20. Juni 1923
In der Nachwendezeit erregte das deutsch-tschechische Grenzgebiet durch Gartenzwerge am Straßenrand, Drogenschmuggel und besonders die dort allgegenwärtige Prostitution Aufmerksamkeit. In jedem, noch so verfallenen Grenzdorf blinkten Leuchtreklamen, die auf einen Nachtclub aufmerksam machten. Die Lage entspannte sich erst, als sich das Wohlstandsgefälle zwischen den beiden Ländern verringerte. Der Ausflug deutscher Männer über die Grenze ins Bordell war wohl schon vor dem Ersten Weltkrieg eine übliche Praxis, wie wir dem schwelgenden Reisebericht „Valutareise nach Tschechien“ von Hans Merz aus dem 12-Uhr-Blatt vom 20. Juni 1923 entnehmen können. Für die sonst doch recht prüden Zeitungen der frühen Zwanziger überrascht es schon, wie deutlich der Autor sich positiv an seinen eigenen Sextourismus erinnert, alle üblichen misogynen Frauenbilder inklusive. Für uns liest dieses Zeitdokument dennoch Frank Riede.
Erschienen: 20.06.2023
Dauer: 00:08:48
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19. Juni 1923
Der Ätna, der höchste aktive Vulkan Europas, auf der Insel Sizilien gelegen, bedroht die umliegenden Dörfer und Städte seit Jahrtausenden immer wieder durch größere und kleinere Eruptionen. Allein im 21. Jahrhundert ist kein Jahr vergangen ohne eine kleinere Aschewolke, oder einen größeren Lavastrom. Am 17. Juni 1923 kam es aber zu einem der zwei heftigsten Ausbrüche der 1920er Jahre - der andere ereignete sich 1928 -, bei dem Lavaströme Dörfer bedrohten und tatsächlich auch verwüsteten. Zwei Tage später waren erste Berichte über das Ausmaß bis nach Berlin gedrungen, die Berliner Morgenpost druckte sie ab und Paula Rosa Leu liest sie für uns.
Erschienen: 19.06.2023
Dauer: 00:06:50
18. Juni 1923
Dass in den Zeitungen der 1920er Jahre zumeist Männer für Männer schreiben, auch und gerade wenn sie über Frauen schreiben, lässt sich in einem Podcast wie dem unseren schwerlich verheimlichen. Ein besonders eklatantes Beispiel für diese Matrix liefert uns das 8-Uhr-Abendblatt vom 18. Juni 1923, das eine Umfrage unter deutschen Männern verschiedener Berufsgruppen, was sie von der Frau „von heute“ hielten, vermutlich mehr fingierte als wirklich empirisch geführt hatte. Die Ergebnisse, man kann es sich denken, strotzen nur so vor paternalistischen-misogynen Klischees und bedeuten für eine vermeintlich liberale Großstadtzeitung aus dem historischen Rückblick eine schwere Peinlichkeit. Als Zeitdokument sind sie für uns aber natürlich gerade deshalb hochinteressant und von Paula Rosa Leu unserem Audio-Archiv hinzugefügt worden.
Erschienen: 18.06.2023
Dauer: 00:11:39
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17. Juni 1923
Karlsbad, Kissingen, Bad Ems oder Spa – man kann sich zahlreiche mondäne Ziele für eine Bäderreise mit anschließendem Zeitungsbericht vorstellen. Die Badereise, die die Vossische Zeitung am 17. Juni 1923 unternahm, führte sie inflationsbedingt jedoch nicht an einen der dafür berühmten Kurorte, sondern in Berlins wohl ärmsten Arbeiterbezirk, den Wedding, wo Ludwig Hoffmann noch in den Jahren der Kaiserzeit einen seiner großzügigen Volksbäderbauten hingesetzt hatte. Die politisch-ökonomischen Krisen der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hatten den Betrieb freilich auch hier zurückfahren lassen, was in Verbindung mit den für viele Berlinerinnen und Berliner nicht bezahlbaren Preisen wiederum die Auslastungszahlen drückte und die Wirtschaftlichkeit des Bades zunehmend in Frage stellte. Um die Volksgesundheit sorgt sich angesichts dieser Situation für uns Frank Riede.
Erschienen: 17.06.2023
Dauer: 00:09:49
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16. Juni 1923
Die Korrespondentennetze der Berliner Tageszeitungen waren auch schon in den 1920er Jahren eng geknüpft. Nach dreieinhalb Jahren Auf den Tag genau muss man die Regionen Europas, in denen wir noch nicht vorbeigeschaut haben, entsprechend mit der Lupe suchen. Relativ unterbelichtet blieb tatsächlich ein Land im Südosten des Kontinents, das als Kriegsverbündeter der Mittelmächte nach 1918 in noch ärgere politische Turbulenzen geraten war als Deutschland oder Österreich: Bulgarien. Seit 1919 regierte hier als bald schon quasi alleinherrschender Ministerpräsident Aleksandar Stambolijski von der radikalen Bauernpartei, der in Opposition zur alten königlichen Regierung bereits während des Weltkriegs eine militärische Kooperation mit der Entente gefordert hatte. Diese alten Verbindungen halfen ihm nun aber auch nicht wirklich, als es in den Verhandlungen von Neuilly darum ging, die territorialen Verluste Bulgariens in Grenzen zu halten. Entsprechend groß war der Hass seiner innenpolitischen Gegner, die einen Urlaub Stambolijskis in seinem Heimatdorf im Frühsommer 1923 dazu nutzten, ihn von der Macht zu putschen. Die äußerst blutigen Details seiner Ermordung spart die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 16. Juni vielleicht auch deshalb aus, weil sie in ihm nach alter Weltkriegslogik noch immer den Anti-Deutschen sah. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 16.06.2023
Dauer: 00:06:34
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15. Juni 1923
Medienberichte über Menschen, die ein Alter von 100 Jahren und mehr erreicht haben, stellen heute wie früher die Frage danach, wie man so etwas vollbringt. Spielte eine besondere Ernährung oder Lebensführung eine Rolle? Auch unser heutiger Artikel aus dem Berliner Börsen-Courier vom 15. Juni 1923 macht da keine Ausnahme. Aber unabhängig davon, ob täglich drei Prisen Schnupftabak zu hohem Alter verhelfen – wohl eher nicht –, überrascht im Leben des Hundertjährigen, das Paula Rosa Leu für uns ausbreitet, wieviel er in der Welt rumgekommen ist. Zumindest er straft unsere Vorstellung von geringer Mobilität in der Arbeiterschicht des Kaiserreichs Lügen.
