16. Januar 1924
Hermann Hesse war 1924 ein über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannter Autor. So erklärt sich auch die Anfrage junger italienischer Dichter, die ihn um einen Überblick über die aktuelle deutschsprachige Literatur baten. Er antwortete mit einem Brief, den er in der Neuen Züricher Zeitung veröffentlichte und den die Vossische am 16. Januar 1924 nachdruckte. Obgleich wir mit manchem Namen, der in der Übersicht fällt nicht auf Anhieb etwas anfangen können, so beweist Hesse ein hervorragendes „Näschen“, indem er mit Franz Kafka und Robert Walser gleich zwei Autoren lobt, die schon am Ende der Weimarer Republik in Vergessenheit geraten waren und erst Jahrzehnte später zu Weltruhm gelangten. Wer sonst noch in diesem Hesseschen Panorama der deutschsprachigen Literatur figuriert erfahren wir von Frank Riede.
Erschienen: 16.01.2024
Dauer: 00:11:10
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15. Januar 1924
Das Inntal ist ein bekanntes Nadelöhr im europäischen Reiseverkehr, und so hatte es durchaus weitreichende Konsequenzen, dass heftige Schneefälle die Bahnstrecke durch Tirol über den Jahreswechsel 1923/24 tagelang lahmlegten. Richard Ilnitzky, der sich für den Berliner Lokal-Anzeiger auf den Weg machte, hatte das Glück, dass zumindest die wichtigsten Züge wieder fuhren und ihn ins schöne Wörgl am Zusammenfluss von Brixentaler Ache und Inn brachten. Und so berichtet er in seinem Artikel vom 15. Januar 1924 aus einem tief verschneiten Winterwunderland, in dem sich auf leidlich geräumten Wegen herrliche Wanderungen unternehmen ließen, gemütliche Herbergen rote Weine und Selbstgebranntes offerierten und man sich all dies dank des Währungsschnitts auch als „Reichsdeutscher“ wieder leisten konnte. Für uns hat sich Paula Rosa Leu in den Schnee schicken lassen.
Erschienen: 15.01.2024
Dauer: 00:11:59
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14. Januar 1924
Mit seiner Histoire du Soldat, deutsch: Die Geschichte vom Soldaten, setzten sich Igor Strawinsky und sein Textdichter Charles Ferdinand Ramuz selbstbewusst zwischen alle Stühle. Getreu der Originalbezeichnung „Lue, jouée, dansée et en deux parties“ („Gelesen, gespielt, getanzt und in zwei Teilen“) entzieht sich das gut einstündige, kammerspielartige Stück Musiktheater bis heute jedweder genretechnische Einordnung. Und auch kompositorisch wurde es in seiner wilden Mixtur aus komplexer Polyphonie und Polyrhythmik mit verschiedensten populärmusikalischen Idiomen von Tango bis Ragtime bereits von den Zeitgenossen als janusköpfig beschrieben. 1918 an der Oper in Lausanne uraufgeführt, wurde es in Deutschland vielfach nachgespielt, wobei es in Berlin 1924 mit der Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz interessanterweise eine nominelle Sprechbühne war, die sich des jungen Werkes annahm. Dem renommierten Musikkritiker Siegmund Piesling immerhin, entnehmen wir dem 8-Uhr-Abendblatt vom 14. Januar, gefiel es bei allen Schwierigkeiten der künstlerischen Einordnung. Warum, weiß Frank Riede.
Erschienen: 14.01.2024
Dauer: 00:07:00
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13. Januar 1924
Um 1820 gründete ein Monsieur Sauton in Paris die „Assurance de succès dramatique“. Dahinter verbargen sich professionelle „Applaus-Spender“, die gegen Bezahlung Aufführungen an Theatern und Opern durch ihre Beifallsstürme, die sie unabhängig vom Gebotenen entfachten, zu Erfolgen machten. Ein Phänomen, das natürlich nicht nur auf die Pariser Bühnen beschränkt blieb. Wer von uns weiß schon, welcher Online-Bewertung zu trauen ist. Doch wurden auch in den 20er Jahren in deutschen Lichtspielhäusern bei wichtigen Premieren von den Produktionsfirmen Claqueure engagiert, um Filme zu finanziellen Erfolgen zu führen? Offensichtlich hielten sich solche Gerüchte, weshalb ihnen in der BZ am Mittag vom 13. Januar 1924 der Schriftsteller und Journalist Christian Bouchholz entgegentrat. Paula Rosa Leu war für uns bei den Premieren dabei und dokumentiert damit, unabhängig von der Frage nach bezahlter Claque, dass Szenenapplaus während Kinovorführungen durchaus üblich war.
