28. Oktober 1923
Der Boom der Telefonie zu Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde wesentlich ermöglicht durch die Telefonistinnen, die auf dem „Amt“ die meist männlichen Anrufer durchstellten. Ledig mussten sie sein, jung, höflich, gebildet, wenn möglich mit Fremdsprachenkenntnissen – und die Post konnte sie dennoch schlecht bezahlen, da es sich um ledige Frauen handelte, die ja, nach damaliger Vorstellung, zwangsläufig nur sich selbst zu versorgen hatten. 1907 arbeiteten im Deutschen Reich 16.000 „Fräulein vom Amt“. 1908 wurde in Hildesheim das erste automatische Ortsnetz in Betrieb genommen. Diese Technologie sollte nach und nach diesen Berufszweig überflüssig machen. Eine solche Zukunftsperspektive eines Amts ohne Menschen skizziert für die Hauptstadt auch die Berliner Morgenpost in ihrer 2 Milliarden teuren Ausgabe vom 28.10. 1923. Den entsprechenden Artikel liest Frank Riede für uns ein.
Erschienen: 28.10.2023
Dauer: 00:08:31
27. Oktober 1923
Die Straße Am Krögel, im Volksmund meist verkürzend als der Krögel bezeichnet, war nicht nur eine der ältesten Gassen Berlins, sondern Anfang des 20. Jahrhunderts auch eine ihrer ärmsten, primitivsten Wohngegenden. Zwischen Molkenmarkt und Spreeufer gelegen, prägte ihre Behausungen nicht nur anachronistisch-mittelalterliche Enge, sondern auch gesundheitsgefährdende Feuchtigkeit, weshalb bereits seit längerer Zeit Abrisspläne in den städtischen Behörden zirkulierten. Weltkrieg und Hyperinflation hatten kurzfristig jedoch wieder einmal einen Strich durch diese Rechnung gemacht, was indes zumindest bei der Vossischen Zeitung vom 27. Oktober 1923 keineswegs auf Bedauern stieß. Die dort ausgesprochene Hoffnung, dieses alte Stück Berlin doch für die Zukunft zu retten, sollte sich freilich nicht allzu lang erfüllen – 1935 musste der Krögel doch dem Neubau der Reichsmünze weichen und ist heutzutage kaum jemandem in Berlin noch ein Begriff. Paula Rosa Leu erinnert an ihn mit dem Artikel aus einer Zeitung, die am Tag ihres Erscheinens wahnwitzige eine Milliarde Mark wert war.
Erschienen: 27.10.2023
Dauer: 00:05:49
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26. Oktober 1923
Papiergeld, das wusste schon Goethe und philosophierte darüber in seinem Faust II, ist nichts weiter als eine Wette darauf, dass das jeweilige Gegenüber auch akzeptiert, was auf dem Papier geschrieben steht, bzw. sich sicher ist, jemanden zu finden, der/die das auch wieder ist und so ad infinitum. Ist dieser Kreislauf gestört, ist das Geld bald eben nur noch das Papier wert, auf dem es gedruckt ist, also quasi nichts. So nachzulesen auf dem 8-Uhr-Abendblatt vom 26. Oktober 1923, dessen Preis sich mittlerweile auf schwindelerregende 800 Millionen Mark belief, d.h. sich binnen vier Tagen neuerlich fast verdreifacht hatte. Abhilfe – ein alter Trick der Währungspolitik seit der Antike – sollte nun eine Rückbindung an Rohstoffe (heißt meistens: an den Goldpreis) und an stabilere Währungen (heißt meistens: an den Dollar) schaffen; deswegen, erfahren wir im 8-Uhr-Abendblatt vom 26. Oktober 1923, plante die Reichsbank nun die Ausgabe von sogenannten Goldanleihestücken. Die Logik dieses nicht ganz unkomplizierten Manövers erläutert uns Frank Riede.
