20. Juli 1923
König Fußball war Anfang der 1920er Jahre bereits im Begriff, den Thron bestiegen, von seiner heutigen Allmacht über sonstige Arten der Leibesertüchtigung aber noch weit entfernt. Etliche andere Sportarten konkurrierten annähernd auf Augenhöhe um die Gunst der Öffentlichkeit, von denen sich die Deutsche Allgemeine Zeitung am 20. Juli 1923 eine herausgriff, die es bislang noch gar nicht in unseren Podcast geschafft hat und der hier eine große Zukunft prophezeit wird: Handball. Wir erfahren, dass es sich beim Handball damals noch um ein überraschend junges Spiel handelte, dass es offenbar als Ergänzungssport für Turner und Leichtathleten entwickelt wurde und nicht in der Halle, sondern auf einem großen Rasenfeld gespielt. Ganz ähnlich also wie der Fußball, hinter dem sich der Handball dem Autor zufolge nicht verstecken müsste. Aber hört selbst, was Paula Rosa Leu noch zu berichten weiß.
Erschienen: 20.07.2023
Dauer: 00:06:05
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19. Juli 1923
Der deutsche Schriftsteller Oskar Maria Graf, der 1923 achtundzwanzig Jahre jung war, veröffentlichte expressionistische Gedichte, war in München in den revolutionären politischen Kampf nach Ende des ersten Weltkriegs verwickelt und arbeitete als Dramaturg an einem Arbeitertheater. Sein literarischer Durchbruch gelang ihm erst 1927 mit dem Buch „Wir sind Gefangene“. Mit seiner scharfen Kritik des monarchistischen Bürgertums und des aufkommenden Faschismus überrascht es nicht, dass er 1933 erst in die Tschechoslowakei und später in die USA emigrierte, wo er fortan lebte und 1967 verstarb. In einer losen Reihe mit dem Titel „Bunte Bilder aus Bayern“, die Graf 1923 in der Berliner Volks-Zeitung veröffentlichte, führt er uns satirisch und voller beißendem Spott die Untiefen der Provinz Bayerns vor Augen. In der Ausgabe vom 19. Juli beschreibt er eine Denkmalsenthüllung auf dem Lande, in der ein tiefsitzender Antisemitismus, Antirepublikanismus, Militarismus und Preußenhass zum Ausdruck kommen, und lässt uns deutlich sehen, warum der Nationalsozialismus, zumindest in diesem Milieu, sehr anschlussfähig war. Frank Riede liest für uns den Artikel, und darin auch die karikierenden Reden der anwesenden Vereinsmeier und Militärs, in denen all das vorher Genannte explizit ausgesprochen wird.
Erschienen: 19.07.2023
Dauer: 00:12:09
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18. Juli 1923
Dass sich Extremwetter nicht nur unmittelbar auf die Volksgesundheit auswirken, sondern tatsächlich sogar die Mortalität in die Höhe treiben kann, ist gesichertes Wissen nicht erst seit den Zeiten der fortschreitenden Erderwärmung mit ihren immer neuen Temperaturrekorden. Auch schon vor einhundert Jahren wusste man dies, wie der nachfolgende Artikel aus dem Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 18. Juli 1923 sehr deutlich illustriert. Überraschend signifikant manifestieren sich sowohl Hitzeperioden im Sommer, als auch verschärfte Frostphasen im Winter in den herangezogenen Statistiken, wobei immer auch andere, vor allem sozial-ökonomische Faktoren hier in die Deutung miteinbezogen werden. Ein gravierender Unterschied zu heutigen Bilanzen fällt indes schlagend ins Auge: Von alten Menschen ist bei den Opferzahlen damals kaum die Rede. Stattdessen schlagen die Wettererscheinungen vor allem in einer erhöhten Säuglings- und Kleinkindsterblichkeit zu Buche. Paula Rosa Leu kennt die traurigen Details.
