27. Dezember 1923
Das Etablissement Kroll am Berliner Königsplatz mitten im heutigen Regierungsviertel war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine beliebte Vergnügungsstätte mehr oder weniger betuchter Kreise. Seit seinen Anfängen gab es hier daneben immer wieder auch einen Opern- und Operettenbetrieb, der, vor allem als Ausweichspielstätte anderer Bühnen, bereits in der Kaiserzeit zunehmend zum Kerngeschäft avancierte. Konsequent zum Opernhaus umgebaut wurde die Krolloper aber erst nach dem Ersten Weltkrieg, als der Kulturverein „Volksbühne“ das Haus pachtete und renommierte Architekten um Stadtbaurat Ludwig Hoffmann und Oskar Kaufmann den Umbau zu einer ‘Volksoper‘ mit stattlichen 2500 Plätzen zum Jahresbeginn 1924 vollzogen. Dass hier vor allem Ende der 1920er Jahre unter der Ägide von Otto Klemperer Musiktheatergeschichte mit etlichen Referenzinszenierungen geschrieben werden sollte, konnte der Musikpublizist Oscar Bie bei seiner Vorbesichtigung für den Berliner Börsen-Courier vom 27. Dezember 1923 genauso wenig wissen, wie irgendjemand damals ahnen mochte, dass die Krolloper keine zehn Jahre später zum Schauplatz größten politischen Unheils werden sollte, als hier das folgenschwere Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 beschlossen wurde. Bies Begehung hat sich für uns Frank Riede angeschlossen.
Erschienen: 27.12.2023
Dauer: 00:09:07
Weitere Informationen zur Episode "Die Krolloper: Eine Vorbesichtigung"
26. Dezember 1923
Unter dem Titel „Das geistige Ausland und das geistige Deutschland“ versammelte das Berliner Tageblatt die Antworten europäischer Literat*innen zum Thema einer „Europäischen Schicksalsgemeinschaft“, die sie bei ihnen angefragt hatte. Im Zentrum dieser Kampagne stand die Äußerung zu dem Thema von Thomas Mann, die für uns heute Frank Riede vorträgt. Unter anderem setzten Romain Rolland, G.B. Shaw, Knut Hamsun, Edvard Munch, Hugo von Hofmannsthal und Selma Lagerlöf ihre Unterschrift unter den Text, verbunden mit verschieden langen Anmerkungen und Kommentaren. Obgleich der Artikel pro-europäisch ist, so irritiert er zugleich durch ein heute befremdliches Pathos und scheint eher im Ersten Weltkrieg als in der Nachkriegszeit verwurzelt zu sein. Die ganze Seite, die das Berliner Tageblatt dieser Aktion widmete, stammt aus der Ausgabe vom 25. Dezember, die beide Feiertage abdeckte, so dass wir ihn heute, am Zweiten Weihnachtsfeiertag bringen, zu dem wir alles Beste wünschen.
Erschienen: 26.12.2023
Dauer: 00:09:28
Weitere Informationen zur Episode "Thomas Mann: Europäische Schicksalsgemeinschaft"
25. Dezember 1923
Die Kombination aus Weihnachten und einer Spukgeschichte war spätestens seit Charles Dickens „A Cristmas Carol“ ein etabliertes Genre. Der Autor Manfred Georg tischt uns zusammen mit der Berliner Volks-Zeitung vom 25. Dezember 1923 eine solche Erzählung auf. Sie beginnt mit einer ganz realistischen Beobachtung einer Café-Gesellschaft, die aus einsamen Einzelgänger*innen besteht, welche das Weihnachtsfest eben nicht am heimischen Weihnachtsbaum feiern. Was sich an Zauber in diesem melancholischen Raum vollzieht, ist dennoch nicht vor dem Zugriff der Ordnungsmacht gefeit. Aus der zum stabilen “Märchenpreis” von 150 Milliarden Mark, bzw. 15 Goldpfennig zu erwerbenden Zeitung liest für uns Paula Rosa Leu. Und wir alle wünschen einen schönen 1. Weichnachtsfeiertag.
