Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Spannungen im amerikanisch-chinesischen Verhältnis

10. Juli 1923

Das amerikanisch-chinesische Verhältnis, zur Zeit bekanntlich in aller Munde, war dem Berliner Tageblatt auch schon am 10. Juli 1923 einen eigenen Artikel wert. Der weltpolitische Kontext war seinerzeit natürlich noch ein ganz anderer. Der Weltmächte gab es mehr als heute, und wahrscheinlich hätte man China damals nicht einmal dazu gezählt. Vielmehr verband die Vereinigten Staaten und das ‘Reich der Mitte‘ neben der Größe ihrer Staatsgebilde und dem daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Potential ihr Gegensatz gegenüber den großen europäischen Kolonialmächten, wie auch gegenüber der sich zunehmend imperial gerierenden pazifischen Macht Japan, der sie – so entnehmen wir dem Artikel – in gewisser Weise zu natürlichen Bundesgenossen machte. Frank Riede weiß für uns aber auch bereits über Risse in diesem Bündnis zu berichten.

Erschienen: 10.07.2023
Dauer: 00:10:40

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Selma Fischer: Die Tragödie vom gerissenen Rock

9. Juli 1923

Der Volkspark Humboldthain in der Nähe des Bahnhofs Gesundbrunnen konfrontiert heutige Besucher:innen weithin sichtbar mit dem Erbe des Zweiten Weltkrieges – sind doch die Hügel des Parks auf den Trümmern eines Hochbunkers und eines Flakturms entstanden. Vor 150 Jahren begann die Berliner Stadtverwaltung mit dem Bau eines Alexander von Humboldt gewidmeten Volksparks, der sich nach seiner Fertigstellung 1876 vor Allem dadurch auszeichnete, dass es der erste Park war mit einem Spielplatz für Kinder. Um eine kreisförmige, den Kindern gewidmeten Fläche standen Parkbänke für die die Kinder begleitenden Erwachsenen. Auf einer dieser Sitzgelegenheiten ließ sich 1923 die Autorin Selma Fischer nieder und beobachtete das Treiben. Weniger die Kinder als ein Arbeitsloser mit zerschlissener Kleidung erregte ihr Interesse. Das Gespräch mit diesem verarbeitete sie in ihrem Artikel „Die Tragödie vom gerissenen Rock“, den die Berliner Volks-Zeitung am 9. Juli veröffentlichte. Paula Rosa Leu lebt zwar nicht in dieser Gegend, begibt sich für uns aber auf die Parkbank im Humboldthain.

Erschienen: 09.07.2023
Dauer: 00:09:35

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Die Gandhi-Bewegung in Indien

8. Juli 1923

Wer im Berlin der 1920er Jahre täglich eine oder mehrere Tageszeitung las, war nicht nur über die Entwicklungen vor der Haustür und im nahen europäischen Ausland detailliert unterrichtet, sondern wusste auch aus erster Hand, was sich in Nord- und in Südamerika, in China oder in Japan so abspielte – ein Netz von gut informierten und emsig telegraphierenden Korrespondenten machte dies auch damals schon möglich. Anders verhielt sich die Sache mit Indien. Nur äußerst spärlich waren die Nachrichten aus diesem größten Land des British Empire, was unseren heutigen Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 8. Juli 1923 zu einer kostbaren Ausnahme macht. Ein Autor namens Kober verfügt offensichtlich über profunde Kenntnisse der jüngsten Entwicklungen auf dem indischen Subkontinent seit dem Weltkrieg und macht sein Publikum möglicherweise erstmals mit einem Namen vertraut, der für die weitere Geschichte der Dekolonisation von allergrößter Bedeutung werden sollte: Gandhi. Dessen Konzept eines „passiven Widerstands“ gegen die britischen Kolonialherren gibt der Artikel bemerkenswert präzise wieder, mag bei aller Sensibilität für das Spezifische der indischen Situation aber dennoch nicht davon absehen, auch den einen oder anderen Bogen vom fernen Ganges an die heimische Ruhr zu schlagen. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 08.07.2023
Dauer: 00:13:00

