Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Atomenergie als Zukunftstechnologie?

6. Juni 1925

Lothringen und große Teile Oberschlesiens verloren, das Ruhrgebiet besetzt, Kohlelieferungen als Reparationsforderungen – um die Energieversorgung der deutschen Industrie wie der Haushalte stand es nach dem Ersten Weltkrieg schlecht. Um besagten Ausfall fossiler Brennstoffe zu kompensieren, sondierte man interessanterweise auch alternative Wege der Energiegewinnung – Wind, Wasser, Sonne, Erdwärme –, die alle in den vergangenen Jahren bereits hier im Podcast zu bestaunen waren. Dass man neben solchen regenerativen Techniken auch noch in ganz anderen Richtungen dachte, belegt ein Artikel, den wir im Pinneberger Tageblatt vom 6. Juni 1925 gefunden haben. Die Rede ist dort von einer potentiellen Energiequelle, die alle anderen perspektivisch überflüssig mache: die Atomspaltung. Die technischen Grundlagen für diesen „Traum der Menschheit“, von dessen albtraumhafter (und schließlich eher realisierter) Kehrseite der Artikel noch nichts ahnt, erläutert Frank Riede.

Erschienen: 06.06.2025
Dauer: 00:09:18

Weitere Informationen zur Episode "Atomenergie als Zukunftstechnologie?"


China den Chinesen? Die Unruhen in Shanghai

5. Juni 1925

De jure handelte es sich bei der seit 1912 bestehenden Republik China um ein einheitliches Staatswesen, faktisch zerfiel das große „Reich der Mitte“ in den 1920er Jahren in die Herrschaftsbereiche diverser Warlords, die von ausländischen Mächten – Großbritannien, Russland, den USA und Japan – im Ringen um politische wie ökonomische Einflusszonen wahlweise unterstützt oder bekämpft wurden. Aus chinesischer Perspektive eine Epoche der Ohnmacht und der Demütigungen, der am 30. Mai 1925 ein neues Kapitel hinzugefügt wurde, als die britische Kolonialpolizei bei einer Streikkundgebung chinesischer Arbeiter in der teilweise international besetzten Metropole Shanghai mehrere Menschen erschoss. In der Folge bildete sich eine landesweite Protestbewegung gegen die ‘ausländischen Imperialisten‘, die immerhin so präsent war, dass sich auch die europäische Presse für sie zu interessieren begann. Nachdem Deutschland mit dem Ersten Weltkrieg all seine kolonialen Aktien auch in China verloren hatte, ließ es sich plötzlich gut mit den ausgebeuteten Völkern fraternisieren. Auch der Hamburgische Correspondent ist in seinem Lagebericht vom 5. Juni, wie wir von Rosa Leu erfahren, nicht völlig frei davon.

Erschienen: 05.06.2025
Dauer: 00:10:50

Weitere Informationen zur Episode "China den Chinesen? Die Unruhen in Shanghai"


Heiße Cocktails in Pinneberg

4. Juni 1925

Eine Scheibe Zitrone mit ein paar Krümeln Zucker und Kaffee auf die Zunge gelegt, dann etwas hochprozentig Alkoholisches, am besten einen Weinbrand, darüber gespült – fertig ist der Nikolaschka, ein Cocktail, der es in den 1960er und 70er Jahren in West wie Ost zum Modegetränk brachte. Die Rezeptur ist freilich deutlich älter. Möglicherweise deutet sein Name auf eine Herkunft aus dem masurischen Ort Nikolaiken, heute polnisch: Mikołajki, hin. Neueste Spuren führen freilich eher in nordwestliche Richtung, denn wenn man den Ausführungen der Altonaer Neuesten Nachrichten vom 4. Juni 1925 trauen darf, firmierte der Nikolaschka in den 1920er Jahren als Signature drink im „Hotel Stadt Hamburg“, dem heutigen „Cap Polonio“, in Pinneberg. Überhaupt ist der Artikel darauf aus, die Altonaerinnen und Altonaer zu einem Ausflug in die gar nicht so ferne Nachbarstadt zu animieren. Rosa Leu ist ihm für uns gefolgt.

