Podcast "Auf den Tag genau"

Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Mit Dank an Andreas Hildebrandt und Anne Schott.

Podcast-Episoden

Arbeitslosenversicherung in den 1920ern

3. November 1925

Die Zahl der Arbeitslosen war bereits auch schon vor der großen Weltwirtschaftskrise, in den ökonomisch relativ stabilen Jahren Mitte der 1920er ein gewichtiges Problem der deutschen Politik. Wie den Bedürftigen helfen, ohne falsche Anreize zu schaffen und durch hohe Abgaben die Konjunktur zu bedrohen – dieser alte Widerstreit scheint auch im Hamburgischen Correspondenten vom 3. November 1925 auf, der das Problem der Arbeitslosenversicherung thematisiert und dieses dabei, dem konservativen Profil der Zeitung folgend, relativ konsequent durch die Brille der Hamburgischen Handelskammer betrachtet. Wie sehr uns die Argumente aus den aktuellen Debatten um das Bürgergeld bekannt vorkommen dürfen, erfahren wir von Frank Riede.

Erschienen: 03.11.2025
Dauer: 00:10:47

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Neues von der deutschen Regierungskrise

2. November 1925

Die deutsche Regierungskrise, sie zog immer weitere Kreise. Nach wie vor stand nach dem Ausscheiden der deutschnationalen Minister aus dem Kabinett die Ratifizierung der Vereinbarungen von Locarno durch den Reichstag auf Messers Schneide. Die SPD zierte sich, den Mehrheitsbeschaffer zu spielen, und auch Zentrum und DDP übten Druck auf Kanzler Hans Luther aus, die Vorlage nicht ohne Aussicht auf eine stabile Regierung einzubringen. Das Szenario ‘Neuwahlen‘ war weiterhin nicht vom Tisch, und auch die Option, die Zustimmung zu Locarno in einem Volksentscheid abzufragen, wurde offensichtlich ernsthaft diskutiert. Das behaupten jedenfalls am 2. November 1925 die Altonaer Nachrichten, in denen für uns Rosa Leu geblättert hat.

Erschienen: 02.11.2025
Dauer: 00:05:28

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Mit Wilhelm II. in Damaskus

1. November 1925

Erst vor drei Tagen waren wir mit dem Podcast in Damaskus und sahen uns dort mit der blutigen Bürgerkriegsgegenwart des Jahres 1925 konfrontiert. Am 1. November schaute nun der Hamburgische Correspondent gleichfalls in die syrische Hauptstadt, dabei aber zurück ins Jahr 1898, als Kaiser Wilhelm II. Damaskus einen Besuch abgestattet hatte, und zeichnete dabei das gewaltig weichgezeichnete Bild einer orientalischen Märchenmetropole. Nostalgisch verklärt an den Erinnerungen des deutschbaltisch-österreichischen Reiseschriftstellers Bernhard Stern-Szana, der ‘Seine Majestät‘ damals angeblich begleitete, mutet ferner nicht nur die eigene Bedeutsamkeit im Reisetross an, sondern auch der Blick auf die vermeintliche Herrlichkeit der Kaiserzeit. Dass sich der Autor aus dieser zumindest den exzessiven Franzosenhass bewahrt hat, dokumentiert sich spätestens im letzten Satz. Ihn, wie auch alle davor, liest Rosa Leu.

Erschienen: 01.11.2025
Dauer: 00:10:59

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Philipp Scheidemann als Zeuge im Münchener Dolchstoßprozess

31. Oktober 1925

Die Dolchstoßlegende, dergemäß wahlweise Linke, Demokraten und/oder Juden Schuld an der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg gewesen seien, zählte zu den wirkmäßigsten rechten Verschwörungstheorien der Weimarer Republik. Im Herbst 1925 wurde um sie in München sogar ein Prozess geführt: Martin Gruber, Chefredakteur der Münchener Post, hatte die Süddeutschen Monatshefte wegen der Verbreitung der Dolchstoßlegende der Geschichtsverfälschung bezichtigt, woraufhin deren Herausgeber Paul Nikolaus Cossmann Gruber verklagte. Prominente Personen der Zeitgeschichte wurden in den Zeugenstand gebeten, unter ihnen etwa der ehemalige Reichskanzler Philipp Scheidemann, von dessen Vernehmung in seiner Ausgabe vom 31. Oktober auch der Hamburger Anzeiger berichtete. Es liest Frank Riede.

