18. Oktober 1923
Folgt man einer der vielen Legenden der Zwanziger Jahre, dann ist schwer davon auszugehen, dass etliche der hier bei Auf den Tag genau zu Gehör gebrachten Texte in Caféhäusern entstanden sind. Diese Affinität würde auch erklären, warum sich die gelegentlichen Texte über Caféhäuser dann meist zu kleinen Liebeserklärungen auswachsen. Die nachfolgende Glosse von Franz Blei aus dem Berliner Tageblatt vom 18. Oktober 1923 bildet da eine signifikante Ausnahme. Obwohl der Autor aus Wien stammt, bekennt er freimütig seine Aversion gegen diese Art Etablissements und das dort gemeinhin verkehrende Personal. Wer sich an seinen paar Zeilen Grant delektieren wollte, musste dafür am Kiosk schlappe 50 Millionen Mark berappen. Oder in ein Caféhaus seines Vertrauens gehen, wo man das Berliner Tageblatt kostenlos lesen konnte. Frank Riede, sagt man, träfe man bisweilen im Galao am Weinbergsweg. Die Zeitung liest er für uns aber bei sich zu Hause ein.
Erschienen: 18.10.2023
Dauer: 00:04:45
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17. Oktober 1923
Kulturgeschichten der Uhr erzählen wie die Kirchturm-Uhr das urbane Leben strukturierte, wie die Taschenuhren zu Werkzeugen und Statussymbolen der Kaufleute wurden. Dem heutigen Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 17. Oktober 1923, die mittlerweile 40 Millionen Mark kostete, entnehmen wir wie wichtig die Uhren, die über den städtischen Raum verteilt waren, für das Alltagsleben waren. Architekten wurden beauftragt, sie so zu gestalten, dass sie sich angenehm in das Stadtbild einfügten. Der Artikel erzählt also von einer Zeit, in der noch nicht jedes zweite Kind eine Telefonuhr mit Peilsender am Handgelenk hatte. Für uns hat sich Paula Rosa Leu auf einen Streifzug durch Berlin begeben - auf der Suche nach Normaluhren.
Erschienen: 17.10.2023
Dauer: 00:05:10
16. Oktober 1923
Wer am 16. Oktober 1923 ein 8-Uhr-Abendblatt erwarb, musste mittlerweile sage und schreibe 50 Millionen Mark dafür hinblättern – und damit mehr als das Dreifache als noch ein paar Tage zuvor. Dafür erwarteten ihn oder sie im Inneren zumindest partiell aber endlich auch einmal wieder gute Nachrichten: „Deutschland auf dem richtigen Weg!“ war ein Artikel überschrieben, der im Rückblick aus gleich zweierlei Gründen bemerkenswert erscheint. Zum einen haben wir es hier mit der vor einhundert Jahren in Berliner Tageszeitungen noch sehr seltenen Form eines Interviews zu tun, das eben als solches abgedruckt ist. Zum anderen erfahren wir aus den Aussagen des hier befragten Flugzeugentwicklers von Lößl, dass das Thema Flug-Taxis die deutsche Industrie bereits auch schon damals beschäftigte – nur dass man damals noch von „Flug-Droschken“ sprach und die technischen Grundlagen doch noch ein wenig andere waren. Frank Riede hat für uns schon einmal Probe gesessen.
Erschienen: 16.10.2023
Dauer: 00:08:20
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15. Oktober 1923
Der deutsche Oktober des Jahres 1923 war eine Zeit multipler Krisen – aber er war meteorologisch, zumindest partiell, auch ein goldener Herbst. Dass überall im Reich Aufstände aufbrachen und Putschgerüchte die Runde machten, dass die Inflation in schwindelerregende Höhen schoss, Grundnahrungsmittel kaum noch erschwinglich waren und eine Vossische Zeitung am Montag, dem 15. Oktober, schlappe 30 Millionen Mark kostete – all das konnte man für einen Moment verdrängen, wenn man sich eben dort auf Seite 4 mit Feuilletonchef Monty Jacobs zum Wannsee begab und mit einer Prozession von Segelschiffen symbolisch-melancholisch den Sommer zu Grabe trug. Schöner kann man die Segel kaum reffen, für uns tut dies Paula Rosa Leu.
Erschienen: 15.10.2023
Dauer: 00:05:19
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14. Oktober 1923
Am 13. Oktober 1923 war es soweit: Reichskanzler Gustav Stresemann und seine Regierung hatten den Reichstag davon überzeugt, im Rahmen eines Ermächtigungsgesetzes für eine befristete Zeit auf wesentliche seiner Rechte zu verzichten und der Exekutive damit weitgehend freie Hand bei der Bekämpfung der multiplen politischen und ökonomischen Krisen zu geben. Da es hierbei neben Fragen der Währungspolitik, des Umgangs mit den französischen Besatzern an Rhein und Ruhr und mit rechten Putschabsichten in Bayern und anderswo zentral auch um Arbeitszeiten, also um Arbeitnehmerrechte ging, hatte sich die SPD lange geziert, dem Antrag dann aber mehrheitlich doch zugestimmt. Wie schon vor ein paar Tagen Emil Ludwig im 8-Uhr-Abendblatt beurteilte das auch die nunmehr 50 Millionen Mark teure Berliner Morgenpost vom 14. Oktober positiv. Ablehnung kam dagegen, wie wir von Paula Rosa Leu erfahren, von Deutschnationalen und Kommunisten.
