17. Dezember 1923
Die Operette Señora aus der Feder des Komponisten Hugo Hirsch ist heute kaum mehr auch nur dem Namen nach bekannt. Wie so viele andere während der Nazi-Zeit verfemte Künstler, konnte auch der in den Zwanzigern für seine Ohrwürmer berühmte Hirsch nach der Rückkehr aus dem Exil nicht mehr an die Erfolge von einst anknüpfen und starb 1961 wenige Tage nach dem Mauerbau in West-Berlin bereits weitgehend vergessen. Den Namen von Trude Hesterberg kennt man schon eher noch. Während der Weimarer Jahre war sie eine der führenden Chansonnieren, Soubretten und Kabarettistinnen der Republik. Obwohl jüdischer Herkunft, durfte sie aufgrund ihrer großen Popularität und einer Sondergenehmigung von Joseph Goebbels auch nach 1933 weiter auftreten und wurde später eine gefragte Schauspielerin im deutschen Nachkriegskino. Wie sie sich 1923 in der Uraufführung der Señora am Deutschen Künstlertheater an der Budapester Straße in der Titelrolle geschlagen hatte, konnte man am 17. Dezember für 25 Goldpfennig in der Berliner Börsen-Zeitung nachlesen – oder man fragt Frank Riede.
Erschienen: 17.12.2023
Dauer: 00:11:19
Weitere Informationen zur Episode "Trude Hesterberg als Señora auf der Operettenbühne"
16. Dezember 1923
In den letzten Monaten konnten wir die wachsende Armut rund um die Hyperinflation des Jahres 1923 verfolgen. Kein Tag, an dem sich nicht zahlreiche Artikel der Hauptstadtzeitungen mit steigenden Lebensmittelpreisen, verpuffenden finanzpolitischen Interventionen und Einblicken in bitterste Armut beschäftigten. In der Vorweihnachtszeit aber sorgte die Rentenmark für die langersehnte Stabilität der Währung, was wir ganz anschaulich mit den nicht mehr steigenden Preisen der Zeitungen belegen können. In der Regel wird der Preis nun neben Mark auch in Goldpfennig angegeben. So etwa bei der heutige Ausgabe des Berliner Tageblatts vom 16. Dezember: 25 Goldpfennig = 250 Milliarden Mark. Und in ihr finden wir, nach langer Zeit, einen hoffnungsvollen Bericht über das wieder steigenden Kaufverhalten im Einzelhandel – rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Paula Rosa Leu beschreibt für uns die Eindrücke vom Shopping vor 100 Jahren.
Erschienen: 16.12.2023
Dauer: 00:09:49
15. Dezember 1923
Der Schriftsteller, Journalist und Politiker Felix Fechenbach wurde 1922 in München wegen angeblichem Volksverrat in einem politisch motivierten Verfahren zu 11 Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein Schicksal ist eines von vier Beispielen, die die Berliner Volks-Zeitung vom 15. Dezember aus der ganzen Welt zusammenträgt, unter dem Untertitel: Die Weltschmach der „politischen Gefangenen“. Ein klarer Appell an die demokratischen Republiken der Welt, eine wirklich unabhängige und nicht politisch agierende Judikative durchzusetzen. In der Aussage eines von der Zeitung zitierten Gefangenen findet sich eine pauschalisierende und abschätzige Bemerkung gegenüber Marokkaner*innen. Felix Fechenbach wurde aufgrund von anhaltenden Protesten im Jahre 1924 begnadigt, engagierte sich weiterhin politisch für die SPD und gegen den Aufstieg der NSDAP. Er wurde am 11. März 1933 verhaftet und wenige Monate später auf dem Weg ins KZ Dachau brutal ermordet. Frank Riede schaut für uns auf die „politischen Gefangenen“ in Amerika, Irland, im von Frankreich besetzten Gebiet und in Bayern.
