19. August 1923
Anfang der 1920er Jahre stand der literarische Expressionismus noch immer in voller Blüte, und Kurt Pinthus, Herausgeber der berühmten Anthologie Menschheitsdämmerung erinnerte sich später rückblickend in einem berühmten Bonmot sehnsüchtig an jene Zeit, in der „viel gebechert, gewerfelt und gezecht worden“ sei. Während uns Johannes R. Becher, nicht zuletzt durch seine spätere politische Tätigkeit als Kulturfunktionär in der jungen DDR, und Franz Werfel wegen einiger sehr populär gebliebener Romane noch immer sehr geläufig sind, ist der große Lyriker und produktive Dramatiker Paul Zech ein wenig in Vergessenheit geraten. 1933 ins südamerikanische Exil geflohen und dort 1946 in Buenos Aires verstorben, ist er wie so viele Exilautoren nie wirklich wieder entdeckt worden. Dass das durchaus lohnen würde, belegt ein kleiner Prosatext aus dem Berliner Tageblatt vom 19. August 1923, für uns gelesen von Frank Riede.
Erschienen: 19.08.2023
Dauer: 00:09:47
Weitere Informationen zur Episode "Zwischenfälle mit Paul Zech"
18. August 1923
Dass die Filmproduktionen den Wert von Berichten von Dreharbeiten, spektakulären Sets oder aufwändigen Reisen für die Vermarktung entstehender Filme erkannt hatten, ist an dieser Stelle schon deutlich geworden. So überrascht es nicht, dass die Vossische Zeitung den Regisseur Fritz Lang bei seinem Dreh zu dem Zweiteiler „Die Nibelungen“ besuchte, der erst 1924 seine Premiere feierte. Für den Film, der in die Filmgeschichte eingehen würde, hatte Fritz Langs damalige Ehefrau Thea von Harbou das Drehbuch geschrieben. Der zweite Teil mit dem Titel „Kriemhilds Rache“ gipfelt in dem Gemetzel am Hofe des Hunnenfürsten Etzel, wohin Kriemhild ihre Verwandtschaft lockt, um blutige Gerechtigkeit für Siegfrieds Ermordung zu erlangen. Colin Roß, der die Vossische eigentlich mit seinen Reiseberichten aus fernen Ländern belieferte, reiste also zu den Hunnen nach Potsdam-Babelsberg und gab einen sehr lebendigen Eindruck davon, wie Stummfilm-Dreharbeiten abliefen. Wer sich dafür interessierte, musste am 18. August 1923 für die Ausgabe der Zeitung schon 50.000 Mark berappen. Roß, der in diesem Podcast öfter mit seinem rassistischen Blick auf die besuchten Regionen, negativ aufgefallen war, bestätigt diese Geisteshaltung leider auch in diesem Text, mit einem despektierlichen Blick auf die Hunnen. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 18.08.2023
Dauer: 00:10:36
Weitere Informationen zur Episode "Mit Fritz Lang an König Etzels Hof"
17. August 1923
Viele Jahrhunderte lang war Palästina, nun ja, der Herrgottswinkel des Osmanischen Reiches, außer von durchziehenden Beduinen und ein paar Gläubigen der verschiedenen monotheistischen Weltreligionen, die es nach Jerusalem zog, von der Weltgeschichte weitgehend unbeachtet. Dies hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts geändert. Nicht nur war Palästina nach dem für die Türkei verlorenen Ersten Weltkrieg als sogenanntes „Mandatsgebiet“ an Großbritannien gefallen; seit dem Aufkommen der zionistischen Bewegung zog es zudem Juden aus den verschiedenen Ecken Europas in das ‘Heilige Land‘, die sich dort zunächst in kleinen Einheiten, vor allem den berühmten Kibbuzim, ansiedelten und mit ihrem Pioniergeist das Land spürbar veränderten. Das zumindest beobachtet der Wiener Publizist Arnold Höllriegel, der das Land 1923 bereits zum zweiten Mal bereiste und gegenüber seinem ersten Besuch neun Jahr zuvor kaum wiedererkannte. Seinen Bericht über das Kalifornien am Mittelmeer aus dem Berliner Tageblatt vom 17. August liest für uns Frank Riede.
