4. September 1925
Es war eine große Menschheitsutopie: Wo über Grenzverläufe und Staatszugehörigkeiten bislang überwiegend ein paar Großmächte entschieden – bald in kriegerischen Schlachten, bald diplomatisch am Konferenztisch –, sollten derartige Fragen nach dem Ersten Weltkrieg durch den neugegründeten Völkerbund geklärt und dabei die Interessen aller Staaten und Menschen gleichermaßen berücksichtigt werden. Dass dies erwartungsgemäß nicht konfliktfrei abging und es auch nach bald sieben Jahren des Friedens noch ein paar harte Nüsse zu knacken gab, davon handelt der nachfolgende Artikel aus dem Hamburger Anzeiger vom 4. September 1925. Deutsche Themen streift der Text dabei nur am Rande, in seinem Zentrum steht vielmehr die Lösung der sogenannten Mossul-Frage, bei der es nicht zuletzt um gewinnträchtige Bodenschätze ging. Dass der Blick auf die arabische Welt nicht nur in den europäischen Staatskanzleien, sondern auch in den Redaktionsstuben noch immer arg kolonialistisch geprägt war, geht nicht nur aus despektierlichen Formulierungen des Artikels über den Kulturstand im Irak hervor, sondern auch aus den mindestens um das Zehnfache zu niedrig eingeschätzten Einwohnerzahlen Mossuls und Basras, die hier genannt werden. Das Wort hat Frank Riede.
Erschienen: 04.09.2025
Dauer: 00:10:59
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3. September 1925
Slavoma, Florida, L’onde. Was ist das? Diese Frage vermögen heutzutage vermutlich nur mehr Tanzhistorikerinnen und -historiker zu beantworten. Vor einhundert Jahren, am 3. September 1925, versuchte sich daran auch die Schiffbeker Zeitung. So richtig überzeugt scheint die anonyme Autorenstimme von der mit den entsprechenden Namen zu identifizierenden Welle nach Deutschland drängender Modetänze zwar nicht; zwischenzeitlich klingt der Text doch sehr nach Kohlrouladen und Kartoffelsuppe. Am Ende steht aber doch ein freundliches Chacun respektive Cacune à son goût. Und wonach Slavoma, Florida und L’onde klangen – weniger, wie man sich dazu bewegte –, erfahren wir ungefähr auch – von Rosa Leu.
Erschienen: 03.09.2025
Dauer: 00:05:44
Weitere Informationen zur Episode "Slavoma, Florida, L’onde - Modetänze der Zwanziger Jahre"
2. September 1925
„Das ist doch ein anständiges Stück, das muss man doch nicht so spielen!" – Dieser Zwischenruf hat zweifellos Hamburger Theatergeschichte geschrieben. Sein Absender war niemand Geringeres als der ehemalige Erste Bürgermeister der Stadt Klaus von Dohnanyi, und er galt der Neuinszenierung des Stückes Liliom von Ferenc Molnár durch den Regisseur Michael Thalheimer am Thalia Theater im Jahr 2000. An exakt selber Stelle war ein Dreivierteljahrhundert vorher auch die Hamburger Erstaufführung des Stückes über die Bühne gegangen. Klaus von Dohnanyi kam erst drei Jahre später zur Welt, kann sie also schwerlich aus eigener Anschauung gekannt haben. Die Vorstellung von einem „anständigen“ Liliom, auf die er mit seinem Protest rekurrierte, verdankt sich jedoch, neben der Interpretation der Rolle durch Hans Albers, gewiss auch jener damals zu besichtigenden von Max Pallenberg, die nicht nur der Hamburgische Correspondent vom 2. September 1925 für mustergültig hielt. Andere Darsteller und vor allem Darstellerinnen kamen in dieser Rezension indes nicht so gut weg, wie wir von Frank Riede erfahren.
Erschienen: 02.09.2025
Dauer: 00:06:31
1. September 1925
Dem anrückenden Herbst entfliehen und den Sommer in südlicheren Gefilden verlängern – Hermann Hesse liebäugelt mit diesem Gedanken schon am 1. September des Jahres 1925 im Hamburgischen Correspondenten und erläutert, warum er diesem Gelüst dann doch nicht nachgibt. Er tut dies allerdings nicht, ohne sich nicht dennoch zwischendurch wegzuträumen, bald nach Italien, bald nach Nordafrika, dessen Reize er zumindest an einer Stelle mit einem heute nicht mehr gebräuchlichen, weil rassistischen konnotierten Begriff skizziert, der damals in diesem Kontext allerdings weithin üblich war. Warum Hesse sich nicht auf den Herbst, dann aber doch an ihm erfreut, erfahren wir von Rosa Leu.
Erschienen: 01.09.2025
Dauer: 00:10:35
Weitere Informationen zur Episode "Hermann Hesse über den Herbst"
31. August 1925
Was passierte heute auf den Tag genau vor soundsoviel Jahren – dieses Spiel spielen wir mit Euch seit über fünfeinhalb Jahren und fast 2000 Episoden. Erfunden haben wir das natürlich nicht, vielmehr haben auch schon die Zeitungen, die wir durchforsten, solche Rückblicke getätigt und dabei nur gelegentlich andere Zeitintervalle und Formate gewählt als wir. Der Hamburgische Correspondent beschäftigte sich am 31. August 1925 – also, Überraschung, heute vor auf den Tag genau einhundert Jahren – mit ausgewählten und überraschenderweise zumeist dezimal unspezifischen Jahrestagen der angelaufenen Woche. Einen Auszug daraus verliest für uns, auf den Tag genau einhundert Jahre später, Frank Riede.