Erschienen: 15.12.2023
Dauer: 00:08:41
14. Dezember 1923
Großstadtfeuilleton ist, wenn eine Wiener Legende und ein Münchener Original in einer Berliner Tageszeitung aufeinander treffen. So geschehen wahrscheinlich öfter in den 1920er Jahren, aber konkret sei heute hier die Rede von Alfred Polgar, der im Berliner Tageblatt vom 14. Dezember 1923 der spezifischen Komik des großen Karl Valentin auf den Grund zu gehen versucht. „Er ist ein Phänomen und spottet der Analyse“, schließt sein Text voll Bewunderung und Bescheidenheit. In den vorangegangenen zwei kleinen Spalten kommt der Literat Polgar dem Phänomen Valentin aber vermutlich näher als die meisten anderen Exegeten. Kostenpunkt der veröffentlichenden Abendausgabe übrigens: 100 Milliarden Mark. Oder wie man neuerdings rechnete: 10 Goldpfennig. Unser Mann bei diesem Gipfeltreffen ist Frank Riede.
Erschienen: 14.12.2023
Dauer: 00:09:28
Weitere Informationen zur Episode "Alfred Polgar über Karl Valentin"
13. Dezember 1923
Der 16jährige Kurt H. aus Berlin „hatte Stress“ mit seiner Mutter und machte sich kurzerhand auf den Weg in den Nahen Osten. Anstatt sich über zig Landesgrenzen hinweg über Land durchzuschlagen, schlich er sich als blinder Passagier auf einen Dampfer. So beschreibt der Bericht aus dem 12-Uhr-Abendblatt vom 13. Dezember seine Reise von Berlin nach Syrien. Da die Zeitungsausgabe weiterhin für „nur“ 100 Milliarden zu kaufen war, verzeichnen wir an dieser Stelle keine weitere Inflation. Paula Rosa Leu stellt uns diesen kuriosen „Ausflug“ vor.
Erschienen: 13.12.2023
Dauer: 00:04:54
Weitere Informationen zur Episode "Ohne Pass von Berlin nach Syrien"
12. Dezember 1923
Marie-Elisabeth Lüders, in der Weimarer Republik mehrmals Reichstagsabgeordnete für die DDP und zwischen 1953 und 61 Bundestagsmitglied für die FDP, war eine sehr couragierte Frau. Trotz mehrmonatiger Gestapo-Haft blieb sie auch nach ihrer Freilassung 1937 ganz bewusst in Deutschland und engagierte sich unter anderem bei den Quäkern für verfolgte Juden, von denen sie einige zwischenzeitlich auch bei sich zu Hause aufnahm. Die Gefahren des Antisemitismus hatte sie bereits viel früher erkannt und vor seinen Folgen gewarnt. Ihr diesbezüglicher Beitrag über die Feigheit und Dummheit der Judenhetze aus dem Berliner Tageblatt vom 12. Dezember 1923 ist von großer Klarheit und, wie wir heute wissen, leider auch Weitsicht. Gelesen wird er für uns aus historischem, aber leider auch aktuellem Anlass von Paula Rosa Leu.
Erschienen: 12.12.2023
Dauer: 00:09:11
Weitere Informationen zur Episode "Marie-Elisabeth Lüders gegen den Antisemitismus"
11. Dezember 1923
Ganz treue Hörerinnen und Hörer von Auf den Tage genau werden sich vielleicht erinnern, dass wir in unserer Anfangszeit, vor bald vier Jahren schon einmal mit dem Zug nach Saloniki gereist sind. Unser heutiger Text aus der Vossischen Zeitung vom 11. Dezember 1923 setzt gleich dort ein und beschreibt eine pulsierende Hafenstadt, die beim Autor, bei allen klimatischen Unterschieden und balkanischen Gebräuchen und Gewohnheiten, durchaus heimatliche Erinnerungen wachzurufen vermag: Nicht nur bei Tage gehe es hier auf den Kais geschäftig zu wie an den Hamburger Landungsbrücken, auch im Nachtleben erkennt er vielerlei Parallelen zu dem auf Sankt Pauli. Dass es in dem Reisebericht auch viel um Geld und Umtauschkurse geht, vermag in einer Zeit, da die Zeitung daheim in Berlin immer noch 200 Milliarden Mark kostete, nicht zu überraschen. Für uns am Thermaischen Golf umgesehen hat sich Frank Riede.
