Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Silberner Sonntag in Hamburg

13. Dezember 1925

Verkaufsoffene Sonntage in der Vorweihnachtszeit waren in den 1920er Jahren eine feste Institution. Im Einzelhandel zählte man seinerzeit nicht den ersten, zweiten, dritten und vierten Advent, sondern freute sich auf den kupfernen, silbernen und goldenen Sonntag, an dem Menschenmassen in die Innenstädte strömten und große Teile ihrer Weihnachtseinkäufe verrichtete. Der Hamburgische Correspondent berichtet in seiner Ausgabe vom 13. Dezember 1925 von diesem Brauch, der 1957 durch das „Gesetz über den Ladenschluss“ eine starke Einschränkung erfuhr. Auch wenn die Gesetze in den letzten Jahrzehnten wieder sukzessive liberalisiert wurden, scheint der „Silberne Sonntag“ heute in den meisten Regionen als Begriff deutlich weniger verbreitet als der „Black Friday“. Rosa Leu hat sich für uns ins Getümmel gestürzt.

Erschienen: 13.12.2025
Dauer: 00:06:12

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Thomas Mann, Heinrich Mann, Stefan Zweig und andere empfehlen Bücher zum Fest

12. Dezember 1925

Dass Tageszeitungen in der Vorweihnachtszeit hommes und seit geraumer Zeit auch femmes de lettres Bücher zum Fest empfehlen lassen, ist guter alter publizistischer Brauch. Wohl nur selten allerdings konnte ein Blatt dabei eine so illustre Runde von literarischen Experten vorweisen wie die Altonaer Nachrichten, die für ihre Ausgabe vom 12. Dezember 1925 Bücher-Tipps der Gebrüder Mann, von Stefan Zweig, Hermann Bahr, Siegfried Jacobsohn und Max Brod einzuholen vermochten. Während Heinrich Mann die Anfrage ausschließlich zur Bewerbung eigene Werke nutzt, zeigen sich vor allem Bruder Thomas sowie Stefan Zweig auch in fremder Sache außerordentlich belesen und vermögen mit ihren Vorschlägen hier und da durchaus zu überraschen. Vor allem dass nicht nur bei Max Brod, sondern auch bei Thomas Mann – wie schon vor wenigen Tagen in anderem Zusammenhang hier im Podcast – der Name Franz Kafka fällt, hätte man auf dem Gabentisch des Jahres 1925 vielleicht eher nicht erwartet. Es lesen Rosa Leu und Frank Riede.

Erschienen: 12.12.2025
Dauer: 00:08:38

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Neues von der deutschen Regierungskrise

11. Dezember 1925

Die Konsequenzen der Ratifizierung des Vertragswerkes von Locarno für die deutsche Innenpolitik waren auch Mitte Dezember 1925 noch nicht abschließend geklärt. Die Deutschnationale Volkspartei hatte die Beschlüsse abgelehnt und daraufhin das Kabinett von Reichskanzler Luther verlassen, ein neues sich noch nicht gebildet. Die Bergedorfer Zeitung berichtete am 11.12. vom Stand der möglichen Entwicklungen und blickte dabei zum einen auf die SPD und die Voraussetzungen, unter denen diese sich bereit zeigte, einer neuen Regierung anzugehören. Zum anderen lässt sie Außerminister Stresemann noch einmal in einer Ansprache erklären, warum seine Partei, die Deutsche Volkspartei, einst eine Zusammenarbeit mit der DNVP, nun aber eine Reichsregierung ohne diese anstrebte. Es liest Rosa Leu.

Erschienen: 11.12.2025
Dauer: 00:10:16

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Von einem bizarren Urteil im Münchener Dolchstoßprozess

