Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Ein norddeutscher Blick auf das Münchener Oktoberfest

24. September 1925

Jahr für Jahr zieht das Münchner Oktoberfest Publikum aus aller Welt an: Aus Italien, Amerika oder Australien lockt es die Bierdurstigen auf die Theresienwiese, ja selbst vereinzelte Norddeutsche sollen hier und da schon beim Feiern in den Zelten oder auf den Fahrgeschäften gesehen worden sein. Ein Belegstück liefert uns die Schiffbeker Zeitung vom 24. September 1925, die allerlei Details und Zahlen kennt und auch daran erinnert, dass es mit dem „Jahr für Jahr“ in den 1920er Jahren gar nicht stimmt. Nachdem es der Kriegsfolgen wegen 1919 und 1920 nur für ein kleines „Herbstfest“ gereicht hatte, fiel das Oktoberfest 1923 und 1924 gleich gänzlich den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen zum Opfer. Wie ausgelassen es dafür zum Ausgleich 1925 auf der zurückgekehrten Wies’n zugegangen ist, hören wir von Rosa Leu.

Erschienen: 24.09.2025
Dauer: 00:06:35

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Béla Balázs: Letzte Bemerkungen

23. September 1925

Wenn Filmwissenschaftler*innen die bedeutendsten filmtheoretischen Schriften der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammentragen, dann fehlt niemals der Name Béla Balázs. Er hatte 1924 das Werk „Der sichtbare Mensch“ geschrieben, das für viele als der Beginn einer modernen Filmtheorie gilt. Zugleich verfasste er aber auch Drehbücher (etwa zu Leni Riefenstahls Filmdebut „Das blaue Licht“), Libretti (etwa für Béla Bartók), Lyrik und Prosa. Geboren als Herbert Bauer in eine deutschsprachige Familie, magyarisierte er seinen Namen und wollte möglichst auf Ungarisch schreiben. Nach seinem Engagement in der Kommunistischen Partei und der Räterepublik in Ungarn musste er aber nach Wien fliehen und wieder vermehrt auf Deutsch schreiben. Dieser Aspekt seiner literarischen Identität war wahrscheinlich den Altonaer Nachrichten nicht bekannt, sie betrachteten ihn in ihrer Ausgabe vom 23. September 1925 als einen ganz großen Prosaisten deutscher Sprache und druckten einen kurzen, sehr poetischen und zugleich philosophischen Text von ihm ab. Frank Riede liest.

Erschienen: 23.09.2025
Dauer: 00:08:00

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100 Jahre Videobeweis

22. September 1925

Kinder, wie die Zeit vergeht! Schon wieder feiern wir ein Jubiläum, das man fast nicht glauben möchte, nämlich: 100 Jahre Videobeweis. Dieses Wort kommt im Artikel der Altonaer Nachrichten vom 22. September 1925 natürlich nicht vor. Die Problematik, die dieser schildert, rechtfertigt selbige Begrifflichkeit jedoch ganz zweifelsfrei: Der Boxer Hans Breitensträter – wir berichteten – hatte sich den Titel des deutschen Schwergewichtsmeisters gegen seinen Kontrahenten Paul Samson-Körner durch Punktsieg zurückgeholt, die Filmaufnahmen von diesem Fight zogen das Urteil des Kampfgerichts indes ganz erheblich in Zweifel. Was also tun? Die technischen Hilfsmittel ignorieren und den Juryspruch als Tatsachenentscheidung bestehen lassen? Oder das Ergebnis im Nachhinein korrigieren? Und, wenn ja, auf welche Weise und mit welchen Konsequenzen? Rosa Leu blickt mit uns auf eine Debatte, die noch viel älter ist, als man bisher ahnte.

Erschienen: 22.09.2025
Dauer: 00:05:38

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Hai-Alarm in Cuxhaven

21. September 1925

„Der Riesenhai in Cuxhaven“ – ein wenig sensationsheischend kommt diese Überschrift aus den Altonaer Nachrichten vom 21. September 1925 schon daher, denn keineswegs wurde das große Tier in der Elbmündung aus dem Wasser gezogen; vielmehr war er einem Cuxhavener Fischdampfer in isländischen Gewässern buchstäblich ins Netz gegangen. Die Ausmaße dieses Exemplars der nach dem Walhai zweitgrößten bekannten Fischart muten indes tatsächlich spektakulär an. Dennoch, erfahren wir von Rosa Leu, wanderten nur Haut und Kopf in ein meeresbiologisches Forschungslabor. Der Rest des Tieres, vermutlich auch die riesengroße Leber, landete wohl auf norddeutschen Fischmärkten.