Erschienen: 18.07.2023
Dauer: 00:06:30
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17. Juli 1923
Wer kennt sie nicht – die unangenehme Situation einer überfüllten Trambahn im Hochsommer. Die Luft bewegt sich keinen Millimeter und verzweifelte Passagiere reißen an den kleinen Klappfenstern herum, die sich oftmals nicht öffnen lassen. Man denkt an die wohlhabenden Automobilist:innen, die in Cabriolets umherfahren. „Ach gäbe es doch ein Tram-Cabrio!“ Diesen Ausruf finden wie sinngemäß in der Vossischen Zeitung vom 17. Juli 1923. Dort allerdings nicht als Phantasiegebilde, sondern als die Forderung nach der Rückkehr eines konkreten Tram-Typs, der als Sommerwagen bezeichnet wurde, kein Verdeck hatte, der aber tatsächlich im Betrieb gewesen war, bevor er Anfang der 20er Jahre von den Schienen der Trambahn verschwand. Aktuell ist so eine Tram undenkbar, da offene Straßenbahnen durch die in Deutschland gültige Straßenbahn Bau- und Betriebsordnung verboten sind. Frank Riede stimmt in die Wehklage um die Sommerwagen für uns mit ein.
Erschienen: 17.07.2023
Dauer: 00:06:34
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16. Juli 1923
Das Strandbad Wannsee des Architekten Richard Ermisch zählt zu den ikonischen Bauten der Neuen Sachlichkeit und darf in keinem Buch über das Berlin der Weimarer Republik fehlen. Errichtet wurde es freilich erst Ende der 1920er Jahre, nachdem ein Brand das alte Bad teilweise zerstört hatte und dessen Kapazitäten zuvor ohnehin an ihre Grenzen gestoßen waren. Einen lebendigen Eindruck, von dem Andrang, der an heißen Sommertagen hier tatsächlich geherrscht hatte, gibt ein Bericht aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 16. Juli 1923. Obwohl der Wannsee erst 1907 zum Baden freigegeben worden war, präsentiert er sich hier bereits als die berühmt-berüchtigte Badewanne der Berliner, von der der namenlos bleibende Autor mit kräftigem Pinsel ein eindrucksvolles Wimmelbild zeichnet. Paula Rosa Leu hat es sich für uns angesehen und eingelesen.
Erschienen: 16.07.2023
Dauer: 00:11:38
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15. Juli 1923
Auch wenn die große Mehrheit der Berliner Jüdinnen und Juden vor einhundert Jahren ähnlich säkular lebte wie ihre christlichen Nachbarn, nimmt es sich doch etwas überraschend aus, wie wenig wir aus den damaligen Tageszeitungen aus dem hiesigen jüdischen Gemeindeleben erfahren und via Podcast weitergeben können. Zum Glück ist auf Erdmann Graeser Verlass, der bei seinem seriellen „Rundgang durch religiöse Gemeinschaften in Berlin“ auch bei der „Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel“ in der Artilleriestraße, der heutigen Tucholskystraße in Mitte vorbeigeschaut hat. Bei dieser, erfahren wir in seinem Artikel aus der Vossischen vom 15. Juli 1923, handelte es sich um eine orthodoxe Abspaltung der liberal und reformerisch orientierten Berliner Mehrheitsgemeinde mit eigenem Gotteshaus und eigenem Friedhof – als die sie auch heute in Berlin wieder besteht und neben Synagoge und Gemeinsehaus u.a. auch ein Café und einen koscheren Lebensmittelladen unterhält. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 15.07.2023
Dauer: 00:11:53
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14. Juli 1923