Erschienen: 26.10.2023
Dauer: 00:07:41
25. Oktober 1923
Erst vor drei Tagen waren wir mit dem Podcast in Hamburg, um uns dort ins wilde maritime Nachtleben der 1920er Jahre zu stürzen. Nun kehren wir aus sehr politischen Gründen an den Ort des Geschehens zurück, denn seit dem 23. Oktober 1923 tobte vor allem im Stadtteil Barmbek der sogenannte „Hamburger Aufstand“. Während an anderen Schauplätzen im Reich rechte Paramilitärs und separatistische Gruppen Druck auf die wunde Republik ausübten, ging die Revolte hier von linken, kommunistischen Kräften aus (unter ihnen der noch weithin unbekannte Ernst Thälmann), die in der prekären ökonomischen Lage des Landes die Chance für einen bewaffneten Umsturz erblickten. Wie dramatisch sich diese Situation zuspitzte, ist auch an der Preisentwicklung am Zeitungsmarkt ablesbar: Wo die Berliner Morgenpost vor Wochenfrist noch für 50 Millionen Mark zu haben war, musste bereits 500 Millionen hinblättern, wer am 25. Oktober erfahren wollte, dass der Aufstand – an dem sich von ca. 14.000 Hamburger KP-Mitgliedern übrigens wohl nur 300 beteiligten – relativ schnell niedergeschlagen war. Unsere Korrespondentin an der Elbe ist Paula Rosa Leu.
Erschienen: 25.10.2023
Dauer: 00:07:54
Weitere Informationen zur Episode "Der kommunistische Aufstand in Hamburg"
24. Oktober 1923
Ob das Anwachsen des Preises der Vossischen im Vergleich zum Vortag um 200 Millionen auf ganze 500 Millionen Mark nur dem geschuldet war, dass die Ausgabe vom 24. Oktober auch die wöchentliche Beilage: „Für Reise und Wanderung“ enthielt, bezweifeln wir, können es aber nicht belegen. Zumindest hielt die Beilage, was sie versprach - mit einem Ausflug in das malerische Wasserburg am Inn. Diese Stadt 25 Kilometer nördlich von Rosenheim zeichnet sich durch die Lage der Altstadt auf der zu 7/8 vom Inn umflossenen Halbinsel aus. Alles weitere zu Wasserburg liefert uns nun Paula Rosa Leu auf ihrem Rundgang durch die Stadt.
Erschienen: 24.10.2023
Dauer: 00:08:32
23. Oktober 1923
Unser Podcast dürfte mittlerweile deutlich gezeigt haben mit welch existenziellen Gefahren die Weimarer Republik im Oktober 1923 konfrontiert war. Zahlreiche separatistische Bewegungen entstanden quer durchs Reich, wobei natürlich die konstante Drohung Bayerns, sich unabhängig zu machen, am schwersten wog. Die Vossische Zeitung vom 23. Oktober berichtete von den Abspaltungstendenzen im Rehinland. Die Idee eines rheinländischen Pufferstaates war ja auch schon früher durch diesen Podcast gegeistert. Am 21. Oktober hatten bewaffnete Separatisten in Aachen einen neuen Staat proklamiert: die Rheinische Republik, wobei sie von den belgischen und französischen Besatzungstruppen wohl unterstützt, jedenfalls nicht gehindert wurden. Nach mehreren Wochen mit teils gewaltsamen Auseinandersetzungen und nach dem Verlust des Rückhalts der Besatzungstruppen, brach diese kurzlebige Republik zusammen. Doch davon weiß der Artikel, den Frank Riede aus der 300 Millionen teuren Zeitung verliest, noch nichts.