Erschienen: 11.12.2023
Dauer: 00:08:54
Weitere Informationen zur Episode "Saloniki, griechische Hamburg"
10. Dezember 1923
Die bekanntlich sehr milden strafrechtlichen Konsequenzen für die Beteiligten des Hitler-Ludendorff-Putsches wurden in einem Prozess ab dem 26. Februar 1924 festgelegt. Das juristische Vorspiel zu diesem Prozess begann allerdings unmittelbar nach dem Putsch. Die Staatsanwaltschaft sprach mit den Rechtsbeiständen der Festgesetzten und bereitete den Prozess vor. Ein Ziel der Untersuchungen war es, Licht in die Vorgeschichte des Putsches zu bringen. Gerade die Frage, wie sehr Hitler v. Kahr und Lossow gezwungen hatte mitzumachen, bzw. inwieweit diese im Vorfeld dem Putsch zugestimmt hatten, stand im Vordergrund. Das Berliner Tageblatt druckte am 10. Dezember 1923 die Ausführungen von Hitlers Anwalt, Lorenz Roder, ab, zusammen mit den Kommentaren des Generalstaatskommissariats. Egal was genau abgesprochen war zwischen v. Kahr, Lossow, Ludendorff und Hitler, ganz deutlich ist, dass alle ganz offen einen politischen Umsturz planten, lediglich in den Mitteln und im Timing gab es zwischen ihnen Differenzen. Für uns begibt sich Frank Riede in das juristische Klein-Klein von Aussage gegen Aussage.
Erschienen: 10.12.2023
Dauer: 00:12:12
Weitere Informationen zur Episode "Die Vorgeschichte des Münchener Putsches"
9. Dezember 1923
Zu jedem Weihnachts-Fernsehprogramm gehört nun schon seit Jahrzehnten der tschechische Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, der eher aufgrund von unvorhergesehenen Verzögerungen in der Produktion die Märchenhandlung kurzerhand in eine Schneelandschaft verlegt hat und so eine einzigartige Stimmung vermittelt. Vor 100 Jahren hat ebenfalls ein Aschenputtel-Film für Begeisterung gesorgt, lange bevor Disney sich des Stoffes bemächtigt hat. Der Regisseur Ludwig Berger hatte, vom Theater kommend, mit dem Film „Ein Glas Wasser“ eine eigene filmische Handschrift entwickelt, welche die Propagator:innen der Filmkunst aufhorchen ließ. Mit dem Märchenfilm, der unter dem Titel „Der verlorene Schuh“ am 5.12. 1923 Premiere feierte, soll er, wollen wir der Kritik aus der Vossischen vom 9. Dezember glauben, die filmischen Mittel gefunden haben, die aus einem Film ein wahres Filmmärchen machen. Der sich abzeichnende Erfolg der Finanzreformen, der Einführung der Rentenmark lässt sich auch am Preis der Zeitungen erkennen. Seit Tagen verzeichnen wir keine riesigen Steigerungen mehr. Die Vossische kostete wie schon fünf Tage zuvor erneut 200 Milliarden Mark. Paula Rosa Leu macht uns mit diesem Weihnachtsfilm bekannt.
Erschienen: 09.12.2023
Dauer: 00:07:39
8. Dezember 1923
Die Wahlen zum britischen Unterhaus vom 6. Dezember 1923 bedeuteten für das Vereinigte Königreich eine politische Zäsur: Zum ersten Mal quasi seit den Anfängen des modernen britischen Parlamentarismus ging aus ihnen weder ein Liberaler, noch ein Konservativer als Premierminister hervor, sondern zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte sollte mit dem Schotten Ramsay MacDonald ein Vertreter der Labour Party in dieses Amt rücken. Obwohl nach wie vor nur die zweitstärkste Fraktion im Parlament, konnte Labour ein Minderheitenkabinett bilden, das von den Liberalen toleriert wurde und u.a. den Ausgleich mit Deutschland anstrebte. Unmittelbar nach dem Wahlabend war diese Entwicklung indes noch nicht absehbar, zumindest nicht für die Berliner Volks-Zeitung. Wer für eine solche am 8. Dezember 150 Milliarden Mark auf den Tisch legte, erwarb damit Zugang zu einem Bericht, der die komplizierten Verhältnisse in Westminster penibel analysierte, sich die Konsequenz einer Links-Regierung mit einem Arbeiterkind an der Spitze aber noch nicht vorstellen konnte. Frank Riede beteiligt sich für uns an den Spekulationen.
Erschienen: 08.12.2023
Dauer: 00:09:38
Weitere Informationen zur Episode "Das Vereinigte Königreich hat gewählt"