Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Mit dem Frachtschiff über Lissabon nach Malta

22. Dezember 1922

Das Reisen auf Frachtschiffen gilt im Zeitalter des Massentourismus noch immer als echter Geheimtipp. Auch vor einhundert Jahren, erfahren wir aus dem Berliner Tageblatt vom 22. Dezember 1922, war man dort als Privatpassagier durchaus eine Attraktion und wurde von der Mannschaft bisweilen sogar etwas mitleidig angeschaut. Was der „Zivilist“ Curt L. Heymann auf der Passage von Hamburg via Portugal nach Malta erlebt, rechtfertigt seinen Trip aber in jeder, gerade auch journalistischen Hinsicht. Zwar darf er, ebenso wie die Crew, den Zielort aus politischen Gründen nicht betreten, kann dafür aber unterwegs mit Erlebnissen auf Landgängen aufwarten, die wohl von kaum einem anderen Verkehrsmittel aus zu machen und der Nachwelt zu hinterlassen gewesen wären. Für Auf den Tag genau an Bord und für ein paar Flaschen Colares in Lissabon vor Anker gegangen ist Frank Riede.

Erschienen: 22.12.2022
Dauer: 00:09:42

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Alfred Kerr über Bertolt Brecht

21. Dezember 1922

Vor knapp zweieinhalb Monaten war hier in diesem Podcast zum ersten Mal von einem aufstrebenden Jungdramatiker namens Bertolt Brecht die Rede. Seinen Erstling Trommeln in der Nacht bzw. dessen Münchener Uraufführung hatte Starkritiker Herbert Ihering zum Anlass genommen, Brecht im Berliner Börsen-Courier gleich ein hymnisches Porträt zu widmen und damit eine für die Weimarer Jahre sehr wirkmächtige Kritiker-Künstler-Koalition zu begründen. Iherings großer Antagonist Alfred Kerr pflegte demgegenüber einen deutlich kritischeren Blick auf Brecht, und dieser traf auch schon die nachgereichte Berliner Erstaufführung von Trommeln in der Nacht. Mehr als der übliche Expressionismus von der Stange mochte das zwar sein, was Otto Falckenberg am 20. Dezember 1922 im Deutschen Theater inszeniert hatte. Euphorie löste es bei Kerr jedoch nicht aus, und eine kleine versteckte Spitze gegen den Kollegen Ihering und dessen vermeintliche Neigung zur Patronage konnte er sich anderntags in seiner Rezension im Berliner Tageblatt auch nicht verkneifen. Neulich war er als Herbert Ihering, heute ist er als Alfred Kerr zu erleben: Frank Riede.

Erschienen: 21.12.2022
Dauer: 00:12:13

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Nansens Nobelpreisrede

20. Dezember 1922

Heute kommt eine besondere und beeindruckende Persönlichkeit des 19. und 20. Jahrhunderts zu einem besonderen Anlass zu Wort. 1922 bekam der Norweger Fridtjof Nansen den Friedensnobelpreis zugesprochen und hielt bei der Verleihung diese in der Vossischen Zeitung vom 20. Dezember abgedruckte Rede. Hatte er bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Zoologe mit Arbeiten über das Zentralnervensystem wirbelloser Meerestiere Beiträge zur modernen Neurologie geliefert, so unternahm der danach unzählige Forschungsreisen ins nördliche Polarmeer, die die Untersuchung dieser Gebiete revolutionierten und den Nordpolexpeditionen den Weg bahnten. Als er bereits ein Identifikationsfigur der Norweger war, engagierte er sich politisch für eine Unabhängigkeit Norwegens und sicherte diese als Diplomat in London ab. Anschließend wirkte er als Hochkommissar für Flüchtlingsfragen beim Völkerbund und organisierte Hilfe bei Hungersnöten und für Flüchtlinge. Insbesondere sein Nansen-Pass für staatenlose Flüchtlinge hat Bekanntheit erlangt. Und für diese letzte Station seines Lebens erhielt er den Friedensnobelpreis. Wenig verwundert es da, dass seine Dankesrede ein flammender Appell an die Menschlichkeit ist und die Hoffnung auf einen Friedensbund aller Staaten der Welt setzt. Paula Leu liest.

