28. September 1923
Fake News sind keine Erfindungen der digitalen Moderne des 21. Jahrhunderts, sondern prägten bekanntlich bereits auch schon die politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik. Die Frage, wie 1918 der Krieg zu Ende gegangen war und wer damals wofür welche Verantwortung trug, bestimmte fünf Jahre später nachhaltig die Bewertung der aktuellen Misere und wurde nicht nur mit entsprechend harten Bandagen, sondern teilweise auch mit dreisten Lügen und Verdrehungen geführt. Philipp Scheidemann, einer der Väter der immer noch jungen Republik, setzt in diesem Zusammenhang auf die Kraft der Aufklärung und die demokratische Presse, wie etwa das 8-Uhr-Abendblatt, in dem er sich am 26. September 1923 selbst zu Wort meldet und den „Kampf gegen die Schuldlügen“ aufnimmt. Das 8-Uhr-Abendblatt war immer noch etwas teurer als die meisten anderen Blätter und kostete heute vor einhundert Jahren bereits 4 Millionen Mark. Aufklärung ganz ohne Bezahlschranke gibt es bei uns durch Paula Rosa Leu.
Erschienen: 28.09.2023
Dauer: 00:09:30
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27. September 1923
Am 26. September 1923 passierte, was sich schon eine Weile angekündigt hatte. Reichskanzler Stresemann verkündete das Ende des Ruhrkampfes. Von Beginn des passiven Widerstandes an hatte die Regierung Cuno die Löhne von etwa 2 Millionen Arbeiter:innen im Ruhrgebiet übernommen, aber um diese Belastung tragen zu können, dabei kräftig die Gelddruckmaschine angeworfen, was die Inflation weiter verschärfte. Auch wenn die rechten Parteien wieder „Verrat“ schrien, war auch ihnen klar, dass die Situation nicht mehr tragbar war. In der Morgenausgabe der Berliner Volks-Zeitung vom 27. September, die 2,5 Millionen kostete, ließ Carl von Ossietzky den Ruhrkampf Revue passieren und analysierte sein Scheitern. Frank Riede verleiht ihm seine Stimme.
Erschienen: 27.09.2023
Dauer: 00:08:35
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26. September 1923
Manches war am Bahnreisen vor einhundert Jahren gewiss angenehmer. Dass die Verspätungsquote günstiger ausfiel als heute bei der DB, ist schwer anzunehmen. Und wenn man doch einmal – planmäßig oder außerplanmäßig – länger am Bahnhof warten musste, gab es tatsächlich noch so etwas wie Bahnhofsgastronomie. Einem Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 26. September (Kostenpunkt mittlerweile schlappe 4 Millionen Mark) entnehmen wir, dass die Bahnhofsgaststätten in manchen Orten in puncto Qualität und Service gar die sonstigen örtlichen Wirtshäuser in den Schatten gestellt hätten. Wie ihr System organisiert war und wie die Bahn die Versorgung der Zugreisenden sicherstellte, erfahren wir von Paula Rosa Leu.
Erschienen: 26.09.2023
Dauer: 00:11:53
Weitere Informationen zur Episode "Die Organisation der Bahnhofsgaststätten"
25. September 1923
In den Berliner Redaktionsstuben der 1920er Jahre saßen wahrlich viele berühmte und bedeutsame Persönlichkeiten, aber zu den vormals mächtigsten Menschen der Welt durfte sich mutmaßlich nur einer von ihnen zählen: Zugegeben, die historische Stunde, da Alexander Kerenski in unterschiedlichen offiziellen Funktionen die Geschicke Russlands bestimmte, fiel reichlich kurz aus – zwischen der Februarrevolution und der Oktoberrevolution lag bekanntlich kaum mehr als ein halbes Jahr. Und seine anschließende Flucht führte ihn zwischen Paris, Prag, London und New York auch nur sehr kurzzeitig nach Berlin. Ein Autor des 8-Uhr-Abendblattes nahm Kerenskis hier fortgesetzte Tätigkeit als Herausgeber zweier russischer Exilzeitungen am 25. September 1923 jedoch zum Anlass, den prominenten Kollegen an der Spree zu begrüßen und seine historische Rolle zwischen Zarenreich und Bolschewistenherrschaft in Erinnerung zu rufen. Für uns studiert hat sie Frank Riede.
