2. März 1923
Wenn es heute noch Leute gibt, die wissen, wer Ernst Werner war, so verdankt sich dies wohl zuvorderst Sammy Drechsel und seinem berühmten, 1955 erschienenen Fußball-Jugend-Roman Elf Freunde müsst ihr sein, an dessen Ende der Held des Buches, Drechsels Alter Ego Heini Kamke, einen Ausbildungsplatz bei dem von ihm bewunderten Redakteur der Fußballwoche antritt. Was das Buch nicht thematisiert, ist E.W.s – wie er sich abkürzte – ausgeprägter Antisemitismus, der sich in vielen seiner Sportreportagen dokumentierte, und das bereits lange vor 1933. Der vorliegende Artikel über das die Stadt elektrisierende Berliner Sechstagerennen 1923 vom 2. März ist zum Glück frei davon und präsentiert sich als neuer, moderner Sportjournalismus, der sich, statt sich mit Eins-zu-Null-Berichterstattung zu begnügen, nach dem Rennen in die Umkleiden der Sportler begibt und diese dem interessierten Publikum in seinerzeit noch höchst ungewöhnlichen, fast interviewartigen Sequenzen nahebringt. Trendsetter dieser Entwicklung war in Berlin neben der B.Z. am Mittag vor allem das aus der Neuen Berliner Zeitung hervorgegangene 12 Uhr Blatt, das damit heute sein Debüt bei Auf den Tag genau gibt. Schon sehr viel länger, nämlich seit unseren Anfängen dabei ist: Paula Leu.
Erschienen: 02.03.2023
Dauer: 00:08:26
Weitere Informationen zur Episode "Hinter den Kulissen des Sechstagerennens"
1. März 1923
Zum Ende seines Lebens, in den 1960er Jahren, wurde der Schriftsteller und Publizist Max Brod immer wieder zu seinen Erinnerungen an seinen Freund Franz Kafka befragt, für dessen posthumen Weltruhm er als Herausgeber und als derjenige, der sich dem letzten Willen von Kafka widersetzte und das unveröffentlichte Werk nicht vernichtete, maßgeblich verantwortlich zeichnet. Anfang der 20er wird er noch regelmäßig mit Franz Kafka durch Prag spaziert sein, vielleicht auch am imposanten Pulverturm vorbei, an dem eine Kindheitserinnerung von Brod spielt, die er am 1. März 1923 im Berliner Börsen-Courier publizierte. Diese spielt wohl in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts und hat neben den Gouvernanten, die Max und seinen Bruder Otto beaufsichtigten, eine Reihe von Gemälden zum Gegenstand, in die sich die Kinder immer wieder vertiefen. Frank Riede treibt sich mit ihnen am Pulverturm herum.
Erschienen: 01.03.2023
Dauer: 00:09:50
Weitere Informationen zur Episode "Max Brod, das Mädchen und die Kosaken"
28. Februar 1923
Die Inflation, die Anfang der Zwanziger Jahre herrschte, beschäftige bei weitem nicht nur die Wirtschaftsseiten der Zeitungen. Wir könnten für diesen Podcast beinahe täglich einen Artikel über die Preissteigerungen, den Wertverlust und die damit einhergehenden sozialen Probleme vertonen. Wir tun es hingegen nur ab und an, und wenn uns ein Artikel ins Netz geht, der das Thema auf besondere Weise anpackt. Wie etwa ein Text aus der Berliner Morgenpost vom 28. Februar 1923, in dem ein uns unbekannter Autor über die Einführungen und die Spekulation mit Schokoladen-Währung nachdenkt. Für uns notiert Paula Leu die Aktienkurse der Schokoladentafeln.
Erschienen: 28.02.2023
Dauer: 00:06:06
27. Februar 1923
Das Berlin in den sogenannten Goldenen Zwanzigern hat man sich als Stadt der großen Widersprüche vorzustellen. Der Glanz und Glamour der Vergnügungsviertel vor allem im reichen Westen kontrastierte mit einer heute kaum mehr vorstellbaren Armut, unter der weite Teile der städtischen Bevölkerung litt und die sich mit Lebensstandards verband, die heute in unseren Breiten zum Glück kaum mehr vorstellbar sind. Noch schlimmer als in den alteingesessenen proletarischen Wohnquartieren sah es dabei in den Flüchtlingsunterkünften aus, die aus dem Boden gestampft wurden, um etlichen durch Krieg und Grenzverschiebung heimatlos Gewordenen ein temporäres Dach über dem Kopf zu verschaffen. Die Berliner Volks-Zeitung begab sich am 27. Februar 1923 nach Rummelsburg und suchte dort eine ebensolche Einrichtung auf. Für uns an ihre Fersen geheftet hat sich Frank Riede.
Erschienen: 27.02.2023
Dauer: 00:10:30
Weitere Informationen zur Episode "Ein Flüchtlingsheim in Rummelsburg"
26. Februar 1923
Schon vor 100 Jahren war man auf der Suche nach innovativen Ideen und cleveren Lifehacks, um Energie zu sparen. Damals weniger, um die Umwelt zu schonen, als vielmehr, um die immensen Kosten für Kohle, Koks und co. zu reduzieren. Dabei machte ein vermeintlicher Sparherd die Runde, über den im Vorwärts vom 26. Februar 1923 ein Autor unter dem Pseudonym „Tehateha“ in einer humorvollen Glosse schrieb. Ob diese Erfindung nun Segen oder ein Quell für Vergiftungen war, weiß Paul Leu.
