27. November 1923
Argentinien zählte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den reichsten Ländern der Erde, und dieser Reichtum spiegelte sich auch in den Prachtstraßen seiner Hauptstadt. Zu diesen zählte wie heute auch schon vor einhundert Jahren die Calle Florida, in der der Korrespondent des Berliner Lokal-Anzeigers einen abendlichen Bummel machte, dessen Eindrücke man dort am 27. November 1923 für 150 Milliarden Mark mit ihm teilen konnte. Wer sich das noch leisten konnte, erfuhr, dass es Kriegsgewinnler auch am anderen Ende des Globus gab; nur die Art der Zurschaustellung des neuen Reichtums unterschied sich anscheinend in Nuancen. Der Autor schaut sehr genau hin, entwickelt ein interessantes Sittengemälde des damaligen Buenos Aires – und tappt doch in sehr viele Klischeefallen. Paula Rosa Leu hat sich für uns umgesehen.
Erschienen: 27.11.2023
Dauer: 00:10:22
Weitere Informationen zur Episode "Auf der mondänen Calle Florida in Buenos Aires"
26. November 1923
Es ist nicht immer behaglich, dieser Tage in die Zeitungen von vor einhundert Jahren zu schauen. Manches, was man dort liest, ist uns sehr fremd, manches irritierend nahe, wieder anderes beängstigend nahe. Auch vor einhundert Jahren sah man sich mitten in Berlin mit erschreckenden Auswüchsen eines Übels konfrontiert, das man überwunden zu haben gehofft hatte: des Antisemitismus. Von Plünderungen und gewalttätigen Übergriffen insbesondere, aber durchaus nicht nur im Scheunenviertel hatten wir kürzlich mehrfach hier im Podcast berichtet. Heute blicken wir mit der Vossischen Zeitung vom 26. November 1923 auf verschiedene Veranstaltungen, in denen sich das deutsche Judentum gegen die Anfeindungen versuchte argumentativ zur Wehr zu setzen und die deutsche Zivilgesellschaft für die Bedrohung des Gemeinwesens durch die völkische Hetze zu sensibilisieren. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 26.11.2023
Dauer: 00:06:23
Weitere Informationen zur Episode "Im Abwehrkampf gegen die antisemitische Hetze"
25. November 1923
Wie geht die Gesellschaft mit dem Tode um? Wie integrieren Menschen die Verstorbenen in ihre Leben? So lässt sich der Fragenkomplex anreißen, zu dem sich der berühmte italienische Philosoph, Historiker und Politiker Benedetto Croce in seinem Buch „Fragmente zur Ethik“ äußert. Anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung, druckte die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 25. November 1923 einen Ausschnitt über „Die Verstorbenen“ ab. Für uns liest Frank Riede aus der unglaubliche 250 Milliarden teuren Ausgabe.
Erschienen: 25.11.2023
Dauer: 00:07:11
Weitere Informationen zur Episode "Benedetto Croce über die Verstorbenen"
24. November 1923
Wenn es draußen kalt und dunkel ist, wenn der Bahnverkehr in der Nacht nahezu zum Erliegen kommt, dann locken die Wartesäle der Bahnhöfe mit Wärme, Licht, Trockenheit. Die Bahn hatte 1923 offensichtlich einen Sicherheitsdienst, der regelmäßig nächtliche Razzien an den Bahnhöfen durchführte und alle ohne gültigen Fahrschein hinauswarf. Ein Journalist der Berliner Morgenpost fuhr bei einer solchen Razzia mit und veröffentlichte seine Eindrücke in der Ausgabe vom 24. November. Ob die 100 Milliarden für diese Zeitungsausgabe damals für eine Bahnsteigkarte ausreichten, ist uns nicht bekannt. Paula Rosa Leu führt uns nun von Ost nach West durch die Bahnhofswartehallen Berlins.
Erschienen: 24.11.2023
Dauer: 00:06:08
Weitere Informationen zur Episode "Nächtliche Bahnhofsrazzia"
23. November 1923
Aberwitzige 200 Milliarden Mark kostete ein Berliner Tageblatt am 23. November 1923 in der Morgenausgabe, aber dafür konnte man mit diesem immerhin noch in Weltgegenden reisen, die für die gemeine Berliner Leserin und den gemeinen Berliner Leser ohne Valuta ansonsten völlig unbezahlbar und unerreichbar geworden waren. Zum Beispiel nach Norwegen, wohin es uns im Podcast in den zurückliegenden vier Jahren bereits zwei Mal gezogen hat. Anlaufpunkt ist auch diesmal wieder die Gegend um die Hauptstadt Oslo, das man damals noch Kristiania nannte, und wie schon vor gut anderthalb Jahren geht es erneut zum legendären Holmenkollen, nur in diesem Fall ohne (die traditionell erst im März abgehaltenen) Skispiele. Vertraut ist auch der Nachname des Autors, Adolf Miethe, denn von dessen Tochter Käthe kamen hier auch schon verschiedentlich Artikel zur Anhörung. Mit den Miethes auf Nordlandfahrt gegangen ist für uns Frank Riede.
Erschienen: 23.11.2023
Dauer: 00:10:59
22. November 1923
Auch die zweite Novemberhälfte des Jahres 1923 lässt sich als der schnelle Wechsel multipler Krisen beschreiben. Der militärische Belagerungszustand in Sachsen verärgerte die Sozialdemokratie, die, sollte dieser nicht aufgehoben werden, ein Mißtrauensvotum einbringen wollte. Aber auch die Frage des Umgangs mit der Ruhr- und Rheinbesetzung und mit Bayern stellten das Kabinett vor Herausforderungen, für deren Lösungsansätze kein breiterer politischer Konsens existierte. Wie die Lage im Reichstag war berichtete die Vossische Zeitung vom 22. November, die für 100 Milliarden Mark zu kaufen war. Für uns hat sich Paula Rosa Leu ein Exemplar gesichert.
