8. September 1923
Niemand würde heute der Aussage widersprechen, dass die US-amerikanische Gesellschaft, die sich traditionell als der Hort der freien Meinungsäußerung sieht, besonders gespalten und polarisiert ist, dass vielerorts das „Zum Schweigen bringen“ der Gegenseite erstrebt wird. Geht man an in der Geschichte zurück, fällt einem sofort der Feldzug gegen alles „Unamerikanische“ während der McCarthy-Ära ein. Aber wie sah es vor dem Zweiten Weltkrieg aus? Ein wenig schmeichelhaftes und überraschend heutiges Bild zeichnet der Schriftsteller Henry F. Urban, der mit 25 Jahren 1887 nach Amerika ausgewandert war, für den Berliner Lokal-Anzeiger vom 8. September 1923. Der Preis für diese Morgenausgabe betrug 200.000 Mark. Frank Riede informiert uns über den 1923 festgestellten kulturellen Rückschritt in Amerika.
Erschienen: 08.09.2023
Dauer: 00:10:46
Weitere Informationen zur Episode "Kultureller Rückschritt in Amerika"
7. September 1923
Wie sich bisweilen doch die Schlagzeilen gleichen: „Die Sorge um die Heizung“ überschreibt das Berliner Tageblatt einen Artikel aus seiner Morgenausgabe vom 7. September 1923, für die man aufgrund der galoppierenden Inflation bereits 200.000 Mark am Kiosk aufwenden musste. Die Hintergründe der im gleichen Maße steigenden Energiekosten und der daraus resultierend befürchteten Versorgungsengpässe waren mithin zwar gänzlich anderer Art als heute in Zeiten von Klimakrise und Ukrainekrieg. Im Ergebnis stand indes gleichfalls die Notwendigkeit, den Energieverbrauch zu drosseln. Damit ‘Weniger Verheizen‘ nicht schlicht ‘Mehr Frieren‘ bedeutet, bringt der für uns von Paula Rosa Leu gelesene Text die interessante Idee einer individuellen Heizberatung durch Fachleute ins Spiel, die den Verbraucher*innen beibringen sollten, wie man mit möglichst geringem Ressourceneinsatz maximalen Effekt erzielt. Wegen Ämterüberlastung und Fachkräftemangel brauchen wir dieses Konzept wohl leider gar nicht erst zu Nachahmung vorschlagen.
Erschienen: 07.09.2023
Dauer: 00:07:50
Weitere Informationen zur Episode "Die Sorge um die Heizung"
6. September 1923
Am 1. und 2. September 1923 trafen sich in Nürnberg die völkischen Wehrverbände zum „Deutschen Tag“, bei dem zehntausende unter den Augen von Adolf Hitler und Erich Ludendorff und zahlreichen geladenen Adeligen aufmarschierten. Aus den Verbänden SA und Reichsflagge und Bund Oberland wurde der „Deutsche Kampfbund“ gegründet. Die Reden ließen keine Zweifel daran, dass ein gewaltsamer Umsturz angestrebt wird und bayrische Polizeiverbände marschierten munter mit und hielten die Völkischen nicht von Gewalttaten gegen Arbeiter ab. Im Vorwärts wurde nicht nur über die Vorkommnisse in Nürnberg berichtet. In der Ausgabe vom 6. September, die 80.000 Mark kostete, wagt Hans Bauer einen leicht spöttischen und zugleich erschreckend zutreffenden Blick in die Zukunft, der die Diktatur mit ihren Gummi-Paragraphen beschreibt. Frank Riede schildert uns den Zwang zur Liebe.