10. Dezember 1925

Vom sogenannten Münchener Dolchstoßprozess haben wir in diesem Podcast bereits am 31. Oktober berichtet: Martin Gruber, Chefredakteur der sozialdemokratischen Münchener Post, hatte die Süddeutschen Monatshefte wegen der Verbreitung der Dolchstoßlegende der Geschichtsverfälschung bezichtigt, woraufhin deren Herausgeber Paul Nikolaus Cossmann Gruber verklagte. Politisch eingefärbte Urteile in solchen Verfahren waren in Weimarer Tagen keine Seltenheit, der Münchener Richterspruch ging jedoch als besonders bizarr in die deutsche Rechtsprechung ein. Zwar konstatierte er in Cossmanns Argumentation zahlreiche historische Irrtümer und sachliche Fehler. Da dies jedoch keine aktive Verfälschung der Geschichte darstelle, verurteilte er Gruber dennoch zu einer Geldstrafe von 3000 Reichsmark. Auch schon der Hamburger Anzeiger vom 10. Dezember 1925 kommentierte das Urteil einigermaßen verständnislos, wie wir gleich von Frank Riede erfahren werden. Ein Nachtrag noch zur Personalie Cossmann: Diesem sollte sein energischer Kampf gegen die Republik später unter den Nazis ebenso wenig helfen wie seine frühe Konversion vom Judentum zum Christentum 1905. Er wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert, wo er im selben Jahr im Krankenhaus verstarb.

Erschienen: 10.12.2025
Dauer: 00:12:19

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Skikurs mit dem Hambuger Anzeiger

9. Dezember 1925

Der Aufschwung des alpinen Skisports zu einem Massenvergnügen wird gemeinhin in den Nachkriegsjahrzehnten verortet; zwischen 1950 und 1975 soll die Zahl der Skifahrer weltweit von 5 Millionen auf 35 Millionen hochgeschnellt sein. Wie so vieles hatte indes auch diese Entwicklung offensichtlich eine Vorgeschichte in den 1920er Jahren, die, scheint es, sogar bis in norddeutsche Tieflande ausstrahlte. Warum sonst hätte der Hamburger Anzeiger vom 9. Dezember 1925 sonst seine Leserschaft so ausführlich über neue Trends des Skikurs- und Skischulwesens in den Alpen informieren sollen? Auch schon damals, erfahren wir, scheinen soziale Gesichtspunkte beim Ausflug in die verschneiten Berge nicht völlig nachrangig gewesen zu sein, und auch schon damals sehnte sich manch Snob nach den ruhigeren früheren Zeiten auf den Hängen und Pisten zurück. Rosa Leu hat sich für uns auf die Bretter gestellt.

Erschienen: 09.12.2025
Dauer: 00:12:49

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Ein Fundstück aus der Frühgeschichte der Kafka-Rezeption

8. Dezember 1925

Als Franz Kafka am 3. Juni 1924 starb, war er, trotz immerhin 46 Publikationen zu Lebzeiten, ein der Literaturwelt weithin unbekannter Autor. Außer seinem Freund und Nachlassverwalter Max Brod hatte kaum jemand in Kafka den Jahrhundertkünstler erkannt, als der er später posthum auf dem Parnass einzog, und so darf der Artikel eines Autors namens Heinrich Dreyfuß, den wir in den Altonaer Nachrichten vom 8. Dezember 1925 fanden, wohl als echte Entdeckung gelten. Dreyfuß, über dessen Person wir leider keine belastbaren Erkenntnisse einzuholen vermochten, empfiehlt Kafka nicht einfach als Geheimtipp einem neugierigen Publikum; er stellt ihn unumwunden in Reihe mit Granden der deutschen Literaturgeschichte wie Goethe und E.T.A. Hoffmann. Dass auch ein Jakob Wassermann in dieser Reihe auftaucht, mag ebenso überraschen wie der Vergleich Kafka’scher Syntax mit gotischer Sakralarchitektur – interessant, ja brisant ist Dreyfuß‘ Argument allemal. Frank Riede stellt es uns vor.

Erschienen: 08.12.2025
Dauer: 00:10:12

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Sport oder Tierquälerei?

