11. Mai 1923
Es sagt viel über eine Gesellschaft aus, was sie sich für Vorstellung von ihrer Zukunft macht. Und so merken wir immer auf, wenn in den Berliner Zeitungen in die nahe und ferne Zukunft geschaut wird, die aus unserer Sicht vielleicht schon eine vergangene Zukunft ist. Der heutige Blick aus der Berliner Volks-Zeitung vom 11. Mai 1923 reicht in das Jahr 2035 und überrascht uns mit revolutionären Mitteln des Individualverkehrs und einem ungewöhnlichen Kaufhaus. - aber es sind ja auch noch 12 Jahre bis dahin. Der Autor oder die Autorin hinter dem Pseudonym „Ovid in Tomi“ ist uns nicht bekannt. Was passieren würde, wenn die Gesellschaft exzessiv Immanuel Kant lesen würde, sagt uns Frank Riede.
Erschienen: 11.05.2023
Dauer: 00:08:40
10. Mai 1923
Man kennt ihn als Namenspatron der nach ihm benannten Kunsthochschule in Kiel, als Architekt zahlreicher Bauprojekte in Berlin sowie als wichtigen Theoretiker der modernen Architektur: Hermann Muthesius war überdies auch noch Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, ein Pionier des modernen Produktdesigns, preußischer Geheimrat und einer der prononciertesten Kritiker des Jugendstils. Seine ausgeprägte Abneigung gegenüber Ornament und Zierrat und überhaupt gegenüber jedweder auf Repräsentation schielenden Baukunst klingt auch im nachfolgenden Text aus dem Berliner Tageblatt vom 10. Mai 1923 an, der „Vom Bauen nach dem Kriege“ handelt und den für uns Paula Rosa Leu liest.
Erschienen: 10.05.2023
Dauer: 00:09:57
Weitere Informationen zur Episode "Hermann Muthesius über eine zeitgenössisches Bauwesen"
9. Mai 1923
Zu Ostern 1923 bestimmte ein Ereignis die Berichterstattung. Die eskalierte Requirierungsmaßnahme französischer Soldaten im Krupp-Werk, Essen. Sie endete mit Schüssen in die versammelte Arbeiterschaft, an deren Ende 13 Tote und zahlreiche Verletzte auf Seiten der Arbeiter zu beklagen waren. Löste diese Gewalttat bereits einen Empörungssturm aus, so flammte dieser noch stärker auf, als die französischen Militärbehörden, die die Schuld für das Oster-Massaker bei der Werksleitung sahen, diese und den Konzernchef Krupp von Bohlen und Halbach verhafteten und vor einem Militärgericht am 8. Mai zu zehn- bis zwanzigjährigen Haftstrafen verurteilten. Da sich am 9. Mai alle Zeitungen dazu zu Wort meldeten, hören wir heute die Presseschau, die die Berliner Volks-Zeitung in ihrer Abendausgabe des Tages abdruckte. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 09.05.2023
Dauer: 00:10:46
Weitere Informationen zur Episode "Empörung über das “Racheurteil”"
8. Mai 1923
Es ist bekanntlich noch gar nicht so lange her, dass die Zahl der Männer-Wettbewerbe bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen die der Frauen bei weitem übertraf. Skispringen, Bobfahren, Fußball, Ringen, Hammerwurf – all diese Sportarten galten lange Zeit für den weiblichen Teil der Bevölkerung als nicht schicklich und wurden mit teils markiger Rhetorik (selbstredend fast immer aus männlichem Munde) als unfeminin abgelehnt. Dass von diesem Verdikt auch das besonders rabiate Boxen betroffen war, nimmt wenig Wunder. Eher schon, dass das seinem Selbstverständnis nach ausnehmend fortschrittliche sozialdemokratische Parteiorgan Vorwärts am 8. Mai 1923 mit voller Kehle in den Chor der empörten Hüter der hergebrachten Geschlechterordnung miteinstimmte. Wobei die Umstände der hier betrachteten Veranstaltung, glaubt man dem Bericht, in der Tat keinen so ganz sportlich-seriösen Eindruck machen. Für uns am Ring war Paula Rosa Leu.