Erschienen: 26.02.2023
Dauer: 00:05:37
25. Februar 1923
Dass viele der Zeitungstexte dieses Podcasts implizit ein aus heutiger Sicht problematisches Frauenbild transportieren oder als gegeben hinnehmen, dürfte niemandem entgangen sein. Heute hören wir einen ganz explizit dieses Frauenbild bestärkenden Text. Die Neue Zeit druckte am 25. Februar 1923 einen Ausschnitt des Buches „Mit 20 Jahren heiraten“ eines gewissen Dr. Maybach ab, der darüber nachdenkt, wann Frauen heiraten sollten, wann sie bestenfalls ihre Fähigkeiten im Haushalt erwerben sollten und über ähnliche Fragen. Dieses Dokument aus der Zeit, in der das Hauptziel der Frau noch darin bestand, unter die Haube zu kommen, liest für uns Paula Leu.
Erschienen: 25.02.2023
Dauer: 00:05:44
Weitere Informationen zur Episode "Wann soll die Frau heiraten?"
24. Februar 1923
Wenn man täglich in alten Zeitungen kramt, macht man so manche überraschende Entdeckung. Andere Informationen hingegen sind sehr erwartbar, und dazu zählt nach gut drei Jahren Auf den Tag genau, wenig überraschend, die bestätigte Erkenntnis, dass die Winter in unseren Breiten vor einhundert Jahren deutlich kälter waren als heutzutage. Dass die Ostsee so weit zufror, dass man vom Festland über den Greifswalder Bodden nach der Insel Rügen auf Kufen übersetzen konnte, passierte freilich auch nicht alle Jahre – und selbst wenn es geschah, war höchste Vorsicht geboten. Autor Karl Fischer und fünf Kommilitonen, erfahren wir aus der Berliner Morgenpost vom 24. Februar 1923, waren so vorsichtig nicht. Ob ihr Trip dennoch gut ausging, weiß Frank Riede.
Erschienen: 24.02.2023
Dauer: 00:09:35
Weitere Informationen zur Episode "Auf Schlittschuhen nach Rügen"
23. Februar 1923
Franz Lehars Operette Das Land des Lächelns zählt bis heute zu den prominentesten Stücken dieses Genres. Der große Erfolg des bei seiner Uraufführung 1923 in Wien noch unter dem Namen Die gelbe Jacke firmierenden Opus dürfte dabei zu einem nicht unerheblichen Teil in seinem kunstvoll zelebrierten Exotismus begründet liegen, der das europäische Publikum hier in ein märchenhaft-klischeehaftes, wiewohl zeitgenössisches China entführte. Die Glosse, die Autor Arnold Höllriegel am 23. Februar 1923 im Berliner Tageblatt dazu verfasste, ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen sticht hervor, wie prägnant Höllriegel die kolonialistischen Stereotypen damals schon benannte und kritisierte, die hier ventiliert wurden. Zum anderen wird paradoxerweise aber auch deutlich, dass Höllriegel zur Beschreibung dessen keine Sprache zur Verfügung stand, die in unseren Ohren nicht ihrerseits wieder in vielen Punkten zutiefst rassistisch klingt. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 23.02.2023
Dauer: 00:07:43
22. Februar 1923
Die 1895 veröffentlichte und drei Jahre später uraufgeführte Tragödie „Erdgeist“ von Frank Wedekind, in der die junge Frau Lulu gleich mehrere bürgerliche Herren in den Ruin und in den Tod treibt, zeigte sich als besonders wirkmächtig und Lulu wurde zur Bezeichnung für den Frauentypus der selbstbewussten und durchsetzungsfähigen Femme fatale. Das Werk diente als Vorlage für zahlreiche Übertragungen in andere Kunstformen – so auch in den Stummfilm. Am 22. Februar feierte der Film „Erdgeist“ von Leopold Jessner mit Asta Nielsen als Lulu Premiere und brachte so den „Lulu-Typus“ erneut in die gesellschaftliche Debatte, wo ihn die Publizistin Gabriele Tergit aufgriff und darüber nachdachte, ob es diesen Typ nicht schon immer gab und ob er nun erstrebenswert sei oder nicht. Erschienen sind ihre Überlegungen im Berliner Tageblatt pünktlich zur Premiere des Stummfilms und vertont hat sie für uns Paula Leu.
Erschienen: 22.02.2023
Dauer: 00:06:12
Weitere Informationen zur Episode "Gabriele Tergit: Der Lulutyp"
21. Februar 1923
Manche Schreckensszenarien sind älter, als man so denkt. Oder hätte irgendjemand gedacht, dass der Teufel von einer alsbaldigen Versteppung Norddeutschlands bereits vor einhundert Jahren an die Wand Berliner Tageszeitungen gemalt wurde? Die Gründe, die die dem Vorwärts allmittwöchlich beiliegende Heimwelt vom 21. Februar 1923 für ihre diesbezügliche Besorgnis ins Feld führt, unterscheiden sich zugegeben im Detail merklich von den heutigen Klimawandelanalysen. Manche Warnungen, etwa vor einer hemmungslosen Rodung der Wälder oder der gedankenlosen Begradigung von Flüssen, muten aber erschreckend vertraut an. Den Blick über die Stadtgrenzen hinaus ins dürre Land, das der Autor seinerzeit schon in einhundert Jahren Realität werden zu können prognostizierte, wagt für uns Frank Riede.
Erschienen: 21.02.2023
Dauer: 00:09:15
Weitere Informationen zur Episode "Norddeutschland vor der Versteppung"