Erschienen: 17.08.2023
Dauer: 00:08:29
Weitere Informationen zur Episode "Mit Arnold Höllriegel in Palästina"
16. August 1923
Die sogenannte ‘Kleinasiatische Katastrophe‘ ist in Griechenland auch nach einhundert Jahren noch tief im kollektiven Gedächtnis eingebrannt: In Folge des verlorenen griechisch-türkischen Krieges verlor man 1922 nicht nur alle anatolischen und ostthrakischen Gebiete, die Griechenland eigentlich in Konsequenz des Ersten Weltkriegs hätten zufallen sollen. Darüber hinaus mussten auch mehr als eine Million Menschen auf griechischer Seite – und ca. 400.000 auf türkischer – ihre teilweise seit Jahrhunderten angestammte Heimat verlassen und sich mittellos in ihrem „Mutterland“ eine neue Existenz aufbauen. Die nachträglich im Friedensvertrag von Lausanne getroffenen Vereinbarungen änderten an dieser Situation wenig bzw. setzten die im Krieg begonnene Politik der Vertreibung sogar noch weiter fort. Die Herausforderungen die sich für den kleinen und noch wenig entwickelten griechischen Nationalstaat daraus ergaben, streift der Artikel der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 16. August 1923 zumindest am Rande, fokussiert des Weiteren aber auch auf sich hier möglicherweise eröffnenden Chancen für den deutschen Import/Export. Statt von Völkern oder Ethnien spricht der Text, irritierend aber nicht zeituntypisch, meist von Rassen. Was er darüber hinaus zu sagen hat, weiß Frank Riede.
Erschienen: 16.08.2023
Dauer: 00:09:42
Weitere Informationen zur Episode "Griechenland nach dem Frieden von Lausanne"
15. August 1923
Die Ausgabe der Berliner Volks-Zeitung vom 15. August 1923 konnte für 20.000 Mark erworben werden. Doch konnte sie auch mit sogenanntem Notgeld bezahlt werden? Offensichtlich wurde die Welt der finanziellen Transaktionen in Deutschland immer unübersichtlicher, da die Firmen, die von den Banken nicht rechtzeitig das Geld bekamen, um die Löhne der Arbeiter:innen auszuzahlen, dazu übergingen, eigenes Geld auszugeben, und sich um eine Akzeptanz dieses Notgeldes zumindest in Lebensmittelgeschäften bemühten. Doch das gelang nicht immer, wie Hans Bauer in seinem sehr persönlichen Erlebnisbericht schildert, den Paula Rosa Leu für uns einliest.
Erschienen: 15.08.2023
Dauer: 00:04:43
14. August 1923
Wie definiert man den Tod eines Menschen? Das ist eine Frage, an der sich noch heute die Geister scheiden. Der klinische Tod wird aktuell über den irreversiblen Ausfall der Hirnfunktion gefasst. Aber je genauer man den Zeitpunkt zu fassen versucht, umso komplizierter wird es, reagiert doch das Rückenmark noch eine ganze Weile nach dem „Hirntod“ auf äußere Reize. Unter der Frage: Wie entsteht der Tod? fasste das 8 Uhr-Abendblatt vom 14. August 1923 die damalige Forschungsdiskussion zusammen. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 14.08.2023
Dauer: 00:06:46
13. August 1923
Im August 1923 steuerte die Weimarer Republik auf ihre bis dahin größte Krise zu, bei der selbst ihr Fortbestand auf dem Spiel stand. Die Inflation hatte sich zur Hyperinflation entwickelt, der passive Widerstand in den besetzten Gebieten, der zunächst parteiübergreifend befürwortet wurde, stellte sich als Sackgasse heraus und musste aus wirtschaftlichen Gründen beendet werden. Und es war unklar, wie sich bei einem weiteren Putsch von rechts die Reichswehr verhalten würde. In dieser schwierigen Phase strebten die bürgerlichen und konservativen Kreise, die mit dem Kabinett Cuno die Regierung