11. April 1923
Berlin war in den 1920er Jahren bekanntermaßen begehrtes Zufluchtsziel vor der Revolution geflüchteter Russen, Ukrainer, Belarussen etc., und vor diesem Hintergrund nimmt es wenig Wunder, dass sich auch die führenden Theaterkünstler und -kompagnien aus dem alten Zarenreich an der Spree seinerzeit die Klinke in die Hand gaben. Über das ausgedehnte Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters haben wir zu gegebener Zeit hier im Podcast mehrfach berichtet; nun, im Frühjahr 1923, gab sich mit Alexander Tairows [Betonung auf dem i!] Moskauer Kammertheater ein ästhetisch gänzlich anders ausgerichtetes Ensemble im Deutschen Theater die Gastspielehre. Tairow zählte mit seinem um eine ‘Retheatralisierung des Theaters‘ bemühten sogenannten ‘entfesselten Theater‘ zu den großen Protagonisten der historischen Avantgarden auf der Bühne. Der Kritiker vom Berliner Tageblatt reagierte in seiner Rezension vom 11. April indes so, wie man das in Berlin bisweilen auch heute noch erlebt: Kennen wa schon, ham wa auch schon jemacht, können wa bessa! Wie das in vornehmen Worten klingt, demonstriert uns Frank Riede.
Erschienen: 11.04.2023
Dauer: 00:10:54
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10. April 1923
Der deutsche Expressionismus und seine großen Vertreter aus der ‘Brücke‘ und dem ‘Blauen Reiter‘ sind aus dem Pantheon der Kunstgeschichte längst nicht mehr wegzudenken, weshalb man manchmal vergisst, wieviel Skandalpotential anfänglich eignete und wie lange ihrem Schaffen auch über die Phase der ersten heftigen Anfeindungen hinaus im Fachdiskurs erbitterter Widerstand entgegengebracht wurde. Von letzterem kündet die nachfolgende Besprechung einer Ausstellung Oskar Kokoschkas im Berliner Salon Cassirer durch den Kunstredakteur des Berliner Tageblatts Fritz Stahl vom 10. April 1923. Viel lieber als über Kokoschka, den er mit Abstrichen gelten lässt, spricht Stahl über einige namhafte abwesende Künstlerkollegen, über die sich das nicht sagen lässt; so dass wir am Ende der Rezension mehr über die Kunstdebatten in der jungen Weimarer Republik erfahren als über die Werke, die damals bei Cassirer zu besichtigen und zu erwerben waren. Es liest, trotzdem, Frank Riede.
Erschienen: 10.04.2023
Dauer: 00:09:11
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9. April 1923
Die Musikdramen Richard Wagners prägten bekanntermaßen auch schon vor einhundert Jahren die Spielpläne der deutschen Opernhäuser, und doch gab es seinerzeit, in München, gänzlich unbekannte Kost vom Bayreuther „Meister“ zu entdecken: Das Liebesverbot hatte Wagner in jungen Jahren 1836 während seiner Zeit als Musikdirektor am Theater Magdeburg zur Uraufführung gebracht; nach dieser einzigen Vorstellung war es, von Wagner selbst als Jugendsünde apostrophiert, 87 lange Jahre nicht wieder auf einer Bühne zu erleben, bis die Bayerische Staatsoper unter Dirigent Robert Heger nun die Wiederausgrabung wagte. Tatsächlich entsprach Das Liebesverbot in nahezu allen Aspekten dem, was der spätere Wagner an der Oper verachtete und wogegen er mit seinem Musikdrama ankomponierte. Der Berliner Volks-Zeitung vom 9. April 1923 gefiel es trotzdem – oder gerade deshalb. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 09.04.2023
Dauer: 00:05:23
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8. April 1923
Unter dem Begriff Lufttorpedo versteht man einen aus dem Flugzeug abgeworfenen Torpedo, der anschließend im Meer weiterschwimmt. In unserem heutigen Artikel aus der BZ am Mittag vom 8. April 1923 geht es auch um Militärtechnik, aber unter der Bezeichnung Lufttorpedo vielmehr um ein Flugobjekt, das selbständig auf einer vorherbestimmten Bahn fliegt. Wir sind damit bei den Anfängen einer militärischen Nutzung von Drohnen. Auch vor 100 Jahren schien es niemanden zu überraschen, dass das amerikanische Heer an der Spitze der Entwicklung neuartiger Waffensysteme stand, denn um deren unbemannte Flugzeuge geht es vornehmlich. Ziemlich detailliert wir das technische Faszinosum geschildert, wie kleine Flugzeuge sich selbst steuern können. Für uns tut dies Frank Riede.
