Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Pläne für Groß-Altona

19. November 1924

Blankenese, Rissen, Stellingen, Eidelstedt, Groß Flottbek und Klein Flottbek – heutzutage etablierte Hamburger Stadteile, gehörten sie vor einhundert Jahren allesamt noch als Landgemeinden zum weitläufigen Kreis Pinneberg. Offenbar fühlten sie sich dort auch ganz wohl, denn die politischen Pläne, sie – nein, nicht mit Hamburg –, sondern mit der preußischen Stadtgemeinde Altona zu vereinen, stießen, wie wir dem Hamburgischen Correspondenten vom 19. November 1924 entnehmen, allenthalben eher auf wenig Begeisterung. Groß-Altona lautete die dahinter stehende Idee, und tatsächlich sollte diese 1927 in ein Gesetz gegossen und allem Widerstand zum Trotz vollzogen werden. Allzu lang währte der Glanz von Groß-Altona freilich nicht. Bereits elf Jahre später wurde selbiges nun seinerseits vom noch größeren Hamburg geschluckt, was man in Flottbek oder Stellingen, wie wir von Rosa Leu erfahren, bereits 1924 vorgezogen hätte.

Erschienen: 19.11.2024
Dauer: 00:07:55

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Kurt Tucholsky über Bahnhofsvorsteher und sonstiges Spezialistentum

18. November 1924

Es ist schon eine ganze Weile her, dass Kurt Tucholsky zuletzt als Autor hier im Podcast zu hören war. Umso mehr haben wir uns gefreut, sein Pseudonym Peter Panter unter einem Artikel im Hamburger Fremdenblatt vom 18. November 1924 zu entdecken, der den Titel „Der Bahnhofsvorsteher“ trägt. Um die Wirklichkeit auf deutschen Provinzbahnhöfen geht es hier dennoch nicht bzw. nur kurz. Was Panter alias Tucholsky vielmehr interessiert, ist die Differenz von Expertenblick und Laienblick, die déformation professionnelle im Umgang mit Dingen, auf die wir uns spezialisiert haben und die Frage, was uns in dieser Spezialisierung verloren geht. Unser Spezialist für Texte von Kurt Tucholsky ist von jeher Frank Riede.

Erschienen: 18.11.2024
Dauer: 00:07:57

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Die Krawatte - eine Typologie

17. November 1924

Zweimal bereits war der Autor mit dem etwas prätentiös anmutenden Kürzel I.C.H. in den letzten Monaten bei Auf den Tag genau zu erleben, und beide Male verbanden sich in seinen Texten feines feuilletonistisches Florett mit einem leichten ungut misogynen Zungenschlag. Auch seine heutige Glosse aus dem Hamburger Fremdenblatt am Montag, dem 17. November 1924, weist wieder beide Erkennungsmerkmale auf. Dabei ist der Gegenstand seiner diesmaligen Betrachtungen, die Krawatte, nach seinerzeitigen Maßstäben eigentlich ein urmännlicher; was I.C.H. allerdings nicht daran hindert, auf den letzten Metern trotzdem der emanzipierten Frau noch eine mitzugeben. Man und Frau erst recht hätten also alle Gründe, eine Krawatte auf den Artikel zu haben – Rosa Leu liest ihn trotzdem.

Erschienen: 17.11.2024
Dauer: 00:06:48

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Glück auf! Aus dem “befreiten” Dortmund

16. November 1924

Der Dawes-Plan, dem die deutsche Regierung zugestimmt hatte und daran zerbrach, sah das Ende der Französischen Besatzung des Ruhrgebiets vor. Die endgültige Räumung war für den Juli/August 1925 geplant, aus einzelnen Städten zogen sich die französischen und belgischen Truppen bereits schrittweise früher zurück. So wurden Dortmund und die Industriekomplexe in Hörde bereits Ende Oktober wieder an die deutschen Behörden übergeben. Nach langem, zehrendem und letztlich vergeblichem Ruhrkampf, feierte man die wiedergewonnene Souveränität. Die Deutsche Volkspartei hielt eine Versammlung zu diesem Anlass ab, auf der Gustav Stresemann eine beachtete Ansprache hielt. Der Hamburgische Correspondent eröffnete auf der Titelseite mit „Glück auf!“ und reiste nach Dortmund, um von der euphorischen und (zumindest in der Rezeption dieser Zeitung) sehr nationalistischen und patriotischen Stimmung zu berichten. Frank Riede ist mit in den Pott gereist.

Erschienen: 16.11.2024
Dauer: 00:12:11

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Die Wirkung des Nordseeklimas

15. November 1924

Die Heilwirkung des Nordseeklimas ist seit langem bekannt. Dass man bereits in der Kaiserzeit insbesondere Kinder gerne zu entsprechenden Kuren an die Küste zwischen Amrum und Borkum verschickte, weiß nicht nur, wer Else Urys Nesthäkchen-Romane gelesen hat. Was aber waren die nüchtern-physiologischen Gründe für die empirisch evidenten sanatorischen Erfolge? Der Hamburgische Correspondent vom 15. November 1924 bringt uns auf die Höhe der Debatte von vor einhundert Jahren, in der es offensichtlich sehr stark um mentale Gesundheit geht und noch gar nicht – wie heute – um Allergien oder Hauterkrankungen. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 15.11.2024
Dauer: 00:07:43

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Opium

14. November 1924

1924 befasste sich der Völkerbund auf mehreren Opiumkonferenzen mit den Handelsströmen von Betäubungsmitteln. Es geht auch darum, ob der Handel verboten werden sollte, wogegen sich in einigen Ländern die Ärzte wehren, die Opium und seine Derrivate für die Schmerzmedikation als unabdingbar betrachten. Die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 14. November nehmen dies zum Anlass, um über die Herstellung und Wirkung dieses Narkotikums aufzuklären. Um angebliche Unterschiede in der Wirkung von Opium auf verschiedene Bevölkerungen zu erläutern, greift der Artikel auf die damals geläufige Rassentheorie zurück. Trotz dieses rassistischen Konzepts und Vokabulars liest Rosa Leu für uns diesen Text als spannenden Einblick in die Betäubungsmittel-Diskussionen der Zeit.

