1. Januar 1923
Lieber Hörerinnen und Hörer von Auf den Tag genau, wir wünschen Euch ein gesundes, politisch möglichst entspannteres neues Jahr und hoffen zugleich, dass Ihr uns auch in diesem, unserem vierten Jahr die Treue haltet – und uns eine kleine, aber im Sinne des täglichen Sendebetriebs unvermeidliche Inkonsequenz gegenüber dem Titel dieses Podcast verzeiht, mit der wir 2023 gleich beginnen müssen. Der 1. Januar fiel 1923 auf einen Montag, also auf den Wochentag, an dem der Zeitungsbetrieb seinerzeit wegen des vorausgegangenen Sonntags immer nur im Minimalbetrieb lief und an dem nun am Neujahrstag auch die sonst bei den meisten Zeitungen übliche kurze Abendausgabe nicht erschien. Damit Ihr trotzdem nicht ohne Euren geliebten Podcast ins neue Jahr starten müsst, behandeln wir die vortägliche Silvester- gleichsam als Feiertagausgabe und starten deshalb mit einem Text ins neue Jahr, der streng genommen weder auf den Tag, noch auf den Monat, noch auch nur auf das Jahr genau ein Jahrhundert vor dem 1. Januar 2023 erschien – der dafür aber umso hörenswerter ist: Theodor Däubler verschlug es im Rahmen von ausgedehnten Griechenlandtouren auch auf die Kykladen, das Berliner Tageblatt druckte seinen literarischen Bericht, Frank Riede hat ihn für uns gelesen.
Erschienen: 01.01.2023
Dauer: 00:10:40
Weitere Informationen zur Episode "Neujahr auf den Kykladen"
31. Dezember 1922
Am letzten Tag des Jahres 1922 schaute auch der Chefredakteur der Berliner Volks-Zeitung Otto Nuschke auf das Jahr zurück und zog Bilanz. Allerdings nicht einen Jahresrückblick des Typs „Rundumschlag“, wie sie heutzutage die Fernsehsender jedes Jahr aufs Neue zelebrieren, sondern fokussierte sich auf innenpolitische Hemmnisse des Deutschen Reiches, die in den zwölf vergangenen Monaten besonders deutlich hervorgetreten seien. Als überzeugtem Republikaner und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei bereitete ihm ein Zusammenspiel von Monarchismus und Partikularismus Sorgen. Paula Leu schaut mit ihm auf 1922 zurück und beschließt damit das dritte Jahr von „Auf den Tag genau“.
Erschienen: 31.12.2022
Dauer: 00:09:31
30. Dezember 1922
Bildende Kunst ist als Betrachtungsgegenstand in den Berliner Qualitätszeitungen der Weimarer Republik durchaus verbreitet: Namhafte Kunstkritiker besuchen in den renommierten Galerien der Stadt regelmäßig illuster bestückte Kaufausstellungen von fast immer auch heute noch überaus namhaften (und längst nicht mehr bezahlbaren) Malern ihrer Zeit und ordnen das Gesehene kunsthistorisch ein. Die Haltung, die dabei eingenommen wird, ist freilich zumeist die analytische Vogelperspektive. Dass ein Text sich tatsächlich einmal näher auf einzelne Werke einlassen würde, kommt hingegen selten vor, ist als journalistisches Genre nicht etabliert. Umso interessanter, wenn es dann doch einmal passiert und, wie im vorliegenden Fall die Rote Fahne vom 30. Dezember 1922, mit George Grosz‘ Graphik-Mappe Ecce Homo ein Werk rezensiert wird, welches in den Kanon der Moderne zentral Eingang gefunden hat. Dass der Artikel zu einer eminent politischen Lesart tendiert, will weder bei diesem Künstler, noch bei der KPD-Parteizeitung überraschen. Es liest Frank Riede.
Erschienen: 30.12.2022
Dauer: 00:08:39
29. Dezember 1922
“Eine seltsame Zeit, diese Tage zwischen den Feiertagen”, stellte schon vor hundert Jahren Dr. Richard Müller in der Neuen Zeit vom 29. Dezember 1922 fest. Was folgt ist eine kombinierte festtagsdramaturgische und festtagspsychologische Analyse der Jahresendphase. Ob es sich beim Autor wirklich um Richard Müller-Freienfels handelt, den deutschen Psychologen und Philosophen, können wir nicht zweifelsfrei klären. Dafür spricht, dass er 1922 in Berlin Wilmersdorf als Oberlehrer tätig war, also im Berliner Westen, wo die Neue Zeit erschien. Aber unabhängig davon, von welchem „Müller“ sie stammen, bringt uns die spannenden Reflexionen Paula Leu zu Gehör.
Erschienen: 29.12.2022
Dauer: 00:06:46
Weitere Informationen zur Episode "Zwischen Weihnacht und Neujahr - eine Analyse"
28. Dezember 1922
Alle kennen die leidige Frage und wissen, wenn man sie nicht rechtzeitig, also weit vor Weihnachten stellt, wird eine zufriedenstellende Antwort kurzfristig immer unwahrscheinlicher: Was machen wir eigentlich Silvester? Als ihn die ersten Bekannten bereits in der Sommerfrische mit dem Thema konfrontierten, hatte der Autor des gleich zu Gehör gebrachten Artikels aus der Vossischen Zeitung vom 28. Dezember 1922 noch müde gelächelt. Nun, drei Tage vor Termin und etliche besuchte Lokalitäten, studierte Speisekarten und durchgerechnete Kalkulationen später scheint ihm die Lust auf den Jahreswechsel gründlich vergangen. Frank Riede weiß, warum.