Erschienen: 20.12.2022
Dauer: 00:08:01

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Das Ende der ersten deutschen Eisenbahn

19. Dezember 1922

Die deutsche Eisenbahngeschichte begann bekanntlich im Jahr 1835 mit der Inbetriebnahme der Ludwigseisenbahn auf der Strecke zwischen Nürnberg und Fürth. Erstere, also die deutsche Eisenbahngeschichte, dauert – dank der Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte bisweilen mehr schlecht als recht – bis heute fort; letztere hingegen, die Ludwigseisenbahn, stellte vor einhundert Jahren ihren Betrieb unwiderruflich ein. Sei es aus Nostalgie, sei es aus mangelnder ökonomischer Perspektive war sie nie wirklich modernisiert, sondern bis 1922 quasi als Museumsbetrieb fortgeführt worden. Dann war nach 87 Jahren, auch unter dem Eindruck der galoppierenden Inflation, Schluss. Die Vossische Zeitung nimmt dies am 20. Dezember in Person von Alfred Neuburger zum Anlass für einen durchaus wehmütigen Abgesang. Neuburger war ein höchst erfolgreicher Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher und galt zu seiner Zeit als so etwas wie der „Star des naturwissenschaftlich-technischen Feuilletons“. 1943 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Minna nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 19.12.2022
Dauer: 00:08:16

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Hitlers ‘Truppenparade’

18. Dezember 1922

US-amerikanische Milliardäre, die einen Teil ihres Vermögens in die Entwicklung rechtsextremer Parteien dies- und jenseits des Atlantischen Ozeans investieren, sind offensichtlich ein epochenübergreifendes Phänomen. Ob Automobilpionier Henry Ford in den 1920er Jahren den Aufbau der NSDAP tatsächlich mitfinanzierte, gilt bis heute als ungeklärt. Dass Ford wegen seines bekennenden Antisemitismus von Hitler verehrt wurde, ist hingegen Allgemeingut und war auch der Berliner Volks-Zeitung bereits im Jahr 1922 bekannt. Ansonsten gießt diese in ihrem kurzen Bericht vom 18. Dezember über eine ‘Truppenparade‘, die die Nazis in München angestrengt hatten, jede Menge Spott aus. Es liest Paula Leu.

Erschienen: 18.12.2022
Dauer: 00:03:29

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Der Mord am polnischen Präsidenten

17. Dezember 1922

Kaum anders als in der jungen Weimarer Republik waren auch die ersten Nachweltkriegsjahre des in ihrem Osten wiedererstandenen polnischen Staates von heftigen Wirtschaftskrisen, Inflation, Grenzstreitigkeiten und großer politischer Instabilität geprägt. Nationalistische Kräfte unterminierten auch hier den Ausgleich mit den Nachbarstaaten sowie den nationalen Minderheiten und versuchten die ohnehin labilen demokratischen Strukturen mit Agitation und Terror von Beginn an auszuhöhlen. Vier Jahre des stark vom Polnisch-Sowjetischen Krieg geprägten Übergangs hatte es gedauert, bis Polen überhaupt einen ersten gewählten Präsidenten erhalten hatte. Und dann fiel besagter Gabriel Narutowicz, der seine Wahl einem Bündnis der Linken mit der Bauernpartei und den Minderheitenparteien verdankte, nur fünf Tage später einem rechtsgerichteten Attentat zum Opfer. Polen war erschüttert, und auch im damals noch nicht ganz so nahen Berlin blickten die Tageszeitungen am 17. November 1922 aufgeschreckt nach Warschau. Hier tun dies die Berliner Morgenpost – und Frank Riede.