Erschienen: 08.05.2023
Dauer: 00:05:16
Weitere Informationen zur Episode "Der Vorwärts war beim Damenboxen"
7. Mai 1923
Wie niemandem, der Auf den Tag genau regelmäßig hört, entgangen sein wird, gehörten 1923 Berichte über die NSDAP in Bayern und insbesondere über Adolf Hitler zum festen Bestandteil der Berichterstattung der Hauptstadtpresse. Wir bringen nur einen kleinen Ausschnitt dieser Artikel, und zwar dann, wenn der Text einen bislang vernachlässigten Aspekt beleuchtet oder eine andere Herangehensweise an den Betrachtungsgegenstand wählt. Letzteres ist heute der Fall: Der unter dem Pseudonym Pick Nick firmierende Autor schreibt am 7. Mai über seine Erlebnisse in „Hitlers Hauptquartier“ und tut dies mittels einer satirischen Zuspitzung. Man fühlt sich aus heutiger Sicht auf halbem Wege zu Chaplins großem Diktator. Frank Riede hat sich für uns der Sauf- und Fahnenweihenorgien angenommen.
Erschienen: 07.05.2023
Dauer: 00:11:45
Weitere Informationen zur Episode "Im Hauptquartier Hitlers"
6. Mai 1923
Gabriele Tergit ist so etwas wie die literarische Comebackerin der letzten Jahre. Nachdem ihr Werk zwischenzeitlich quasi in Vergessenheit geraten war, ist es in jüngerer Vergangenheit fulminant in die Bestsellerlisten zurückgekehrt und mittlerweile vor allem dank der eifrigen Bemühungen des Schöffling Verlages zwischen zwei Buchdeckeln – oder als E-Book – weithin zugänglich gemacht. Das ganze Werk der Tergit? Nein, einige wenige Texte aus den frühen journalistischen Jahren harren noch immer ihrer editorischen Erweckung aus dem Archivschlaf. Sie können einstweilen nur hier bei Auf den Tag genau rezipiert werden, so auch heute die kurze Erzählung über den Frühling auf dem S-Bahn-Ring und in Berlin-Lichtenberg aus dem Berliner Tageblatt vom 6. Mai 1923. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 06.05.2023
Dauer: 00:07:05
Weitere Informationen zur Episode "Gabriele Tergits Eindrücke vom Frühling"
5. Mai 1923
Obgleich wir in unserem Podcast immer wieder Reiseberichte, auch aus den entferntesten Weltgegenden, zu Gehör bringen, müssen wir davon ausgehen, dass die wenigsten die Mittel und die Zeit besaßen, um tatsächlich zu Auslandsreisen aufzubrechen. Die Welt schrumpfte aber zugleich und das Interesse an fernen und nicht so fernen Ländern wuchs – wovon ja die bereits erwähnten Reiseberichte zeugen. Wie gut, dass es in Berlin den Fotografen, Medienunternehmer und Pionier der Bildberichterstattung August Fuhrmann gab, der mit seinem Kaiserpanorama ein Gerät gebaut hatte, an dem mehr als Zwanzig Meschen gleichzeitig Serien von stereoskopischen Dia-Fotografien schauen konnten. Zu Anfang der Weimarer Republik taufte er, weil Kaiserpanorama nicht mehr zeitgemäß war, seine „Reiseagentur“ in Weltpanorama um. Mit dessen Hilfe konnten etwa ganze Schulklassen, wie wir der Berliner Volks-Zeitung vom 5. Mai 1923 entnehmen, regelmäßig verreisen, ohne die Stadt zu verlassen. Der Autor mit dem Namen, wahrscheinlicher Pseudonym, Balduin Knorke stattete der Institution einen Besuch ab, und Frank Riede war mit ihm in Tiflis.