Erschienen: 14.10.2023
Dauer: 00:07:35
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13. Oktober 1923
Sollten wir jemals zu dem Eindruck gelangen, dass die Schweizer schon immer voller Skepsis und Argwohn zu uns nach Deutschland hinüberblickten, so finden wir diesen bestätigt im heutigen Artikel aus dem Berliner Börsen-Courier vom 13. Oktober 1923. Der Berliner Bankier und Autor Albert Friedländer, Inhaber des Bankhauses Friedländer, schöpft hier aus Gedächtnisprotokollen von Unterhaltungen mit Schweizern und strickt daraus das Bild, das sich „die Schweizer“, zumindest die, mit denen er sich unterhielt, von der Situation in Deutschland machten. Waren dies nur die Eindrücke einer oder mehrerer Reisen in die Schweiz, so ahnte er damals wohl nicht, dass er etwa 20 Jahre später auf der Flucht vor den Nazis in die Schweiz emigrieren würde, um dort bis zu seinem Tode 1966 zu leben. Frank Riede gibt uns nun sein Bild von der Schweizer Perspektive auf Deutschland im Herbst 1923 wieder. Die Morgenausgabe der Zeitung kostete an dem Tag 15 Millionen Mark.
Erschienen: 13.10.2023
Dauer: 00:08:47
12. Oktober 1923
Marokko, das 1912 in eine französische, eine spanische Protektoratszone und ein neutrales Tanger aufgeteilt wurde, war in den 1920ern eine permanente Kampfzone. Es versuchten nicht nur die europäischen Mächte und Amerika in gegenseitiger Konkurrenz ihren Einfluss auszubauen, die Berber-Stämme erhoben sich immer zu bewaffnetem Widerstand, der blutig niedergeschlagen wurde. Der deutsch-jüdische Journalist Manfred George nahm von Gibraltar aus Anlauf, um auf den afrikanischen Kontinent hinüber zu setzen und sich für das 8-Uhr-Abendblatt vom 12. Oktober 1923 dort vor Ort umzusehen. Den sehr stimmungsvollen und detailreichen Reisebericht, der allerdings an einigen wenige Stellen zeittypisches, heute nicht mehr verwendetes Vokabular benutzt, um die verschiedenen Ethnien zu beschreiben, liest für uns Frank Riede.
Erschienen: 12.10.2023
Dauer: 00:10:34
11. Oktober 1923
Die Niederbarnimer Zeitung erschien im seit 1920 zu Groß-Berlin gehörenden Ortsteil Friedrichshagen, und insofern macht es sehr viel Sinn, dass sich unser heutiger Artikel aus deren Ausgabe vom 11. Oktober 1923 mit der Speisekarte beschäftigt; schließlich war Friedrichshagen am Müggelsee seit langem ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner und mit entsprechend Gastronomie gesegnet. Von einzelnen örtlichen Lokalen wird uns Paula Rosa Leu in ihrer Lesung indes nichts berichten. Dem Autor geht es eher um allgemeine kulturhistorische Aspekte; und – wie mittlerweile in fast allen Texten, die wir hier im Podcast zur Anhörung bringen – um die prekäre ökonomische Lage vor einhundert Jahren, die sich selbstredend auch auf den Speisekarten der Zeit abbildete. Zahlen, wieviel genau ein Schnitzel damals kostete, erfahren wir nicht. Die Niederbarnimer Zeitung kostete seinerzeit auf jeden Fall 5 Millionen Mark – und war damit im Vergleich zu den Organen der eingesessenen Hauptstadtpresse noch einigermaßen günstig.
Erschienen: 11.10.2023
Dauer: 00:07:32
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10. Oktober 1923
Vor vier Tagen hatte die Berliner Volks-Zeitung den Küstriner Putsch kommentiert und damit in den Augen des zuständigen Militärbefehlshabers gegen dessen Auflagen verstoßen, nach denen nur amtliche Mitteilungen zu dem Putsch abgedruckt werden durften. Daraufhin konnte die BVZ am 8. und 9. Oktober nicht erscheinen. In der Ausgabe vom 10. Oktober 1923, die 6 Millionen Mark kostete, legt sie nicht nur ihre Sicht auf das Verbot dar, sondern informiert ihre Leser:innen auch wieder über die weiterhin angespannte Lage in Deutschland. Paula Rosa Leu informiert uns.
Erschienen: 10.10.2023
Dauer: 00:07:31
9. Oktober 1923
Beim Begriff Ermächtigungsgesetz denken wir zuallererst an den 24. März 1933, die Machtergreifung der NSDAP. Weniger bekannt ist, dass es eine durchaus „positiv“ besetzte Vorgeschichte von Ermächtigungsgesetzen im Verlauf der Weimarer Republik gab. So auch in der extremen Krisensituation der Hyperinflation etwa 10 Jahre zuvor. Das Kabinett Stresemann strebte ein temporär begrenztes Ermächtigungsgesetz an, um die finanzpolitischen Maßnahmen rasch umzusetzen. Am 9. Oktober zeichnete sich bereits ab, dass Stresemann die im Parlament notwenige Zweidrittelmehrheit bekommen könnte. Im 8-Uhr-Abendblatt des Tages, dass für 7 Millionen zu erwerben war, reflektiert der zweifelsfrei dem liberal-demokratischen Spektrum zurechenbare Publizist Emil Ludwig das Ermächtigungsgesetz mit spürbaren Sympathien. Uns informiert über Stresemanns Pläne und Ludwigs Position dazu Frank Riede.
Erschienen: 09.10.2023
Dauer: 00:10:48
Weitere Informationen zur Episode "Emil Ludwig über das Ermächtigungsgesetz 1923"