Erschienen: 25.09.2023
Dauer: 00:13:11
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24. September 1923
Dass sich die Weimarer Republik im Herbst 1923 in einer existenziellen Krise befand, dürfte damals für alle Menschen offenkundig gewesen sein und auch für die regelmäßigen Hörer:innen unseres Podcasts als bekannt vorausgesetzt werden. Die Hyperinflation, die den Preis der Vossischen vom 24. September auf eine Million getrieben hatte, das Scheitern des Ruhrkampfes und die Angst vor separatistischen Bewegungen brauten sich zu einem explosiven Gemisch zusammen. So warnt der Leitartikel der Vossischen vor einem Bürgerkrieg, verursacht durch die immer offener und dreister auftretenden rechten Kampfbünde. Diese Gefahrenanalyse dazu, von wo die Putschversuche zu erwarten waren, sollten sich ja bewahrheiten, denn schon eine Woche später kam es zum Putschversuch in Küstrin, doch dazu in einer kommenden Folge. Paula Rosa Leu warnt nun also vor der Gefahr für das Reich.
Erschienen: 24.09.2023
Dauer: 00:09:35
23. September 1923
Wenn die Hyperinflation ihren Lauf nimmt, die Sonntagsausgabe des Berliner Lokal-Anzeigers vom 23. September 1923 schon 2 Millionen kostet, ist es dann angemessen, in den Kaufhäusern üppigste Schaufenster-Auslagen mit Produkten zu inszenieren, die sich nur noch eine immer kleiner werdende Gruppe leisten kann? Diese Frage beantwortete der Journalist und Schriftsteller Friedrich Hussong und formulierte dabei eine „Ethik des Schaufensters“. Hussong ist eine problematische Figur innerhalb der Weimarer Presselandschaft. Er gilt als strammer Demokratiefeind, der als Journalist versuchte, die Positionen der Deutschnationalen Volkspartei zu propagieren und später in einen publizistischen Wettbewerb mit Joseph Goebbels trat, in dem es sozusagen darum ging, wer das Patent für Hetze gegen die Weimarer Republik hält, DNVP oder NSDAP. Während der NS-Zeit verlor er an Bedeutung und verstarb 1943, kann aber, laut Peter de Mendelssohn, als ein Wegbereiter der rechten Demagogie gelten. Frank Riede betrachtet dennoch mit ihm zusammen die Schaufenster von Weimar.
Erschienen: 23.09.2023
Dauer: 00:12:10
22. September 1923
Der Vorname des heutigen Autors geht auf das Altgermanische zurück und bedeutet entweder „Edel-Wolf“, oder „Vater-Wolf“. Das wird er aber wahrscheinlich viel besser gewusst haben, denn er schrieb im September, Oktober 1923 für die Berliner Morgenpost eine lose Artikel-Reihe mit dem Titel „Nachdenkliches über die Namen“. Dr. Adolf Heilborn versammelt dort Kurioses und Informatives über Namens-Moden und eben -bedeutungen. 1873 in Berlin geboren, studierte er Medizin, machte eine Weltreise als Schiffsarzt und lies sich dann als Arzt, Redakteur und Übersetzer in Berlin nieder. Gerade seine populärwissenschaftlichen Werke, zu denen im weiteren Sinne auch der heutige Artikel zu zählen ist, erfreuten sich großer Beliebtheit. Wegen seiner jüdischen Herkunft ereilte ihn 1935 allerdings ein Berufsverbot. Er starb im Oktober 1941, wobei nicht geklärt ist, ob er Selbstmord beging oder nicht. Aus der Ausgabe vom 22. September, die für 1,5 Millionen Mark zu erwerben war, liest für uns Paula Rosa Leu.