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Berliner Kabarett - ein Überblick

7. Juli 1923

Unter der Sammelbegriff Kabarett, der heutzutage sehr stark auf das politische Kabarett zugespitzt ist, verbarg sich vor hundert Jahren ein bunter Strauß unterschiedlichster Kleinkunst auf eher kleinen Bühnen. Und so waren manche Szenen berühmt für ihre Freizügigkeit, manche für die Chansons, manche für die Artisten, manche für die Tanznummern, manche für einen legendären Conférencier und andere für all das zusammen. Auf einen Streifzug durch verschiedene Kabarett-Bühnen Berlins begab sich ein gewisser Erich Wulf und veröffentlichte seine Eindrücke in der Ausgabe vom 7. Juli 1923 im Berliner Tageblatt. Frank Riede war beim Bühnen-Hopping dabei.

Erschienen: 07.07.2023
Dauer: 00:12:19

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Chinesisch Essen gehen in Charlottenburg

6. Juli 1923

Das Reisen in die große weite Welt war den allermeisten Deutschen im Inflationsjahr 1923 durch die schlechte Valuta verwehrt, dafür ließ sich die große weite Welt immer mehr daheim in Berlin blicken. Touristen, Diplomaten, aber zunehmend auch Studenten aus fernen Ländern zog die deutsche Hauptstadt in jenen Jahren an und prägte darüber in der Folge zumindest Ansätze von kultureller Diversität aus. Erst vor wenigen Wochen berichteten wir hier im Podcast von einem neueröffneten japanischen Restaurant in Schöneberg. Heute war die Autorin Margit Freud für uns bzw. für das 8-Uhr-Abendblatt vom 6. Juli 1923 in einem von gleich zwei chinesischen Lokalen essen, die innerhalb weniger Monate an der Kantstraße in Charlottenburg eröffnet hatten. Ihr Artikel ventiliert auch sprachlich ein paar nicht mehr zeitgemäße Klischees und Begriffe, ist jedoch erkennbar von großer Neugier und Sympathie für die ihr völlig fremde Kultur geprägt. Es liest Paula Rosa Leu.

Erschienen: 06.07.2023
Dauer: 00:10:28

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Die Schreckensurteile der französischen Kriegsgerichte

5. Juli 1923

Der Protest gegen und die Empörung über die Urteile der französischen Besatzungsjustiz fand in allen Zeitungen und auch in diesem Podcast seinen Widerhall. Immer wieder wurden im Ruhrgebiet und im Rheinland Menschen wegen tatsächlicher oder angeblicher Beteiligung an Sabotageakten zu Tode verurteilt und hingerichtet. Daher bat die Vossische Zeitung den Präsidenten des Reichsgerichts Dr. Walter Simons um eine Einordnung zur Rechtslage in den besetzten Gebieten. Seine Ausführungen druckte sie in ihrer Ausgabe vom 5.7.1923. Wie es bei diesem Staatsmann zu erwarten war, fallen sie sehr nüchtern und sachlich aus, unterstreichen aber gerade in ihrer Differenziertheit wo, aus der Sicht des internationalen Rechts, der eigentlich skandalöse Machtmissbrauch der Besatzungsbehörden genau zu finden ist. Für uns liest Frank Riede.

Erschienen: 05.07.2023
Dauer: 00:08:56

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Sommerbrief aus Bad Gastein

4. Juli 1923

Was tut man, wenn es einem im Sommer zwar nach Panoramaaussicht und frischer Bergluft gelüstet, man aber auch in der heißen Jahreszeit nicht auf die Annehmlichkeiten des großstädtischen Lebens verzichten möchte? Ganz einfach, man nimmt die Wiener Ringstraße, errichtet ihr Ebenbild mitten in den Alpen um einen schroffen Wasserfall herum und schließt diese Installation an die Bahn an. Herausgekommen bei diesem Experiment der Belle Époque ist der Kurort Bad Gastein im Salzburger Pongau, wo zu Lebzeiten nicht nur Kaiser Wilhelm I. und sein Reichskanzler Bismarck nebst vielen anderen Reichen und Schönen gerne urlaubten, sondern auch ein Autor namens Mehls, der seine Reise zumindest wohl teilweise durch einen Bericht finanzierte, der davon im Berliner Lokal-Anzeiger vom 4. Juli 1923 erschien. Die meisten Deutschen, erfahren wir dort, konnten sich Österreich seinerzeit nämlich nicht mehr leisten. Näheres weiß Paula Rosa Leu.