Erschienen: 05.05.2023
Dauer: 00:06:20
Weitere Informationen zur Episode "Mit dem Städtischen Weltpanorama für einen Tag nach Tiflis"
4. Mai 1923
Kaum ein zweiter deutscher Schauspieler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermochte das Publikum derart in seinen Bann zu ziehen wie Werner Krauß – aber auch kaum ein zweiter prominenter Schauspieler ließ sich vergleichbar krass und bereitwillig von den Nazis für ihre propagandistischen Zwecke instrumentalisieren wie eben jener Krauß. Nicht nur gehörte er als Staatsschauspieler und stellvertretender Präsident der Reichstheaterkammer zu den kulturellen Stützen des Regimes. Darüber hinaus wirkte er auch schamlos in schlimmsten Propagandastreifen mit, allen voran in gleich sechs prägenden Rollen in Veit Harlans Hetzfilm Jud Süß. Vor diesem Hintergrund ist kaum ein Vorbeikommen an unserem heutigen Fundstück aus dem 12-Uhr-Blatt vom 4. Mai 1923, in dem Krauß sich damals bereits just zu der Frage äußerte „Warum ich den Shylock spiele“. De facto geht es in dem Text dann freilich erst einmal grundsätzlich um die Haltung Kraußens zum damals noch jungen Medium Film. Dennoch wird man bei seinen kurzen Äußerungen zum Charakter des ‘Kaufmannes von Venedig‘, der nicht erst im Dritten Reich häufig als antisemitische Karikatur gegeben wurde (und den auch Krauß in einer diesbezüglich berüchtigten Inszenierung Lothar Müthels am Wiener Burgtheater 1943 als solche anlegte!), ganz genau hinhören. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 04.05.2023
Dauer: 00:06:27
Weitere Informationen zur Episode "Werner Krauß über den Shylock"
3. Mai 1923
Der Dichter und Schriftsteller Walter Hasenclever, dem mit seinem expressionistischen Drama „Der Sohn“ 1914 der Durchbruch in der deutschen Theaterszene gelungen war, besuchte 1923 Paris und schaute sich dort nicht nur in der Kunstszene um. Neben Eindrücken aus der Stadt, Moden, die er beobachtet, schreibt er im 8-Uhr-Abendblatt vom 3. Mai aber auch von seinen Erlebnissen auf den Bühnen der Stadt. So wohnt er auch der Aufführung einer Sophokles-Tragödie von Jean Cocteau bei, an der Pablo Picasso beteiligt war. Damit stoßen wir auf eine weniger bekannte Werkgruppe von Picasso – seine Bühnenbilder, -Vorhänge und Kostüme. Denn zwischen 1917 und 1924 war er an zahlreichen Musik-, Ballett- und Theateraufführungen der diversen Avantgarden beteiligt. Frank Riede liest für uns Hasenclevers Eindrücke aus Paris.
Erschienen: 03.05.2023
Dauer: 00:10:33
Weitere Informationen zur Episode "Mit Hasenclever und Picasso im Theater"
2. Mai 1923
Gebannt hatte die Berliner Hauptstadtpresse am 1. Mai nach München geschaut. Würden die Nationalsozialisten ihre Drohung wahrmachen, gewaltsam gegen die „Kommunisten“ vorzugehen, die ihre traditionellen Umzüge abhalten würden. Dass die Behörden außerhalb Bayerns die diversen Drohgebärden von Adolf Hitler ernst nahmen, war in diesem Podcast bereits zu hören, aber wie würden sich die bayerischen Behörden verhalten? Mitglieder der NSDAP marschierten auch tatsächlich zu Tausenden auf, griffen dann aber zumindest die zentrale Veranstaltung der Arbeiter auf der Theresienwiese nicht an – wie die Vossische am 2. Mai berichtet. Für uns liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 02.05.2023
Dauer: 00:05:52