10. September 1924
Die prekäre Nähe zur imperialen Großmacht Russland prägt die Situation Georgiens seit Jahrhunderten. Die sich den Wirren der Februar- und der Oktoberrevolution verdankende Unabhängigkeit einer Demokratischen Republik Georgien war nur von kurzer, nicht einmalxdreijähriger Dauer. Bereits im Februar 1921 hatte die Rote Armee die ehemalige Provinz am Schwarzen Meer wieder annektiert, womit der Widerstand der Georgier jedoch keineswegs gebrochen war. Im Sommer 1924 kam es zu einem wochenlangen Aufstand gegen die sowjetische Besatzung, die der als Statthalter installierte Georgier Josef Stalin jedoch blutig niederschlagen sollte. Das Hamburger Echo hat in seinem Bericht vom 10. September bereits eine Ahnung von dieser Entwicklung und schließt mit einer noch allgemeineren, denkwürdigen Prognose: „ Die Stunde der Befreiung Georgiens wird schlagen, wenn die Demokratie in Rußland siegen wird. Bis dahin aber wird das verzweifelte georgische Volk im Kampfe noch viele Opfer bringen müssen.“ Es liest Frank Riede.
Erschienen: 10.09.2024
Dauer: 00:10:46
Weitere Informationen zur Episode "Der Volksaufstand in Georgien"
9. September 1924
Dass im Jahre 1924 eine „Marsepidemie“ herrschte, wie sie die Harburger Anzeigen und Nachrichten bezeichneten, hatten wir bereits an dieser Stelle erwähnt. Dadurch dass der Mars der Erde so nahekam, wir lang nicht mehr, überschlugen sich die Entdeckungen und Spekulationen rund um den Nachbarplaneten. So überrascht es auch nicht weiter, dass ebenjene Harburger Zeitung auch von dem Fieber infiziert war und die vermischten Nachrichten im „Kleinen Feuilleton“ in ihrer Ausgabe vom 9. September mit neuesten Erkenntnissen zur Temperatur der Mars eröffnet. Es folgen aber auch technische, sowie archäologische Sensationen, Historisches und eine hustende Pflanze. Rosa Leu führt uns durch diesen Kurznachrichtenparkour.
Erschienen: 09.09.2024
Dauer: 00:08:09
Weitere Informationen zur Episode "Vom Mars bis zu Fake News in der Botanik - Kleines Feuilleton"
8. September 1924
Dass die Aufmerksamkeit der Tagespresse im September 1924 auf die Tagung des Völkerbundes in Genf gerichtet war, haben wir erst vor vier Tagen in diesem Podcast gehört. Die dortigen Bemühungen der verschiedenen Regierungen um eine Friedensordnung, die künftige Kriege verhindern könnte, überschatteten auch damals schon die nur wenige Kilometer entfernt stattfindende Sitzung des Völkerparlaments in Bern, einer Organisation, die heute nur den Wenigsten bekannt ist. Unter dem Namen Interparlamentarische Union versammelten sich damals allerdings schon zum 22. Mal Parlamentarier*innen aus aller Welt, um sich gemeinsam zu überstaatlichen Schiedsgerichtsverfahren und Friedenswahrung zu besprechen. 1889 hatten der Franzose Frederic Passy und der Brite William Rendal Cramer diese Union ins Leben gerufen, die auch heute noch Bestand hat und Parlamentarier*innen aus 180 Ländern zusammenführt. 1924 vertrat der Sozialdemokrat und Reichstagspräsident Paul Löbe das Deutsche Parlament in Bern und berichtete im Hamburger Echo vom 8. September von der freundschaftlich kollegialen und konstruktiven Atmosphäre des Völkerparlaments. Frank Riede verleiht ihm seine Stimme.