Erschienen: 04.07.2023
Dauer: 00:08:42

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Das Gastspiel der Berliner Staatsoper in Oslo/Christiania

3. Juli 1923

Im Unterschied zu anderen Staaten, die aufgrund ihrer Rohstoffaufkommen jüngst zu Reichtum gekommen sind, hat man in Norwegen davon abgesehen, markige Skylines in den Himmel zu bauen oder sich in große europäische Fußballclubs einzukaufen. Stattdessen setzte man hier auf Nachhaltigkeit, hat mit seinen Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft den größten Staatsfonds der Welt geschaffen – und in die Kultur investiert. Eines der prominentesten Zeugnisse dieser Politik ist das architektonisch hochgelobte 2008 neueröffnete Osloer Opernhaus, das, man höre und staune, im Grunde das erste seiner Art ist, das in Norwegen errichtet wurde. Den Norske Opera war zuvor in angemieteten Räumen des alten Volkstheatergebäudes untergebracht gewesen, vor 1960 hatte es gleich gar keinen festen Opernbetrieb gegeben. Die großen Stücke des Repertoires waren bis dahin höchstens im Rahmen von Gastspielen in Oslo, bis 1924 Christiania, zu erleben gewesen, und ein solches gab im Frühsommer 1923 unter recht unorthodoxen Bedingungen zum Beispiel die Berliner Staatsoper. Mit von der Partie war auch der Berliner Lokal-Anzeiger, dessen Reisebericht vom 3. Juli für uns Frank Riede liest.

Erschienen: 03.07.2023
Dauer: 00:09:10

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Nachruf auf Fritz Mauthner

2. Juli 1923

Erst vor wenigen Wochen, genauer: am 21. Mai 1923, hatte Fritz Mauthner seinen ersten Auftritt in diesem Podcast. Es war zugleich die letzte Gelegenheit für einen Text von ihm, da er kurze Zeit später verstarb. Die enorme Bedeutung, die dieser Sprachphilosoph, Schriftsteller und Journalist im späten Kaiserreich und in der frühen Weimarer Republik im öffentlichen Bewusstsein einnahm, lässt sich auch an der Anzahl der Nachrufe ablesen. In nahezu jeder der Zeitungen, die wir durchforsten, fanden wir einen kürzeren oder längeren Nekrolog. Aus der Fülle, der allerding über Wochen hinweg, auftauchenden Würdigungen bringt heute Paula Rosa Leu den Text der BZ am Mittag vom 2. Juli zu Gehör. Verfasst hat ihn der Schriftsteller und Satiriker Alexander Moszkowski.

Erschienen: 02.07.2023
Dauer: 00:08:42

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Religiöse Gemeinschaften in Berlin (I): Mormonen

1. Juli 1923

Für die Vossische Zeitung schrieb im Sommer 1923 der uns mittlerweile, dank dieses Podcasts, wohlbekannte Autor Erdmann Graeser eine Serie von Artikeln, in denen er religiöse Gemeinschaften in Berlin besuchte, an deren Ritualen teilnahm und sich mit Gemeindemitgliedern unterhielt. Dabei reflektiert er auch die Vorurteile, die diesen kleineren religiöseren Gruppierungen entgegengebracht wurden. Den Auftakt dieser Reihe machten die Mormonen-Gemeinden, die sich selbst als die „Heiligen der Letzten Tage“ bezeichnen. Frank Riede hat sich für uns unter die Gläubigen gemischt.

Erschienen: 01.07.2023
Dauer: 00:10:59

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