17. April 1925
Man könnte die Ansicht vertreten, dass sich das wahre Wesen einer Zeit in ihren vermischten kleinen Nachrichten äußert - nicht der große Leitartikel, sondern die Faits Divers bildeten das echte Leben ab. Ob dem wirklich so ist, wollen wir gar nicht beurteilen, sichern uns aber für den Fall, dass es stimmt, dadurch ab, dass wir hin und wieder diese kleine Form in unserer Auswahl bedienen. In der heutigen Folge tun wir es zusammen mit den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 17. April 1925. Der Autor, der gestern von den Ausstellung der Totenmasken an Berliner Universität berichtet hatte, wir erinnern uns an sein Kürzel „UE“, brachte wohl auch „Kleine Berliner Lebensbilder“ aus der Hauptstadt mit. In ihnen geht es um Justizwahnsinn, geheime Alkoholherstellung und einen Bubikopf. Präsentiert werden sie für uns von Rosa Leu.
Erschienen: 17.04.2025
Dauer: 00:06:55
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16. April 1925
Die Anfertigung von Totenmasken ist eine uralte Kulturtechnik. Zu den bekanntesten Beispielen aus der Frühgeschichte zählt die goldene Maske des Tutenchamun. Nachdem diese Tradition in der Renaissance wieder auflebte, erkannte man den Totenmasken im 19. Jahrhundert einen künstlerischen und musealen Wert zu. In diesem Zuge entstand die Sammlung an der Berliner Universität, die heute noch Bestandteil der Sammlungen der Humboldt-Universität ist. Am 16. April 1925 war ein Autor der Altonaer Neuesten Nachrichten, der mit dem Kürzel UE signiert, nach Berlin gereist, um sich eine Ausstellung an eben dieser Universität anzusehen und über sie zu berichten. Wessen Abbild er zwischen den Totenmasken von Schiller, Voltaire und Robespierre dort noch begegnete, weiß Frank Riede.
Erschienen: 16.04.2025
Dauer: 00:09:06
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15. April 1925
Die Repräsentationsaufgaben britischer Monarchen und ihrer Thronfolger sind enorm und waren das auch schon vor einhundert Jahren. Das Empire, über das sie, nun ja, herrschten, war seinerzeit bekanntlich noch bedeutend größer und es zu bereisen, gestaltete sich erheblich beschwerlicher. Um diese Pflichten dem Prince of Wales, bei dem es sich um den späteren Kurzzeitregenten Edward VIII. handeln muss, dennoch so angenehm wie möglich zu gestalten, hatte man den weltkriegserprobten Schlachtkreuzer Repulse mit allerlei mondänen Extras versehen. Der Berichterstatter des Hamburger Anzeigers ist in seinem Artikel vom 15. April 1925 dennoch voll des Bedauerns für den als Lebemann geltenden Prinzen im Angesicht einer ihm bevorstehenden Weltreise. Und er sollte in seiner Einschätzung Edwards tatsächlich recht behalten: Nach nur wenigen Monaten im „Amt“ verzichtete dieser 1936 auf die Krone, heiratete eine Bürgerliche und zog sich in sein geliebtes Paris zurück, von dem auch hier schon die Rede ist. Es liest Rosa Leu.