stellten, zunehmend eine „große“ Koalition mit der SPD an, damit diese die unpopulären Entscheidungen, die nun anstanden, mitzutragen hätte. Die SPD war dazu bereit, wollte aber keineswegs den Kanzler stellen. Und so stand sehr früh der Mitbegründer der nationalliberalen Deutschen Volkspartei Gustav Stresemann als Reichskanzler fest. Am 13. August bildete sich also das Kabinett Stresemann, das in der Form bis zum Oktober desselben Jahres Bestand haben sollte. Die Vossische Zeitung dieses Tages, die für 20.000 Mark zu erwerben war, stellt den neuen Kanzler vor. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 13.08.2023
Dauer: 00:08:46
Weitere Informationen zur Episode ""Große Koalition" mit Reichskanzler Stresemann"
12. August 1923
Die Sonntagsausgabe des Berliner Tageblatts kostete am 12. August 1923 inflationsbedingt bereits 30.000 Mark, aber das Alltagsleben, entnehmen wir selbiger, ging dennoch nicht nur zu Lande, sondern auch zu Wasser über weite Strecken noch einen recht normalen Gang. Angler, Paddler und Motorbootführer bevölkerten eifrig die berlin-brandenburgischen Gewässer und hielten sich dabei durchaus nicht alle immer an die dort geltenden Regeln. Zum Glück gibt es eine Wasserschutzpolizei, die damals noch Reichswasserschutz hieß und die Fischereilizenzen und Geschwindigkeitsbegrenzungen überwachte. Begleitet auf seiner abendlichen Patrouille durch Potsdam und den Südwesten von Groß-Berlin, durch Havel, Wann- und Griebnitzsee hat diesen Reichswasserschutz für uns Paula Rosa Leu.
Erschienen: 12.08.2023
Dauer: 00:09:40
Weitere Informationen zur Episode "Mit dem Reichswasserschutz auf Patrouille in den Havelssen"
11. August 1923
Gestern berichteten wir noch über die Konsequenzen, die das Zeitungsgewerbe aufgrund der Inflation ziehen musste. Heute blicken wir mit der Ausgabe des Berliner Tageblatts vom 11. August 1923, die 15 Tausend Mark kostete, auf gewaltsame Proteste gegen die Teuerung der Lebensmittel, die sich offensichtlich zeitgleich über das ganze Reichsgebiet verteilt ereigneten. Im oberschlesischen Ratibor, im niederrheinischen Krefeld und in Hamburg war es zu Plünderungen und Zusammenstößen gekommen, bei denen es mindestens acht Todesopfer und unzählige Verletzte zu beklagen gab. Von diesen Teuerungskrawallen berichtet für uns Frank Riede.
Erschienen: 11.08.2023
Dauer: 00:06:06
10. August 1923
Tageszeitungen gelten oder galten jedenfalls in vor-digitalen Zeiten ihren Leser*innen klassisch als Fenster zur Welt – aber trivialerweise gehören sie natürlich zugleich immer auch zu der Welt, auf die sie berichtend, analysierend, kommentierend und glossierend verweisen. Entsprechend beherrschte die Hyperinflation im Sommer 1923 die Berliner Blätter längst nicht mehr nur thematisch, sondern schlug sich auch in ihren ständig rasant steigenden Verkaufspreisen nieder. Zumindest die Berliner Börsen-Zeitung berechnete ihren Kund*innen das Abonnement offenbar monatlich und kam dabei im Laufe des August ob galoppierender Papier- und gewiss auch Personalkosten in so große Kalamitäten, dass sie sich bereits am 10. August gezwungen sah, sich auf der Titelseite direkt an ihr Publikum zu wenden und aus aktuellem Anlass eine außerplanmäßige satte Preiserhöhung zur Monatsmitte anzukündigen. Wieviel der Blick durchs Fenster fortan kosten sollte, weiß Paula Rosa Leu.
Erschienen: 10.08.2023
Dauer: 00:04:32
Weitere Informationen zur Episode "Die Hyperinflation erreicht die Zeitungspreise"