Erschienen: 25.12.2023
Dauer: 00:13:07
Weitere Informationen zur Episode "Manfred Georg: Ein Weihnachtsspuk"
24. Dezember 1923
Das Medium der Stunde war vor einhundert Jahren: das Radio. Wie wir mehrfach hier im Podcast berichteten, begann im Jahr 1923 der erste reguläre Rundfunkbetrieb in Deutschland, und dieser wartete naturgemäß auch über die Weihnachtstage mit Premieren auf. Zum ersten Mal wurde am 25. Dezember etwa die Weihnachtsansprache eines Reichskanzlers im Radio übertragen. Der erst seit wenigen Wochen amtierende Wilhelm Marx von der Zentrumspartei konnte sich direkt an die Bevölkerung wenden und seine Sicht auf die Lage nach einem äußerst turbulenten Jahr erläutern. Und das alte Leitmedium Zeitung? Das durfte in dieser Frage fürs Erste zumindest noch einmal das zeitliche ‘Prä‘ für sich reklamieren. Bereits am 24. Dezember erfuhr zumindest das Publikum des 8-Uhr-Abendblattes, wie der Weihnachtswunsch des Kanzlers aussah. Der große Wunsch, die Inflation in den Griff zu bekommen, hatte sich in den vorangegangenen Wochen ja bereits zunehmend erfüllt, ein 8-Uhr-Abendblatt kostete dennoch auch am Heiligen Abend nominell immer noch 150 Milliarden Mark. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 24.12.2023
Dauer: 00:09:00
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23. Dezember 1923
Wie nehmen blinde Menschen ihre Umgebung wahr, wie orientieren sie sich im städtischen Raum, wie schätzen sie die Menschen, denen sie begegnen, ein? Der Journalist Christian Bouchholtz machte sich im Dezember 1923 auf den Weg zum Blindenheim des Diakons Menke in der Seestraße, um auf diese Fragen Antworten zu finden. Publiziert wurde sein daraus hervorgegangener Artikel in zwei Teilen am 22. und 23. Dezember in der BZ am Mittag. Paula Rosa Leu liest für uns nun den zweiten Teil, was erklärt, dass der Text etwas abrupt einsetzt mit der Widergabe seines Gesprächs mit einem Blinden aus besagtem Heim, der sehr detailliert Auskunft über seinen beeindruckenden Lebensalltag und die nicht minder beeindruckende Lebensgeschichte gibt.
Erschienen: 23.12.2023
Dauer: 00:13:13
Weitere Informationen zur Episode "Wie orientieren sich Blinde in der Stadt?"
22. Dezember 1923
Die Menschen des Jahres 1923 hatten ein Jahr der Hyperinflation hinter sich und waren es gewohnt, bei jeder Gelegenheit Schlange zu stehen: auf Behörden, beim Einkaufen – und wohl auch am Ticketschalter der Bahn. Eine solche Routine ist aber keineswegs ein Grund, sich nicht darüber aufzuregen. So finden wir im 12-Uhr-Blatt vom 22. Dezember einen teilweise szenisch aufbereiteten Leidensbericht von dem Versuch, eine Schlafwagenkarte zu erlangen. Für 15 Goldpfennige konnte jeder Leser, jede Leserin die persönlichen Erfahrungen mit diesem Kampf gegen eine Dame hinter dem Schalter der Bahn abgleichen. Für uns verarbeitet Frank Riede den Text.
