Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

“Märtyrer” Fritz Thyssen

21. Januar 1923

Die Besatzer des Ruhrgebiets stießen bei ihren Bemühungen, die als geschuldete Reparationen angesehene Kohle direkt von den Zechen nach Frankreich und Belgien zu verfrachten, auf den passiven Widerstand der Bevölkerung, zu dem diese ja von der politischen Führung aufgerufen worden war. Besonders der Streik der Eisenbahner war da relevant, aber auch die Führung der Montanindustrie, angeführt durch Fritz Thyssen, weigerte sich, den französischen Kommissaren Zugriff auf den Abbau zu gewähren. Die Besatzungsbehörden entschieden sich für eine harte Gangart und ließen Thyssen und fünf weitere Industrielle verhaften und vor ein Militärgericht stellen. Dass sie damit Märtyrer schufen, dessen war sich die Vossische Zeitung sicher, die am 21. Januar von den Verhaftungen selbst und von der Verteidigungsstrategie der Verhafteten berichtete. Frank Riede liest.

Erschienen: 21.01.2023
Dauer: 00:06:10

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Ängstliche Eindrücke bei einem Boxmatch

20. Januar 1923

Die Faszination der 1920er Jahre für den Boxsport ist Legion. Angezogen fühlten sich nicht nur die breiten Massen; auch zahlreiche namhafte Autoren von Bertolt Brecht bis Ernest Hemingway haben die Nähe zum Ring gesucht und das archaische Mann-gegen-Mann der Faustkämpfer literarisch verherrlicht. Unser heutiger Artikel aus der Berliner Morgenpost vom 20. Januar 1923 nimmt sich vor diesem Hintergrund eher ein wenig ungewöhnlich aus, denn sein Autor Ludwig Hirschfeld ist der Begeisterung für das Boxen nicht erlegen. Allzu rohe Körperlichkeit, daraus macht er keinen Hehl, ist seine Sache nicht. Seine Waffe ist, auch wenn er von einem Boxkampf berichtet, die feine Ironie. Hirschfeld zählt zu den großen Wiener Feuilletonisten der Zwischenkriegszeit. Er wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und dort mit seiner gesamten Familie ermordet. Den Text, der an einer Stelle heute nicht mehr übliches, da als rassistisch empfundenes Vokabular enthält, liest Paula Leu.

Erschienen: 20.01.2023
Dauer: 00:10:32

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Zum Tode des Hertie-Gründers Oskar Tietz

19. Januar 1923

Die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH war bis zur Übernahme durch Karstadt 1994 einer der führenden Konzerne in diesem Bereich in Deutschland. Ihr Name geht auf den des in Berlin auch heute noch geläufigen Posener Kaufmanns Hermann Tietz zurück, der mit seinem Kapital bei der Niederlassung des ersten gleichnamigen Warenhauses 1882 in Gera Pate stand. Als dessen eigentlicher Gründer und damit auch als Erfinder der Marke hat jedoch Hermanns Neffe Oskar Tietz zu gelten. Nach Filialbildungen in Weimar, Bamberg, München und Hamburg expandierte Hertie im Jahr 1900 schließlich auch in die Reichshauptstadt, wo man gemeinsam mit dem Hauptkonkurrenten Wertheim in der Folgezeit die Idee des Warenhauses als Konsumtempel zumindest in Hinblick auf Deutschland neuerfand. Oskar Tietz, der sich daneben auch einen Ruf als großer Philanthrop erwarb, starb am 17. Januar 1923 während eines Erholungsaufenthaltes in der Schweiz. Den Nachruf der Vossischen Zeitung vom 19. Januar liest für uns Paula Leu.

