Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Mit Max Brod im überfüllten Zug

6. Juli 1925

Der jüdisch-deutsch-tschechische Autor Max Brod ist heute vor Allem als Freund und Förderer von Franz Kafka bekannt, und als Retter von dessen zur Vernichtung bestimmten Werken. 1925 war aber er ein sehr bekannter deutschsprachiger Autor, dessen Romane auch in Berlin und Hamburg gefeiert wurden. Immer wieder stoßen wir auf journalistische Arbeiten von ihm in den Tageszeitungen, weshalb er in den letzten 5 Jahren schon mehrfach in diesem Podcast zu hören war. Am 6. Juli 1925 erschien ein kurzer Text von Brod im Hamburger Anzeiger, der sich der Situation in überfüllten Zügen widmet, die wir alle kennen. Wo sind die Menschen, die anderen ihren Platz anbieten, und wer sind sie? Für uns quetscht sich Rosa Leu in den überfüllten Zugwaggon.

Erschienen: 06.07.2025
Dauer: 00:08:35

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US-Präsident beim Kellnern in Berliner Likörstube erwischt

5. Juli 1925

Filmaufnahmen, die einen prohibitionistischen US-Präsidenten beim Nippen an einem Likörglas zeigen, würde in Zeiten der fortgeschrittenen digitalen Moderne wohl kein aufgeklärter Mensch mehr uneingeschränkt Glauben schenken. Wie unsere heutige Podcast-Folge lehrt, war dem Augenschein gegenüber zumal auf der Leinwand indes auch schon in früheren Jahren Vorsicht angebracht. Der Hamburgische Correspondent berichtete am 5. Juli 1925 von einem Streifen, der den ehemaligen POTUS Woodrow Wilson einem entsprechend verfänglichen Verdacht aussetzte, die Bilder freilich, eher banal, einem ihm offenbar bis zum Verwechseln ähnlichen Doppelgänger verdankte, den der Regisseur ausgerechnet in der Hauptstadt des einstigen Kriegsgegners Deutschland hinter dem Tresen einer Destille aufgetrieben hatte. Dass besagtes Double auch noch eine Vergangenheit in königlich-preußischen Diensten vorweisen konnte und sich bei den Dreharbeiten in Berlin vor aufgebrachten Passanten für seinen 14-Punkte-Plan zu rechtfertigen hatte, rundet die schöne Geschichte ab. Und wenn sie nicht stimmt, ist sie doch so gut erfunden, dass es unbedingt lohnt, Frank Riede bei ihrem Vortrag zu lauschen.

Erschienen: 05.07.2025
Dauer: 00:10:17

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Der Hamburger Hauptbahnhof als Warenhaus

4. Juli 1925

PKW waren längst noch ein Luxusgut, Überlandbusse quasi und Autobahnen gänzlich unbekannt, ein innerdeutsches Flugnetz befand sich erst in den Kinderschuhen – das bei Weitem wichtigste Fernreisevehikel stellte vor einhundert Jahren die Bahn dar. Die Zentralbahnhöfe der großen Städte waren entsprechend bedeutsame Verkehrsknotenpunkte, deren Funktionen sich ergo nicht auf Ankunft und Abreise beschränkten. Vielmehr, erfahren wir aus dem Hamburger Anzeiger vom 4. Juli 1925, konnte man am dortigen Hauptbahnhof alles erwerben, was man für die oder nach der Reise benötigte. Richtig mondän scheint der Ort zwar auch schon damals nicht gewesen zu sein; immerhin aber war man darauf eingerichtet, dass seinerzeit weit mehr Menschen als heute über Nacht reisten und die Spuren dieser Strapaze am Ankunftsort hinter sich zu lassen bestrebt waren. Rosa Leu hat sich für uns umgesehen.

