Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Wie es um Fiume alias Rijeka steht

18. September 1923

Auf den Tag genau ist erkennbar ein Berliner Podcast, aber im ersten Jahr unseres Bestehens, 2020, haben wir gleichsam fast eine Außenstelle in Fiume alias Rijeka an der Kvarner Bucht unterhalten, wo Gabriele d’Annunzio 1920 sein präfaschistisches Unwesen trieb und es mit seinen Eskapaden entsprechend häufig auch in die Berliner Tageszeitungen schaffte. Drei Jahre später steht vor dem Faschismus in Italien kein ‘Prae-‘ mehr, d’Annunzio hat sich wegen politischer Missachtung schmollend in seine Villa am Gardasee zurückgezogen, aber der Status von Rijeka alias Fiume ist zwischen Italien und Jugoslawien noch immer umstritten. Die Vossische Zeitung – deren Preis soeben die Millionengrenze erreicht hatte – berichtet am 18. September 1923 vom aktuellen Stand der Spannungen um die Stadt, und auch wir haben unseren Korrespondenten Frank Riede deshalb wieder einmal an die obere Adria entsandt.

Erschienen: 18.09.2023
Dauer: 00:10:25

Weitere Informationen zur Episode "Wie es um Fiume alias Rijeka steht"


Der leere Lindentunnel

17. September 1923

Nahverkehr und leere Tunnel? Da fällt uns der leere S-Bahn-Tunnel ein, in dem, während des sich hinziehenden Berliner Flughafenbaus, sogenannte Belüftungsfahrten mit leeren S-Bahnen stattfinden mussten. 1923 verursachte die schlechte Wirtschaftslage die Straßenbahnbetreiber dazu, einzelne Strecken aufzugeben. Dazu gehörte auch der Lindentunnel unter „Unter den Linden“, der 1916 fertiggestellt worden war, und nun schon wieder stillgelegt werden sollte. Heute ist der Tunnel zumindest teilweise zugeschüttet und untertunnelt von der U-Bahn-Linie 5, der Kanzlerlinie. Der Vorwärts vom 17. September, für 300.000 Mark zu erwerben, berichtet über den leeren Tunnel, Paula Rosa Leu liest.

Erschienen: 17.09.2023
Dauer: 00:04:26

Weitere Informationen zur Episode "Der leere Lindentunnel"


Die betonte Linie - ohne Korsett

16. September 1923

Hatte die Frauenbewegung bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts gegen das Tragen eines Korsetts protestiert, flankiert von medizinischen Befunden, die gesundheitliche Schäden mit diesem Kleidungsstück in Verbindung brachten, so griff die Mode-Industrie erst nach dem Ersten Weltkrieg die Möglichkeit auf, eine korsettfreie Damenbekleidung zu entwerfen. In ihrem Lagebericht zu aktuellen Modetrends, abgedruckt in der Vossischen Zeitung vom 16. September 1923, stellt Margarete Caemmerer den Abschied vom Korsett an den Anfang. Was sonst noch in der Herbstsaison getragen wurde, oder nicht mehr getragen wurde, weiß Paula Rosa Leu. Wohl nicht zuletzt wegen der Beilage, aus der dieser Artikel stammt, kostete die Sonntagsausgabe der Vossischen 800.000 Mark.

Erschienen: 16.09.2023
Dauer: 00:10:25

Weitere Informationen zur Episode "Die betonte Linie - ohne Korsett"


Errichtung einer Diktatur in Spanien

15. September 1923

Diejenigen Zeitungsleser:innen, die am 15 September 1923 das 8-Uhr-Abendblatt für mittlerweile schon 500.000 Mark erworben hatten, konnten von den neuesten einschneidenden Ereignissen in Spanien lesen. In Absprache mit König Alfonso XIII. proklamierte am 13. September Miguel Primo de Rivera eine rechtsgerichtete Diktatur in Spanien, die bis 1930 Bestand haben sollte. Der Putsch wurde mit der bis dahin mangelnden politischen Stabilität Spaniens begründet. Rivera starb 1930 in einer Klinik in Paris. Dennoch führt eine Linie von ihm zur faschistischen Diktatur Francos, da seine Kinder 1933 die faschistische Organisation Falange gründeten, auf die sich Franco 1937 wesentlich stützte. Frank Riede liest nun, wie der Berliner Leserschaft von der Machtübernahme in Spanien berichtet wurde.