Erschienen: 04.06.2025
Dauer: 00:05:48

Weitere Informationen zur Episode "Heiße Cocktails in Pinneberg"


“Noch und noch” - die Haller-Revue auf Gastspiel in Hamburg

3. Juni 1925

„Die Revue ist das Aperçu unserer Zeit. Eine Kette von Aphorismen. Eine Galerie von Unterhaltungen auf ihre Essenz gebracht. Schlag auf Schlag. Rhythmus ist das Gesetz. Rhythmus ist die Urkraft unserer Zeit.“ – Was der Musikkritiker Oscar Bie hier so unnachahmlich auf den Punkt brachte, war konkret auf den Admiralspalast gemünzt, das Mitte der 1920er Jahre vielleicht bedeutendste Unterhaltungstheater Berlins, das seit 1923 von Herman Haller geleitet wurde und das Genre der Ausstattungsrevue in ungeahnte Dimensionen trieb. Die wichtigste Rolle in den Haller-Revuen mit ihren extravaganten Kostümen und rasanten Szenenwechseln kam wahrscheinlich den Tiller-Girls zu, einer legendären, nach ihren Gründern John und Lawrence Tiller benannten Kompagnie von Tänzerinnen, die mehr noch als für ihre Bubiköpfe für die Synchronizität ihrer Choreographien und vor allem ihrer Beinarbeit berühmt waren. In Berlin geriet die Revue „Noch und noch“ zum Winterhit des Jahres 1925. Wie sie in Hamburg bei ihrem Gastspiel im Schauspielhaus aufgenommen wurde, erfahren wir aus dem Hamburger Anzeiger vom 3. Juni 1925 von Frank Riede.

Erschienen: 03.06.2025
Dauer: 00:09:06

Weitere Informationen zur Episode "“Noch und noch” - die Haller-Revue auf Gastspiel in Hamburg"


Die verwunschene Villa an der Flottbeker Chaussee

2. Juni 1925

Über achteinhalb Kilometer erstreckt sich von Ottensen stromabwärts entlang der Unterelbe Hamburgs, wenn nicht bekannteste, so doch wahrscheinlich mondänste Straße, die Elbchaussee. So lang freilich war sie nicht immer. Ihre östliche Hälfte, bis Othmarschen, nannte sich früher Flottbeker Chaussee, und eben auf diesem Teilstück wandelt ein mit W.S. zeichnender Autor für die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 2. Juni 1925 vorbei an gepflegten Hecken und Rasenflächen, um zwischen so viel hanseatischer Gediegenheit einen völlig verwilderten Garten mit zugewachsener Villa aufzufinden und sogleich neugierig hineinzuspazieren. Was es mit diesem verwunschenen Schloss auf sich hatte und wer dort lebte – weiß Frank Riede.

Erschienen: 02.06.2025
Dauer: 00:07:05

Weitere Informationen zur Episode "Die verwunschene Villa an der Flottbeker Chaussee"


Philosophie in der Schule

1. Juni 1925

Der Pfingstmontag fiel im Jahre 1925 auf den 1. Juni, einen Montag. An diesem Tag erschienen keine Zeitungen, weshalb wir heute auf die Pfingst-Sonntagsangabe vom 31. Mai des Hamburger Echo zurückgreifen. In ihr erfahren wir, aus der Sicht der christlichen Parteien, Ungeheurliches: hatte doch der preußische Bildungsminister Otto Boelitz Philosophie als Pflichtfach auf das Curriculum der Oberschulen gesetzt. Die gegenüber diesem Vorstoß sehr positiv gestimmte sozialdemokratische Zeitung setzt bei der allgemeinen Frage, was denn überhaupt Philosophie sei, an, um dann den Kampf der Rechtsparteien gegen den Philosophieunterricht zu schildern, der, wie uns Frank Riede mitteilt, zwar erfolgreich war, aber die Philosophie nicht ganz aus der Schule vertreiben konnte.

Erschienen: 01.06.2025
Dauer: 00:06:36

Weitere Informationen zur Episode "Philosophie in der Schule"


Das Nationaldenkmal von Tannenberg

31. Mai 1925

Der Hamburgische Correspondent war ein konservativer Vertreter seiner Zunft und stand, als solcher, in den 1920er Jahren der Deutschen Volkspartei nahe. Bei der Reichspräsidentenwahl 1925 hatte er mit der Kandidatur Paul von Hindenburgs sympathisiert und unterstützte in einem Artikel vom 31. Mai 1925 nun auch die Errichtung eines Nationaldenkmals, das im ostpreußischen Tannenberg an die dortige, mit Hindenburgs Name verbundene siegreiche Schlacht vom August 1914 gegen die russischen Truppen erinnern sollte. Tatsächlich sollte der hier besprochene Entwurf in ähnlicher Form bis 1927 realisiert und zu einem Monument deutschen Größenwahns werden. Um das Denkmal nicht in die Hände der Roten Armee fallen zu lassen, ließ Hitler die gigantomane Anlage samt der dort 1934 angelegten Hindenburg-Gruft im Januar 1945 sprengen. Während die Gebeine des Generalfeldmarschalls und seiner Frau ins hessische Marburg überführt werden konnten, gelangten die baulichen Überreste nach Warschau und fanden dort Eingang in das Gebäude des Zentralkomitees der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei. Rosa Leu liest einen nationalistisch bewegten Text, der von dieser Wendung der Geschichte naturgemäß nichts ahnen konnte.