Erschienen: 08.04.2023
Dauer: 00:07:37
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7. April 1923
Der Erste Weltkrieg hatte den Zuschnitt der Erde gravierend verändert. Das merkten nicht nur Millionen von Menschen, die sich plötzlich um eine neue Staatsangehörigkeit, wenn nicht gleich um eine neue Heimat bemühen mussten – sondern auch die Hersteller von Globen und Atlanten, deren Produkte über Nacht einer Generalüberholung harrten. Eine solche war nun erfolgt, und die Berliner Morgenpost muss sich in ihrem Artikel vom 7. April 1923 erst einmal orientieren. Ein gewisses Geschmäckle hat das überschwängliche Lob freilich, das sie dem neuen Kartenwerk aus dem Verlagshause Ullstein ausspricht, denn in diesem erschien damals, genau, ... auch die Berliner Morgenpost. Aber seien wir nicht zu streng, wir machen in diesem Podcast ja auch gelegentlich Reklame in eigener Sache. Bevor es wieder soweit ist, liest aber erstmal Paula Rosa Leu.
Erschienen: 07.04.2023
Dauer: 00:05:20
6. April 1923
Kaum war der Kinofilm geboren, schon entstanden auch erste Biopics und damit die Frage der Rezensenten: Wie hat ein Biopic auszusehen? Zeigt er den Menschen, überhöht er das Genie, Erzählt er chronologisch die Biographie, zeigt er ausschnitthaft das Besondere der Persönlichkeit? Herbert Ihering hatte sich im April 1923 den Schillerfilm von Curt Goetz angeschaut, der 1922 mit Theodor Loos in der Hauptrolle gedreht worden war. Bei seiner durchaus wohlwollenden Kritik zog er als negatives Gegenbeispiel den heroisierenden und sehr erfolgreichen Mehrteiler „Friedericus Rex“ über Friedrich den Großen als Vergleich heran. Der Berliner Börsen-Courier druckte die Rezension am 6. April ab. Paula Rosa Leu weiß, was für einen Friedrich Schiller uns der Film zeigt, der lange als verschollen galt, bevor eine Kopie auftauchte und er 2005 restauriert wieder aufgeführt werden konnte.
Erschienen: 06.04.2023
Dauer: 00:05:59
Weitere Informationen zur Episode "Friedrich Schiller Biopic"
5. April 1923
Als einer der zweifelsfrei größten Komödienregisseure gilt Ernst Lubitsch, dessen einzigartiger Stil, der „Lubitsch-Touch“, oft kopiert wurde – aber in der Regel vergeblich. Ist er heute vor Allem für seine Werke aus der Tonfilmzeit: „Ninotschka“, „To be or not to be“, „Rendezvous nach Ladenschluss“ bekannt, so beruhte sein weltweiter Ruhm 1923 auf seinen in Deutschland gedrehten Monumentalfilmen, wie „Madame Dubarry“ oder „Das Weib des Pharao“, und den zahlreichen Stummfilm-Komödien. Dieser Erfolg führte Lubitsch 1922 als einen der ersten europäischen Regisseure nach Hollywood, wo er fortan und bis an sein Lebensende im Jahre 1947 arbeitete. Die Filmindustrie dort war erst kürzlich entstanden und wuchs in immensem Tempo zu dem größten Filmstandort der Welt, hatte aber bereits ein Image von Sex, Drugs and Rock `n` Roll. Da bot es sich natürlich an, dass Lubitsch in seine alte Heimat schrieb, was er denn hier in Hollywood tatsächlich vorfand. Frank Riede liest also für uns, was Lubitsch über die Stadt der Filmwunder im 8-Uhr-Abendbatt vom 5. April 1923 zu berichten wusste.