Erschienen: 19.01.2023
Dauer: 00:07:27

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Theater in der Unterwelt - Die Futuristin Růžena Zátková in Rom

18. Januar 1923

Eine coole steinerne Party-Location weit unter der Erde, in der seltsamen Bilder und noch seltsamere Alltagsobjekte ausgestellt sind und in der von Zeit zu Zeit schräge Performances zur Aufführung gebracht werden – das klingt nach irgendeiner hippen Geschichte aus dem Nachwende-Berlin der 1990er Jahre. Ist es in diesem Fall aber nicht. Die Beschreibung findet sich vielmehr bereits im Berliner Tageblatt vom 18. Januar 1923 und der Ort, den Italien-Korrespondent Hans Barth hier aufgesucht hat, liegt auch nicht an der Spree, sondern in einem Gewölbe unweit des Tiber, mitten in der italienischen Hauptstadt, in der zwar mittlerweile die Faschisten regierten, des Nachts aber auch weiterhin futuristische Happenings Einheimische wie Zugereiste in ihren Bann zogen. Zeremonienmeister war im konkreten Fall einmal nicht der mit Mussolini gerade zwischenzeitlich überworfene Filippo Tommaso Marinetti, sondern der Photograph und Regisseur Anton Giulio Bragaglia, der in seiner nach ihm benannten Casa d’arte Bragaglia gerade eine Ausstellung der tschechischen Malerin und Bildhauerin Růžena Zátková kuratierte. Wer mehr über diese spannende Künstlerin erfahren und das Gemälde, das das Berliner Tageblatt beschreibt, sehen möchte, schaue doch auch einmal auf unserem Instagramkanal vorbei. Aber erstmal liest: Frank Riede.

Erschienen: 18.01.2023
Dauer: 00:06:22

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Winter in der Provence

17. Januar 1923

Tageszeitung – das ist immer auch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Während sich vorne auf den Berliner Blättern Anfang 1923 alles um die Ruhrbesetzung drehte und im Zuge dessen auch in der republikanischen Presse ganz erhebliche anti-französische Empörung hochkochte, flüchtete sich das Berliner Tageblatt auf den hinteren Seiten seiner Auslandsausgabe vom 17. Januar 1923 aus den unwirtlichen heimatlichen Gefilden in den sonnigeren Süden und landete mit seinem Reisebericht, ausgerechnet, in der Provence. Die Autorin mit dem Namen von Hayneck erfreut sich dort an den landschaftlichen Schönheiten von Rhonetal und Côte d’Azur und auch an manchen landestypisch kulinarischen Genüssen. Das prekäre deutsch-französische Verhältnis bleibt allerdings auch dort ihr steter Reisebegleiter. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 17.01.2023
Dauer: 00:15:18

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Löhne in Zeiten der Inflation

16. Januar 1923

Die Hyperinflation des Jahres 1923 hatte eine lange Vorgeschichte, die weit zurück in die Weltkriegsjahre reicht. Dass die Löhne in dieser Zeit nominell exorbitant stiegen, nutzte dem einfachen Arbeiter trivialerweise wenig, da das für alle Kosten in noch stärkerem Maße galt. Was ein Reallohnverlust ist, muss man einem Podcastpublikum des Jahres 2023 vermutlich nicht erklären. Die drastischen Zahlen, die der Vorwärts in seiner Ausgabe vom 16. Januar 1923 für die Entwicklung der zurückliegenden acht Jahre vorlegt, vermögen dennoch zu beeindrucken und geben einen plastischen Eindruck von den dramatisch prekären Lebensverhältnissen weiter Teile der Berliner Bevölkerung vor einhundert Jahren. Paula Leu hat sie für uns studiert.

Erschienen: 16.01.2023
Dauer: 00:07:10

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Die SPD und die Protestkundgebungen gegen die Ruhrbesetzung

15. Januar 1923

Mit der Besetzung des Ruhrgebiets brandete ein breiter parteiübergreifender Protest in Deutschland auf. In welcher komplizierten Lage sich dabei die Sozialdemokratie befand, hören wir heute. Soll sie sich dem Protest vorbehaltlos anschließen, in dem sie neben rechten und nationalistischen Parteien marschiert, oder gerade jetzt an ihrem internationalistischen Standpunkt festhalten und für die Veränderung der Missstände auf eine Zusammenarbeit mit den französischen und belgischen Arbeitern setzen? Was ist, wenn Protestkundgebungen aus dem Ruder laufen? Soll sie sich öffentlich für ein Fernbleiben von bestimmten Kundgebungen rechtfertigen? Wie die SPD ihre Rolle sah und welchen Kurs sie einschlug, lesen wir in der Parteizeitung Vorwärts vom 15. Januar 1923, und hören es von Frank Riede.

