10. Juni 1923
Vor 10 Jahren wurde der Roman „Blutsbrüder – ein Berliner Cliquenroman“ wiederentdeckt. Dieses Werk des Autors Ernst Haffner, das 1932 erschienen war und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten umgehend verboten wurde, schildert sehr eindrücklich das Leben und Überleben von obdachlosen Minderjährigen auf den Straßen von Berlin. Das Problem der auch in der Nacht umherziehenden Kindern und Jugendlichen bestand schon Anfang der 1920er und wurde etwa im Vorwärts vom 10. Juni 1923 thematisiert. Heute erfahren wir also, dank Paula Rosa Leu, welche Kinder der Vorwärts bei seinen nächtlichen Recherchespaziergängen angetroffen hat.
Erschienen: 10.06.2023
Dauer: 00:08:42
Weitere Informationen zur Episode "Kinder auf der Straße - In der Nacht"
9. Juni 1923
Von der nationalkonservativen Deutschen Allgemeinen Zeitung bis zum sozialdemokratischen Vorwärts: Der Ton der Entrüstung, mit dem seit Monaten – auch bei uns im Podcast – über die französisch-belgische Besetzung im Ruhrgebiet berichtet wird, unterscheidet sich zwischen den politischen Lagern bzw. der ihnen nahestehenden Presse nur in der Nuance; wechselseitig überbietet man sich mit täglichen Artikeln über die dort verübten Gräueltaten. Ein etwas anderes Bild vermittelt demgegenüber unser heutiger Blick ins noch linkere politische Spektrum, wo die KPD-Parteizeitung Rote Fahne am 9. Juni 1923 mit dezidiert abweichenden Beobachtungen aus der besetzten Zone aufwartet. Erwartungsgemäß werden hier, statt den nationalen, Klassenunterschiede und -gemeinsamkeiten betont, die zumindest in diesem Bericht tatsächlich auch keine Rassenschranken kennen. Das Vokabular ist zwar noch rassistisch kontaminiert, in der Sache werden bei den Opfern von Militarismus und Imperialismus allerdings sehr ausdrücklich keine Unterschiede hinsichtlich der Hautfarbe gemacht. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 09.06.2023
Dauer: 00:07:54
Weitere Informationen zur Episode "Die Rote Fahne über die Situation an Rhein und Ruhr"
8. Juni 1923
Erst vorgestern hatten wir hier im Podcast einen äußerst hoffnungsfrohen Zeitungsartikel über Ansätze zu einem wieder anlaufenden internationalen Kulturaustausch und dessen friedenstiftendes Potential in Nachkriegszeiten. Ganz anders gelagert als die dort besprochene Lesereise Thomas Manns in das vom Weltkrieg verschonte Spanien verhielt es sich freilich mit der Auslandswirkung des patriotischen Erbauungsfilms Fridericus Rex des ungarischen Regisseurs Arzen von Cserépy über Friedrich den Großen, der wegen seiner vermeintlichen Verherrlichung des preußischen Militarismus etwa in den USA scharf kritisiert wurde. Einen anderen Weg des Umgangs ging man offensichtlich in Belgien, wo der Streifen aus dem gleichen Grund ein gefundenes Fressen war, vor einem ungebrochenen aggressiven Nationalismus in Deutschland zu warnen und die eigene Politik der Ruhrbesetzung damit indirekt zu legitimieren. Das Berliner Tageblatt blickt am 8. Juni 1923 wegen dieser propagandistischen Ausschlachtung seinerseits empört nach Brüssel. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 08.06.2023
Dauer: 00:06:04
Weitere Informationen zur Episode "Fridericus Rex in Brüssel"
7. Juni 1923
Georg Friedrich Händel war natürlich auch vor einhundert Jahren eine hochgeschätze Figur der deutschen Musikgeschichte; seine zahlreichen berühmten Oratorien, die Feuerwerkmusik oder die Wassermusik erfreuten sich breiter Popularität. Ausgerechnet das, was Händel zu Lebzeiten vor allem berühmt gemacht hatte, seine über vierzig Opern, war zwischenzeitlich freilich nahezu der Vergessenheit anheim gefallen – zu inkompatibel wohl war die strenge barocke Form mit ihrem Wechsel aus Rezitativen und Da-Capo-Arien mit dem sich über die Jahrhunderte davon wegentwickelt habenden modernen Musiktheatergeschmack. Und zu wenig auch wusste man mittlerweile noch von der damaligen Aufführungspraxis. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts freilich setzte hier ein neues, zunächst sehr philologisches Interesse ein, das die jahrhundertlang nicht gespielten Händel-Partituren zunächst auf kleinen Liebhaberfestivals zum Erklingen brachte, von dort bald aber auch die urbanen Opernhäuser erreichte. Händels große Erfolgsoper Giulio Cesare in Egitto schaffte es so etwa binnen einen Jahres von den Händel-Festspielen in Göttingen auf die Bühne der Berliner Volksoper und überzeugte dort auch den Kritiker des Berliner Tageblatts. In dessen Rezension vom 7. Juni 1923 hat sich für uns Frank Riede vertieft.