Erschienen: 08.09.2024
Dauer: 00:08:32
Weitere Informationen zur Episode "Paul Löbe: Die Sitzung des Völkerparlaments 1924"
7. September 1924
Im Filmklassiker „Ninotschka“ aus dem Jahre 1939 von Ernst Lubitsch spielt Greta Garbo eine sowjetische Sonderbeauftragte, eine unterkühlte Technokratin, die nach und nach dem funkelnden Warenhausauslagen der Pariser Kaufhäuser erliegt und damit dem undiskreten Charme der Bourgeoisie und des Kapitalismus. Man könnte verallgemeinern, dass der durch Konsum erreichte Status alle älteren Standesunterschiede ersetzt. Genau diese Gefahr sah bereits 15 Jahre zuvor das sozialdemokratische Hamburger Echo vom 7. September 1924, wenn es über die Arbeiter*innen schrieb, die sich vor den Schaufenstern der Kaufhäuser drängten. Der Artikel appelliert, wie wir heute wissen langfristig vergeblich, an die Arbeiter*innen, dem Standesstolz entsprechend, die unnützen Luxusgegenstände abzulehnen. Rosa Leu regt sich für uns über Schuhe mit hohen Absätzen und Pyjamas auf.
Erschienen: 07.09.2024
Dauer: 00:06:04
Weitere Informationen zur Episode "Arbeiterehre und Schaufenster"
6. September 1924
„Die allgemeine Anleinpflicht für Hunde gilt in ganz Hamburg. Für gefährliche Hunde gilt eine uneingeschränkte Maulkorb- und Leinenpflicht.“ So die aktuelle Lage in der Hansestadt. Offensichtlich galt zeitweilig vor 100 Jahren sogar eine Hundesperre, die zum Unmut bei den Hundebesitzer*innen führte. Auf eine Kritik der Verordnungen rund um Leinenzwang und Maulkorbpflicht sind wir schon mehrfach in den Tageszeitungen gestoßen. Besonders kreativ prangert die Unfreiheit der Vierbeiner in Bergedorf eine unbekannte Autor*in in der Bergedorfer Zeitung vom 6. September 1924 an. Während alle Augen auf die Tagung des Völkerbundes in Genf gerichtet sind, oder auf die Sitzung des Völkerparlaments in Bern, um das es bei uns in zwei Tagen gehen wird, kommt es auf dem Marktplatz der Nachbarsgemeinde Sande, die im Gegensatz zu Bergedorf zu Preußen und nicht zu Hamburg gehört, zu einer nächtlichen Zusammenkunft eines Betroffenen-Parlaments, um die Lage der Hündinnen und Hunde zu diskutieren. Rosa Leu war als Lokalreporterin dabei.
Erschienen: 06.09.2024
Dauer: 00:08:22
mit Prof. Dr. Cornelius Borck
Für diese Folge sprachen wir mit dem renommierten Wissenschaftshistoriker Professor Dr. Cornelius Borck. Mit einem Forschungsschwerpunkt in Medizingeschichte hat er u.a. in London, Bielefeld, Berlin und Montreal gearbeitet, bevor er die Leitung des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung an der Universität zu Lübeck übernahm. Ein zentrales Interesse von Professor Borck ist die Verflechtung von Wissenschaft mit gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen. In unserem Gespräch erörtern wir mit ihm, wie Wissenschaft von gesellschaftlichen Entwicklungen und Krisen beeinflusst wird und welche Rolle Wissenschaftler:innen in der öffentlichen Debatte in der Vergangenheit und Gegenwart einnehmen.
Erschienen: 05.09.2024
Dauer: 00:24:12
5. September 1924
„Jeder in Hamburg Geborene müsste verpflichtet sein, wenigstens einmal in seinem Leben hinzugehen, um dort mit übereinander geschlagenen Armen seine tiefe Verbeugung zu machen vor der heiligen Quelle, der die Republik ihren schönsten Schmuck zu danken hat.“ – Das schrieb der norddeutsche Dichter Detlev von Liliencron einst über ... die Alster. Der Hamburgische Correspondent vom 5. September 1924 möchte da vielleicht nicht widersprechen, hält einen anderen Ort der Hansestadt jedoch für noch weit identitätsstiftender: den Hafen. Hierher führt der Autor mit dem Kürzel „Dr. Sch.“ die ‘Fremden‘. Und obwohl wir mit Auf den Tag genau nun schon seit fünf Wochen in Hamburg ansässig sind und uns auch schon heimisch fühlen, folgen wir dieser Einladung gerne und leihen Dr. Sch. die Stimme von Frank Riede.