Erschienen: 15.04.2025
Dauer: 00:06:39
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14. April 1925
Zum Ende des 19. Jahrhundert wurden verschiedene Reformbewegungen, die auf die veränderten Arbeitsverhältnisse der Industrialisierung und die Veränderungen der Lebensumstände in wachsenden Großstädten regierten, unter dem Begriff Lebensreform zusammengefasst. Ein Strang der Reformen war ein neues Körperbild, ein Streben, die durch die industrielle Entwicklungen von der Natur entfremdeten Menschen zu einem gesunden und mit der Natur sich im Einklang befindenden Zustand zurück zu führen. Von diesen Vorstellungen führt allerdings auch eine direkte Linie zu den Anschauungen der Nationalsozialisten, die diese Körperertüchtigung rassistisch aufluden und mit einer Wehrertüchtigung kombinierten. Ein Beispiel, an dem man das zeigen kann, ist der Kulturfilm der UFA „Wege zur Kraft und Schönheit“ aus dem Jahre 1925, den das Pinneberger Tageblatt vom 14. April rezensiert. Der hier zelebrierte Körperkult findet sich in manchen Passagen nahezu unverändert im propagandistischen Film „Olympia“ von Leni Riefenstahl aus dem Jahre 1938 wieder. Da erscheint es beinahe als folgerichtig, dass die 1925 noch nicht prominente Tänzerin Leni Riefenstahl in „Wege zur Kraft und Schönheit“ in einer Szene einen Auftritt als Statistin hat. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 14.04.2025
Dauer: 00:11:46
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13. April 1925
Die Kompassnadel deutscher Frühjahrsurlauber zeigt traditionell nicht unbedingt in den skandinavischen Norden. Eben dorthin verschlägt es jedoch den Hamburger Anzeiger in seiner Osterausgabe des Jahres 1925, in dem die „Auferstehung des Herren“ am 12./13. April begangen wurde. Um genau zu sein war es das norwegische Gudbrandsdal, das der Autor Hermann Rößler besucht und in dem er sich offensichtlich sehr wohl gefühlt hatte. Nordische Sonne, Luft und Schnee preist er genauso wie norwegische Gemütlichkeit und Gastfreundschaft im Quartier, nächtliches Gebäck nebst Tee am Ofen inklusive. Dass Nationalheros Peer Gynt in dieser Gegend heimisch war, erwähnt der Artikel erstaunlicherweise nicht; dass im sieben Jahrzehnte später zu olympischen Ehren gelangten Lillehammer schon damals ausgiebig Wintersport betrieben wurde, malt der Text dagegen in den hellsten und leuchtendsten Farben aus. Wer noch keine Urlaubspläne für die dieses Jahr etwas später liegenden Ostertage hat, lasse sich also von Rosa Leu inspirieren. Die Anreise per Bahn gestaltet sich einer kurzen Internetrecherche zufolge heute allerdings deutlich umständlicher als vor einhundert Jahren ...
Erschienen: 13.04.2025
Dauer: 00:08:49
12. April 1925
Ja, wann wird die Welt untergehen? Diese Frage stellen sich die Menschen wohl seit Urzeiten und beantworten sie immer wieder aufs Neue – sei es mit terminlich vagen religiösen Endzeitbetrachtungen, sei es mit ganz konkreten Daten, an denen es vorbei sein sollte. Das Pinneberger Tageblatt nutzte die letzte Ausgabe vor Ostern 1925, um einen Gang durch verschiedene vergangene und aktuelle Endzeitvoraussagen zu präsentieren, der mit einem naturwissenschaftlichen Blick auf diese Thematik endet. Bei all diesen befürchteten oder auch ersehnten „Enden“ der Welt ist ein Faktor noch nicht präsent, der die Prognostik durcheinanderwirbeln sollte. Dass der Mensch selbst für den Untergang der Welt sorgen könnte, kam damals noch niemandem in den Sinn. Für uns liest heute, am 12. April, Rosa Leu.
Erschienen: 12.04.2025
Dauer: 00:13:15
11. April 1925
Beim Samstag vor Ostern handelt es sich streng genommen um den Karsamstag und damit um den letzten Tag der Karwoche. Der Hamburger Anzeiger nutzte selbigen, nämlich den 11. April im Jahr 1925 jedoch bereits, um sich auf der Titelseite vorausschauend „Ostergedanken“ zu machen – wissend darum, dass an den Folge-, den eigentlichen Ostertagen keine neuen Ausgaben erscheinen würden. Ostergedanken, das klingt nach einem gewichtigen Leitartikel, und diese große Erwartung soll der mit dem Kürzel „ho“ zeichnende Autor auch nicht enttäuschen. Tatsächlich geht es um die fundamentalen Fragen der Weltpolitik, des gedeihlichen Zusammenlebens der Völker auf diesem Planeten und, ja, ganz ohne Metaphysik, auch um die Auferstehung des einzelnen Menschen in einem größeren Ganzen. Frank Riede liest diesen flammenden Appell wider den Hass, an dem vieles wieder bedrückend dringlich und aktuell klingt.