Erschienen: 15.06.2023
Dauer: 00:05:59
14. Juni 1923
Den Deutschen eilt seit Menschengedenken der Ruf voraus, ein Volk von Urlaubern zu sein, das selbst dann noch der Reiselust frönt, wenn es sich jeden Tag vom Munde absparen muss. Wie dramatisch diesbezüglich die Not in Zeiten galoppierender Hyperinflation war, kann man sich lebhaft vorstellen. Aber da Not bekanntlich aber auch erfinderisch macht, versucht die Berliner Volks-Zeitung am 14. Juni 1923 ihrem Publikum eine alternative Form des Reisens schmackhaft zu machen, die sich bis heute längst nicht mehr nur in Kreisen mit niedrigen Urlaubsbudgets anhaltender Beliebtheit freut: das Campen. Nach heutigen Maßstäben mögen die Beschreibungen aus den Brandenburger Wäldern reichlich archaisch klingen. Das Grundprinzip dieser Art der „Sommerfrische“ ist aber durchaus widererkennbar. Frank Riede zieht, soweit wir wissen, andere Formen des Travelling vor; für uns hat er sein Zelt aber dankenswerterweise trotzdem in die märkische Forst gestellt.
Erschienen: 14.06.2023
Dauer: 00:09:46
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13. Juni 1923
Die 1872 in Berlin geborene und in einem großbürgerlichen Milieu in der Nähe des Anhalter Bahnhofs aufwachsende Alice Salomon litt darunter, dass für sie, neben dem Erlernen der praktischen Haushaltsführung, keine weitere Bildung vorgesehen war. Über die Mitarbeit in Frauenvereinen kämpfte sie als junge Erwachsene und ihr Lebe lang für Frauenbildung aller und erreichte für sich, dass sie, obwohl ohne Abitur, studieren durfte. In ihrer Dissertation untersuchte sie dann „Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit“. Ob sie für den Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 13. Juni 1923 weniger asugezahlt bekam als ihre männlichen Kollegen, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls betätigt sie sich darin als Auslandsreporterin und teilt ihre Eindrücke aus Amerika mit, die teilweise zeigen, wo die Wurzeln unseres heutigen Amerikabildes liegen, teilweise aber auch überraschende Beobachtungen enthalten. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 13.06.2023
Dauer: 00:09:56
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12. Juni 1923
Das Wirtschaftsmagazin Forbes publiziert seit 1987 jedes Jahr eine Liste der reichsten Menschen der Welt, wobei Diktatoren und Mitglieder von Königshäusern nicht berücksichtigt werden. Aktuell steht der Besitzer des französischen Luxusgüterimperiums Bernard Arnault ganz oben auf der Liste, vor Elon Musk und Jeff Bezos. Die vor 106 Jahren gegründete Zeitschrift listete aber schon in ihren ersten Ausgaben die 30 reichsten Amerikaner auf. Forbes hatte aber diese Statistik nicht für sich gepachtet, auch die New York Times machte sich 1923 auf die Suche nach den größten Vermögen – und was sie zusammenstellte, darüber berichtete die Berliner Volks-Zeitung vom 12. Juni. Frank Riede dröselt für uns die verschiedenen Rockefellers auf.
Erschienen: 12.06.2023
Dauer: 00:07:08
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11. Juni 1923
„Wer wird deutscher Meister? H-H-H-HSV!“ In unseren Tagen hört man dieses alte Lied wohl allenfalls noch aus der gegnerischen Kurve und dann hämisch gemeint. Vor einhundert Jahren war das ganz anders und der ehrwürdige Hamburger Sportverein tatsächlich das Nonplusultra im hiesigen Fußball. Nachdem das Finale 1922 zwischen dem HSV und dem ‘Club‘ aus Nürnberg noch unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen abgebrochen werden musste und die Hamburger, obwohl zunächst zum Sieger erklärt, den Titel dann nicht führen wollten oder durften, klappte es nun ein Jahr später endlich auch offiziell mit dem ersehnten ersten deutschen Meistertitel. Gegner im Finale 1923, erfahren wir aus der B.Z. am Mittag vom 11. Juni, war der Vorgänger eines Vereins, der aktuell, anders als der HSV, in der Bundesliga für ziemlich viel Furore sorgt – der aber vor einhundert Jahren, wie uns Paula Rosa Leu zu berichten weiß, überraschenderweise als Zweitplatzierter sogar noch einen Tick besser notiert war als heutzutage.
Erschienen: 11.06.2023
Dauer: 00:12:13
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