Erschienen: 06.09.2023
Dauer: 00:04:45
Weitere Informationen zur Episode "Blick in die Zukunft einer Hitler-Diktatur"
5. September 1923
Jahrhunderte suchten Alchemisten nach dem Stein der Weisen, nach der Herstellung von Gold aus minderwertigen Stoffen. Dass sie dabei nebenbei Porzellan oder das Goldrubinglas fanden, bestätigt nur das Hoffnungslose des Unterfangens selbst – oder nicht? Ist es nicht so, dass diese Experimentatoren richtig beobachtet hatten, wie sich Metalle irreversibel verändern und auch veredeln lassen? Fehlte es ihnen nicht lediglich an den technischen Möglichkeiten? Tatsächlich scheint es mithilfe von Teilchenbeschleunigern und Nanotechnologie heutzutage möglich zu sein, Gold künstlich herzustellen, nur das der Aufwand viel zu groß ist für den mikroskopischen Ertrag. Insofern hat der heutige Artikel aus der Berliner Volkszeitung vom 5. September 1923 den richtigen Riecher, wenn er postuliert „Unsere Nachkommen werden Gold machen“. Angesichts der Inflation und des Preises der Ausgabe von 100.000 Mark ist es gut verständlich, warum die Hoffnung auf die Alchemisten des 20. Jahrhunderts gesetzt wird. Es liest Paula Rosa Leu.
Erschienen: 05.09.2023
Dauer: 00:05:56
Weitere Informationen zur Episode "Die künstliche Herstellung von Gold"
4. September 1923
Fredrick George Binney, geboren im Jahre 1900 war ein britischer Polarforscher, der schon als Student in Oxford die erste Polarexpedition dieser Universität im Jahre 1921 organisierte. Bereits zwei Jahre später leitete er die zweite Expedition, die mit fünf britischen Wissenschaftlern und einer norwegischen Crew zu der nördlichsten Insel der Spitzbergen fuhr. Dabei wurden neben botanischer und geologischer Forschung auch bestehende Karten korrigiert. Wir korrigieren den Namen des Schiffes, der in dem Bericht über die Forschungsreise des 12-Uhr-Blattes vom 4. September 1923 fälschlich als „Teringen“ wiedergegeben wird, zum korrekten Namen „Terningen“. Frank Riede entführt uns also nun ins Eis des Nordpolarmeeres.
Erschienen: 04.09.2023
Dauer: 00:07:50
3. September 1923
Am 1. September 1923, wenige Minuten vor Mittag, ereignete sich eines der schwersten Erdbeben der jüngeren Geschichte Japans, das eingegangen ist in die Geschichte als „Großes Kanto-Erdbeben“. Das Beben zerstörte die Stadt Yokohama und Teile Tokios, es folgte ein 12 Meter hoher Tsunami und eine Feuersbrunst, die ganze Stadtteile zu Asche verwandelte und erst Tage später gelöscht werden konnte. Da gerade viele Bewohner:innen auf offenen Feuerstellen ihr Mittagsmahl zubereiteten und die Häuser überwiegend aus Holz gefertigt waren, entstanden nahezu gleichzeitig an unzähligen Stellen Brände. Nach dieser verheerenden Katastrophe, während der es übrigens noch zu allem Überfluss zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen kam, denen tausende Menschen zum Opfer fielen, wurde beschlossen, Tokio als Hauptstadt zu behalten, aber dominant in einer Beton-Stahl-Bauweise wieder aufzubauen. Die Forschung geht heute von etwa 100.000 Todesopfern durch das Erdbeben und weiteren 40.000 durch die Brände aus. Die Nachricht erreichte die BZ am Mittag in der Ausgabe vom 3. September, in der aber die Dimension der Katastrophe bereits sehr treffend beschrieben wird. Paula Rosa Leu liest für uns die ersten Berichte. Für diese Ausgabe der Zeitung mussten 100.000 Mark bezahlt werden.
Erschienen: 03.09.2023
Dauer: 00:07:20
Weitere Informationen zur Episode "100.000 Tote bei Erdbeben in Japan"
2. September 1923
Jubiläen nehmen nicht immer Rücksicht auf die Zeit, in die sie gerade fallen. Die Erinnerungen, in denen die Vossische Zeitung vor einhundert Jahren zum damals fünfzigsten Geburtstag der Siegessäule kramte, mussten den Zeitgenoss*innen seinerzeit wie ein Märchen aus uralter Zeit vorkommen. 150.000, statt wie noch in der Vorwoche 100.000 Mark hatte man für deren Sonntagsausgabe am 2. September 1923 mittlerweile zu berappen, und auch sonst war alle überschwängliche Aufbruchsstimmung – wie sie zumindest die wilhelministischen Historiker für die Gründerjahre des Reiches gerne herbeischrieben – vor dem Hintergrund von Kriegsniederlage, politischer Instabilität, Putschgerüchten und Wirtschaftskrise längst verflogen. Das reflektierte die Vossische natürlich bereits auch in ihrem Geburtstagsständchen, das denn entgegen der ursprünglichen Intention des besungenen Baus auch auf einem deutlich pazifistische Schlussakkord endet. Unser Solist ist Frank Riede.