Erschienen: 22.11.2023
Dauer: 00:06:19
Weitere Informationen zur Episode "Kabinett zwischen Separatismus und Misstrauensvoten"
21. November 1923
Anders als die Siemensstadt im Nordwesten Berlins führt das am entgegengesetzten Ende gelegene Oberschöneweide die AEG zwar nicht im Ortsteilnamen; die Verbindung mit der 1883 von Emil Rathenau gegründeten und seit 1890 zunehmend vom Gesundbrunnen an die Oberspree expandierenden Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft ist historisch jedoch ähnlich eng. Eines der zentralen Bauprojekte war dabei das bis heute wegen seiner charakteristischen gelben Klinkersteine berühmte Kabelwerk Oberspree, welches, wie der Name schon sagt, auf die Herstellung elektrischer Kabel und Leitungen spezialisiert war. Bis zu 8000 Arbeitskräfte waren auf der Anlage selbst in den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Grund genug für die 90 Milliarden Mark teure Berliner Volks-Zeitung vom 21. November 1923 einen Artikel zum 25jährigen Jubiläum zu drucken. Und Grund genug für uns, Frank Riede diesen für uns lesen zu lassen.
Erschienen: 21.11.2023
Dauer: 00:08:14
Weitere Informationen zur Episode "25 Jahre Kabelwerk Oberspree"
20. November 1923
Im Berliner Tageblatt, dessen Abendausgabe mit dem Preis von 120 Milliarden nun auch die 100 Milliarden-Marke überwunden hatte, widmete sich Victor Auburtin den großen Männern der Geschichte. Welches Bild ihres Alltags wird uns überliefert? Wieviel Schlaf und feine Speisen gönnten sie sich, während sie „Großes“ vollbrachten? Während auch noch heute so mancher Politiker, so manche Politikerin das Bild des Tag und Nacht bei Brot und Wasser für das Wohl der Wähler:innen tätigen Workaholics kultiviert, konterte am 20. November 1923 Auburtin süffisant mit einem Rezept für ein dekadentes, gleichwohl kulinarisches Frühstücksgericht, das für uns Frank Riede – wohl nicht gekostet hat – vielmehr unermüdlich und schlaflos bei Brot und Wasser hinter dem Mikrofon ausharrend vorträgt.
Erschienen: 20.11.2023
Dauer: 00:04:07
Weitere Informationen zur Episode "Auburtin: Von großen Männern"
19. November 1923
Dass Albert Einstein mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Deutschland verließ und nach Amerika auswanderte sowie bei der ersten Gelegenheit seinen Reisepass zurückgab – auf der Deutschen Botschaft in Brüssel – und einen Antrag auf Ausbürgerung stellte, ist bekannt. Doch schon im Jahre 1923 erschütterte ihn wohl der auch in diesem Podcast dokumentierte Antisemitismus in Deutschland so sehr, dass er darüber nachdachte, Deutschland den Rücken zu kehren. Zumindest verkündet seine diesbezügliche Entscheidung das 12-Uhr-Blatt vom 19. November, was sich als voreilig herausstellen sollte. Wie alarmiert das Blatt, das mittlerweile für 100 Milliarden zu erwerben war, auf die Möglichkeit regierte, dass der weltbekannte Einstein auswandern könnte, weiß Paula Rosa Leu.
Erschienen: 19.11.2023
Dauer: 00:03:57
Weitere Informationen zur Episode "Wandert Albert Einstein aus?"
18. November 1923
Die alte Berliner Stadtstruktur mit ihrem mittelalterlich-frühneuzeitlichen Kern und ihren vielen sich seit dem 19. Jahrhundert voreinander schiebenden Vorstädten, die irgendwann mehr oder weniger fließend in die im Dunstkreis Berlins zu eigenständigen Großstädten emporgewachsenen alten märkischen Dörfer übergingen – man kann sie heute im Stadtbild kaum mehr erahnen. Einige der alten Vorstädte, wie die Spandauer oder die Rosenthaler Vorstadt, haben zumindest als Kiez-Begriffe überlebt. Dass es südwestlich des Zentrums, hinter dem längst abgegangenen Potsdamer Tor, entlang der Potsdamer Straße auch eine „Potsdamer Vorstadt“ gab, ist – wahrscheinlich im Zuge der schweren Kriegszerstörungen und der heute entsprechend radikal veränderten Bebauung – hingegen quasi in Vergessenheit geraten – nicht einmal ein Wikipedia-Eintrag weißt noch auf sie hin. Grund für uns, uns einem der kundigsten Stadtführer durch das alte Berlin, Erdmann Graeser, anzuschließen, der bereits in der inflationsbedingt 100 Milliarden Mark teuren Vossischen Zeitung vom 18. November 1923 einen reichlich sentimental gefärbten Blick auf ein teilweise etwas aus der Zeit gefallenes, teilweise sich rasant veränderndes Stadtviertel wirft. An seine Füße geheftet hat sich Paula Rosa Leu.
Erschienen: 18.11.2023
Dauer: 00:11:33
Weitere Informationen zur Episode "Spaziergang durch die Potsdamer Vorstadt"