Erschienen: 05.04.2023
Dauer: 00:10:57
4. April 1923
Das Recycling von Rohstoffen wird heutzutage in unseren Breiten überwiegend aus ökologischen Gründen für geboten erachtet; in früheren Tagen war es hingegen in ungleich stärkerem Maße eine ökonomische Notwendigkeit. Insbesondere viele Metalle, aber selbst auch Papier blieben nach dem Ersten Weltkrieg lange Zeit Mangelware und ihre Wiederaufbereitung avancierte zu einem entsprechend florierenden Geschäftsmodell. Wie viele Arbeitsschritte dieser Prozess umfasste und wie viele Personen und ihre Familien mit ihrem Lebensunterhalt an diesem Prozess hingen, rollt der Vorwärts in seiner Ausgabe vom 4. April 1923 auf – und für uns Paula Rosa Leu.
Erschienen: 04.04.2023
Dauer: 00:10:21
Weitere Informationen zur Episode "Über das Sammeln und Recyceln von Rohstoffen"
3. April 1923
In den schwierigen Zeiten von Ruhrbesetzung, Inflation und beständigem Terror von Rechts publizierte das liberale Berliner Tageblatt eine Reihe zum Thema „Untergang oder Aufstieg“, in dem es um die Zukunftsaussichten Deutschlands ging. Seine Ansichten dazu gab auch der damals deutlich politischer agierende Bruder der Manns zu Protokoll: Heinrich Mann. Sein Essay „Ihr müsst nur wollen“ vom 3. April beschäftigt sich mit der geistigen Entwicklung Deutschland, die, seiner Meinung nach, zu sehr von wirtschaftlichen Prioritäten in Politik und Gesellschaft gehemmt wird. Eine Kritik an der auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich wie auch an der Hoffnung auf einen trickle-down-Effekt durch die Schonung von großen Vermögen, macht seinen Text teilweise verblüffend aktuell. Frank Riede weiß, was wir nach Heinrich Mann wollen müssten.
Erschienen: 03.04.2023
Dauer: 00:12:51
Weitere Informationen zur Episode "Heinrich Mann geißelt das Primat der Wirtschaft"
2. April 1923
Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die französisch-belgische Besetzung des Ruhgebietes alle Teile der deutschen Gesellschaft erschütterte, so liefert sie der Vorwärts in seiner Osterausgabe des Jahres 1923. Alfred Kerr, der große Breslauer und Berliner Theaterkritiker, ging hier gleich in doppelter Hinsicht fremd. Zum einen verließ er mit seinem ‘Epilog eines Deutschen‘ die heimischen redaktionellen Gefilde des Berliner Tageblattes, für das er zwischen 1919 und 1933 in Berlin ansonsten weitgehend exklusiv publizierte. Zum anderen präsentiert er sich uns hier auch nicht, wie gewohnt, als geistreicher Rezensent oder mit anderer kurzer, etwa Reise-Prosa, sondern als Lyriker! Seinen Zeitgenoss:innen war er freilich auch von dieser Seite durchaus bekannt; nicht umsonst enthält die in den 1990er Jahren bei S. Fischer erschienene Ausgabe seiner gesammelten Werken einen eigenen, mehrhundertseitigen Gedichtband. Es rezitiert Frank Riede.
Erschienen: 02.04.2023
Dauer: 00:03:45
Weitere Informationen zur Episode "Epilog eines Deutschen - Lyrik von Alfred Kerr"