Erschienen: 28.12.2022
Dauer: 00:10:28
Weitere Informationen zur Episode "Was machen wir Silvester?"
27. Dezember 1922
Was gab es am 27. Dezember 1922 für die Zeitungen zu berichten? Natürlich wurde der Blick zurück auf die vergangenen Feiertage gerichtet. Eine weiße Weihnacht, auf die wir, als wir diese Anmoderation vorproduzierten, für 2022 hofften, hat es 1922 nicht gegeben. Und diese Tatsache nimmt der Autor, der mit „Viktor“ signiert, in der Berliner Volks-Zeitung zum Ausgangspunkt, um schlaglichtartig das Festgeschehen auf den Straßen, in Häusern und Cafés und Kneipen zu schildern. Dabei spielt natürlich angesichts der Inflation die Teuerung und die damit einhergehende Verschärfung der sozialen Unterschiede eine prominente Rolle. Für uns blickt Paula Leu zurück.
Erschienen: 27.12.2022
Dauer: 00:08:03
26. Dezember 1922
Das Jahr 1922 darf literaturhistorisch ohne Zweifel einige Bedeutung für sich reklamieren. James Joyces Jahrhundertroman Ulysses erlebte hier genauso seine Erstveröffentlichung wie T.S. Eliots legendärer Poem The Waste Land oder Sinclair Lewis‘ später mit dem Nobelpreis bedachter Babbitt, und Rainer Maria Rilke finalisierte mit den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus gleich beide seine wohl berühmtesten lyrischen Zyklen. Das zeitgenössische Publikum der Berliner Tageszeitungen erfuhr von alldem indes herzlich wenig. Rezensionen oder anderweitige Berichte über derlei Meilensteine der modernen Literaturgeschichte sind der Redaktion von Auf den Tag genau im Jahresverlauf jedenfalls nicht untergekommen. Immerhin wusste man im Berliner Tageblatt aber, wer Rilke war, und servierte drei ausgewählte der erst im Folgejahr im Insel-Verlag publizierten 55 Sonette an Orpheus in seiner Weihnachtsausgabe im Vorabdruck ohne weiteren Kommentar gleichsam als Beilage zum Festtagsbraten. Frank Riede hat von ihnen gekostet.
Erschienen: 26.12.2022
Dauer: 00:05:12
Weitere Informationen zur Episode "Rainer Maria Rilke: Drei Sonette an Orpheus"
25. Dezember 1922
Besuch aus dem Morgenland gehört zu Weihnachten bekanntlich schon seit Christi Geburt. Die Vossische Zeitung ging in ihrer Feiertagsausgabe des Jahres 1922 indes den unorthodoxen umgekehrten Weg und legte ihrem Publikum den Bericht von einer Reise in das märchenhaft orientalische Samarkand unter den Tannenbaum, das der umtriebige schreibende Globetrotter Colin Roß in den zurückliegenden Monaten besucht hatte. Wie regelmäßige Hörer*innen von Auf den Tag genau wissen, sind Sympathie und Achtung für die fremden Kulturen, die er erkundet, bei dem nachmals überzeugten Nationalsozialisten Roß von Ort zu Ort durchaus unterschiedlich ausgeprägt. Für den architektonischen Zauber wie aus Tausend und einer Nacht entlang der zentralasiatischen Seidenstraße kann er sich jedoch sehr wohl begeistern. Paula Leu ist für uns gen Osten gezogen.
Erschienen: 25.12.2022
Dauer: 00:07:44
Weitere Informationen zur Episode "Samarkand - die blaue Stadt"
24. Dezember 1922
Sie gehören zu Weihnachten und Silvester wie die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum und “Dinner for one”. Die Ansprachen der (bislang nur) Bundespräsidenten zu Weihnachten und der Bundeskanzler:innen zu Neujahr. Seit 1970 gibt es diese Praxis, als Präsident Heinemann die traditionelle Weihnachtsansprache, die eigentlich der Kanzler hielt, übernahm und damit Willy Brandt auf den Silvesterslot ausweichen musste. Wir lernen daraus aber, dass es zuvor andersherum war und das bestätigt auch die Berliner Börsen-Zeitung vom 24. Dezember 1922, in der der Reichskanzler Cuno sich in einer schriftlichen Weihnachtsansprache an die Bevölkerung wandte. Lauschen wir also Paula Leu, ob wir auch inhaltliche Parallelen zur diesjährigen Weihnachtsanprache von Frank Walter Steinmeier finden.
Erschienen: 24.12.2022
Dauer: 00:06:12
Weitere Informationen zur Episode "Weihnachtsansprache des Reichskanzlers Cuno"
23. Dezember 1922
Bei vielen Berichten, die wir in der Presse über die Weihnachtsmärkte finden, schwingt ein wehmütiger Blick zurück in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg mit, eine selige Zeit der vorweihnachtlichen Budenlandschaften. So auch in einem Artikel der Auslandsbeilage der Vossischen, der Voss, von einem gewissen Philipp Vockerat, die am 23. Dezember 1922 erschien. Über die Weihnachtsmärkte vorgestern, gestern und heute, also vor hundert Jahren, schlendert für uns Paula Leu.
Erschienen: 23.12.2022
Dauer: 00:06:51
Weitere Informationen zur Episode "Zeitreise durch Berliner Weihnachtsmärkte"