Märzrevolution samt ihren Folgen taxiert. Kein Wunder also, dass die junge und so gefährdete erste deutsche Republik 75 Jahre später das nur halbrunde Jubiläum nicht überging, sondern in allen Zeitungen des demokratischen Spektrums an die Vorkämpfer für Freiheit und Parlamentarismus emphatisch und nicht ohne einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen erinnerte. Im Berliner Tageblatt tat dies der große linksbürgerliche Leitartikler Ernst Feder. Und für uns folgt ihm darin Frank Riede.

Erschienen: 18.03.2023
Dauer: 00:12:09

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Beobachtungen eines Neutralen im Ruhrgebiet

17. März 1923

Vor fünf Tagen haben wir über die Eskalation der Gewalt im Ruhrgebiet nach dem Tod zweier französischer Offiziere berichtet. Die Berichterstattung in Frankreich und die in Deutschland zu diesen Vorfällen wichen diametral voneinander ab – natürlich unterstellte man sich gegenseitig eine propagandistische Verzerrung. Daher versuchte sich das Berliner Tageblatt am 17. März 1923 an einer Objektivierung und publizierte die Beobachtungen des schwedischen Journalisten Gösta Erlandson, die dieser im Ruhrgebiet gesammelt hatte. Frank Riede sagt uns, wie dieser die Situation vor Ort wahrgenommen hat.

Erschienen: 17.03.2023
Dauer: 00:09:41

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Carl von Ossietzky über das Fernweh in Zeiten schwacher Valuta

16. März 1923

Der große Nazi-Gegner und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky zählte bekanntermaßen von Beginn an zu den prägenden politischen Analysten der Weimarer Republik, und als solcher ist er regelmäßig bereits auch hier im Podcast in Erscheinung getreten – zuletzt erst vor knapp zwei Wochen mit seiner Einschätzung zur französischen Ruhrbesetzung und der Frage, wie weit der lagerübergreifende politische Schulterschluss in diesem Punkt gehen sollte. Etwas weniger bekannt ist, dass sich Ossietzky, nicht selten unter Pseudonym, zwischendurch aber immer wieder auch Ausflüge in leichtere journalistische Genres, etwa die Glosse, gestattete. So geschehen unter anderem am 16. März 1923 in der Berliner Volks-Zeitung, wo er unter der etablierten Maske Lucius Schierling über das Thema Fernweh in Zeiten schwacher Valuta sinnierte und zu einer interessanten Beschreibung eines Eingemauerten-Syndroms gelangte, das man mit den Tagen der frühen Weimarer Republik gar nicht unbedingt in Verbindung gebracht hätte. Es liest Paula Leu.

Erschienen: 16.03.2023
Dauer: 00:05:08

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Wie ein Film ohne Drehgenehmigung entsteht

15. März 1923

Wird heute eine Spielfilm außerhalb der Studios gedreht, so liegen Drehgenehmigungen für die Drehorte vor, und es gibt sogar eine rege Konkurrenz zwischen Regionen und Ländern, gute, also auch günstige, Drehbedingungen anzubieten. Es gibt eine klare Abgrenzung zu unabhängigen “Guerrilla-Filmen”, die ohne Genehmigung und damit am Rande der Legalität drehen. Die Dreharbeiten zum 1922/23 produzierten Abenteuer- und Reisefilm „Die Frau mit den Millionen“ der Schauspielerin und Produzentin Ellen Richter glichen selbst einem Abenteuerfilm, wie wir aus der Neuen Zeit vom 15. März 1923 erfahren. Der von Frank Riede gelesene Artikel beschreibt ein Katz und Maus-Spiel mit den Behörden von Konstantinopel, um an Land zu drehen, wenngleich noch nicht einmal die Erlaubnis vorlag, das Schiff zu verlassen. Auch auf der Rückreise über den Balkan, wurde bei jeder Gelegenheit gefilmt, was vor die Linse geriet, und man rekrutierte kurzerhand Statisten bei der lokalen Bevölkerung, die von dem Autor, oder der Autorin mit heutzutage nicht mehr üblichen, weil diskriminierenden Bezeichnungen tituliert werden.

Erschienen: 15.03.2023
Dauer: 00:12:09

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Von einer tropischen Seereise

14. März 1923

Unser heutiger Text ist zweifellos ein Grenzfall. Die Beobachtungen, die die Verfasserin Alice Schalek auf ihrer Schiffsreise mit dem Dampfer ‘Emil Kirdorf‘ durch den Indischen Ozean über Singapur nach Japan machte und am 14. März 1923 mit dem Publikum der B.Z. am Mittag teilte, triefen aus heutiger Sicht nur so vor rassistischen Vokabeln und Stereotypen. Solche Artikel deswegen aus dem Podcast auszuschließen, hieße aufgrund der omnipräsenten Verbreitung der entsprechenden Sichtweisen und der durch diese kontaminierten Sprache aber, den Blick auf außereuropäische Kulturräume und namentlich den globalen Süden aus seinem Spektrum quasi zu verbannen. Wir haben uns deshalb dafür entschieden, den atmosphärisch gleichwohl ungemein dichten Reisebericht aus den Tropen trotz aller Vorbehalte zu senden. Die Autorin hatte zur damaligen Zeit bereits einen recht prominenten Namen als Kriegsberichterstatterin. Später liebäugelte sie zwischendurch mit dem Kommunismus und emigrierte nach dem sogenannten ‘Anschluss‘ Österreichs als Jüdin und prominente Nazi-Gegnerin 1939 schließlich in die USA, wo sie 1956 verstarb. Es liest Paula Leu.

Erschienen: 14.03.2023
Dauer: 00:10:53

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Eine neue Zeitungsrubrik: Schallplattenkritik

13. März 1923

Neue Medien verändern bekanntlich nicht nur die Welt, sondern, gelegentlich etwas verzögert, auch die der Tageszeitungen. Die Schallplatte war zwar bereits tief im 19. Jahrhundert entwickelt worden, aber bis hinlänglich Menschen ein Abspielgerät besaßen, um eine boomende Schallplattenindustrie entstehen zu lassen, und diese wiederum so viele Produkte so regelmäßig auf den Markt warf, dass es lohnte, die Neuerscheinungen in einer eigenen Rubrik zu besprechen, vergingen noch etliche Jahre. Als die Deutsche Allgemeine Zeitung 1923 diesen Schritt wagte, konnte sie zumindest in der Berliner Presselandschaft diesbezüglich noch als Vorreiterin gelten. In die erste Folge ihrer Phonokritik vom 13. März hat für uns Frank Riede hineingehört.

Erschienen: 13.03.2023
Dauer: 00:07:57

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