Erschienen: 11.04.2025
Dauer: 00:11:58
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10. April 1925
Die Katze war aus dem Sack: Statt des im ersten Wahlgang führenden Ex-Ministers und Duisburger Oberbürgermeisters Karl Jarres schickte die Rechte im zweiten Durchgang den Weltkriegs-Veteran Paul von Hindenburg ins Rennen um das Reichspräsidentenamt. Wie reagierte das republikanische Lager? Es präsentierte sich sichtlich überrascht von dieser Volte – und trotzig optimistisch, dass das deutsche Wahlvolk dem reaktionären Schwenk eine Absage erteilen würde. So ganz sicher war man sich dessen zumindest in sozialdemokratischen Kreisen aber offensichtlich nicht, weshalb sich das Hamburger Echo in seiner Ausgabe vom 10. April ausgiebig im europäischen Ausland rückversicherte, dass die dortige Öffentlichkeit diese Kandidatur ziemlich durchweg negativ beurteilte. Frank Riede liest für uns die Presseschau, die dabei herauskam und die eindeutig solche Wähler als Zielgruppe adressierte, die mit einem Votum für den kommunistischen Bewerber Ernst Thälmann liebäugelten.
Erschienen: 10.04.2025
Dauer: 00:12:32
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9. April 1925
Dass es angesichts der wirtschaftlichen Probleme in den ersten Jahren der Weimarer Republik eine Auswanderungsbewegung gab, die insbesondere nach Nord- und Südamerika zielte, ist in diesem Podcast schon angeklungen. Natürlich gab es, wen will es überraschen, auch „Unternehmer“, die den Leidensdruck der Auswanderer missbrauchten. Und manchmal war es auch ein Staat, der dies tat. In den Jahren der kriegerischen Aktivitäten Spaniens in Marokko, lockte die spanische Fremdenlegion unzählige junge Männer in ihren Dienst, unter Vortäuschung von zivilen Arbeitsplätzen in Spanien. Waren diese Migranten, unter ihnen zahlreiche Hamburger, erst einmal in Spanien, wurden sie gewaltsam nach Marokko gebracht und zum Dienst in der Fremdenlegion gezwungen. Der Hamburger Anzeiger vom 9. April 1925 druckte den Bericht eines Opfers dieser Betrugsmasche, nämlich Otto Häntschel, ab. Der menschenverachtende Drill, die Bestrafungen und die exzessiv brutalen Kampfhandlungen in Marokko, die er schildert, machen diesen Text sehr erschütternd und können verstörend wirken. Rosa Leu hat sich für uns durch diese Hölle auf Erden gewagt, der Otto Häntschel nur wie durch ein Wunder entrinnen konnte.
Erschienen: 09.04.2025
Dauer: 00:13:23
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8. April 1925
Wahlen in benachbarten Ländern, das war auch schon vor einhundert Jahren gelegentlich die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Während sich bei der Reichspräsidentenwahl in Deutschland bereits im ersten Wahlgang vom 29. März 1925 ein Rechtsdruck abzeichnete, drehte sich die politische Stimmung in Belgien wenige Tage später bei den dortigen Parlamentswahlen eher in die entgegengesetzte Richtung: Die Belgische Arbeiterpartei konnte für beide Kammern um die 40 Prozent der Stimmen auf sich vereinen und löste die Katholische Partei damit als stärkste Kraft im Lande ab. Ob das für eine Regierungsbeteiligung reichen würde – zunächst tat es das nicht –, war am 8. April noch nicht absehbar. Das sozialdemokratische Hamburger Echo freute sich in einem Artikel von diesem Tag dennoch schon einmal über das Ergebnis, eruierte mögliche positive Konsequenzen für Europa und verband diese Analyse mit harten innenpolitischen Attacken auf den deutschen Außenminister Stresemann. Für uns lesend nachvollzogen wird all das von Frank Riede.
Erschienen: 08.04.2025
Dauer: 00:08:21