Erschienen: 13.01.2024
Dauer: 00:09:11
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12. Januar 1924
Der norwegische Forscher Roald Amundsen gilt mit seinen vier Begleitern als der erste Mensch am Südpol, und er war wohl auch einer der ersten Menschen am Nordpol. Er durchfuhr als mutmaßlich erster die Nordwestpassage und als zweiter die Nordostpassage. Nach Berlin hingegen hatten es schon etliche Leute vor ihm geschafft. Dennoch war sein Besuch in der deutschen Hauptstadt Anfang 1924 der Mosse-Presse einen eigenen Bericht wert, denn Amundsen erläuterte hier seine damals noch nicht realisierten Pläne, mit dem Flugzeug den Nordpol zu überqueren und dort möglicherweise sogar zu landen. Es sollte dies ein seltenes Projekt werden, das Amundsen nicht vollumfänglich verwirklichen konnte: 1925 strandeten er und sein Team für drei Wochen im ewigen Eis und galten schon als verschollen, bevor sie es doch schafften, im Schnee eine Startpiste zu errichten und zurück zu fliegen – um im Jahr darauf, nun mit einem Luftschiff, den Pol doch als erste zu überqueren. Aus der Berliner Volks-Zeitung vom 12. Januar 1924 liest Frank Riede. Wer sich für das Fliegen und Flugpioniere in der Weimarer Republik interessiert, dem empfehlen wir die aktuelle Folge des 20er-Jahre-Podcasts Goldstaub, die im Rahmen der Feierlichkeiten zu “100 Jahre Flughafen Templehof” live entstand - und in dem wir zudem auch noch zu Gast sind. Unbedingt reinhören.
Erschienen: 12.01.2024
Dauer: 00:06:13
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11. Januar 1924
Die Planstadt Brasilia zählt zu den jüngsten Hauptstädten der Welt und gilt wegen ihrer maßgeblich von Oscar Niemeyer entworfenen öffentlichen Gebäude heute als Ikone der architektonischen Moderne. Hierzulande kaum bekannt, reicht ihre Geschichte respektive der in der brasilianischen Verfassung festgeschriebene Beschluss, eine neue, zentral gelegene Kapitale im Landesinneren zu errichten, indes bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Die Grundsteinlegung erfolgte bereits im Jahr 1922. Grund genug für das Berliner Tageblatt, seine Leserinnen und Leser am 11. Januar 1924 mit diesen Plänen vertraut zu machen und zu rekapitulieren, warum die bereits im 18. Jahrhundert von Salvador da Bahia nach Rio de Janeiro verlegte Hauptstadtfunktion abermals weiterwandern sollte. Neben ökonomischen und politischen werden dafür interessanterweise auch militärische Argumente ins Feld geführt, die für uns Paula Rosa Leu erläutert.