Erschienen: 07.06.2023
Dauer: 00:08:44
Weitere Informationen zur Episode "Händels Giulio Cesare a Berlino"
6. Juni 1923
Im Zuge des Ersten Weltkrieges kam der kulturelle Austausch zwischen Deutschland und dem Rest der Welt verständlicher Weise zum Erliegen. Die Weimarer Republik suchte wieder Vertrauen zu gewinnen - nicht zuletzt mit ihren Kulturbotschaftern. Davon, dass Richard Wagner wieder in New York gespielt, dass Hasenclever nach Paris eingeladen wurde, dass Ernst Lubitsch nach Hollywood gegangen war, hatten wir berichtet. Am 6. Juni 1923 erfahren wir aus der Berliner Börsen-Zeitung von Thomas Manns Lesereise durch Spanien. Offensichtlich lauschte ihm dort nicht nur ein kleiner Kreis spanischer Germanisten, wie Paula Rosa Leu für uns zu berichten weiß.
Erschienen: 06.06.2023
Dauer: 00:04:46
5. Juni 1923
Ob zu Wasser, in der Luft oder auf der Schiene – an Reiseberichten herrschte in den Zeitungen der 1920er Jahre wahrlich kein Mangel, und entsprechend umfangreich können wir Euch an dieser Stelle auch hier im Podcast versorgen. Einzig das Reisen auf der Straße, im Kraftfahrzeug, ist bis hierher mangels publizistischen Materials etwas unterbelichtet geblieben, weshalb wir nicht widerstehen konnten, ein kleines hübsches Roadmovie durch Polen aus der B.Z. am Mittag vom 5. Juni 1923 in den Podcast zu heben. Ähnlich wie zu dieser Zeit auch in Deutschland waren die alten Überlandstraßen nach knapp einhundert Jahren Eisenbahnzeitalter dort über weite Strecken noch in einem erbärmlichen Zustand und die motorisierte Fortbewegung entsprechend langsam. Umso intensiver fielen indes die Reiseeindrücke aus, die Frank Riede mit uns teilt.
Erschienen: 05.06.2023
Dauer: 00:09:44
Weitere Informationen zur Episode "Mit dem Auto durch Polen"
4. Juni 1923
Paris war auch noch in den 20er Jahren zweifelsfrei die Stadt der künstlerischen Avantgarden. In diesem Gewimmel aus Galerien, Theatern, Cafés, Salons und Varietés bewegte sich auch der damals dreißigjährige jüdisch deutsch-französische Dichter Ivan Goll, der seine Werke auf Französisch, Deutsch und Englisch verfasste. Offensichtlich schrieb er neben seinen, von der Tendenz dem Expressionismus zugerechneten Gedichtzyklen, hin und wieder für Berliner Zeitungen, denn wir stoßen auf ihn im Berliner Börsen-Courier vom 4. Juni 1923. Dort stellt er die zeitlose Frage danach, was eigentlich „Kunst“ sei. Bei seinem Antwortversuch spielen auch eine Automobilausstellung und neueste Entwicklungen des Rundfunks eine Rolle. Paula Rosa Leu begibt sich mit ihm auf der Suche nach der wahren Kunst.