Erschienen: 15.01.2023
Dauer: 00:07:15

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Der Filmregisseur als Wettergott

14. Januar 1923

In der Filmgeschichte folgen von Anbeginn an auf Phasen, in denen der Film hauptsächlich im Studio gedreht wird, Phasen, in denen die Filmemacher aus den Studios drängen und draußen „on location“, wie man sagt, in den Städten und in der Natur drehen. In der BZ am Mittag vom 14. Januar 1923 lesen wir ein klares Plädoyer für die Bewegung ins Studio hinein. Ein Vorteil liegt auf der Hand: Die Umstände, das Licht, das Wetter, lassen sich im Studio steuern, während man draußen von der Wanderung der Sonne, von Wolken, von Regengüssen abhängig ist. Und genau so argumentiert Carl Froehlich auch, wenn er den Regisseur „als Wettergott“ bezeichnet. Es geht ihm über das Wetter hinaus aber auch um bestimmte Tricktechniken, die den Eindruck von „Außen“ ins Studio zu zaubern vermögen. Der Autor, ursprünglich Kameramann, dann Regisseur und 1923 bereits erfolgreicher Produzent, wird später Karriere im Nationalsozialismus machen, etwa als Leiter des Filmverbandes und auch noch in den 50er Jahren Filme drehen. Das vor allem bei Berliner Studenten beliebte Kino Capitol Dahlem war ursprünglich der private Vorführraum in seiner Dahlemer Villa. Paula Leu präsentiert für uns den Regisseur als Herr über Naturgewalten.

Erschienen: 14.01.2023
Dauer: 00:08:30

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Die Besetzung von Essen II - Unterwegs mit den französischen Truppen

13. Januar 1923

Hatten wir gestern vom Korrespondenten der Morgenpost einen relativ nüchternen Bericht über das Vorgehen der französischen Truppen gehört, in dem die Fassungslosigkeit, stille Wut und Hilflosigkeit der Okkupierten zu spüren war, so folgt heute erneut ein Text über denselben Vorgang der Besetzung, dessen Autor, der mit dem Pseudonym „Pick Nick“ zeichnet, sich dafür entschieden hat, auf die Geschehnisse mit einer ordentlichen Prise Galgenhumor zu blicken. Als Begleiter der Armee (heute würde man von einem „embedded journalist“ sprechen) dokumentiert er den spannenden und strategisch aufreibenden Kampf der französischen Truppen gegen einen nicht vorhandenen Gegner minutiös in der Ausgabe der Berliner Volks-Zeitung vom 13. Januar wieder. Mit ihm an die Front traute sich Frank Riede.

Erschienen: 13.01.2023
Dauer: 00:06:54

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Die Ruhrbesetzung beginnt - Die Besetzung von Essen I

12. Januar 1923

Nun war es also soweit. Am 11. Januar 1922 waren französische und belgische Truppen in das noch unbesetzte Ruhrgebiet einmarschiert, sicherten Rathäuser, Postämter und requirierten Quartiere. Das erste Ziel war die Stadt Essen, von wo am Folgetag die Berliner Morgenpost berichtete. Aus dem Text, den Paula Leu für uns liest, und der verhältnismäßig sachlich gehalten ist, ist deutlich zu spüren, für wie übertreiben und unangemessen die martialische Militärpräsenz mit Panzerwagen und Kavallerie und aufgepflanztem Bajonett betrachtet wurde – war doch von Widerstand in der Bevölkerung weit und breit nichts zu sehen.

Erschienen: 12.01.2023
Dauer: 00:06:26

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