Erschienen: 21.09.2025
Dauer: 00:06:36

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Karl Renner über das neue Heidelberger Programm der SPD

20. September 1925

30 lange Jahre, von 1891 bis 1921, leitete das sogenannte Erfurter Programm die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Das ihm nachfolgende Görlitzer Programm hingegen wurde bereits nach vier Jahren wieder durch ein neues ersetzt, das nach dem dort im September 1925 stattfindenden Parteitag Heidelberger Programm hieß – und stolze 34 Jahre die Grundsätze der SPD definieren sollte, bis es 1959 durch das berühmte Godesberger Programm abgelöst wurde. Weshalb nach nur vier diese Neuausrichtung und worin bestand sie? Dies erläuterte in der Parteizeitung Hamburger Echo vom 20. September ein Autor, dessen Wort in der internationalen Sozialdemokratie bereits damals Gewicht hatte, der zu allerhöchsten Ämtern allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufstieg: Karl Renner, in den 1920er Jahren Abgeordneter zum Nationalrat in Wien, wurde 1945 zum ersten Bundespräsidenten der zweiten österreichischen Republik gewählt. Wie er zwanzig Jahre zuvor die neue Programmschrift der deutschen Schwesterpartei bewertete, weiß Frank Riede.

Erschienen: 20.09.2025
Dauer: 00:07:52

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Tull Harder in einem Porträt von 1925

19. September 1925

Er war einer der ersten großen Stars des Hamburger Sport-Vereins und gilt heute zugleich als eine der dunkelsten Figuren der Clubgeschichte: Otto, genannt Tull Harder. Mit seinen Toren schoss der wuchtige Mittelstürmer den HSV zu den deutschen Meisterschaften 1923 und 1928. 387 Pflichtspieltreffer bedeuten noch immer Platz zwei in der internen Torjägerliste hinter Uwe Seeler. Kein Wunder, dass der Hamburger Anzeiger Harder am 19. September 1925 – ganz ungewöhnlich damals noch für einen Fußballspieler – ein Porträt widmete, das ihn abseits des Platzes als leutseligen, humorigen Typen zeigt. Gänzlich andere Seiten offenbarte Harder nach dem Ende seiner Sportlerkarriere. Bereits 1932 wurde er Mitglied der NSDAP, später der SS und der Waffen-SS. Ab 1939 war er als Wachmann im KZ Sachsenhausen tätig, ab 1940 im KZ Neuengamme, zunächst wieder als Wachmann, später in der Lagerverwaltung. 1944 wurde er Kommandant des KZ-Außenlagers Hannover-Ahlem. Auch nach 1945 distanzierte er sich nicht vom Nationalsozialismus. Ein britisches Militärgericht verurteilte ihn 1947 als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Zuchthaus, von denen er viereinhalb verbüßen musste. Es liest Rosa Leu.

Erschienen: 19.09.2025
Dauer: 00:07:29

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Wie "der Westen" China und die Türkei falsch eingeschätzt hat

18. September 1925

Dass sich die westlichen Mächte in der durch Kolonialismus und Überlegenheitsgefühl geprägten Einschätzung vermeintlich weniger entwickelter Länder oftmals täuschten, thematisiert der heutige Artikel aus dem Hamburger Anzeiger vom 18. September. Galt vor dem Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich als „Kranker Mann am Bosporus“ und China als ressourcenreiches Land, das sich mit einem geringen militärischen Aufwand kontrollieren ließe, so stellte sich das Kräfteverhältnis 1925 bereits anders dar. Der junge Staat Türkei rang mit den Engländern um die Vormachtstellung im heutigen Irak und China konnten die Kolonialmächte nicht mehr ihren Willen durch militärische Macht aufzwingen. Der Autor dieser Einschätzung der Lage ist Paul Rohrbach einer der meistgelesenen kolonial- und außenpolitischen Kommentatoren von Weimar. Er vertrat großdeutsche und kolonialistische Ziele für Deutschland und engagierte sich in der Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums – ist also dem rechten Spektrum der politischen Landschaft zuzuordnen. Zugleich belegt seine Person aber, dass seine Ansichten trotz teilweiser ideologischer Überschneidung nicht automatisch in den Schoß der NSDAP führten. Rohrbach protestierte gegen die Machtübernahme und zog sich dann aus der Politik zurück. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 18.09.2025
Dauer: 00:09:48

