12. März 1923
Dass das von französischen und belgischen Truppen besetzte Ruhrgebiet einem Pulverfass glich, in dem es jeder Zeit zu Gewalteskalationen kommen konnte, war jedem bewusst und führte auch zu den nachdrücklichen und wiederholten Aufrufen zu passivem Widerstand seitens der Berliner Regierung. Neben dem provokanten und willkürlichen Handeln des einmarschierten Militärs auf der einen Seite, sorgten rechtsradikale und teilweise auch kommunistische Sabotage- und Kampftrupps, die Infrastruktur zerstörten und Anschläge auf dieses Militär verübten, für eine Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. Uns ist es nicht gelungen herauszufinden, ob die zwei französischen Offiziere, die am 11. März 1923 in Buer, heute ein Stadtteil von Gelsenkirchen, wirklich von einem bewaffneten Widerstand getötet wurden. Jedenfalls folgten Racheakte und Repressalien des französischen Militärs und die Lage spitzte sich immer weiter zu. Die Berliner Volkszeitung vom 12. März zeigt sich empört darüber, dass das Verbrechen nicht erst aufgeklärt wird, und automatisch Deutsche als Täter angenommen werden. Frank Riede liest.
Erschienen: 12.03.2023
Dauer: 00:07:34
Weitere Informationen zur Episode "Die toten Offiziere in Buer"
11. März 1923
Als Theaterkritiker hat es der großartige Egon Friedell vor längerer Zeit schon einmal in unseren Podcast geschafft. Darüber hinaus war der vielseitige Wiener Autor, neben diversen anderen Betätigungen, unter anderem aber auch selbst als Dramatiker aktiv, und als solcher debütiert er heute hier bei Auf den Tag genau. Seine „Judastragödie“ war bereits 1916 entstanden, gelangte jedoch erst 1923 auf die Bühne des Burgtheaters und wurde am 11. März im Berliner Börsen-Courier von einer anderen Zentralgestalt des Wiener Theaterlebens jener Jahre, Oskar Maurus Fontana, besprochen. Man mag aus Fontanas Rezension durchaus einige Sympathie und sogar Wertschätzung für Friedell herauslesen – unkritisch ist sie aber beileibe nicht ... Es liest Frank Riede.
Erschienen: 11.03.2023
Dauer: 00:09:10
Weitere Informationen zur Episode "Egon Friedell am Wiener Burgtheater"
10. März 1923
Die Neigung, neben sich auch andere deutsche Städte irgendwie ernst zu nehmen, dürfte im Berlin der 1920er Jahre noch weniger ausgeprägt gewesen sein als heutzutage. Dass zu den seltenen Ausnahmen gelegentlich das nicht allzu ferne Breslau zählte, könnte nicht zuletzt mit der schlesischen Herkunft nicht weniger Hauptstädterinnen und Hauptstädter zusammengehangen haben. So widmete denn auch die der Vossischen Zeitung allsamstäglich beiliegende Ausland-Ausgabe Voss der Hauptstadt Schlesiens am 10. März 1923 mal wieder einen Besuch und attestiert ihr, nicht ganz frei von großstädtischer Arroganz, durchaus gewisse Fortschritte in Sachen Flair und Modernität. Paula Leu ist für uns in das heutige Wroclaw mitgefahren.
Erschienen: 10.03.2023
Dauer: 00:07:19
9. März 1923
Während in Berlin der Streit um eine Sperrung und Öffnung und erneute Sperrung der Friedrichstraße für den Autoverkehr für Tumulte im Berliner Senat sorgt, stritten die politischen Vertreter vor 100 Jahren über Umbenennungen von Straßennamen. Die Opfer rechter Gewalt sollten im Stadtbild sichtbar werden. Die äußerste Linke wollte Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Straßenverzeichnis, die SPD und die liberale Mitte wollten die prominenten Attentatsopfer der letzten zwei Jahre Walther Rathenau und Matthias Erzberger als Namenspatrone sehen. Offensichtlich sorgte das für große Emotionen und wechselnde Koalitionen, die einen schnell den Überblick verlieren lassen. In die turbulenten Szenen des Berliner Abgeordnetenhauses führt uns zusammen mit dem Berliner Tageblatt vom 9. März 1923 Frank Riede.
Erschienen: 09.03.2023
Dauer: 00:07:48
8. März 1923
Dass Kriege immer auch durch den Einsatz – und die Sabotage – modernster Nachrichtentechnik geprägt sind, wissen wir nicht erst seit Elon Musk, seinem Satellitennetzwerk Starlink und dessen Bedeutung für den ukrainischen Abwehrkampf. Auch etwa schon die französisch-belgische Ruhrbesetzung vor einhundert Jahren war zumindest am Rande eine Auseinandersetzung um High-Tech-Kompetenzen, und diese ‘hybride Kriegsführung‘ betraf seinerzeit ganz besonders die drahtlose Telephonie. So konnten internationale Empfängerinnen und Empfänger zwar uneingeschränkt deutsche Unterhaltungs- und Kulturprogramme empfangen, andere Inhalte wurden zumindest auf ihrem Weg nach Westen indes nachhaltig von französischer Stelle aus gestört. Über den ungleich klingenden (und wohl auch ungleich klingen sollenden) Kampf zwischen Eiffelturm und Eberswalde berichtet am 8. März 1923 ausführlich das 12-Uhr-Blatt – und für uns Paula Leu.