Erschienen: 04.06.2023
Dauer: 00:05:46
Weitere Informationen zur Episode "Ivan Goll: Was ist Kunst?"
3. Juni 1923
Eine rekurrente Stimme im Bezug auf den Entwicklungsstand der vergleichsweise jungen Kunstform Film lautete Anfang der Zwanziger, dass der Film noch nicht wirklich zu einer Kunst gereift sei und noch der Entwicklung dorthin bedürfte. Den Autor unseres heutigen Artikels, der mit dem Kürzel F.O. signiert, nervte diese bildungsbürgerlich abschätzige Haltung dem Film gegenüber gehörig. Für die Berliner Börsen-Zeitung vom 3. Juni 1923 rezensiert er eine Sachbuch-Neuerscheinung mit dem Titel „Der Film von morgen“. Nachdem er etwas Dampf abgelassen hat, widmet er sich aber auch den Aufsätzen des Bandes, die ihn positiv überrascht haben. Frank Riede navigiert uns durch den Film von morgen vor 100 Jahren. An einer Stelle, wenn es um die Ansprüche an die Wandelbarkeit der Filmschauspieler geht, wird eine rassistische Bezeichnung verwendet, die richtiger Weise nicht mehr zu unserem aktiven Wortschatz gehört.
Erschienen: 03.06.2023
Dauer: 00:10:54
2. Juni 1923
Der ehemalige Weltkriegssoldat und Freikorpskämpfer Albert Leo Schlageter zählte im Dritten Reich neben Horst Wessel und Wilhelm Gustloff zu den großen NS-Märtyrerfiguren. Als er im Mai 1923 wegen Spionage und mehrerer Sprengstoffanschläge im besetzten Ruhrgebiet von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, war er zwar kein ‘ordentliches‘ NSDAP-Mitglied, entstammte aber exakt jenen Milieus, aus denen jene in den Folgejahren zunehmend ihre Funktionäre und Schlägertrupps rekrutierte, und gehörte auch der NSDAP-Tarnorganisation Großdeutsche Arbeiterpartei an. Die Hinrichtung Schlageters war in den Folgetagen in den deutschen Zeitungen insgesamt kein übergroßes Thema. Berichtet wurde über die Personalie aber schon, und zumal in der rechts-nationalen Presse finden sich bereits hier deutliche Spuren der Verklärung der Person Schlageters. So auch in der Deutschen Allgemeinen Zeitung, deren Nachruf am 2. Juni von der Bewertung seiner Freischärler-Umtrieben im Baltikum bis zum unterstellten Verrat durch die Kommunisten schon bemerkenswert nah am späteren NS-Narrativ formuliert und mit einer düsteren, sich leider tatsächlich später erfüllenden Prophezeiung schließt. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 02.06.2023
Dauer: 00:07:42
Weitere Informationen zur Episode "Über die Hinrichtung Albert Leo Schlageters"
1. Juni 1923
Über die Auswanderungsbewegung aus Deutschland nach Südamerika war gelegentlich in unserem Podcast bereits die Rede. Doch wie stellte sich die Lage in Nordamerika dar? Der Autor Otto Corbach führt uns in der Vossischen vom 1. Juni 1923 in die komplizierte Situation Kanadas ein, das offensichtlich mehr Auswanderung in die USA zu verzeichnen hatte, als es neue Einwanderer:innen aufnahm. Der Journalist Corbach lebte in den 20ern als freier Autor in Berlin, hatte aber vorher aus Asien berichtet und sich während der russischen Revolution in Odessa aufgehalten. Daher galt er als jemand, der die ganze Welt im Blick hatte. Da passt es nur ins Bild, dass im heutigen Artikel neben Kanada auch Australien thematisiert wird. Frank Riede lässt uns über den Globus steifen.
Erschienen: 01.06.2023
Dauer: 00:12:33
Weitere Informationen zur Episode "Einwanderung nach Kanada und Australien"