Hermann Ehrhardt führte nach dem Ersten Weltkrieg das nach ihm benannte Freikorps Marinebrigade Ehrhardt, das wegen seiner Verstrickung in den Kapp-Putsch 1920 aufgelöst wurde. Aus dessen Mitgliedern und weiteren antisemitischen und antirepublikanischen Militärs rekrutierte er den Geheimbund „Organisation Consul“, der in den Folgejahren u.a. Matthias Erzberger und Walther Rathenau ermordete. Hermann Ehrhardt zog bei dieser von wohlhabenden Antirepublikanern finanzierten und streng hierarchisch strukturierten Organisation die Fäden. Er war ins Ausland geflüchtet, kehrte allerdings nach Deutschland zurück und wurde im November 1922 verhaftet. Im Juli 1923 sollte ihm in Leipzig der Prozess gemacht werden. Wenige Zeit vor Prozessbeginn gelang ihm die Flucht. Die Berliner Volkszeitung konnte sich in ihrem Bericht darüber am 14. Juli ätzende Kommentare in Richtung der Justizvollzugsorgane nicht verkneifen. Ehrhardt blieb erneut nicht lange im Exil und kehrte im Herbst 23 zurück nach München. Da er sich gegen den Hitler-Ludendorff Putsch stellte, hatte er später, im Nationalsozialistischen Deutschland keine politische Karrieremöglichkeit und lebte bis zu seinem Tode 1971 unbehelligt als Landwirt in Österreich. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 14.07.2023
Dauer: 00:06:34
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13. Juli 1923
In machen europäischen Ländern laufen im Fernsehen fremdsprachige Filme in der Regel im Original mit Untertiteln, die Mehrzahl erstellt aufwändige Synchronfassungen der Filme, bei denen Schauspieler:innen die Aussagen der Originalschauspieler:innen “nachspielend” einsprechen. In Polen hingegen las (oder liest immer noch?) eine männliche Stimme nüchtern, sachlich, monoton die Texte aller Filmfiguren hintereinander weg, wobei die Zuschauer:innen leise das Original im Hintergrund hörten. Wahrlich eine sehr interessante Seh- und Hörerfahrung. Eine dem polnischen Synchronisierungsmodell geistesverwandte Erfindung stellte am 13. Juli 1923 das 12 Uhr-Blatt vor: das Theatrophon. Wer etwa in der Oper den Text nicht verstand, konnte zu einem Hörer greifen und den Wortlaut der Arie trocken und monoton vorgelesen bekommen. Frank Riede liest den Zeitungstext für uns in gewohnter Lebhaftigkeit und Dynamik.
Erschienen: 13.07.2023
Dauer: 00:04:33
12. Juli 1923
Heutzutage kenn jeder überall, auch unterwegs, dank seines Mobiltelefons und kabellosen Kopfhörern ganz bequem Podcasts, wie etwa diesen hier, hören – über Streams natürlich auch Radiosender. Die heutige Folge ist ein Beleg dafür, dass schon vor 100 Jahren Erfinder:innen sich daran gemacht haben, einen Radio-Hut zu entwickeln, bei dem ein Radioempfänger und Kopfhörer in einen Hut integriert waren, so dass, in diesem Fall, frau auch bei einem Spaziergang ihre Lieblingsradiosendung nicht verpasste. Die BZ am Mittag vom 12.7. berichtete von diesen technischen Innovationen in Amerika, sie wusste aber noch nicht, dass sich dieser Radiohut nicht kommerziell durchsetzen würde. Erst Ende der 1940er Jahre entwickelte sich der „Man From Mars Radio Hat“ für ein paar Jahre zu einem Verkaufsschlager. Von den Anfänger der Kopfbedeckung mit Radio liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 12.07.2023
Dauer: 00:06:39
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11. Juli 1923
Theodor Däubler kam in der Welt viel herum. 1876 im damals noch österreichischen Triest geboren, lebte er später an verschiedenen Orten in Italien, aber auch in Paris, Berlin und Dresden sowie seit 1921 für einige Jahre in Griechenland, von wo er mehrere Reisen in den Orient unternahm und uns zuletzt am Neujahrstag einen Gruß von den Kykladen in den Podcast übersandte. In seinem Artikel aus dem Berliner Börsen-Courier vom 11. Juli 1923 hatte er indes wieder Festlandsboden unter den Füßen. In die byzantinische Ruinenstadt Mystras auf der Peloponnes, nordwestlich des antiken Sparta, begab er sich, um Goethe, Faust und Helena mit der Seele zu suchen – und wurde, scheint’s, durchaus fündig. Mit von der Partie für uns ist Frank Riede.
Erschienen: 11.07.2023
Dauer: 00:07:36
Weitere Informationen zur Episode "Mit Goethe, Faust und Helena in Griechenland"