Erschienen: 22.09.2023
Dauer: 00:08:31
Weitere Informationen zur Episode "Nachdenkliches über Namen"
21. September 1923
Wer sich am 21. September 1923 ein 8-Uhr-Abendblatt leisten wollte, musste dem Zeitungsverkäufer dafür bereits stolze 1,5 Millionen Mark in die Hand drücken. Man kann sich denken, dass dies in Zeiten galoppierender Inflation für besagten Zeitungsverkäufer mehr noch als sonst ein sauer verdientes Geld war, weshalb es nur recht und billig ist, dass eben dieser Zeitungsverkäufer, als systemrelevanter Faktor des damaligen Pressewesens – und damit auch für unseren nachgeborenen Podcast –, in besagtem 8-Uhr-Abendblatt vom 21. September 1923 endlich einmal als Gegenstand einer feuilletonistischen Betrachtung Eingang auch in das Blatt fand. Herausgekommen ist eine kleine Typologie, die man freilich auch als kleine Belehrung lesen konnte. Wer am Ende seiner Schicht auf Exemplaren sitzengeblieben war, konnte hier von einem in diesen Dingen sicherlich unbedingt kompetenten Redakteur also zumindest noch erfahren, warum er Minus gemacht hatte und wie sich das in Zukunft vielleicht vermeiden ließ ... Auf den Tag genau braucht keine Verkäufer, unsere Multiplikatoren sind unsere Sprecher, heute: Frank Riede.
Erschienen: 21.09.2023
Dauer: 00:08:16
Weitere Informationen zur Episode "Zeitungsverkäufer - eine kleine Typologie"
20. September 1923
Wer sich am 20. September 1923 trotz der Inflation finanziell noch über Wasser halten konnte, hatte die Gelegenheit, für 600.000 Mark die Berliner Volks-Zeitung zu erwerben und dort Interessantes über die Pioniere des Wassersports zu erfahren. Sowohl Duke Kahanamoku aus Honolulu auf Hawaii, der die kürzeren Distanzen der Schwimmwettbewerbe mehrerer Olympischer Spiele dominierte und als einer der zentralen Propagatoren des modernen Surfens betrachtet wird, als auch der erste Mensch, der die 100 Meter unter einer Minute schwamm, werden erwähnt. Bei Letzterem handelt es sich um Johnny Weissmüller, der zehn Jahre später weltweit Ruhm erlangen sollte in seiner Rolle als Tonfilm-Tarzan - mit seinem halbgejodelten Tarzan-Schrei. Den gibt Paula Rosa Leu nicht zum besten, liest für uns aber über die schnellsten Schwimmer 1923.
Erschienen: 20.09.2023
Dauer: 00:09:32
Weitere Informationen zur Episode "Der schnellste Schwimmer der Welt"
19. September 1923
Ob mit seinen ortskundigen Reiseberichten aus Palästina, launigen Feuilletons aus dem Wiener Zoo oder bissigen Satiren über das faschistische Italien – Arnold Höllriegel ist ein so regelmäßiger wie gern gesehener Gast in unserem kleinen Podcast. Am 19. September 1923 hatte es ihn für das Berliner Tageblatt nach Genf verschlagen, wo er von einer durchaus dramatischen Sitzung des Völkerbundes wegen der italienischen Aggression gegen das griechische Korfu berichtet. „Dramatisch“ meint dabei zum einen den Ernst der politischen Lage. Zum anderen wird das Zusammentreffen der hohen Diplomaten dank Höllriegels feinsinniger Beobachtungsgabe aber auch zu einem spannungsvollen Bühnenspiel. An zwei Stellen enthält der Text zeittypische, heute aber als anstößig empfundene ethnophaulistische Formulierungen. Wir entnehmen ihn der allmittwöchlich erscheinenden Auslandsausgabe des Berliner Tageblatts, deren Preis von der galoppierenden Inflation in Deutschland mithin entkoppelt war. Er belief sich in der Tschechoslowakei beispielsweise auf 80 Kronen, in der Türkei auf 4 Pfund und in Uruguay auf 6 Peso oro. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 19.09.2023
Dauer: 00:09:18