Erschienen: 17.12.2022
Dauer: 00:07:20

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Alkoholfreie Soldaten

16. Dezember 1922

Der heute vorwiegend als rassistische Beleidigung genutzte Begriff „Kümmeltürke“, entstammt wohl der Gegend um Halle und bezeichnete Studenten, die aus diesem Umland kamen, das wegen des Kümmelanbaus und der sonstigen Trostlosigkeit als „Kümmeltürkei“ bezeichnet wurde. Erst nach dem Anwerbeabkommen der BRD mit der Türkei wurde es als Schimpfwort zur Bezeichnung der Gastarbeiter benutzt. Da die Neuköllnische Zeitung vom 16. Dezember noch keinen Zugang zu Wikipedia hatte, benutzte sie den Begriff als Bezeichnung für trinkfreudige türkische Soldaten. Ausgangspunkt für diese Reflexion über das Militär und Alkohol ist die Nachricht über Bemühungen des Österreichischen Heeres, den Alkoholgenuss der Soldaten zu verringern. Freilich war sich niemand sicher, ob ein abstinentes Heer zu einer höheren oder geringeren Wehrhaftigkeit führen würde. Paula Leu präsentiert die eher skeptische Position des Kolumnisten.

Erschienen: 16.12.2022
Dauer: 00:06:39

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Im Wunderland des Buddhismus

15. Dezember 1922

Zu den bewohnten aber noch wenig erforschten Gebieten der Weltkugel gehörte 1922 das östliche Tibet, in das es bislang nur wenige Expeditionen verschlagen hatte. Das Berliner Tageblatt bot ihren Leser:innen am 15. Dezember einen Einblick in dieses exotisch wirkende Land, in dem vermeintlich der Teufel angebetet wurde, wo in manchen Gebieten ein Großteil der Bevölkerung Priester waren und wo sich eine Polyandrie, also Vielmännerei beobachten ließ. Frank Riede gibt uns Einblicke in dieses Wunderland.

Erschienen: 15.12.2022
Dauer: 00:10:48

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Rauchen gegen die Grippe

14. Dezember 1922

Infektionskrankheiten haben uns in den zurückliegenden drei Jahren wahrlich zur Genüge begleitet – im zeitgenössischen Real Life der Corona-Pandemie wie im historischen Second Life von Auf den Tag genau, in dem vor allem zu Beginn unserer Sendetätigkeit immer wieder Berichte über die Auswirkungen der sogenannten Spanischen Grippe zur Anhörung kamen. Diese Influenza-Pandemie, die weltweit möglicherweise bis zu 100 Millionen Opfer forderte, war im anbrechenden Winter des Jahres 1922 zwar endlich überstanden, neuerliche Grippewellen rollten aber wiederum durch Europa und ließen auch in Deutschland und Berlin erneut Tote beklagen. Die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 14. Dezember versorgt uns dazu mit interessanten statistischen Details. Und schließt mit einem nun wirklich überraschenden Präventionshinweis, der heutzutage medizinisch eher nicht mehr state of the art ist. Für uns hat Paula Leu den Text inhaliert.

Erschienen: 14.12.2022
Dauer: 00:08:07

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Eugen Kalkschmidt über Hitler und die NSDAP

13. Dezember 1922

In den Reigen der Berichterstatter, welche seit Mussolinis erfolgreicher Machtübernahme in Italien die Hauptstadtpresse mit Porträts und Berichten über Adolf Hitler versorgten, reiht sich heute der Schriftsteller, Schauspieler, Kritiker und Redakteur Eugen Kalkschmidt. Als Münchener schreibt er am 13. Dezember 1922 für den Berliner Lokal-Anzeiger über die öffentliche Wahrnehmung Hitlers und das Veranstaltungsprogramm der NSDAP. Dabei macht er etwa sehr präzise Beobachtungen über spezifische Propagandamittel und -veranstaltungen der Partei. Er geht aber mit Sicherheit dabei Hitlers Propaganda auch auf den Leim, denn das Narrativ von der NSDAP als einer Bewegung, die über dem Parteienspektrum steht, bestätigt er. Auch äußert er eine Bewunderung für die Fähigkeiten Hitlers. Über die Zeit des Nationalsozialismus in der Biographie Kalkschmidts schweigen die leicht zugänglichen Quellen im Internet sich aus, insofern können wir nicht berichten wie sich die Haltung von ihm zum deutschen Faschismus in dieser Zeit entwickelte. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 13.12.2022
Dauer: 00:10:59

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