Erschienen: 31.10.2025
Dauer: 00:10:13

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Mit Walter Hasenclever auf Korsika

30. Oktober 1925

Der berühmt-berüchtigte französische Zentralismus, er bildet sich auch in der deutschen Frankreich-Berichterstattung der 1920er Jahre und darüber vermittelt unvermeidlich in diesem Podcast ab. Immer wieder hat es uns in den zurückliegenden Jahren nach Paris verschlagen. Auf Ausflüge in den kleinen Rest des Landes, den man vom Kirchturm von Notre Dame aus nicht überblicken kann, sind wir dagegen selten gestoßen; zweimal in Reims, einmal in der Provence, ein Blick ins Elsass – viel mehr sind wir bislang nicht herumgekommen. Walter Hasenclever indes wollte sich mit diesem Radius nicht begnügen und zog in seiner Sommerfrische hinaus bis weit aufs Mittelmeer, wo die Franzosen den Genuesen im 18. Jahrhundert die stolze Insel Korsika abgeknüpft hatten. Deren mittelalterlichem Charakter, stellt Hasenclever im Hamburger Anzeiger vom 30. Oktober 1925 fest, hatte dies zumindest stellenweise aber wenig Abbruch getan. Davon hat sich für uns Frank Riede überzeugt.

Erschienen: 30.10.2025
Dauer: 00:09:27

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Blutige Kämpfe in Damaskus

29. Oktober 1925

Über viele Jahrhunderte, seit dem späten Mittelalter bis zum Ersten Weltkrieg, standen weite Teile des Vorderen Orients unter türkischer Herrschaft. Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches an der Seite der Mittelmächte fielen das alte Zweistromland, der heutige Irak, sowie Palästina nun als Mandatsgebiete an das Vereinigte Königreich, Syrien und der Libanon gerieten unter französische Verwaltung, und hier wie dort regte sich schnell Widerstand gegen die neuen Kolonialherren im fernen Europa. Insbesondere im multiethnischen und multikonfessionellen Syrien führte dies Mitte der 1920er Jahre zu blutigen Aufständen, die vom französischen Militär höchst gewaltsam bekämpft wurden. Die Ergebnisse der Geschichtsforschung lassen befürchten, dass die Opferzahlen, die die Wilhelmsburger Zeitung in ihrer Ausgabe vom 29. Oktober 1925 allein aus Damaskus vermeldet, nicht altem anti-französischem Ressentiment in Deutschland entsprangen, sondern relativ realistisch waren. Es liest Rosa Leu.

Erschienen: 29.10.2025
Dauer: 00:04:59

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Für eine europäische Zollunion

28. Oktober 1925

Wie stark Zölle die wirtschaftliche Dynamik zu behindern und den gesellschaftlichen Wohlstand auszubremsen vermögen, ist dieser Tage wieder zu besichtigen. Vor einhundert Jahren, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, war dies nicht nur eine transatlantische, sondern auch eine innereuropäische Thematik, denn nach dem Ersten Weltkrieg frönten teilweise auch die kleinsten der neuentstandenen Nationalstaaten dem Ideal der Autarkie. Dass dies dem Kontinent ökonomisch kaum wieder auf die Sprünge helfen würde, wurde relativ schnell klar, weshalb die vorsichtig positiv stimmenden Ergebnisse der Konferenz von Locarno vielerorts zum Anlass genommen wurden, über den Weg in eine europäische Zollunion nachzudenken. Entsprechende Vorgriffe auf eine europäische Einigung finden sich mit etwas ungeklärter Autorschaft auch in den Altonaer Nachrichten vom 28. Oktober 1925 formuliert. Frank Riede hat sie sich angesehen.