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Im Überseeheim der Hapag

17. September 1925

Als ein zentraler Knotenpunkt der riesigen Auswanderungsbewegung in Richtung Amerika im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert diente der Hamburger Hafen. Zwischen 1850 und 1939 reisten über 5 Millionen Europäer*innen durch dieses „Tor zur Welt“ über den Atlantik. Man kann sich vorstellen, welch riesige logistische Aufgabe dies darstellte, die zusätzlich dadurch erschwert wurde, dass die Schifffahrtsgesellschaft für den Rücktransport derjenigen Auswanderer, die von den USA abgelehnt wurden, sorgen musste. Der Hapag-Reeder Albert Ballin ließ um 1901 auf der Elbinsel Veddel erste Auswandererhallen errichten, aus denen sich nach und nach eine Massenunterkunft, ja eher eine kleine Stadt entwickelte. Sie ermöglichte es, die Papiere der Emigrant*innen zu prüfen, eventuell zu vervollständigen und notwenige Quarantänen vor der Einschiffung einzuhalten. Der Hamburgische Correspondent begibt sich für seine Ausgabe vom 17. September 1925 auf die Veddel und beschreibt für seine Leser*innen das Leben in der Auswandererstadt. Für uns hat sich Frank Riede umgesehen.

Erschienen: 17.09.2025
Dauer: 00:13:04

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Die schwarze Reichswehr

16. September 1925

Seit Babylon Berlin und Gereon Raths waghalsigem Flug über Russland, um dort Beweismaterial gegen die Schwarze Reichswehr zu sichern, ist eben diese auch einem breiteren Publikum ein Begriff: die sogenannte schwarze Reichswehr. Auf 100.000 Mann war die reguläre Reichswehr durch den Versailler Vertrag begrenzt; was als friedensichernde Maßnahme für Europa gedacht war, entpuppte sich jedoch von Anfang an als schwere Hypothek für die fragile Republik von Weimar: Heimlich hortete man beim deutschen Militär nicht nur überzähliges Material und Munition, sondern hielt so auch paramilitärische Formationen unter Waffen, die von Beginn an immer wieder gegen die junge deutsche Demokratie und ihre Institutionen teils terroristisch obstruierten. Was man heute weiß, ahnte man auch schon seinerzeit, wie der folgende Bericht aus dem Hamburger Echo vom 16. September 1925 belegt. Es liest Rosa Leu.

Erschienen: 16.09.2025
Dauer: 00:07:10

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Der Hamburgische Correspondent über Hitlers “Mein Kampf”

15. September 1925

Ein Medienereignis war es, zumindest im Norden, nicht: Am 18. Juli 1925 war der erste Band von Adolf Hitlers Mein Kampf erschienen, aber in den Hamburger Zeitungen fanden wir wochenlang kein Wort dazu. Bis zum 15. September, an dem der Hamburgische Correspondent das Thema auf die Titelseite seiner Abendausgabe rückte – ohne freilich, so scheint es, die entstandene Kampfschrift mehr als allerhöchstens oberflächlich gelesen zu haben. Was wie eine Buchbesprechung daherkommt, ist mehr ein Abriss der Geschichte bis zum Hitler-Putsch 1923 sowie vor allem ein Blick in die (eher spärlich besuchten) Parteiveranstaltungen der NSDAP seit dem Redeverbot für ihren mittlerweile aus der Festungshaft vorzeitig entlassenden Vorsitzenden. Eine Auseinandersetzung mit der Ideologie des Nationalsozialismus findet in dem Artikel nicht statt, als Zeugnis einer fatalen verharmlosenden Fehleinschätzung Hitlers und seiner Bewegung gerade von konservativer Seite scheint er uns dennoch von dokumentarischem Wert zu sein. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 15.09.2025
Dauer: 00:11:14

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