Erschienen: 05.09.2024
Dauer: 00:11:22
Weitere Informationen zur Episode "Eine Rundfahrt durch den Hamburger Hafen"
4. September 1924
Aus den Versailler Friedensverhandlungen war die Gründung des Völkerbundes hervorgegangen, dessen vornehmliches Ziel darin bestand, einen Krieg, wie man ihn gerade erlebt hatte, zu verhindern. Es sollte eine Schiedsgerichtsbarkeit geben, um zwischenstaatliche Konflikte zu lösen, und gegenseitige Verpflichtungen zur Abrüstung. Besonders in Deutschland war mancherorts die Skepsis gegenüber dem Gebilde groß und es wurde vermutet, dass hinter dem Pathos der Oberfläche eine knallharte und deutschlandfeindliche Interessenspolitik der Franzosen und Engländer dominierte. Als aber im Spätsommer 1924 der Völkerbund in Genf unter Beteiligung von deutschen Diplomaten tagte, regte sich zumindest im Hamburger Fremdenblatt vom 4. September die leise Hoffnung, dass es Frankreich und England doch ernst meinen könnten mit den Zielen des Bundes und dass mit einer Beteiligung oder gar einem Beitritt von Deutschland wirklich ein europäischer Frieden zu schaffen wäre. Für uns erinnert Rosa Leu an die enttäuschten Hoffnungen der Zwischenkriegszeit.
Erschienen: 04.09.2024
Dauer: 00:09:25
Weitere Informationen zur Episode "Genfer Hoffnungen an den Völkerbund"
3. September 1924
Seit dem 29. Oktober 1923 amtierte Mustafa Kemal, den wir heute vor allem unter seinem Ehrennamen Atatürk kennen, als erster Präsident der Türkei, und spätestens seit diesem Tag war die Umwandlung des alten Osmanischen Reiches zu einem modernen türkischen Nationalstaat unter seiner Federführung in vollem Gange. Einer der wichtigsten alten Zöpfe, die es dafür abzuschneiden galt, war die Einrichtung des Kalifats, und von diesem Vorhaben handelt ein Artikel des deutschen Orientalisten Hellmut Ritter im Hamburgischen Correspondenten vom 3. September 1924. Ritter war seinerzeit Professor an der eben gegründeten Universität Hamburg. Nachdem er 1925 wegen § 175 zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden war, wirkte er seit 1926 zunächst für die Deutsche Morgenländische Gesellschaft in Istanbul, seit 1935 auch als Professor an der dortigen Universität; bis er, erklärter Gegner des NS-Regimes, 1949 nach Deutschland zurückkehrte und eine Professur in Frankfurt am Main annahm. An die Wurzeln des türkischen Laizismus folgt ihm für uns Frank Riede.
Erschienen: 03.09.2024
Dauer: 00:12:37
Weitere Informationen zur Episode "Die Türkei schafft das Kalifat ab"
2. September 1924
Verglichen mit anderen Kommunen und Regionen in Deutschland verfügt die Freie und Hansestadt Hamburg über eine relativ lange und reiche Geschichte demokratischer Traditionen, die bis in bürgerlich-hanseatische Selbstverwaltungsformen des Mittelalters zurückreichen. Eine Bürgerschaft wählten männliche und steuerzahlende Hamburger seit 1859, das Klassenwahlrecht wurde indes auch hier erst mit Beginn der Weimarer Republik überwunden. Nach 1919 und 1921 kam es am 26. Oktober 1924 schon zum dritten Mal zu freien und geheimen Bürgerschaftswahlen, die in einem Artikel des Hamburger Fremdenblattes vom 2. September bereits ihren Schatten vorauswerfen. Thema hierin ist zum einen ein geplanter Schulterschluss der bürgerlichen Parteien gegen die SPD. Zum anderen geht es um Pläne verschiedener Gewerbeverbände, eventuell mit eigenen Sonderlisten an den Wahlen teilzunehmen. Die Details kennt Frank Riede.
Erschienen: 02.09.2024
Dauer: 00:08:22
Weitere Informationen zur Episode "Die Hamburger Bürgerschaftswahl wirft ihre Schatten voraus"