Erschienen: 15.09.2023
Dauer: 00:09:00

Weitere Informationen zur Episode "Errichtung einer Diktatur in Spanien"


“Finanzminister, nimm Geiseln!”

14. September 1923

Die Berliner Morgenpost wird heutzutage gemeinhin eher dem gemäßigt konservativen Spektrum zugerechnet, und auch vor einhundert Jahren war sie mit Sicherheit kein kommunistisches Agitationsblatt. Die Forderung, die sie am 14. September 1923 erhob, klingt indes fast so. „Finanzminister, nimm Geiseln!“: Das war natürlich nicht wörtlich gemeint, der Vorschlag, die reichsten Menschen Deutschlands zumindest vorübergehend zu enteignen, um die Wetten auf Mark und Dollar zu beenden und so endlich die galoppierende Inflation zu bremsen, war jedoch kaum minder radikal und deutet an, wie dramatisch sich die ökonomische Situation längst gestaltete. Wie viele Menschen sich damals die Mopo, die selbst schon 500.000 Mark kostete, überhaupt noch leisten konnten, wissen wir nicht. Verbürgt ist allein, dass Paula Rosa Leu sie für uns gelesen hat.

Erschienen: 14.09.2023
Dauer: 00:08:37

Weitere Informationen zur Episode "“Finanzminister, nimm Geiseln!”"


Döblin, Heine und wir

13. September 1923

Vom Alfred-Döblin-Platz in Berlin-Mitte zur Heinrich-Heine-Straße ist es nur ein Katzensprung, literaturhistorisch trennen den 1856 gestorbenen Heine und den 1878 geborenen Döblin hingegen mehrere Generationen. Was sie verband, ist außer der assimiliert-jüdischen Herkunft und der leidvollen Exilerfahrung mit Sicherheit auch ein waches politisches Bewusstsein, weshalb die Idee des Verlages Hoffmann und Campe, Döblin 1923 eine Vorrede zu einer Neuausgabe von Heines Versdichtungen „Deutschland“ und „Atta Troll“ verfassen zu lassen, extrem plausibel erscheint. Die Vossische Zeitung, für deren Morgenausgabe man am 13. September bereits 300.000 Mark aufwenden musste, druckte diese einleitenden Worte nach, für uns eingelesen hat sie Frank Riede.

Erschienen: 13.09.2023
Dauer: 00:06:44

Weitere Informationen zur Episode "Döblin, Heine und wir"


Hakoah Wien triumphiert über West Ham United

12. September 1923

First Vienna, Wiener Sportclub, Admira, Wacker, Austria, Rapid, ... – Wien hat fraglos viele lässige Fußballclubs mit fast immer bewegter Geschichte. Am allerbewegendsten ist vielleicht die vom SC Hakoah, dem jüdischen Verein aus dem zweiten Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, der nicht nur 1925 erster österreichischer Profi-Fußballmeister wurde, sondern es bereits zwei Jahre zuvor mit einem einzigen Freundschaftsspiel zu internationaler Berühmtheit geschafft hatte: Gegner West Ham United spielte seinerzeit zwar nur in der zweiten englischen Liga. Der Sieg Hakoahs im Londoner Upton Park war jedoch überhaupt der allererste, der einem Team vom Kontinent gegen einen englischen Club auf der Insel gelang, und hätte insofern in jeder Höhe sporthistorische Bedeutung gehabt. Dass der Triumph der Wiener mit 5:0 gleich überaus deutlich ausfiel, machte das Ereignis freilich zu einer Sensation, von der die Tageszeitungen in ganz Europa, und auch in Berlin, ausführlich berichteten. Da das Berliner Tageblatt im Vorfeld natürlich keinen Korrespondenten entsandt hatte, druckte man hier einfach einen Artikel aus der Sportbeilage des Neuen Wiener Tagblattes nach, das die lokalen Helden in den höchsten, zum Teil etwas irritierend markig-militaristischen Tönen pries. Für uns tut dies Paula Rosa Leu.

