Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Im Regen mit Joseph Roth

12. Dezember 1922

Winterregen ist zumal in der Großstadt eher kein vergnügliches Wetterphänomen. Vergnüglich ist es höchstens, wenn Joseph Roth darüber schreibt. Was der Meister des kleines Feuilletons am 12. Dezember 1922 im Vorwärts diesbezüglich zu Papier brachte, waren keine spektakulären, sondern durchweg sehr alltägliche Beobachtungen, die sich jedoch zu einem höchst stimmungsvollen, fast impressionistisch anmutenden Bild eines Berliner Regentages fügen. Paula Leu hat für uns Cape und Gummistiefel angezogen.

Erschienen: 12.12.2022
Dauer: 00:03:48

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Urban Gad: Warnung vor dem Film

11. Dezember 1922

Während wir heutzutage junge Frauen eher davor warnen würden, in den Fernseh-Casting-Formaten der Klums und Bohlens den Weg zu einer glücklichen beruflichen Karriere zu erblicken, so warnte 1922 der berühmte dänische Drehbuchautor und Regisseur Urban Gad die jungen Frauen vor den übertriebenen Träumen von einem Durchbruch als Filmsternchen. Gad, der seit 1910 in Deutschland tätig war, hatte den kometenhaften Aufstieg der Asta Nielsen zum weltweiten Star als Regisseur ihrer ersten Filme ermöglicht. Am 11. Dezember machte er aber den Leserinnen und Lesern des Berliner Lokal-Anzeigers unmissverständlich klar, wie selten und unwahrscheinlich eine solche Karriere ist. Dabei wird in dem Text – gewollt oder ungewollt – deutlich, wie sexistisch die Branche war. Aber auch da unterscheidet sie sich wohl kaum von den aktuellen Castingshows der Fernsehsender. Also aufgepasst. Frank Riede warnt uns vor dem Film.

Erschienen: 11.12.2022
Dauer: 00:08:35

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Das Kino in China

10. Dezember 1922

Die neue französische „Asterix und Obelix“-Realverfilmung, die im Februar 2023 in die Kinos kommen soll, basiert nicht auf einem der bekannten Comic-Bände. Die beiden Gallier reisen dabei nach China und dem Trailer zufolge wird es so mache Kung-Fu Kampfeinlage geben. Es ist also ein leicht durchschaubarer Versuch der französischen Produktionsfirma, auf den chinesischen Spielfilmmarkt zu gelangen – und es ist nur ein besonders plakatives Beispiel für eine ganze Reihe von solchen Bemühungen, bei denen oftmals die Zensur-Codes der chinesischen Behörden von vornherein beachtet werden. 1922 freilich war der chinesische Kino-Markt noch nicht so mächtig, aber schon präsent genug, dass die Berliner Börsen-Zeitung vom 10. Dezember einen kurzen Bericht über diesen veröffentlichte. Paula Leu gibt für uns den Filmerklärer.

Erschienen: 10.12.2022
Dauer: 00:06:04

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Rote Fahne und Vorwärts beim Gänsebraten

9. Dezember 1922

In der aufgeheizten Stimmung der Weimarer Republik mit ihrer stark parteipolitisch geprägten Presselandschaft war es sehr üblich, dass Zeitungen auch übereinander schrieben, einander namentlich attackierten, gegeneinander polemisierten, der Lüge bezichtigten. Gerade auch die Blätter der Arbeiterparteien gingen miteinander selten zimperlich um und fochten ihre Differenzen bevorzugt mit dem rhetorischen Säbel aus. Das Florett der Ironie blieb demgegenüber allen voran bei der Roten Fahne für gewöhnlich in der Scheide stecken. Vielleicht weil Vorweihnachtszeit war, kam es am 9. Dezember 1922 aber doch einmal zum Einsatz und spießte, siehe da, gleichsam auf der Festtafel der Sozialdemokratie ganz unbesinnlich einen knusprigen Gänsebraten auf. Wie er mundet, weiß Frank Riede.

Erschienen: 09.12.2022
Dauer: 00:04:49

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Weihnachten in Spanien

8. Dezember 1922

Während wir vor zwei Tagen der Geschichte der Weihnachtsbaum-Tradition in Deutschland nachgegangen sind, schweift der Blick der Berliner Zeitungslandschaft, genauer der Westberliner Neuen Zeit, nach Spanien zu den dortigen Weihnachtsbräuchen. Die noch heute jedes Jahr für Aufsehen sorgende Mega-Lotterie “El Gordo” gab es, wie wir aus anderen Artikeln wissen, auch schon in den 20ern, diese wird aber im heutigen Bericht einer gewissen Cleopha Maria Freyer nicht erwähnt, um so mehr lernen wir über die große Bedeutung der Krippen und über die größere Geduld spanischer Kinder, freilich aus einer hauptstädtischen Perspektive. Und wir lernen zugleich, dass das Stereotyp vom “faulen Spanier” auch schon vor 100 Jahren ganz selbstverständlich aufgerufen wurde. Señora Leu liest für uns.

Erschienen: 08.12.2022
Dauer: 00:08:33

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Titel und Orden der Republik

7. Dezember 1922

Bei einem konstitutionellen und gesellschaftlichen Wandel, wie er sich mit der Gründung der Weimarer Republik vollzog und der das von Monarchen und Fürsten geprägte lange 19. Jahrhundert ablöste, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie mit den Ehrungen, Auszeichnungen und Titeln des alten Systems in der neuen Ordnung umgegangen wird: werden Traditionen fortgesetzt oder abrupt beendet? Die Deutsche Allgemeine Zeitung geht dieser Frage am 7. Dezember 1922 nach und schildert die Weimarer Welt ohne Orden und Titel und gibt damit automatisch auch einen Einblick in die frühere Zeit der ordenbehangenen Geheim-, Kommerzien- und Sanitätsräte. Paula Leu kämpft sich für uns durchs Titel-Dickicht.