Erschienen: 23.10.2023
Dauer: 00:08:00
Weitere Informationen zur Episode "Die Putschisten von Aachen"
22. Oktober 1923
Glaubt man einer populären zeitgenössischen TV-Serie, so lag Babylon in den 1920er Jahren an der Spree. Das an der Spree erscheinende 12-Uhr-Blatt meint es hingegen an der Elbe gefunden zu haben. In Hamburg, genauer gesagt: im damals noch zwischen der Freien und Hansestadt und dem preußischen Altona geteilten St. Pauli stürzt sich die Ausgabe vom 22. Oktober 1923 – Kostenpunkt: 200 Millionen Mark – ins pralle Nachtleben und wirbelt dort jede Menge Kolorit auf. Aufgrund der schlechten Valuta sind es, mehr noch als sonst in der Hafenmetropole, internationale Gäste, die sich hier vergnügen, verführen und zum Teil auch ausrauben lassen – da hilft es auch nichts, dass Autor Fritz Löwe von einem waschechten Kriminalkommissar durch sein Großstadtrevier begleitet wird. Trotz einiger heute nicht mehr üblicher, da als diskriminierend empfundener Begriffe hat sich für uns Paula Rosa Leu den beiden angeschlossen.
Erschienen: 22.10.2023
Dauer: 00:09:35
21. Oktober 1923
Um unseren CO2-Ausstoß beim Beheizen von Wohnraum zu reduzieren, dürfte die Nutzung von Wärmepumpen und, noch besser, Geothermie eine gute Idee zu sein, die freilich nicht besonders neu ist. Während heute die Gefahren des Klimawandels unsere Aufmerksamkeit auf die Erdwärme lenken, so war es im Deutschland des Jahre 1923 vielmehr die Kohlenknappheit. Das Reich hatte die schlesischen Kohlereviere nach dem Ersten Weltkrieg verloren und die Vorkommen im Ruhrgebiet waren durch die Besetzung durch Belgien und Frankreich nicht verfügbar. Und so erkundete die 300 Millionen Mark teure Deutsche Allgemeine Zeitung vom 21. Oktober 1923 die Möglichkeiten der Erdwärme. Frank Riede war bei den Probebohrungen für uns dabei.
Erschienen: 21.10.2023
Dauer: 00:12:59
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20. Oktober 1923
Der Preis für die Vossische vom 20. Oktober 1923, inklusive der darin enthaltenen Auslandsbeilage Voss, hatte den dreistelligen Millionenbetrag erreicht. Genau 100 Millionen Mark kostete sie. Zum Glück für die Leser:innen, oder noch mehr für diejenigen, die sich die Zeitung nicht mehr leisten konnten, war Hoffnung am Horizont. In der Voss wird halbwegs laienkompatibel die geplante Einführung der Rentenmark beschrieben. Bis zur tatsächlichen Ausgabe dieses Heilmittels gegen die Hyperinflation sollte es noch Wochen dauern, Paula Rosa Leu beschreibt für uns schon mal an dieser Stelle den finanzpolitischen Plan.
Erschienen: 20.10.2023
Dauer: 00:07:58
19. Oktober 1923
Wer die BZ am Mittag vom 19. Oktober 1923 für mittlerweile schon 80 Millionen Mark erwarb, konnte darin von der Wiener Premiere des Theaterstückes „Die Sache Makropulos“ des großen tschechischen Schriftstellers Karel Čapek lesen, das dieser 1922 verfasst hatte. Der Autor zahlreicher Romane, Kinderbücher und Dramen, der als einer der größten Stilisten der Tschechischen Literatur gilt, ist heute im deutschsprachigen Raum, wenn überhaupt, dafür bekannt, dass auf ihn das weltweit benutzte Wort „Roboter“ zurückgeht. Er hatte es für sein Theaterstück „R.U.R“, Rossums Universal Robots, kreiert, das in der deutschen Übersetzung „W.U.R.“ heißt. „Die Sache Makropulos“, in der es um die Unsterblichkeit der gleichnamigen Protagonistin Elina Makropulos geht, hat hierzulande hingegen nur in der grandiosen Opernvertonung von Leoš Janáček überlebt. Mit dem Vortrag der Theaterkritik von der deutschsprachigen Erstaufführung des Schauspiels wiederum macht sich, glaubt man der Langzeitarchivierung unseres Podcasts durch die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Frank Riede ein kleines Bisschen unsterblich.
Erschienen: 19.10.2023
Dauer: 00:08:37