Erschienen: 08.03.2023
Dauer: 00:07:30
Weitere Informationen zur Episode "Hybride Kriegsführung zwischen Eiffelturm und Eberswalde"
7. März 1923
Der Begriff Kokolores, der Geschwätz, Unsinn und lautes wichtigtuerisches aber bedeutungsloses Gehabe bezeichnet, leitet sich laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache von einer Nachahmung des Hahnenschreis ab, tauchte dann im Schwäbischen auch auf als „Gockelarus“ für „Narr“. Eine andere populäre Etymologie aber besagt, es leite sich ab vom sinnlosen aber hervorsprudelnden Redefluss der Kokainsüchtigen. Dieser unwahrscheinlichere Strang führt uns zur Überschrift des heute von Frank Riede verlesenen Artikels. Das Berliner Tageblatt gibt in ihrer Ausgabe vom 7. März 1923 Dr. Mamlock eine Spalte, in der er über die Ausbreitung des Kokainismus und des Morphinismus berichtet.
Erschienen: 07.03.2023
Dauer: 00:09:52
6. März 1923
Jedes neue Medium wird auch erst einmal mit Ängsten empfangen. Schriftrollen befördern das Vergessen, sogenannte Schundromane verderben die Jugend und sogenannte Baller-Computerspiele führen zu realer Gewalt. Auch das Kino stand unter dem Verdacht, eine Art Anleitung zu Verbrechen zu liefern. In der Berliner Volks-Zeitung vom 6. März 1923 finden wir den Bericht über zwei Vorträge über den Stummfilm der Zeit, von denen einer sich dem Thema Film und Kriminalität widmet. Paula Leu klärt uns darüber auf, dass sich das Kino vom Theater und der Literatur emanzipieren sollte, und darüber wie gefährlich Kriminalfilme für die Gesellschaft sind.
Erschienen: 06.03.2023
Dauer: 00:07:05
Weitere Informationen zur Episode "Krimifilme als Lehrfilme für Novizen der Kriminalität?"
5. März 1923
Am 4. November 1922 entdeckte der Ägyptologe Howard Carter im Tal der Könige die nahezu unversehrten Grabkammern des Tutanchamun. Dieses archäologische Ereignis entfaltete in den Folgejahren eine enorme mediale Wirkmächtigkeit, inklusive der berühmten Geschichte vom „Fluch des Pharao“. Am 16. Februar 1923 wurde ein Loch in die Mauer zwischen der Vorkammer und der eigentlichen Sargkammer geschlagen und der vergoldete Holzschrein Tutanchamuns kam zum Vorschein. Die Berichte der annähernd 20 Augenzeugen verbreiteten sich durch die Welt und erreichten am 5. März die Berliner Volks-Zeitung. Paula Leu lässt uns an diesen sensationellen Neuigkeiten für ein Ägypten-begeistertes Publikum teilhaben.
Erschienen: 05.03.2023
Dauer: 00:05:55
Weitere Informationen zur Episode "Öffnung von Tutanchamuns Sargkammer"
4. März 1923
So tief gespalten und feindselig sich die politischen Lager im Deutschland des Jahres 1923 gegenüberstanden – in einer einzigen Einschätzung herrschte von den Kommunisten bis zum völkischen Lager Einigkeit, und zwar hinsichtlich der eklatanten Unrechtmäßigkeit des französischen Einmarsches im Ruhrgebiet. Auch in linken Kreisen war die Empörung diesbezüglich einmütig. Selbst ein in der Wolle gefärbter Internationalist wie Carl von Ossietzky äußerte sich entsprechend deutlich. Sein nachfolgend für uns von Frank Riede gelesener Kommentar aus der Berliner Volks-Zeitung vom 4. März 1923 lässt dessen ungeachtet keinen Zweifel daran, dass er den langfristig gefährlicheren Feind der Republik in den eigenen, deutschen Reihen erblickt. Bei aller politischen Weitsicht, die sich hierin offenbart, sollte freilich auch er die Gefahr der Nationalsozialisten dramatisch unterschätzen.
Erschienen: 04.03.2023
Dauer: 00:07:23
Weitere Informationen zur Episode "Carl von Ossietzky zur Lage der Nation"
3. März 1923
Seinen bürgerlichen Namen Alfred Henschke kennt heute niemand mehr, wohl aber das Pseudonym, hinter dem sich eine der schillerndsten Figuren der Literaturszene in der Weimarer Republik verbarg: Klabund. 1890 in Crossen an der Oder geboren, erschienen unter diesem Namen bis zu seinem frühen Tod 1928 in einem der berühmten Lungensanatorien von Davos 25 Dramen, 14 Romane, etliche Nachdichtungen aus ostasiatischen und orientalischen Sprachen sowie ungezählte Gedichte, nicht selten erotischen Inhalts. Tatsächlich war Klabund selbst berühmt auch für sein vermeintlich turbulentes Liebesleben innerhalb und außerhalb seiner zwei Ehen und verkehrte überdies freundschaftlich mit etlichen kulturellen Größen seiner Zeit. Für das 8-Uhr-Abendblatt vom 3. März 1923 begab sich er sich auf einen Ball im armen Norden der Stadt, an dessen ausgelassener Atmosphäre und dessen amourösen Nachwehen uns Frank Riede teilhaben lässt.
Erschienen: 03.03.2023
Dauer: 00:07:24
Weitere Informationen zur Episode "Mit Klabund auf einem Ball im armen Norden Berlins"