Erschienen: 11.01.2024
Dauer: 00:09:50
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10. Januar 1924
Werner Beumelburg ist alles andere als ein unproblematischer Autor. Nationalist und Anti-Demokrat, stand er in harter Opposition zur Weimarer Republik und wurde, wenig überraschend, ab 1933 zu einem gefeierten Schriftsteller im Nationalsozialismus und Panegyriker Hitlers – den er persönlich zuvor lange noch kritisch betrachtet hatte. Ab 1942 führte er als Luftwaffenoffizier das Kriegstagebuch von Hermann Göring; ob er in den letzten Kriegsjahren tatsächlich etwas auf Distanz zum NS-Regime gegangen ist, wie eine Zeitlang geglaubt, ist höchst umstritten. Den späteren Werdegang Beumelburgs erahnt man in seinem Bericht über eine Autofahrt von Berlin nach Frankfurt aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 10. Januar 1924 allenfalls in der gelegentlich militärischen Metaphorik, mit der er Menschen wie Tiere hier marschieren lässt. Wir haben uns entschieden, den Artikel zu senden, weil er sehr eindringlich die Faszination veranschaulicht, die vom neuen Medium des Automobils und dem von diesem verheißenen Rausch der Geschwindigkeit auf die Zeitgenossen ausgegangen sein muss. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 10.01.2024
Dauer: 00:09:08
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9. Januar 1924
Marie Juchacz zählte zu den größten Frauenrechtlerinnen der Weimarer Republik und war die erste Parlamentarierin, die nach der Einführung des Frauenwahlrechts vor der Weimarer Nationalversammlung sprach. Bei uns kehrt sie heute nach längerer Pause als Publizistin in den Podcast zurück, und zwar mit einem Text, der am 9. Januar 1924 in der Frauenwelt, einer Beilage des Vorwärts, erschien und sich auch, so der Titel, mit „Frauenfragen“ befasste. Dem Duktus des Artikels merkt man sein Alter von einhundert Jahren bisweilen durchaus an. Sein Thema – Fragen der Gleichberechtigung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie – ist aber unvermindert aktuell. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 09.01.2024
Dauer: 00:08:30
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8. Januar 1924
Das 1877 eröffnete Café Bauer an der zentralen Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße war in Berlin über Jahrzehnte eine gastronomische Institution. Sein Gründer Matthias Bauer hatte ähnliche Cafés zuvor schon in seiner Heimatstadt Wien betrieben und erkannte weitsichtig, dass das Konzept des Wiener Kaffeehauses mit Mokka und österreichischen Mehlspeisen auch im traditionell eher asketischen, aber aufstrebenden Berlin funktionieren müsste. Neben den großartigen Backwaren und einer opulenten Ausstattung punktete das „Bauer“ bereits ab 1884 zudem als Pionier mit einem besonderen Service bei seinem Publikum: elektrischem Licht. Das war insofern bedeutsam, als das „Bauer“ für seine große Auslage von angeblich bis zu 800 europäischen Tageszeitungen berühmt war. Davon, dass sich darunter auch die Vossische Zeitung befand und man am 8. Januar 1924 in dieser von der großartigen Zeitungsauswahl sowie dem bevorstehenden Umzug des „Bauer“ in ein Hotel am Bahnhof Friedrichstraße lesen konnte, ist schwer auszugehen. Bei elektrischem Licht, aber nicht in einem Kaffeehaus hat das für uns Frank Riede getan.
Erschienen: 08.01.2024
Dauer: 00:10:42
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7. Januar 1924
Wie lange hat es in Deutschland gedauert bis mit dem Paragraphen 218a im Jahre 1993 die Möglichkeit einer straffreien Abtreibung geregelt wurde und das Leiden von unzähligen Frauen infolge von illegal durchgeführten Abtreibungen der Geschichte angehören sollte. Wie wir wissen ist gerade der Kampf gegen das Recht auf Abtreibung auch in vielen Demokratien immer noch ein zentrales Betätigungs- und Agitationsfeld der konservativen und religiösen Kräfte – man denke nur an die Aufhebung von Roe vs. Wade durch den amerikanischen Supreme Court im Jahre 2022. Einen Einblick in die Welt der Ärzte, Pseudoärzte, Hochstapler und “Waisen Frauen”, die von diesem lukrativen Geschäft mit der Not schwangerer Frauen profitierten bietet uns das 8-Uhr-Abendblatt vom 7. Januar 1924. Ein Kriminalkommissar Johannes Möller berichtet aus seinem Alltag als Ermittler. Die Position der Zeit, die weder „uneheliche Kinder“ noch Abtreibungen tolerierte, kritisiert er zwar nicht offen, man hat aber doch den Eindruck, dass die Schlussfolgerung, die Verhältnisse zu ändern, anstatt die Kriminellen, die an ihnen verdienen, zu jagen, ziemlich auf der Hand liegt. Da Paula Rosa Leu weiterhin verhindert ist, begleitet Frank Riede den Kommissar bei seinem Kampf gegen das Unwesen der Hinterhof-Abtreibungspraxen.
Erschienen: 07.01.2024
Dauer: 00:10:36
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