Erschienen: 28.10.2025
Dauer: 00:07:29

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Die deutschnationalen Minister verlassen die Regierung

27. Oktober 1925

Erst im Januar 1925 war das Kabinett Luther I, bestehend aus Mitgliedern der DVP, der DNVP, des Zentrums, der DDP sowie der BVP, gebildet worden – im Oktober stand es bereits wieder vor dem Aus. Grund dafür war das in Locarno ausgehandelte Vertragswerk, welches von großen Teilen der deutschnationalen Fraktion abgelehnt wurde. Auch die Interventionen des der DNVP eigentlich nahestehenden Reichspräsidenten Hindenburg vermochten das Blatt nicht zu wenden, so dass der Hamburgische Correspondent am 27. Oktober das bevorstehende Ausscheiden dreier Minister vermeldete und über die weiteren politischen Konsequenzen spekulierte. Drohte die Ratifizierung von Locarno gar zu scheitern? Stand Deutschland mal wieder vor vorgezogenen Neuwahlen? Oder fand sich im bestehenden Reichstag eine neue Regierungsmehrheit? Rosa Leu kennt den Stand der Spekulationen.

Erschienen: 27.10.2025
Dauer: 00:10:12

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Das Nein der DNVP zu Locarno

26. Oktober 1925

Ein paar Tage lang tagten die Gremien, stritten die unterschiedlichen Parteiflügel, dann war klar: Die Deutschnationale Volkspartei, seit den Wahlen des Jahres 1924 zweitstärkste Fraktion im Reichstag und größte Regierungspartei im Kabinett von Reichskanzler Hans Luther, war nicht gewillt die Ergebnisse der Verhandlungen von Locarno mitzutragen und drohte offen mit dem Koalitionsbruch. Interessant an der Begründung dieses Schrittes ist die Tatsache, dass die deutschnationale Interpretation des Vertragstextes offensichtlich eher der französischen und britischen Lesart entsprach, als der offiziellen deutschen Sicht von Kanzler Luther und Außenminister Stresemann. So deuteten es jedenfalls am 26. Oktober 1925 die Altonaer Nachrichten, in die für uns Frank Riede schaut.

Erschienen: 26.10.2025
Dauer: 00:05:10

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Krankhafte Rauschzustände

25. Oktober 1925

Das Thema des Drogenkonsums wurde in den Tageszeitungen regelmäßig verhandelt und taucht daher auch immer wieder in unserem Podcast auf. Die Forschung, die stets eine Nutzung der Präparate für medizinische Zwecke verteidigte, wollte wissen, welche Drogen welche Wirkungen auf den Körper und Geist der Konsument*innen zeitigen. Auch untersuchte man Gewöhnungseffekte, die bei regelmäßigen Rauschzuständen eintraten. Für den Hamburgischen Correspondenten vom 24. Oktober fasst Dr. Robert Fließ seinen Wissensstand rund um die „krankhaften Rauschzustände“ zusammen. Mit recht hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei ihm um den Sohn des berühmten und umstrittenen Arztes Wilhelm Fließ, der eine Verbindung zwischen der Nasenschleimhaut und den weiblichen Geschlechtsorganen postulierte und mit dieser Theorie und den daraus abgeleiteten Therapien die Pschoanalyse von Sigmund Freud, mit dem er lange befreundet war, beeinflusste. Robert war Allgemeinmediziner und Psychiater und emigrierte 1933 in die USA. Rosa Leu, die, soweit wir wissen, lediglich dem Kaffeekonsum frönt, breitet für uns die Wirkungen der Drogen der 1920er Jahre aus.

Erschienen: 25.10.2025
Dauer: 00:11:15

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