Erschienen: 04.07.2025
Dauer: 00:07:34

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Todesstrafen in Moskau

3. Juli 1925

Im Frühling 1925 wurden im sogenannten Tscheka-Prozess eine kommunistische Gruppe für ihre Anschlagspläne in Deutschland verurteilt, wobei eine Unterstützung dieser Gruppe durch Russland nachgewiesen werden konnte. Die Antwort aus Moskau erfolgte prompt in Form eines, heute würde man sagen, Schauprozesses, bei dem die drei nach Russland reisenden Studenten Kindermann, Wolscht und von Dittmar als vermeintliche Spione, die angeblich Anschläge auf ranghohe Kommunistenführer verüben wollten, zu Tode verurteilt wurden. Weil in der Folge auch ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau in den Sog dieses Prozesses hineingezogen wurde, erreichte die russische Diplomatie ihr Ziel: Verurteilte im Tscheka-Prozess wurde an die Sowjetunion übergeben, was dazu führte, dass die Studenten begnadigt wurden und nach Deutschland zurückkehren konnten. Diesen Ausgang konnte der Hamburgische Correspondent vom 3. Juli nicht kennen, die Unrechtmäßigkeit des Prozesses erkannten damals aber alle Zeitungen rechts der kommunistischen Parteizeitungen. Frank Riede liest.

Erschienen: 03.07.2025
Dauer: 00:07:14

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Ausgebliebene Zahlungen: Die Wiener Claque zieht vor Gericht

2. Juli 1925

Ihren Ursprung hat sie im Pariser Theaterleben des 19. Jahrhunderts, woher auch ihr französischer Name rührt: die Claque. Dass sich namentlich die dortige Opéra durch ein ganzes Geflecht aus bezahlten professionell applaudierenden Subunternehmern gegen künstlerischen – bzw. geschäftlichen Misserfolg – absicherte, ist durch vielfältige historische Quellen belegt, am eindrucksvollsten wahrscheinlich im Zusammenhang des legendären Tannhäuser-Skandals um Richard Wagner von 1861. Von ähnlichen Strukturen auch an anderen Standorten ist unbedingt auszugehen, und wer das bisher nicht glauben mochte, werde im Folgenden belehrt durch einen Fall aus Wien, wo angeblich ausgebliebene Zahlungen an die Klatscher sogar vor dem Kadi landeten. Die Operette „Agri“, von der der hiesige Artikel der Hamburger Nachrichten vom 2. Juli 1925 handelt, ist heute weithin vergessen; vielleicht würden wir sie noch kennen, hätte ihr Komponist Ernst Steffan sich nicht, ähnlich wie Wagner in Paris, geweigert, die geforderten Schmiergelder zu zahlen. Wie die Richter das sahen, weiß Rosa Leu.

Erschienen: 02.07.2025
Dauer: 00:04:46

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Victor Auburtin trinkt nicht nur Portwein in Porto

1. Juli 1925

Victor Auburtin führte ein Journalistenleben, für das ihn das Gros seiner Berufskollegen in den 1920er Jahren aufrichtig beneidet haben dürfte. Monatelang reiste er durch die verschiedensten Ecken Europas und schickte von jeder neuen Station alle paar Tage einen Reisebericht in die Heimat, wo gleich mehrere Tageszeitungen in unterschiedlichen Städten ihm seine Texte gerne abkauften – und seine Trips so finanziert haben dürften. Wer im Frühjahr 1925 regelmäßig den Hamburger Anzeiger las, konnte auf diese Weise an einer ganzen Rundreise über die iberische Halbinsel teilhaben, die Auburtin nach längeren Aufenthalten im Baskenland und in Kastilien, in Andalusien und in Lissabon nun in den Norden Portugals geführt hatte. Seine Postkarte aus Porto erreichte die hanseatische Leserschaft am 1. Juli und dokumentierte, dass der Autor dort nicht nur Portwein getrunken hatte. Unser Mann in Portugal heißt Frank Riede.

Erschienen: 01.07.2025
Dauer: 00:10:12

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Der Freischütz aus dem Grammophon am Elbestrand

30. Juni 1925

Kaum eine Oper zumindest einmal des deutschen Repertoires gilt als so volkstümliches Werk wie Der Freischütz von Carl Maria von Weber. Wie viel Prozent der Bevölkerung auch heute noch die Agathe-Arien, den Jägerchor oder den ‘Jungfernkranz‘ mitträllern könnten, bleibe einmal dahingestellt. Vor einhundert Jahren, bestätigen die Altonaer Nachrichten vom 30. Juni 1925, war dieser Anteil offensichtlich noch sehr hoch. Eine Radio-Ausstrahlung des Freischütz durch die im Vorjahr von hanseatischen Kaufleuten gegründete Nordische Rundfunk-AG, kurz: Norag, bzw. das sie bis an den Elbstrand transportierende elektronische Endgerät zogen damals Jung und Alt wie ein großes Lagerfeuer an. Oper und Leben, schildert uns der kleine Text, verbanden sich drumherum zu einem wahren Volkstheater, das sich in seiner Poesie auch durch die laut auf dem Fluss vorbeischippernden Boten des Industriezeitalters nicht stören ließ. Rosa Leu hat sich für uns unters Volk gemischt.