Erschienen: 14.11.2024
Dauer: 00:08:23

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Die Hamburger Erstaufführung von Richard Strauss’ ‘Intermezzo’

13. November 1924

Dass Richard Strauss in den Jahren der Weimarer Republik der in Deutschland meistgespielte zeitgenössische Opernkomponist war, bedeutete nicht, dass alle seine Uraufführungen große Erfolge wurden. Seiner „bürgerlichen Komödie“ Intermezzo beispielsweise, mit der sich der Komponist selbst zum 60. Geburtstag beschenkte, war kein durchschlagender Erfolg beschieden. Zu den Kritikern dieses Werkes zählte nicht nur Strauss‘ etatmäßiger Librettist Hugo von Hofmannsthal, der des Komponisten Versuch, diesmal selbst den Text zu seiner Oper zu verfassen, für wenig gelungen hielt. Auch der Kritiker Rudolf Philipp, der am 13. November 1924 im Hamburger Anzeiger die hanseatische Erstaufführung des wenige Tage zuvor in Dresden welturaufgeführten Opus besprach, empfand Intermezzo eher als Peinlichkeit. Wie Strauss hier seine eigene Ehe auf die Bühne brachte und warum das dem Rezensenten viel zu privat war, erläutert uns Frank Riede.

Erschienen: 13.11.2024
Dauer: 00:10:00

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Auf Darwins Spuren ins Paradies Galapagos

12. November 1924

Die Internationalität der Hamburger wie der Berliner Tageszeitungen aus den 1920er Jahren erstaunt uns immer wieder aufs Neue. Kaum ein Winkel der Welt, in den uns die Reisejournalisten jener Zeit in den vergangenen knapp fünf Jahren noch nicht entführt haben. Und wenn doch, wird das vermutlich nicht mehr lange so bleiben. Auf den Galapagos-Inseln vor der Küste Ecuadors waren wir tatsächlich bislang noch nicht, aber das wollten die Harburger Anzeigen und Nachrichten offenbar nicht länger auf sich sitzen lassen. Zwar hat man keinen eigenen Korrespondenten dort hinschicken können, dafür aber einen Reisereport des amerikanischen Forschers William Beebe so ergriffen rezipiert, dass es am 12. November 1924 im Bericht darüber mit der Erzählerperspektive zwischen dritter und erster Person munter durcheinander geht. Für uns auf Darwins Spuren ins Paradies begibt sich Rosa Leu.

Erschienen: 12.11.2024
Dauer: 00:07:49

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Nachtstücke aus den Hamburger Revolutionstagen

11. November 1924

Als sich Ende Oktober 1918 Matrosen in Wilhelmshaven weigerten im Rahmen eines sicher verlorenen Krieges gegen die britische Flotte, und damit in den sicheren Tod, auszulaufen, begann eine Entwicklung, die sich über das ganze Deutsche Reich ausweitete und in die Geschichte als Novemberrevolution einging. Um die sich ausweitende Meuterei zu unterdrücken wurden Teile der Truppen nach Kiel verlegt, wo sich die dortigen Arbeiter und Soldaten mit ihnen solidarisierten und die rote Fahne der Revolution in der Stadt hissten. In der Nacht vom 5. auf den 6. November schwappte die Revolution auf Hamburg über, eine Gruppe von Soldaten entwaffnete die Boote im Hafen und gewannen die Besatzungen für die Sache. Anschließend wurde der Elbtunnel, der Hauptbahnhof und das Gewerkschaftshaus besetzt und in einem blutigen Kampf die Kaserne eines reichsstreuen Regiments in der Bundesstraße eingenommen. Der Hamburger Anzeiger vom 11. November druckte einen Artikel, gezeichnet mit dem Pseudonym „Spectator“, ab, in dem an die Revolutionsnächte in Hamburg erinnert wurde. Frank Riede stürzt sich für uns in die Wirren der Hamburger Revolutionstage.

Erschienen: 11.11.2024
Dauer: 00:11:03

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St. Pauli einst und jetzt

10. November 1924

Der Mythos des heutigen Hamburger Stadtteils St. Pauli reicht weit ins 19. Jahrhundert zurück, als die seit 1833 so bezeichnete Gegend noch außerhalb der nächtens geschlossenen Stadttore lag – und wohl gerade deshalb dazu prädestiniert war, sich zum bevorzugten Aufenthalts- und Vergnügungsort für die in Hamburg vor Anker liegenden Seeleute zu entwickeln. Unser heutiger Artikel aus den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 10. November 1924 zeichnet diese Geschichte nach und belegt, dass St. Pauli damals – entgegen anderslautender Berichte in der internationalen Presse – noch immer oder wieder ein buchstäblich weltoffener Tummel-, Feier- und Begegnungsplatz für Menschen aus allen denkbaren Weltgegenden war. Als historischer Text verwendet eben dieser dabei auch die ein oder andere Vokabel, die heutzutage nicht mehr gebräuchlich ist bzw. als diskriminierend empfunden wird und nähert sich auch der Prostitution auf St. Pauli aus gewohnt patriarchaler Perspektive. Es liest Rosa Leu.

Erschienen: 10.11.2024
Dauer: 00:08:12

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