Erschienen: 07.12.2022
Dauer: 00:05:50

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Die Wurzeln des Weihnachtsbaumes

6. Dezember 1922

Angesichts der Bedeutung, die dem Weihnachtsfest heute wie vor einhundert Jahren in unserem Festkalender zukommt, mutet es durchaus erstaunlich an, wie viele seiner Bräuche ihrer Herkunft nach im Dunkeln liegen. Einem gewissen Artur Streich gebührt das Verdienst, sich in der Berliner Volks-Zeitung vom 6. Dezember 1922 einmal – im übertragenen Sinne – auf die Suche nach den Wurzeln des Weihnachtsbaumes gemacht zu haben, wie er im Stall von Bethlehem bei Lukas bekanntlich noch nicht stand. So deutschtümelnd sein Text zunächst daherkommt, so überraschend exotisch – soviel sei vorweggenommen – fällt der Fundort aus, den Streich schließlich präsentieren kann. Frank Riede hat ihn auf seiner weiten Reise für uns begleitet – und dabei dankenswerterweise auch ein paar ausgedehnte Ausflüge ins Lateinische und Frühneuhochdeutsche mitgemacht.

Erschienen: 06.12.2022
Dauer: 00:12:07

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Schauspielerstreik II - Die Bühenangehörigen antworten dem Theaterdirektor

5. Dezember 1922

Auf einen groben Klotz gehört und bekanntlich ein grober Keil, und so nimmt es wenig Wunder, dass die Antwort der streikenden Schauspieler auf die gepfefferten Worte Felix Hollaenders, die hier vorgestern im Podcast zu hören waren, ihrerseits gesalzen ausfiel. Falls der Intendant des Deutschen Theaters mit seinem Rundumschlag gegen die Arbeitsmoral seines künstlerischen Personals und dessen vermeintlich bolschewistische Umtriebe jenes zum Einknicken vor der Autorität des Theaterleiters zu bewegen geglaubt hatte, so erreichte er eher das Gegenteil. Sein langjähriges Ensemblemitglied Emil Lind von der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger sprach ihn in seiner Replik zwar ironisch-ehrerbietig immer wieder mit dem Direktorentitel an, widersprach ihm in der Sache aber auf das Energischste. Nachdem das Berliner Tageblatt Hollaender das Wort erteilt hatte, druckte es am 5. Dezember 1922 auch diese Gegenrede ab – freilich nicht ohne sich von deren Inhalten ausdrücklich zu distanzieren. Als Entrepreneur und nun auch als Gewerkschaftsfunktionär agiert bei uns in einer Doppelrolle: Frank Riede.

Erschienen: 05.12.2022
Dauer: 00:10:40

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Die Kroatenkrise - Spannungen in Jugoslawien

4. Dezember 1922

Die Frage, ob die verschiedenen, sich überwiegend slawisch verstehenden Ethnien Südosteuropas je eigene unabhängige Staaten anstreben oder aber sich in einem gemeinsamen südslawischen Bundesstaat verbinden sollten, spaltet die entsprechenden Ethnien schon seit langer Zeit. Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn, in dessen Grenzen Millionen Slawischsprachige seit Jahrhunderten gelebt hatten, war 1918 tatsächlich der Stunde der Jugoslawisten gekommen, die den sogenannten SHS-Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ausriefen. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger selbst unter den hier genannten drei Staatsvölkern standen indes hinter dem Gemeinschaftsprojekt. Vor allem unter den Kroaten störten sich viele an der zentralistischen, teilweise großserbischen Ausrichtung des jungen Staates. Dass die katholische Zeitung Germania in ihrem Lagebericht vom 4. Dezember 1922 dezente Sympathien für die Glaubensbrüder und -schwestern zwischen Donau und Kvarner Bucht durchklingen lässt, vermag dabei nicht zu überraschen. Es liest Paula Leu.

Erschienen: 04.12.2022
Dauer: 00:07:48

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Schauspielerstreik I - Felix Hollaender bittet ums Wort

3. Dezember 1922

Die auch schon im Jahr 1922 galoppierende Inflation und ihre gravierenden Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten machten selbstredend auch vor den künstlerischen Berufen nicht Halt. Berlins Schauspielerinnen und Schauspieler forderten deshalb erhebliche Gehaltserhöhungen, die ihnen von den Theatern nicht im von ihnen für nötig erachteten Umfang gewährt wurden, weshalb die Genossenschaft zum letzten Mittel griff und einen Schauspielerstreik ausrief. Die Zeitungen überschlugen sich, und die Intendanten versuchten das Unheil abzuwenden. Die Worte, die der Leiter des ruhmreichen Deutschen Theaters Felix Hollaender an sein Ensemble richtete, vermögen dabei, verglichen mit heutiger Streikprosa, durchaus zu überraschen. Statt diplomatischer Appelle und Verständnisfloskeln geht es in seiner im Berliner Tageblatt vom 3. Dezember abgedruckten Ansprache ordentlich zur Sache. Obwohl auch Schauspieler, hat sich Frank Riede dem Streik dankenswerterweise nicht angeschlossen.

Erschienen: 03.12.2022
Dauer: 00:11:59

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