Erschienen: 31.08.2025
Dauer: 00:07:09
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30. August 1925
Anna Blos, 1866 als Anna Tomaczewska im niederschlesischen Legnica, deutsch Liegnitz, geboren, studierte an der Humboldt-Universität Berlin Geschichte, Literatur und Sprachen und war danach als Lehrerin, ab 1905 in Stuttgart, tätig, trat aber auch in die SPD ein und in die aktive Politik. Sie war Verfechterin des Frauenwahlrechts und 1919 die einzige aus Württemberg in die Weimarer Nationalversammlung gewählte Frau. Wie sehr sie auch juristische Benachteiligungen der Frauen umtrieben, belegt der heutige Artikel, den sie im Hamburger Echo vom 30. August 1925 veröffentlichte. Damals konnten laut Gesetz Ehen nicht einfach geschieden werden, weil beide Seiten eine Scheidung wünschten. Es mussten vielmehr Scheidungsgründe herbeigeführt werden. Und bei all den dafür üblichen Strategien waren nicht nur ganz grundsätzlich die weniger wohlhabenden Schichten benachteiligt, sondern auch insbesondere die Frauen. Woran das lag schildert Anna Blos und für uns Rosa Leu.
Erschienen: 30.08.2025
Dauer: 00:07:07
Weitere Informationen zur Episode "Anna Blos über die Benachteiligung der Frauen bei Ehescheidungen"
29. August 1925
Im Hamburgischen Correspondenten vom 29. August 1925 stellte sich Stefan Fingal, ein Freund Joseph Roths, der mit ihm 1920 nach Berlin gekommen war und mit ihm 1933 nach Paris ins Exil weiterziehen sollte, die Frage, was eigentlich einen Filmklassiker ausmacht. Die Kunstform war verhältnismäßig jung, konnte man also schon zeitlose Werke identifizieren? Ein Kriterium bestand für ihn darin, dass das Kunstwerk erst Jahre später wirklich populär wird und nicht schon bei erscheinen. Welcher Film war also seiner Zeit voraus und hatte bestand auch gegen die rasch aufeinanderfolgenden technischen Neuerungen der Filmapparate? Mit seiner Wahl, so viel sei angedeutet, findet Fingal mit Sicherheit Zustimmung bei heutigen Filmhistoriker*innen und Filmliebhaber*innen. Um welchen Film geht es? Frank Riede verrät es uns.
Erschienen: 29.08.2025
Dauer: 00:06:51
Weitere Informationen zur Episode "Der erste deutsche Filmklassiker?"
28. August 1925
Die Weimarer Republik versuchte Mitte der 1925, die Wohnungskrise durch staatliche Bauprogramme und andere Eingriffe der Wohnungswirtschaft zu lösen. Das rief damals, wenig überraschend, diejenigen aufs Tapet, die gegen staatliche Einmischung wetterten, die Lage des Wohnungsmarktes rosiger zeichneten und sich sogar für noch höhere Mieten aussprachen, da die Einnahmen der Vermieter letztendlich zu den Arbeitern herunter-„trickeln“ würden. Diese Argumente enthielt offenbar allesamt ein Artikel des Hamburgischen Correspondenten - entnehmen wir zumindest der polemischen Erwiderung im Hamburger Echo vom 28. August 1925. Für uns regt sich Frank Riede auf.
Erschienen: 28.08.2025
Dauer: 00:05:34
Weitere Informationen zur Episode "Schluss mit der Wohnungswirtschaft?"
27. August 1925
Immer wieder versetzen wilde oder entlaufene Tiere die Menschen in Schrecken und Angst. Neben mehreren Problembären brachte es 2023 ein bislang unbekanntes Wildschwein aus Kleinmachnow bei Berlin zur Berühmtheit, da es für eine Löwin gehalten einen Großaufgebot der Polizei beschäftigte, das dicht gefolgt wurde von einem Medien-Großaufgebot. Gemein haben diese Tier-Geschichten in der Regel, dass sie schlecht für das Tier ausgehen. Im Sommer 1925 durchstreifte ein aus dem Zoo entflohener Leopard Paris und bestimmte die Ängste der dortigen Bevölkerung. Die Altonaer Nachrichten vom 27. August erzählen mit deutlicher Sympathie für die Raubkatze die Ereignisse nach – bis zum bitteren Ende. Für uns hat sich Rosa Leu in die oberen Etagen der angrenzenden Häuser geflüchtet.
Erschienen: 27.08.2025
Dauer: 00:07:40
Weitere Informationen zur Episode "Die Jagd auf den Problem-Leoparden"
26. August 1925
Die guten alten Passdokumente sind einfach nicht tot zu kriegen. Schengen sollte sie eigentlich vergessen machen, aber seit einigen Jahren nehmen Grenzkontrollen auch innerhalb der Europäischen Union wieder zu und mit ihnen die Wichtigkeit der ‘richtigen‘ Ausweispapiere. Vor einhundert Jahren war die Situation diesbezüglich noch schlimmer – vor allem weil die Menschen sich an eine Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erinnern konnten, in der das Reisen durch Europa schon einmal deutlich entbürokratisiert war. „Öffnet die Grenzen!“, fordert deshalb das Pinneberger Tageblatt vom 26. August 1925 und erkennt in einem Europa der abgerüsteten Passkontrollen eine Utopie der Völkerverständigung. Ein Text der zurück- und vorausschaut, hier gelesen von Frank Riede.
Erschienen: 26.08.2025
Dauer: 00:13:00
Weitere Informationen zur Episode "Für ein Europa der offenen Grenzen"