Erschienen: 22.12.2023
Dauer: 00:10:23
Weitere Informationen zur Episode "Hinter dem Schalter sitzt der Feind"
21. Dezember 1923
Rugby ist in Deutschland bis heute nie recht heimisch geworden. Zwar gibt es einen Ligabetrieb und natürlich auch eine Nationalmannschaft, die öffentliche Aufmerksamkeit dafür tendieren jedoch eher gegen Null. Dabei, erfahren wir aus dem 12-Uhr-Blatt vom 21. Dezember 1923, hat das Rugby-Spiel seinen Weg nach Deutschland sogar vor dem Fußball angetreten. Beziehungsweise, um das Argument des Artikels genauer zusammenzufassen: Das Fußballspiel ist zunächst als Rugby-Spiel hierzulande importiert worden. Dass beide Spiele auf das Engste auch historisch miteinander verbunden sind, rekapituliert für uns Paula Rosa Leu.
Erschienen: 21.12.2023
Dauer: 00:07:16
20. Dezember 1923
Heute verschmelzen zwei Genres, die regelmäßig ohne gegenseitige Berührungspunkte in unserem Podcast vorkommen. Der Artikel, der sich mit Weihnachtsbräuchen beschäftigt, und der Bericht aus fernen asiatischen Ländern. Der in Berlin lebende chinesische Gelehrte Ingwen Liang schrieb für den Berliner Lokal-Anzeiger vom 20. Dezember 1923 über die „Weihnachtszeit in China“. Für regelrecht günstige 100 Milliarden Mark konnten die Leser*innen so erfahren, was sich zeitgleich zu den christlich-europäischen Feiertagen in China abspielte. Bevor Frank Riede den Artikel verliest, weisen wir darauf hin, dass am 27. Dezember im Deutschlandfunk Kultur im Rahmen des Magazins „Zeitfragen“ ein Feature von Frank Riede und Robert Sollich über das erste chinesische Restaurant in Berlin ausgestrahlt wird, in dem vielleicht auch der Autor des folgenden Artikels verkehrte.
Erschienen: 20.12.2023
Dauer: 00:06:35
19. Dezember 1923
In Zeiten wie den unseren, die eine gewisse Neigung zum Kulturkampf haben, geraten gerne einmal auch eher gemütliche Gestalten wie zum Beispiel Weihnachtsbäume zwischen die Fronten. Eine einzelne Hamburger Kita beschließt, einen solchen in diesem Jahr nicht aufzustellen, und begründet dies mit religiöser Neutralität, und schon beschwören etliche Zeitungen und Magazine und ein einzelner deutscher Ministerpräsident den Untergang des Abendlandes. Grund genug, uns des guten Stücks Weihnachtsfolklore einmal sachlicher anzunehmen, dessen Traditionen zu ergründen und – wenig überraschend – herauszufinden, dass es sich bei der guten Tanne natürlich um alles andere als ein christliches Ursymbol handelt. Mit von der Partie bei dieser interessanterweise in Italien startenden Recherche sind das Berliner Tageblatt vom 19. Dezember 1923, dessen Preis mittlerweile bei 250 Milliarden Mark alias 25 Goldpfennigen eingefroren war – und Paula Rosa Leu.
Erschienen: 19.12.2023
Dauer: 00:08:05
Weitere Informationen zur Episode "Der Weihnachtsbaum, eine deutsche Erfindung"
18. Dezember 1923
Tja, als Fußgänger ist man im Großstadtverkehr ein Wesen, das besonderen Schutz vor den Automobilen und Fahrrädern, ganz zu schweigen vor Elon Musks neuen Hyper-SUVs, verdient. Da wird schnell der Ruf nach der Ordnungsmacht laut – so auch vor 100 Jahren, als der Verkehr durch weniger Regeln, Markierungen und Ampeln geregelt war. Dies gekoppelt mit dem “Rasewahn” der mechanisierten und motorisierten Verkehrsteilnehmer, den die Deutsche Allgemeine Zeitung am 18. Dezember 1923 konstatierte, erforderte ein „ernstes Wort an die Polizei“. Dieses richtet, aus der Abendausgabe, die für 15 Goldpfennige oder 150 Milliarden Mark zu erwerben war, lesend, Paula Rosa Leu nun an Euch.
Erschienen: 18.12.2023
Dauer: 00:06:15
Weitere Informationen zur Episode "Der Rasewahn auf den Straßen"