Erschienen: 02.09.2023
Dauer: 00:12:59
Weitere Informationen zur Episode "Zum 50. Geburtstag der Siegessäule"
1. September 1923
Die Causa ist heute unter dem Namen Korfu-Zwischenfall bekannt: Ein italienischer Offizier und vier Begleiter waren im albanisch-griechischen Grenzgebiet ermordet worden, der noch relativ frisch amtierende italienische Ministerpräsident Mussolini sandte darauf ein Ultimatum mit sieben Forderungen an die griechische Regierung, die von offiziellen staatlichen Entschuldigungen bis zu finanziellen Entschädigungen reichten. Und als Griechenland diese nicht alle erfüllte, schickte Mussolini Kriegsschiffe über die Straße von Otranto nach Insel Korfu und ließ die Inselhauptstadt beschießen und besetzen. Klassische Kanonenbootpolitik eines Jung-Diktators, der die Muskeln spielen lassen und die Entschlossenheit der europäischen Mächte und des neugegründeten Völkerbundes einmal testen wollte. Militärische Opfer forderte die Aktion nicht, aber bis zu 20 korfiotische Zivilisten kamen im italienischen Bombenhagel ums Leben, die meisten davon Kinder. Es liest Paula Rosa Leu aus der Berliner Morgenpost vom 1. September 1923, die diese schrecklichen Zahlen noch nicht kennt.
Erschienen: 01.09.2023
Dauer: 00:07:04
Weitere Informationen zur Episode "Mussolini lässt Korfu beschießen"
31. August 1923
Die überaus produktive Schriftstellerin Lisbeth Dill, die 1877 im saarländischen Dudweiler geboren wurde, ist heute weitestgehend vergessen. Ihr Werk, das – berechtigt oder nicht – eher der Unterhaltungsliteratur zugerechnet wird, verhandelt wesentlich die Rolle der Frau im wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Republik und die Rolle des Saarlandes und Lothringens. In 12-Uhr-Abendblatt vom 31. August 1923 beweist sie Humor, indem sie literarisch die schwierige Situation ihrer Generation, von Weltkrieg über Revolutionen, Besetzung und schwieriger Wirtschaftslage, in sonderbare Familienverhältnisse ummünzte. Paula Rosa Leu liest für uns den Text und war tatsächlich bei der Aufnahme anwesend.
Erschienen: 31.08.2023
Dauer: 00:04:47
Weitere Informationen zur Episode "Lisbeth Dill: Sonderbare Familienverhältnisse"
30. August 1923
Dem Berliner mag so allerlei nachgesagt werden; dass er – oder auch sie – etwas von gutem Essen und Trinken verstehe, gehört zumindest traditionell eher nicht dazu. Das wusste wohl auch das Berliner Tageblatt, dessen Abendausgabe am 30. August 1923 bereits 80.000 Mark kostete, und ließ über „Das gute Essen“ einen waschechten Wiener, nämlich Alfred Polgar, sich auslassen, wobei man durchaus streiten kann, ob dieser Titel tatsächlich den Gegenstand des nachfolgenden Textes präzise, nun ja, aufspießt. Noch mehr als um das Schnitzel auf dem Teller, das auch vorkommt, geht es Polgar um den physiologischen Vorgang des Speisen Inkorporierens und seine unmittelbaren Folgen für Seele und Zunge sowie um verschiedene Typen des Essers. Frank Riede hat sich Polgars delikate kleine Studie für uns schmecken lassen.
Erschienen: 30.08.2023
Dauer: 00:09:07
Weitere Informationen zur Episode "Alfred Polgars kleine Phänomenologie des Essens"