Erschienen: 31.05.2025
Dauer: 00:07:45

Weitere Informationen zur Episode "Das Nationaldenkmal von Tannenberg"


Ein Jahr sozialdemokratische Regierung in Dänemark

30. Mai 1925

Die Wurzeln des skandinavischen Wohlfahrtsstaates werden allgemein in Schweden verortet, doch entwickelten sich auch in Dänemark die Sozialdemokraten bereits in den 1920er Jahren zur führenden politischen Kraft und stellten seit 1924 mit Thorvald Stauning erstmals den Ministerpräsidenten. Die Mehrheit seiner Regierung stand auf tönernen Füßen; vor allem der Landsting, die nominell erste Kammer des dänischen Reichstags, stellte sich bei vielen Gesetzesentwürfen quer. Dennoch zieht die sozialdemokratische Alte Liebe aus dem damals zu Hamburg gehörenden Cuxhaven am 30. Mai 1925 ein äußerst positives Fazit nach einem Jahr linker Regierung im Nachbarland. In ihrer Erfolgsliste führt sie dabei nicht nur sozial- und bildungspolitische Maßnahmen. Auch die Abrüstungspolitik der Regierung Stauning wird lobend vermerkt sowie deren Bestrebungen um einen deutsch-dänischen Ausgleich im nach dem Ersten Weltkrieg dänisch gewordenen Nordschleswig. Die Details kennt Frank Riede.

Erschienen: 30.05.2025
Dauer: 00:07:17

Weitere Informationen zur Episode "Ein Jahr sozialdemokratische Regierung in Dänemark"


Von der Gentrifizierung der Hamburger Altstadt

29. Mai 1925

Der südöstliche, hafennahe Teil der Hamburger Altstadt war Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein echtes Arbeiterviertel mit schmalen Gassen, sogenannten Twieten, hoher Bevölkerungsdichte und entsprechend prekären hygienischen Lebensbedingungen. Unter der Ägide des seit 1909 amtierenden Oberbaudirektors Fritz Schumacher unterzog man dieses Areal einer durchgreifenden Flächensanierung, in deren Zuge die meisten der alten Bewohner in neue Wohngebiete auf der Veddel und in der Jarrestadt umgesiedelt wurden und auf dem Grund der alten Gängeviertel ein schickes neues, architektonisch bis heute hochgeschätztes Kontorhausviertel entstand. Der Hamburgische Correspondent berichtete am 29. Mai 1925 ausführlich von diesem (damals selbstredend so noch nicht genannten) Prozess der Gentrifizierung, deren Schattenseiten hier konsequent ausgeblendet bleiben. Es liest Rosa Leu.

Erschienen: 29.05.2025
Dauer: 00:06:15

Weitere Informationen zur Episode "Von der Gentrifizierung der Hamburger Altstadt"


Die Utopie des Pazifismus

28. Mai 1925

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die Debatten um pazifistische Positionen neu entfacht und verschärft. Kann Aufrüstung zu Frieden führen? Ist ein Frieden um jeden Preis wünschenswert? Wie ist das Verhältnis von militärischen Kriegshandlungen und Diplomatie? Angesichts dessen waren wir gespannt, als uns ein Artikel aus dem Hamburgischen Correspondenten vom 28. Mai 1925 zur „Utopie des Pazifismus“ in die Hände gelangte. Dass der konservative österreichische Autor Karl Anton Prinz Rohan, der sich später vorübergehend für den Nationalsozialismus einsetzte, dabei nicht gerade eine Lanze für den Pazifismus brechen würde ließ sich absehen. Seine Ideen zu einer europäischen Vereinigung zur Friedenssicherung überraschten da schon eher. Frank Riede trägt sie vor.

Erschienen: 28.05.2025
Dauer: 00:07:59

Weitere Informationen zur Episode "Die Utopie des Pazifismus"


Podcast "Auf den Tag genau"
Merken
QR-Code