7. Dezember 1925

Auf eine organisierte Form von Tierschutz stößt man in den 1920er Jahren, jedenfalls vermittelt durch die von uns rezipierten Tageszeitungen, eher noch nicht. Dass es, nun ja, kulturelle Traditionen gab, die die Würde der Kreatur zutiefst verletzten – dieses Gefühl war indes offenbar schon verbreitet, wobei die Haltung zu dieser Problematik, bedingt eben durch diese unterschiedlichen Traditionen, von Region zu Region, Land zu Land stark divergierte. Der Wandsbeker Bote blickt in seiner Ausgabe vom 7. Dezember 1925 relativ verständnislos nach England, wo man zwar Spanier und Franzosen den Stierkampf verübelte, selbst aber ungeniert zu Tierjagden und -hetzen blies und die Tierquälerei dabei auch noch durch flankierende Wettspiele verschlimmerte. Frank Riede berichtet von sadistischen Praktiken, die teilweise auch heute noch nicht ausgestorben sind. Rosa Leu ist leider aktuell verhindert und wird erst ab dem 9.12. wieder lesen.

Erschienen: 07.12.2025
Dauer: 00:07:00

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Bubikopf als Körperverletzung?

6. Dezember 1925

Wahrscheinlich ist es uns allen schon einmal passiert, dass wir nach dem Friseurbesuch bereuten, uns für eine neue Frisur entschieden zu haben. Aber die wenigsten von uns haben im Anschluss den Friseur wegen Körperverletzung verklagt. Diese spezielle Option spielt, im Kontext eines Wechsels von langem Haar zu einem Bubikopf, der Landgerichtsrat Dr. Bergmann aus Cottbus im Hamburgischen Correspondenten vom 6. Dezember 1925 durch. Sein Fallbeispiel betrachtet diese juristische Fragestellung – man ist versucht zu sagen: natürlich – aus der Perspektive eines Mannes, dessen Tochter, die neuerdings einen Bubikopf trägt, minderjährig ist und ihr Taschengeld sowieso nur ausgeben darf für Zwecke, die der Vater billigt. Zu welchen Schlüssen der Jurist kam, und ob die Friseure 1925 einen Grund hatten, nervös zu werden, teilt uns Frank Riede mit.

Erschienen: 06.12.2025
Dauer: 00:10:50

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Rinnsteinatmosphäre in "Mussolinien”

5. Dezember 1925

Es steht einer Demokratie nicht gut zu Gesicht, wenn sich die Parlamentarier (hier ist das Maskulinum angemessen) im Sitzungssaal ohrfeigen, prügeln oder mit Gegenständen bewerfen. Daher geht es auch weltweit durch die Presse, wenn in einem Parlament mal wieder die Fäuste und Fetzen flogen. Die sozialdemokratische Zeitung aus Cuxhaven Alte Liebe stand wenig verwunderlich der faschistischen Herrschaft in Italien sehr kritisch gegenüber und lies es sich auch nicht nehmen in ihrer Ausgabe vom 5. Dezember 1925 von den Zuständen im italienischen Parlament zu berichten, die sie mit dem Begriff „Rinnsteinatmosphäre“ umriss. Frank Riede weiß wer rund um die Gesetze gegen die Freimaurer und zum faschistischen Gewerkschaftsmonopol wen tätlich angegriffen hat. Rosa Leu ist leider aktuell verhindert und wird erst ab dem 9.12. wieder für uns lesen.

Erschienen: 05.12.2025
Dauer: 00:10:16

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Jackie, der singende Seelöwe

4. Dezember 1925

Die Tageszeitungen des Jahres 1925 berichteten ihrer Leserschaft nicht nur von den Neuigkeiten auf den Konzert-, Theater-, Opern- und Operettenbühnen und von den aktuellen „Streifen“ in Lichtspielhäusern, sie besuchten außerdem regelmäßig die Varietébühnen, denn nicht selten waren die dortigen Attraktionen das Gespräch der Stadt. So sorgte im Herbst 1925 der dressierte Seelöwe „Jackie“ mit seinen Auftritten im Berliner Wintergarten für Furore. Er konnte zum großen Erstaunen des Publikums beim balancieren und jonglieren auch noch singen und lachen. Als er bei seinem Gastspiel im Hansa Theater Hamburg das Militärlied „So leben wir, so leben wir“ zum Besten gab, schrieb der wahrscheinlich männliche Kolumnist mit dem Pseudonym „Nemo“ für die Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 4. Dezember einen launigen Erfahrungsbericht zum Seelöwengesang. Seine Eindrücke übermittelt uns Frank Riede.

Erschienen: 04.12.2025
Dauer: 00:08:12

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