Erschienen: 12.09.2023
Dauer: 00:08:08

Weitere Informationen zur Episode "Hakoah Wien triumphiert über West Ham United"


Krise in Thüringen

11. September 1923

Der Landtag von Thüringen hat schon so manche Turbulenz erlebt – es sei nur an die 28tägige Ministerpräsidentschaft von Thomas Kemmerich aus dem Jahre 2020 erinnert, der mit den Stimmen der AFD gewählt worden und unter enormem Druck sofort wieder zurüchgetreten war. 1923 regierten die SPD unter August Fröhlich zusammen mit der USPD als von der KPD tolerierte Minderheitsregierung seit beinahe zwei Jahren. Doch ein Scheitern dieses Modells stand unmittelbar bevor, wovon die Vossische Zeitung am 11. September berichtete. Wir entnehmen diesem Artikel, für dessen Lektüre bereits 300.000 Mark zu zahlen waren, dass auch damals das Hauptaugenmerk darauf lag, wie man eine Stärkung der NSDAP und der KPD verhindern könne – was uns wieder zur kommenden Wahl in Thüringen 2024 und den Umfragewerten der AFD führt. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 11.09.2023
Dauer: 00:09:03

Weitere Informationen zur Episode "Krise in Thüringen"


Vom Watzmann zum Königssee in Inflationszeiten

10. September 1923

Stolze 150.000 Mark kostete der Berliner Lokal-Anzeiger am 10. September 1923 und auch alle sonstigen Lebenshaltungskosten stiegen weiterhin in atemberaubendem Tempo. So konnte es passieren, erfahren wir eben dort aus einem Bericht von Eva Gräfin von Baudissin, dass manche Familie am Bahnhof von Berchtesgaden ihre Rückreise aus dem Urlaub nicht mehr zu bezahlen vermochte. Die Autorin hat es weniger schwer getroffen, aber auch sie mag sich auf der Berghütte nur mehr die Erbsensuppe leisten, wo jede nächtliche Matratze überdies mittlerweile statt an eine an zwei Personen vermietet wird. Allein die spektakuläre Hochgebirgsnatur um Watzmann und Hochkalter lässt sich von den Abgründen der menschengemachten Inflation zu ihren Füßen naturgemäß nichts anhaben. Und doch schlägt sinnbildlich auch hier das sonnenklare Spätsommerwetter in unwirtlichen Dauerregen um. Für uns in die gute Stube im sicheren Tal gerettet hat sich Paula Rosa Leu.

Erschienen: 10.09.2023
Dauer: 00:07:58

Weitere Informationen zur Episode "Vom Watzmann zum Königssee in Inflationszeiten"


Max Reinhardt zum fünfzigsten Geburtstag

9. September 1923

Er gilt noch heute als einer der größten Theatermacher der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war auch zu Lebzeiten bereits eine Legende: Max Reinhardt hatte sich nach fortgesetztem Ärger 1920 aus Berlin zwar verabschiedet und in sein Salzburger Schloss Leopoldskron zurückgezogen, von wo er die dortigen, von ihm mitgegründeten sommerlichen Festspiele organisierte. Noch immer – und vielleicht sogar verstärkt – erinnerte man sich in der deutschen Hauptstadt indes seiner und nahm seinen 50. Geburtstag am 9. September 1923 zum Anlass, ihm die eine oder andere Eloge zu widmen. Im Berliner Börsen-Courier meldeten sich sogar gleich zwei Gratulanten zu Wort. Ob Max Reinhardts Zukunft in Berlin liege und die Zukunft der Theaterstadt Berlin bei Max Reinhardt – in dieser Frage waren sich Emil Faktor und Herbert Ihering, scheint’s, freilich wie so oft nicht ganz einig. Unsere Stimme der Kritik ist Frank Riede.

Erschienen: 09.09.2023
Dauer: 00:06:16

Weitere Informationen zur Episode "Max Reinhardt zum fünfzigsten Geburtstag"


Podcast "Auf den Tag genau"
Merken
QR-Code