Erschienen: 30.06.2025
Dauer: 00:05:59

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Der zweite Rathenau-Prozess gerät zur Farce

29. Juni 1925

Es war einer der folgenschwersten Anschläge auf die Weimarer Republik: Am 24. Juni 1922 wurde der deutsche Außenminister Walther Rathenau von Mitgliedern der rechtsradikalen Organisation Consul in Berlin ermordet. Die Attentäter flüchteten und wurden erst Wochen später in Thüringen aufgespürt. Beim Zugriff starb einer von ihnen durch eine Polizeikugel, einer durch Suizid, die anderen wurden im Herbst 22 vor dem Staatsgerichtshof zu eher moderaten Haftstrafen verurteilt. Deutlich weniger öffentliches Interesse als dieser Hauptprozess zog zweieinhalb Jahre später ein weiteres Verfahren gegen zwei Helfer auf sich. Einen größeren Bericht fanden wir lediglich im sozialdemokratischen Hamburger Echo vom 29. Juni 1925, der sich über das Strafmaß (Freispruch bzw. vier Jahre Haft) gegen die beiden Angeklagten und die Argumentation der Richter in blanke Ironie flüchtet. Beinahe unnötig zu ergänzen, dass auch der verurteilte Günther Brandt nur einen Bruchteil der Strafe tatsächlich absitzen musste. Später im NS-Staat machte er Karriere u.a. im Rassenpolitischen Amt der NSDAP sowie beim Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, nach dem Krieg praktizierte er als Facharzt für Innere Medizin. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 29.06.2025
Dauer: 00:06:44

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Wer sichert sich die Rohstoffe in der Arktis?

28. Juni 1925

Drohung mit dem Zollkrieg, geopolitische Ambitionen am Panamakanal, Kulturkämpfe gegen die Wissenschaftsfreiheit – dass sich Geschichte über den Abstand von einhundert Jahren, wenn nicht wiederholt, so doch bisweilen auf höchst bizarre Weise „reimt“, war unlängst hier im Podcast in bemerkenswerter Serie zu bestaunen. Und diese Serie setzt sich heute beinahe nahtlos fort mit einer Episode, die den Fokus in die Arktis richtet und sich dort konkret um die Rohstoffvorkommen kümmert, die bereits seinerzeit, wie wir im Hamburgischen Correspondenten vom 28. Juni 1925 erfahren, das Interesse nicht nur der unmittelbaren Anrainer auf sich zogen. Mit dabei beim polaren Ringen um die Bodenschätze (wie bei allen genannten Folgen) waren, Überraschung, auch schon in den letzten Zwanziger Jahren die US-Amerikaner. Dank ihres großen Forschers Amundsen in der Pole Position befand sich allerdings ein damals als Land noch sehr rohstoffarmer Konkurrent: Norwegen. Geschichte wiederholt sich so ganz halt doch nicht. Es liest Rosa Leu.

Erschienen: 28.06.2025
Dauer: 00:07:37

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Schutzgebiete für wilde Tiere in Südafrika

27. Juni 1925

Bereits im 19. Jahrhundert waren bestimmte Wildtierbestände in Afrika nahezu ausgerottet, weshalb die Idee von Schutzgebieten auftauchte. Im Jahre 1898 richtete die Republik Transvaal, die später zu einem Teil von Südafrika wurde, unter dem Präsidenten Paul Kruger auf einem Gebiet von ca. 2500 Quadratkilometern ein Wildtierreservat ein, das von Rangern geschützt wurde. Zudem keimte die Idee auf, diese Gebiete für Besucher*innen zugänglich zu machen. 1926 wurde die Fläche ausgeweitet und in den Kruger Nationalpark umbenannt, der im Jahre 1935 bereits von 26.000 Interessierten befahren wurde. Ein Jahr vor dieser Gründung berichtet der Wandsbeker Bote in seiner Ausgabe vom 27. Juni von der Geschichte der Idee und den Plänen der Zukunft. Für uns hat sich Frank Riede auf Safari begeben.

Erschienen: 27.06.2025
Dauer: 00:07:44

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